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Ins Leben zurückkehren

Gyanodaya arbeitet seit über 20 Jahren mit Suchtpatienten. Seit 10 Jahren ist er Chefarzt einer Suchtklinik in Sachsen-Anhalt. "Kaum jemand geht aus freien Stücken in eine Suchtklinik. Da sind zum einem Verurteilte, die Therapie als Bewährungsauflage oder statt Strafe machen. Wenn sie abbrechen, müssen sie wieder ins Gefängnis. Bei anderen ist es der Arbeitgeber oder die Ehefrau, die sagen: »Wenn du nichts änderst, trennen wir uns.« Dass Patienten wirklich freiwillig kommen und sagen »So will ich mein Leben nicht weiterführen« – das sind eher Ausnahmen", berichtet Gyanodaya. "Aber immer gilt, die Arbeit als Arzt oder Therapeut kann nur gelingen, wenn ich etwas Liebenswertes bei meinem Patienten entdecke, und sei es auch noch so klein."
Ein hartes Brot ist diese Arbeit – und dennoch sagt Gyanodaya, er habe sich noch nie so sehr am richtigen Platz gefühlt wie in dieser Klinik.

Interview: Ishu

Was suchen wir im Rausch?
Ich glaube, dass jeder Mensch ein Bedürfnis nach Rausch hat. Und jeder sucht seine Möglichkeiten, dorthin zu gelangen. Dazu gibt es viele Gelegenheiten – das müssen ja gar nicht Alkohol oder Drogen sein. Auch im Fußballstadion oder bei einer Demo können wir einen kollektiven Rausch erleben.
Ich selbst habe solche rauschartigen Zustände an ganz unterschiedlichen Orten erlebt – u.a. beim gemeinsamen Singen mit Freunden oder beim Darshan mit Osho in Pune. Das ist so wohltuend, weil sich das, was Osho Ego nennt, für einen Moment verliert. Ich glaube, dass wir solche Zustände immer wieder brauchen. Sie erinnern uns daran, dass wir noch ganz andere Möglichkeiten in uns tragen.
Nur macht es eben einen großen Unterschied, ob ich dafür Drogen oder Alkohol einsetze. Das sind künstliche Surrogate mit überdimensionierter Wirkung. Meinen Patienten erkläre ich das mit einem Bild: Es ist ein Unterschied, ob ich mit der Seilbahn auf den Berg fahre oder ihn Schritt für Schritt selbst erklimme. Durch Übung kann ich lernen, in einen meditativen Zustand zu gelangen. Wenn ich eine Droge einwerfe, habe ich keine Lernerfahrung, sondern werde in einen fremden Zustand gesetzt, der nicht wirklich mir gehört. Ich glaube, jeder Meditierer kennt die Sehnsucht nach dem Buddha in uns. Dieses High-sein ist wie der Berg, den wir erklommen haben. Schritt für Schritt. Bewusstheit beinhaltet Freiheit. Betäubung bedeutet Abhängigkeit. Das sind wesentliche Unterschiede.

Wenn wir bei der Fremdeinwirkung bleiben – ab wann sprichst du von Sucht?
Nach der Definition der WHO geht es dabei vor allem um sechs Kriterien (Suchtdruck oder Craving, Kontrollverlust über Beginn, Menge oder Beendigung, Entzugserscheinungen, Toleranzentwicklung, Einengung der Interessen zugunsten des Konsums und Konsum trotz Nachweis von Schäden). Wenn drei dieser Kriterien gleichzeitig vorliegen, spricht man von Abhängigkeit. Als ich selber noch Raucher war, trafen all diese Kriterien für mich zu.

Was lässt Menschen süchtig werden?
Natürlich hat jeder Mensch seine individuelle Geschichte und seine eigenen Gründe, aber es gibt auch Gemeinsamkeiten.
Wenn wir den Alkohol als Beispiel nehmen, so wird der fast immer in einer bestimmten Funktion eingesetzt. Vielleicht weil ich so gut entspannen kann, weil es mich lockerer macht oder einfach weil er mir schmeckt. Das macht jeder Mensch und das hat noch nichts mit Sucht zu tun. Wenn ich aber nur noch mit Alkohol entspannen kann oder nur locker mit Freunden sein kann, wenn ich trinke – dann entsteht eine Gewöhnung. Mein Gehirn lernt: Wenn ich entspannen will, muss ich etwas trinken. Das ist ein Lernprozess, der meistens über Jahre geht. Gleichzeitig geht damit eine Toleranzentwicklung einher, die dazu führt, dass ich für die gleiche Wirkung mehr brauche. Wenn dann noch etwas in meinem Leben aus den Fugen gerät und ich keine andere Möglichkeit sehe, als noch mehr zu trinken oder noch mehr Drogen zu nehmen, dann gerate ich in den Kreislauf, der in eine Abhängigkeit führt. Habe ich andere Bewältigungsmechanismen gelernt, um mit den Höhen und Tiefen des Lebens umzugehen, dann werde ich vielleicht nicht so schnell abhängig.

Wenn jemand beispielsweise jeden Abend zwei Gläser Rotwein trinkt – und es dabei bleibt, siehst du da eine Gefahr?
Grundsätzlich kann ich jedem Menschen raten, nicht täglich Alkohol zu trinken. Alkohol ist ein Zellgift, das den Körper schädigt. Täglicher Konsum von zwei Gläsern Wein wird bei Frauen schon als riskanter Konsum gesehen, bei dem die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Schäden erhöht ist, zum Beispiel die Entwicklung einer alkoholischen Leberzirrhose oder Pankreasschädigung. Das ist keine Frage von Abhängigkeit.

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web | www.fachklinik-alte-oelmuehle.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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