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Empathie – ein Wort mit vielen Gesichtern

Empathie ist ein Einfühlen und Mitfühlen, eine echte Kontaktaufnahme. Empathie hat etwas Erleichterndes – und auch wenn sie keine direkte Lösung anbietet, so hilft sie doch sich seiner selbst bewusst zu werden und hebt alles Trennende auf. In diesem Gefühl des Einklangs fühlt man sich gesehen, verstanden und in seiner verletzlichen Offenheit geachtet.

Text: Sumati

Empathie – für mich ein Wort mit vielen Gesichtern – ein Wort, dessen diffuser Inhalt meine Lebensgeschichte geprägt und begleitet hat, noch bevor ich denken konnte. Wenn ich es auf der Zunge zergehen lasse, entfalten sich die unterschiedlichsten Geschmacksempfindungen in meinem Körpergedächtnis – von ungenießbar bitter bis wunderbar süß ist alles dabei. Warum ist das so?
Empathie hat etwas mit Resonanzfähigkeit zu tun. Und es hat fast mein ganzes Leben gebraucht, um wirklich zu begreifen, wie wichtig es ist, einen gesunden Umgang mit diesem emotionalen Vermögen zu finden. Kann Empathie denn ungesund sein? Heute würde ich sagen: Oh ja, sehr!
Aber was bedeutet Empathie überhaupt? Offiziell eine Flut von Definitionen und unterschiedlichsten Begrifflichkeiten in den verschiedensten Kontexten. Hat alles was mit Gefühl zu tun … ja … irgendwie … einfühlen, mitfühlen … mitleiden?
Für mich selbst war das Erleben meiner eigenen Resonanzfähigkeit stets ein unkontrollierter Eiertanz zwischen emotionalem Reichtum und Selbstauflösung, ein (vorübergehender) Aufenthalt in fremden Seelenlandschaften, der sowohl innige emotionale Verbindung als auch das Verlorengehen in quälenden Abhängigkeiten bedeuten konnte. Doch wohin die Reise jeweils ging, entzog sich oft meiner Kenntnis und damit auch meinem Entscheidungsvermögen.
Ich habe sehr früh gelernt, die Befindlichkeit meines Gegenübers genau wahrzunehmen, deutlich besser als meine eigene. Ich brauchte keine Antworten auf die Frage, was der andere denkt, fühlt, will, braucht. Ich wusste. Ohne zu fragen, ohne nachzudenken. Ich spürte den Schmerz, die Einsamkeit, die Trauer, die Verzweiflung, die Angst, die versammelte Bedürftigkeit meiner Eltern, als sei es meine eigene – und gab, was immer gebraucht wurde.
Fantastisch, ich konnte helfen! Es sicherte mein Überleben in einer hochgefährlichen und für mich komplett unberechenbaren Welt. Mit einer narzisstischen Mutter, die uns verließ, als ich zwei Jahre alt war, und einem verzweifelten, abhängigen und von Angst gebeutelten Vater, der meine emotionale Unterstützung benötigte. Indem ich immer besser darin wurde, erhöhte ich meine Chance, nicht ein weiteres Mal verlassen zu werden.
Über viele Jahrzehnte praktizierte ich dieses Talent in allen Beziehungen, die mir wichtig waren. Unwillkürlich, ohne es dosieren zu können. Liebe und grenzenlose Empathie sind eins – so stand es in meinem inneren Drehbuch geschrieben. Diese ausgeprägte "Gabe" der Einfühlung ist wie eine Seelengravur, unauslöschlich. Ich öffne die Tür zu einem Raum und ich weiß – im Zweifelsfall nur nicht mehr um mich selbst. Ich begegne einem Menschen und ich spüre – im Zweifelsfall aber nicht mehr mich selbst. Meine Antennen sind Hochleistungs-Seismographen für das, was um mich herum passiert – und es ist oft schwer für mich, das, was ich atmosphärisch wahrnehme und fühle, zu sortieren. Ist es deins oder meins?
Je nachdem wie stark es ist, kann es mich überfluten, überwältigen, ausbluten lassen, mich komplett lahmlegen oder in wilden Aktionismus verfallen lassen. Weil etwas getan werden muss – weil ich es tun muss, um den Schmerz zu lindern, um die Trauer erträglich zu machen, die Wut abzufangen, die Einsamkeit zu verhindern, die Angst zu verscheuchen oder einfach nur das Wohlbefinden wiederherzustellen.
Oftmals gelingt mir das. Zumindest vorübergehend. Denn von irgendwoher habe ich auch viel Wärme mitbekommen. Wärme und Liebe – eine ewige Quelle, aus der ich schöpfen kann … ein Vorrat, den ich gerne teile. Und das ist gut so. Immer? Nein!
Je nachdem wie ich mit dieser Fähigkeit umgehe, je nachdem wie ich mit mir selbst umgehe. Heute weiß ich genau: Einfühlung in andere ohne die Einfühlung in sich selbst ist absolut ungesund. Es führt zu emotionalem Stress, zu Burn-Out, zur Selbstverleugnung, in die Depression und schädliche Abhängigkeiten. Empathie ohne eine gesunde Distanz hilft niemandem. Grenzenloses Einfühlungsvermögen führt in haltlose Sentimentalitäten, die weder Verbindung schaffen noch Sinn ergeben. Die pure Identifizierung mit dem Gefühl des anderen lässt uns ohnmächtig auf der Stelle treten. Distanzloses Mitleiden ist das Ticket in die Welt der ewigen Opfer und Aufopferer. Zwei Seiten einer Medaille. Ein Sumpf der Hilflosigkeiten, in der keiner mehr in der Lage ist sich selbst wahrzunehmen, sich selbst zu helfen und Verantwortung für sich und das eigene Leben zu übernehmen.
Und wo liegt nun der Segen des Ganzen? Oh, Empathie und Einfühlungsvermögen können Wunder wirken und magische Momente schenken. Um den anderen zu wissen und das mit liebevollem Respekt zum Ausdruck zu bringen, lässt uns kostbare Augenblicke tiefster und innigster Verbundenheit erleben. Den anderen in seinem So-Sein zu erkennen, ihn urteilsfrei zu erspüren und anzunehmen, ohne sich selbst zu verlieren, hat etwas mit Wahrhaftigkeit, mit Achtung, Respekt und ganz viel Zärtlichkeit zu tun.
"Ich sehe dich", "ich höre dich", "ich fühle dich" – was können zwei Menschen einander Schöneres vermitteln?! Den anderen mit dem Herzen zu begreifen, ohne sich selber aufzugeben, ist für mich der schönste und vollkommenste Ausdruck von Liebe. Das sind die Momente, in denen Heilung geschieht. Nicht, weil man einander die Gefühle abnimmt – nicht, weil man sich gegenseitig die Verantwortung für das eigene Leben auflädt. Im Gegenteil. "Ich kann dich fühlen" bedeutet immer, dass zwei zu diesem Akt gehören. Zwei, die einander wirklich begegnen und sich dennoch ein Gegenüber sind.

mail | bassfeld-schepers@web.de

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Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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