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Verbindung mit dem Unbekannten

Wir leben in unsicheren Zeiten. Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch und kann vieles schneller und besser als wir. Jobs brechen weg, Routinen funktionieren nicht mehr, Unternehmen sind von den neuen Entwicklungen bedroht wie nie zuvor. So gelangen mittlerweile auch Manager immer öfter dahin, den dazugewonnenen Freiraum zu nutzen, um sich selbst besser kennenzulernen und damit den großen Heraus­forderungen unserer Zeit besser gewachsen zu sein. Die eigentliche Frage "Was wollen wir wirklich?" gewinnt immer stärker an Brisanz.

Ein Interview mit Klaus Horn; geführt von Avinasho

OT: Du hast ein neues Buch in Arbeit, in dem es um die digitale Transformation geht und wie zum Beispiel Systemaufstellungen – das ist ein Coaching-Tool, mit dem du arbeitest – helfen können, ihr positiv zu begegnen. Der Arbeitstitel dafür heißt "Connected to the Unknown". Warum ausgerechnet "das Unbekannte"?
Klaus Horn: Weil Digitalisierung für viele in leitenden Positionen (und nicht nur da) heißt, dass sie keine Ahnung haben, wie es weitergeht. Ihre gewohnte Art zu planen und zu arbeiten funktioniert nicht mehr. Heute hören wir Begriffe wie Disruption, Nichtwissen und Transformation nicht mehr nur von Philosophen, sondern von Managern. Sie merken, dass ihnen ihre Erfahrung nicht mehr weiterhilft, und beginnen, sich selbst in Frage zu stellen.
Sie tun das nicht, weil sie plötzlich Selbsterfahrung wichtig fänden, sondern weil ihre Unternehmen von den neuen Entwicklungen so bedroht sind wie nie zuvor. Also gehen sie zum "Selbstangriff" über – das ist eines der Buzzwords in der digitalen Szene – das heißt, frag dich, wie du dein eigenes Unternehmen oder dich selbst überholen würdest. Dazu musst du dich kennen, denn außerhalb deiner selbst kannst du nichts mehr wissen. Schon gar nicht die Zukunft.

Manager kommen von sich aus auf die Idee, dass sie sich selber besser kennen müssen, um den Herausforderungen gewachsen zu sein?
Manche erkennen, dass ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zum Beispiel im Hinblick auf Analyse, Entscheidung und Strategie starke Konkurrenz bekommt. Künstliche Intelligenz kann vieles, was Führungskräfte als ihre Kompetenzen ansahen, schneller und besser. Dazu kommt die Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen geschehen. Was ich heute weiß, ist morgen schon veraltet.

Du sprichst von "Disruption and Connectedness". Was ist das in unserem Zusammenhang?
Im Zusammenhang mit Digitalisierung heißt das: Unsicherheit ist die Ressource der Zukunft! Auch das ist so ein Schlagwort, das wir bisher nicht von Wirtschaftsleuten gewohnt waren. Was ist damit gemeint?
Unternehmen können nicht mehr so planen wie früher, als man sich auf seine Produkte, Kunden und Vertriebswege verlassen konnte. Langjährige Kunden kaufen plötzlich bei Internetplattformen und die Hersteller sind ausgebootet.
Oder: Statt Autos zu verkaufen, geht es nun um neue Mobilitätskonzepte. Und alles geht rasend schnell. Das Leben ist in den etablierten Traditionsunternehmen unsicherer geworden. Wenn ein alter Dampfer plötzlich von einem schnellen Start-up überholt wird, kommt er ins Schlingern.
Was tun sie, wenn sie nicht mehr sehen, wo es langgeht? Sie erklären Nichtwissen und Unsicherheit zur Ressource! Das klingt erst mal gut, ist aber auch ein bisschen wie Pfeifen im Dunkeln. Im Moment leben, im Fluss sein, das finden die meisten Menschen dann schön, wenn es gut läuft. Nicht zu wissen, wie es weitergeht, macht aber auch Angst. Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Das war schon immer so, aber solange unsere Routinen funktionieren, leben wir in der Illusion, zu wissen, was geschehen wird. Diese Illusion wird jetzt unterbrochen: Plötzlich heißt es "Stopp! Hier geht’s nicht mehr weiter!" Die eigentliche Frage, die auftaucht, wenn etwas Altes endet, lautet: Was wollen wir wirklich?

Die Technik zwingt uns zu überlegen, was wir wirklich wollen?
Ja, indem sie uns manches nimmt, worauf wir unsere Identität gegründet haben. Zum Beispiel: Deine Arbeit, für die du ausgebildet bist, macht jetzt ein Roboter. Dein Wissen, das du über Jahre oder Jahrzehnte erworben hast, stellt ein Supercomputer auf Knopfdruck in den Schatten. Wer bist du und was willst du dann? Es wird ja immer noch so getan, als wäre es erstrebenswert, möglichst viel Wissen anzuhäufen. Unser Bildungssystem lebt noch im letzten Jahrhundert. Und in manchen TV-Quizshows kannst du viel Geld mit Fakten- und Datenwissen gewinnen, das heute jedes Kind googeln kann. Wie absurd ist das?
Vielen wird klar: Mit dem Kopf allein geht es nicht mehr. Nachdenken ist einfach zu langsam für die Geschwindigkeit des Informationszeitalters. Es hinkt hinterher. Deshalb heißt es ja auch Nach-Denken.
Der Mainstream tastet sich vorsichtig an andere Formen der Intelligenz heran, die in Echtzeit arbeiten können, also im Hier und Jetzt – etwa intuitive Intelligenz und Herzintelligenz. Auch Meditation ist in der Managementszene im Kommen, jedenfalls in milder Dosierung. Mindfulness ist angesagt. Der nächste Schritt wäre dann, von Mindfulness zu Mindemptiness.

Die Zukunft war ja immer unbekannt, aber sie wird zurzeit immer schneller immer unbekannter. Ein anderes Kapitel deines Buches wird heißen: "Soziale Herausforderungen und Utopien". Wir kennen die Ideen und Utopien von Karl Marx. Warum gelingt es uns nicht, uns von der Digitalisierung so beglücken zu lassen, dass wir uns die Zeit geben, spazieren zu gehen, zu malen, zu musizieren?
Die meisten Utopien malen ja eine Welt der Verbundenheit – mit sich selbst und anderen. Das Kernthema der digitalen Transformation ist auch Verbundenheit – oder cooler Connectedness. Wir sind durch das Internet und 1000 kleine Apps mehr denn je miteinander verbunden – Smartphones, WLAN etc. Aber sind wir wirklich verbunden? Wenn ich nicht mit mir selbst verbunden bin, kann ich auch nicht mit dir verbunden sein. Die digitalen Verbindungen wie zum Beispiel über Facebook bringen uns einen Hauch, eine Ahnung, vielleicht auch nur die Illusion von Verbundenheit. Deshalb sind die Social Media so beliebt. Sie erinnern uns an unser Bedürfnis nach Verbundenheit und mit ihrem Kommerz zugleich daran, wie sehr sie uns fehlt.
Und wie verbunden wären wir noch mit uns und mit anderen Menschen, wenn es harte Konkurrenz um immer weniger Arbeitsplätze gäbe, weil Roboter die meisten Jobs machen?

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web | www.oshouta.de · www.horncoaching.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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