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Wunden heilen, wenn sie ans Licht kommen

"Es gibt nur einen Weg, die Scham zu heilen: sich ihrer bewusst werden", sagt Vasumati, die auf jahrzehntelange Erfahrung als Therapeutin zurückblicken kann. Wir wollten von ihr wissen, wie sich der therapeutische Blick auf Scham und Schock im Laufe der Jahre verändert hat und welche Rolle die Arbeit mit einem Meister dabei spielen kann.

Warum ist es wichtig, sich mit der eigenen Scham auseinanderzusetzen?
Scham ist für uns alle die am besten verborgene Wunde – und Wunden können nur heilen, wenn sie ans Licht kommen. Bleibt die Scham im Verborgenen, wird sie unser Leben in vielerlei Hinsicht beeinflussen. Vor allem hindert sie uns, uns selbst zu lieben. Wenn Scham unser Leben prägt, können wir nicht unseren Wert sehen, unsere eigene Kostbarkeit. Unser Leben ist bestimmt vom inneren Kritiker, den wir nicht abschalten können. Er sagt uns, dass wir nicht liebenswert sind. Und weil wir das glauben, werden wir genau den Partner finden, der uns genau das bestätigt. Das wird zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: Unser Glauben schafft seine eigene Realität. Und wenn mein Partner mich dann verlässt, kann ich sagen: "Klar, dass das passiert – ich habe nichts anderes verdient!

Das ist die toxische Scham, aber es gibt doch auch gesunde Scham. Wie unterscheiden sich beide?
Bei der toxischen Scham sehe ich nur das Schlechte in mir selbst. Gesunde Scham lässt mich das Gute sehen wie auch meine Schwächen. Ich kann die Schönheit in mir sehen, meine Stärken und meine Intelligenz. Gleichzeitig lässt gesunde Scham mich meine Begrenzungen sehen – damit hilft sie mir, meine eigenen Grenzen zu setzen. Und ich verurteile mich nicht. Wenn ich sehe, dass ich etwas falsch gemacht habe, kann ich das richtigstellen – ohne mich dafür zu verurteilen oder mich dafür zu hassen.

Wann wird Scham toxisch?
Immer dann, wenn ich keine Bewusstheit für sie entwickelt habe. Dann wird mein Handeln von diesem unbewussten Platz bestimmt. Es ist der Ort, wo der innere Kritiker wohnt. Der attackiert mich von morgens bis abends und ich habe keine Möglichkeit "Stopp" zu sagen oder "Ich bin mehr als das!"
Gesunde Scham gibt uns die Möglichkeit, uns selbst zu reflektieren. Dann kann ich mir meine Schwächen angucken, ohne mich selbst fertig zu machen. Ich kann Verantwortung übernehmen und ich kann mich entschuldigen.

Was hilft, um toxische Scham zu behandeln?
Da gibt es nur einen Weg: sich ihrer bewusst werden. In dem Moment, wo du realisierst, da ist Scham, da gibt es einen Teil in mir, wo ich mich nicht lieben kann, wo ich mich verachte, geschieht eine Öffnung. Ich gewinne Abstand und kann die Identifikation mit dem inneren Kritiker durchbrechen. Das hat unmittelbare Auswirkung auf unser Gehirn und unser Nervensystem. Unser Gehirn ist plastisch, es kann sich neu ausformen.

Nur geht die Scham oft mit einer Schockstarre einher und dann bin ich überhaupt nicht in der Lage wahrzunehmen, was passiert. Ich fühle einfach nichts mehr.
Das stimmt. Beim Schock bin ich in meinem Nervensystem gefroren. Ich bin wie paralysiert und dann kommt die Stimme, die sagt: "Siehst du, es ist hoffnungslos! Bei dir stimmt nichts!" Dann kommt die Scham über meinen Schock und ich bin in einem Teufelskreis. Die Scham führt zum Schock und dafür schäme ich mich dann noch mehr!
Da komme ich nur raus, wenn ich Mitgefühl für mich selbst entwickeln kann. Deswegen ist der spirituelle Weg so wichtig, weil ich da lernen kann, Selbstakzeptanz und Selbstliebe zu entwickeln. Genau diese Entwicklung geschah bei ganz vielen von uns durch die Begegnung mit Osho. Osho spiegelte Akzeptanz. Zum ersten Mal fühlten sich Leute geliebt, so wie sie sind. Osho hat jedem, der wollte, Sannyas gegeben. Er hat nicht gesagt: "Komme in zehn Jahren wieder, wenn du genug an dir gearbeitet hast!" Nein, jeder war willkommen und jedem spiegelte er: "Du bist liebenswert und wertvoll, so wie du bist!" Er hat uns dadurch spüren lassen, was es bedeutet, akzeptiert zu werden. Das ist vielleicht der wichtigste Aspekt in der Arbeit eines Meisters: Er zeigt, was Selbstakzeptanz bedeutet, wie sich das anfühlt. Und aufgrund dieser Erfahrung der Akzeptanz aus einem Raum der Nicht-Urteilens heraus, fingen wir an, uns selber anders zu betrachten.

Kann dieses überwältigende Gefühl der Akzeptanz durch den Meister nicht auch die Illusion schaffen, dass jetzt alle Probleme gelöst sind?
Ein echter Meister würde das nicht zulassen, weil er dir weiter den Spiegel vorhalten wird und dich auch deine Schatten sehen lässt. Ein Meister gibt dir Sicherheit, aber hält dir auch den Spiegel vor – und dann wird er dir hin und wieder einen Schlag mit dem Zen-Stock geben. Das kann er, weil er voller Liebe und Akzeptanz ist. Dadurch öffnet sich eine Tür.

Damals in den Siebzigerjahren wurde in der Therapie viel mit Konfrontation gearbeitet. Es war üblich, die Leute sehr direkt mit ihrer Scham zu konfrontieren.
Seither hat sich die Therapie sehr viel weiterentwickelt. Unsere Arbeit ist feiner und ausgefeilter geworden. Durch neue Therapien wie die Trauma-Arbeit und die Familienaufstellung wissen wir heute, dass diese Art der Konfrontation insbesondere für traumatisierte Menschen zu einer Retraumatisierung führen kann. Daher sind wir ganz davon weggegangen, Druck aufzubauen und Klienten zu pushen. Wir arbeiten heute mit Akzeptanz, ohne Druck und ohne Vorgaben, um den Klienten nicht das Gefühl zu geben: "So musst du sein. Und wenn du nicht so bist, bist du falsch!
Sicher hatte auch die konfrontative Therapie ihre große Zeit, aber sie konnte keine Traumata heilen. Das haben wir damals nicht verstanden. Wir hatten auch nicht verstanden, dass es sinnlos ist, das Ego der Klienten direkt zu attackieren. Das führt nur zu einer Abwehrreaktion und der Klient erlebt die Zurückweisung durch die Eltern erneut durch den Therapeuten. Nachhaltige Veränderung geschieht durch Akzeptanz und Verständnis.

web | www.vasumati.info

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Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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