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Klartext 02/2011

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Klartext 02/2011

Leise rieselt der Schnee…

und sorgt für Chaos im Hightech-Land

von Satyananda

Gegen zehn Uhr morgens wird die Heizung plötzlich kalt. Anruf bei Horst. Er ist der Einzige, der eine Ahnung hat, wie unser Hightech-Holzschnitzel-Fernwärme-Heizkraftwerk funktioniert, das wir voriges Jahr in unserem Dorf hochgezogen haben.
„Gut, dass du anrufst“, sagt Horst. „Ich fahre sofort los.“ Fahren? Wieso kann denn der noch fahren?“, denke ich. Mein Auto steckt seit zwei Tagen im Schnee fest.
Eigentlich sollte unser Kraftwerk total betriebssicher sein. Der Spezialist, der den Bau überwacht hat, kann das Ding angeblich über seinen Computer fernsteuern – von einem Dorf in Brandenburg aus, 250km von uns weg. Leider macht er wohl gerade Ferien.
Es schneit und schneit. Klirrender Frost. Eisiger Wind aus Nordost. Überall Schneeverwehungen. Frau Bumann, unsere Postbotin, hat es nicht geschafft, zu uns durchzukommen. Auch die Ostsee Zeitung ist nicht geliefert worden. Ich komme mir vor wie in einer Forschungsstation in der Arktis. Gottseidank ist der Kühlschrank gut gefüllt. Zehn Tage könnte ich durchhalten mit meinen Ressourcen. Nur die Heizung darf natürlich nicht ausfallen …
Ich ziehe mich warm an, klemme mir eine Flasche Nuss-Likör unter den Arm und breche zu meiner Nachbarin Hilde auf, um ihr frohe Weihnachten zu wünschen. Kaum aus dem Haus, versinke ich fast bis über zur Hüfte im Schnee. Schon von weitem sehe ich: Aus Hildes Schornstein dringt weißer Rauch. „Die hat‘s gut“, denke ich, „die hat noch Ofenheizung.“

Stressiger Fortschritt

Hilde, 76 Jahre alt, schneeweißes Haar, strahlende graue Augen, ist eine einfache Frau, aber sie besitzt die Gnade der Altersweisheit. „Ich verstehe das ganze Theater um das Wetter überhaupt nicht“, sagt sie. „Früher haben wir uns über weiße Weihnachten gefreut. Jetzt reden alle von einer Katastrophe.“
„In Thüringen gibt es auf der Autobahn 100km Stau in beiden Richtungen!“, wende ich ein. Hilde macht eine wegwerfende Handbewegung: „Na und? Das kommt davon, wenn man bei dem Wetter unbedingt mit dem Auto fahren will. Geschieht denen ganz recht.“
„Es gibt ja auch viele, die mit der Bahn fahren wollen …“, sage ich und Hilde unterbricht: „Die sitzen jetzt auf ihren Koffern und warten auf Züge, die nicht kommen. Was ist das denn für eine Bahn, die kaum noch fährt, wenn es schneit? Früher sind wir mit der Dampflokomotive gefahren. Die fuhr bei jedem Wetter. Pünktlich! Angeblich sind die Weichen eingefroren. Seit wann muss man denn Weichen heizen? Verstehst du das?“
Ich verstehe das auch nicht. Hilde: „Was nützt uns eigentlich der ganze Fortschritt, wenn er nur Stress macht? Hast du im Fernsehen das Chaos auf den Flughäfen gesehen? Die Helfer tun mir leid. Die schenken rund um die Uhr Kaffee aus und verteilen Sandwiches. Und dann spucken ihnen die Passagiere ins Gesicht, weil die Flugzeuge nicht starten. Als wenn die was dafür könnten!“
Hilde ist jetzt so richtig in Fahrt: „Wieso muss man auch über Weihnachten nach Thailand fliegen. Oder nach Afrika? Das ist doch reiner Wahnsinn!“
Es kommt mir so vor, als ob die Natur uns mal ihre raue Seite zeigen wollte, um uns aufzuwecken und bewusst zu machen, wie hilflos wir mit unserer großartigen modernen Technik umgehen. Hilde ist davon nicht betroffen. Sie hat kein Auto und ist noch nie in ein Flugzeug gestiegen. Ihr Reich ist ihr Gemüsegarten mit den Hühnern, den Kaninchen und den Enten. Sie kauft nicht im Supermarkt ein, sondern bei dem Händler, der zweimal in der Woche mit seinem Lebensmittelwagen ins Dorf rollt und fast alles an Bord hat, was der Mensch so braucht.
Hilde schwingt nicht auf der kurzatmigen Frequenz, auf der wir unsere Neurosen pflegen. Der Kern ihrer Weisheit ist ihre Bescheidenheit.
Seit der Mensch das Beil erfunden hat, wird seine Erfindungsgabe von dem Drang beseelt, die gefährlich unberechenbare Natur unter Kontrolle zu bringen. Dabei sind im Laufe der Jahrhunderte immer neue, immer spektakulärere Wunderwerke des menschlichen Geistes entstanden. Das Flugzeug zum Beispiel, das dem Menschen ermöglicht, die Schwerkraft zu überwinden. Die Atomspaltung, die ungeheure und unerschöpfliche Kräfte freisetzt. Raumschiffe, die den Globus umkreisen. Eingriffe in das menschliche Erbgut und die Fähigkeit, das Wunder der Zeugung im Reagenzglas zu ermöglichen. Die Transplantations-Chirurgie, die es erlaubt, den menschlichen Körper mit Ersatzteilen zu reparieren. Und nicht zuletzt das Auto, das den uralten Traum von grenzenloser individueller Mobilität zu erfüllen versprach.

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.

s.elten@gmx.de

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