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Wir brauchen beides:
Nähe und Alleinsein

Maria von Blumencron ist Schriftstellerin, preisgekrönte Dokumentarfilmerin und Gründerin der Hilfsorganisation Shelter108. In ihrem neuen Buch "Am Ende der Welt ist immer ein Anfang" beschreibt sie ihr Leben als moderne Nomadin zwischen Frankreich, Indien, Köln und Wien. Wir wollten von Maria wissen, welchen Platz Partnerschaft und Freundschaft in ihrem Leben zwischen den Welten hat.

Interview: Ishu

Du schreibst in deinem Buch: "Irgendwann beginnt das Schattenmonster in mir jeden Mann, der mir zu nahe kommt, zu hassen. Und bevor das geschieht, ziehe ich weiter." Mittlerweile bist du verheiratet. Ist es für dich heute einfacher, dich auf deinen Partner einzulassen?
Maria: Ich hatte vor etwa zwei Jahren in einem Augenblick, wo ich es nie erwartet hätte, das große Glück, in Rishikesh am Ufer des Ganges einem Mann zu begegnen, der wie mein Zwillingsbruder ist. Wir haben nahezu dieselben frühkindlichen Traumata und eine ähnliche Geschichte: Wir waren beide zur selben Zeit von zu Hause abgehauen und leben seither wie Nomaden in dieser Welt. Wir konnten nie irgendwo wirklich ankommen und auch bisher nie länger bei einem Partner, einer Partnerin bleiben – und wir haben einander auf den ersten Blick erkannt. Eine gute Voraussetzung also, das Wagnis "Beziehung" einzugehen. Wir sind beide voll hineingesprungen. Wir hatten nur wenige Stunden, um einander kennenzulernen. Denn es war mein letzter Abend in Rishikesh. Als ich dann nach Köln zurückgekehrt war, fragte er mich, ob ich seine Frau werden will – per Skype. Und ich habe einfach Ja gesagt.
Ich kenne sein Schmerzmonster und kann damit umgehen. Und er kennt meines und begegnet ihm mit der besten Waffe der Menschheit, die alles entwaffnet: Humor. Und so kommen unsere beiden Schmerzmonster seit zwei Jahren ganz gut miteinander klar. Ich habe das Gefühl, sie sind kleiner geworden, fast streichelzahm und brauchen immer weniger Aufmerksamkeit.
Natürlich waren meine frühen Traumata für mein Beziehungsleben prägend. Da geht es speziell um das Thema Missbrauch. Diese Erfahrung erzeugt ein riesiges Schattenmonster, welches das Opfer irgendwann selber zum Täter werden lässt.

Was meinst du damit, dass das Opfer zum Täter wird?
Wenn einem Mädchen Missbrauch widerfährt und es nicht die Möglichkeit hatte das wieder aufzulösen, trägt es diesen ein Leben lang mit sich und fühlt sich später in einer Begegnung mit einem Mann schnell "unter Wert" und irgendwie "schmutzig". Man stellt den Partner auf ein Podest und wehe, er kann seine Position dort nicht halten! Ich habe begonnen, mich über viele Jahre bei Männern an einem bestimmten Punkt dafür zu rächen, was mir als Kind passiert ist. Sobald Nähe aufkam, habe ich angefangen mein Gegenüber zu hassen. Es war wie eine Erinnerung an den so frühen Zugriff auf mich. Weil ich mich damals nicht an meinem Täter rächen konnte, habe ich das später an meinen Partnern ausagiert. Ich glaube, dass ich vielen damit wehgetan habe, was mir heute sehr leid tut.
Irgendwann konnte ich sehen, was ich da mache. Ich habe erkannt, dass da ein Monster in mir schlummert, das bei erwachender Nähe Rache üben will.

Was hat dir geholfen, einen klaren Blick dafür zu bekommen?
Ich hatte ja schon früher Therapie gemacht, weil ich durch meine Kindheitsgeschichte immer wieder an den Punkt kam, mich vom Leben verabschieden zu wollen. Dann habe ich bemerkt, dass die übliche Psychotherapie immer nur bis zu einem gewissen Punkt geht. Es blieb im Mentalen stecken. Da ich in den letzten Jahren kein Geld für lange Therapien hatte, bin ich im Kölner UTA Institut sehr oft zur Dynamischen Meditation gegangen. Das war ungeheuer heilsam für mich. Es tat mir so gut, im Alleinsein mit mir zu arbeiten und dabei gleichzeitig in einer Gruppe mit anderen Meditierenden zu sein. Und zu wissen, da ist auch jemand, der aufpasst – ich kann also einfach reingehen und alles zulassen, was kommt. Viele Erinnerungen kamen hoch, ich habe geschriehen, getobt, musste mich einmal sogar übergeben – und konnte das alles in der Buddha Hall lassen. Die Dynamische und das Schreiben wurden Teil meiner Therapie. Ich bin sehr dankbar, dass es in Köln solch einen Raum gibt. Es hat einen ganz großen Wert, dass Osho und die Sannyas-Szene in dieser Stadt diesen besonderen Ort geschaffen haben.
Anfangs war ich nur zur Dynamischen da – doch irgendwann ging ich auch in die Abendmeditationen, zum Satsang. Da ging es für mich weiter. Heilung geschieht in einem anderen Rahmen, in dem Einswerden mit etwas Größerem. In der Gegenwart eines Meisters.

Du bist jetzt seit zwei Jahren mit deinem Mann zusammen. Hast du in dieser Beziehung auch manchmal das Bedürfnis nach Rückzug?
Natürlich habe ich das! Seit ich Bücher schreibe, brauche ich viel Zeit für mich allein. Das ist hart für einen Partner. Denn in den heißen Phasen des Schreibens verschwinde ich oft bis zu 14 Stunden am Tag in meiner Geschichte. Deshalb habe ich mir angewöhnt, in diesen Phasen sehr früh aufzustehen. Dann sitze ich ab vier oder fünf Uhr an meinem Computer, während die Welt um mich herum schläft. Aber darüber hinaus glaube ich, dass jeder Mensch beides braucht: Nähe und Alleinsein.

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web | www.maria-von-blumencron.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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