„Die Erdbevölkerung hat sich seit 1950 fast verdreifacht, obwohl dies Wachstum durchaus mit adäquaten Mitteln der Geburtenkontrolle hätte verhütet werden können. Was treibt unseren Wunsch an, mehr Kinder zu zeugen, als die Ressourcen der Erde ernähren können? Was bringen wir diesen Kindern bei? Geben wir gute Vorbilder für sie ab?"
Anam
Feature zum Themenschwerpunkt des Monats
Die Globale Krise
Bedrohung oder Chance?
von Anam
Klimawandel und die globale Finanzkrise sind heute in aller Munde. Die Weltressourcen stehen auf dem Spiel. Die Konferenz, die kürzlich in Kopenhagen stattfand, hat kein handfestes Ergebnis gebracht. Das war für die meisten Menschen überall auf der Welt eine herbe Enttäuschung. Es schien den meisten Konferenzteilnehmern weniger um eine konkrete Einigung zu gehen als vielmehr um Tauschdeals. Wie können wir auch je zu gleichen Verantwortungen kommen, solange die Grundvoraussetzungen dermaßen auseinanderklaffen: hier die Industrienationen und da die Entwicklungsländer? Ein weltweit gemeinsames Vorgehen ist da praktisch unmöglich.
Der Planet schlägt zurück
Nach meinem Gefühl ging man da mit einer drohenden Katastrophe um, als wär’s ein Business Deal. Wie weit mag es die menschliche Habgier noch treiben?
Die Psychologie definiert Habgier als das unstillbare Verlangen, mehr materielle Güter zu erwerben oder zu besitzen, als wir brauchen oder verdienen. Für den christlichen Glauben gehört die Habgier zu den sieben Todsünden. Die hoch industrialisierten Länder sind die größten Verunreiniger der Atmosphäre und treiben die globale Erwärmung am meisten voran. Die Hauptopfer des Klimawechsels sind afrikanische Länder, die unter geringerem oder gar keinem Niederschlag leiden. Hierfür verlangen sie Entschädigung. Ihnen fehlt das Wasser, einer der wichtigsten – und für uns alle unentbehrlichsten – Rohstoffe. Niemand kann ohne Wasser leben.
Gegen Ende der Klimakonferenz letzten Dezember begann es zu schneien. Die Maschine Barak Obamas landete mitten in einem Schneesturm. Ich fand es ironisch, dass die Konferenz mit einem der kältesten Winter endete.
„Der Planet schlägt zurück!“ ging mir durch den Kopf. Ich musste auch an die Eisbären, diese vom Untergang bedrohte Spezies denken, denen das Eis unter den Füßen wegschmilzt.
Die Inuit-Eskimos laufen Gefahr, mit dem schmelzenden Eis ihre Heimat, Jagdgründe und Traditionen zu verlieren. Und mir kam die Frage, ob die Erde vielleicht ihre eigenen Pläne verfolgt, trotzdem wir Menschen all ihre Ressourcen so rücksichtslos ausplündern.
Nur eine Woche zuvor war Obama nach Oslo geflogen, um den Nobelpreis entgegenzunehmen. Er muss eine ziemliche Kohlenstoffspur hinterlassen haben. Ich kann nur erahnen, was seine Trips an menschlichen und finanziellen Ressourcen gekostet haben mögen. Die Sicherheitsmaßnahmen in Kopenhagen waren alarmierend, nicht nur für den Präsidenten, sondern aufgrund der gesamten Weltsituation dieser Tage.
Neue Werte überdenken
All unsere natürlichen Ressourcen werden in alarmierendem Tempo abgebaut. Längst ist bekannt, dass der Regenwald mit jeder Minute mehr verschwindet, was die Qualität unserer Atemluft verschlechtert. Ohne Luft ist an kein Überleben zu denken. Franziska, meine Stieftochter, gehört zu der Teenager-Generation, die sich große Sorgen um die Zukunft macht, die wir ihnen hinterlassen werden. Sie durften allenfalls protestieren, statt aktiv mitzudiskutieren. Schon darum enttäuschte mich die Kopenhagener Pseudo-Veranstaltung. Sind es doch gerade diese Jugendlichen, die noch Ideale vor Augen haben! Franziska schreibt regelmäßig Beiträge für die WWF-Jugend.
Den Politikern jedenfalls traue ich es nicht zu, dass sie die Situation meistern können. Ihr Weltgipfel ist kläglich gescheitert. Der Klimawandel zwingt uns alle, unsere Werte zu überdenken. Wenn sich nicht jeder Einzelne beständig um eine Lösung bemüht, dann liefern wir uns mitten im Schlamassel anderen aus. Wenn wir jetzt gemeinsam die Verantwortung übernehmen, dann brauchen wir keinen internationalen Klimavertrag.
Grüne Politik begann vor dreißig Jahren in Deutschland. Heute steht dieses Thema in allen Parteien ganz obenan auf der Tagesordnung. Kein Land hat heute mehr Solaranlagen und Windräder als Deutschland – obwohl es eindeutig nicht mit den meisten Sonnenstrahlen und besten Windbedingungen gesegnet ist. Der Übergang zu sauberer Energie birgt nicht nur große ökonomische Vorteile, sondern würde auch mehr Arbeitsplätze schaffen: Eine ganz neue Technik müsste geschaffen werden. Einiges existiert zwar bereits, aber es ist genug Raum für mehr!
Woher stammen all die Spenden?
Die Geschichte kennt viele Beispiele technischer Revolutionen, die die Welt umgestaltet haben; keine einzige davon ergab sich aufgrund internationaler Absprachen. Die Informationstechnologie z.B. setzte sich durch, ohne gegen ein internationales System zu verstoßen. Dasselbe gilt für die Automobilindustrie.
In der deutschen Industrie nehmen z. Zt. die Entlassungen von Arbeitskräften zu. In Deutschland herrscht ein akuter Mangel an Arbeitsplätzen. Dennoch spendeten deutsche Firmen während einer Wohltägigkeits-TV-Sendung für die Erdbebenopfer Haitis großzügig den Löwenanteil der eingegangenen 17 Millionen Euro. Vor allem die Autoindustrie, die tagtäglich Arbeiter entlässt, zeigte sich sehr spendabel. Ich fragte mich, wo das Geld wohl herkam. Überall hierzulande reißt die Arbeitslosigkeit ein, aber ironischerweise scheint es in den Firmen Finanzpolster zu geben, um Rettungsaktionen in einem der ärmsten Länder der Erde zu finanzieren. Ich bin absolut dafür, diesen Menschen zu helfen, doch wunderte ich mich sehr, woher denn all diese großen Spendengelder stammten. Es lässt mich zu dem Schluss kommen, dass die Freude am Geben eine Menge guter Gefühle auslöst.
Gier
Gestern sah ich einen deutschen TV-Film mit dem Titel „Gier“. Das interessierte mich insofern, als hier vorgeführt wird, wie Gier das Verhalten der Leute beeinflusst. Der Film ist ein Tatsachenbericht über einen Investor, der schnell reich werden will und dazu über viele Hürden springt. Meiner Ansicht nach ist es genau diese hochgradige Gier, die fast die ganze Welt in den Abgrund gerissen hat. Sicher, Gier ist eine menschliche Eigenschaft, die praktisch in jedem von uns schlummert. Sie richtet sich nur auf unterschiedliche Ziele. Gier hat viele Gesichter, neben dem materiellen z.B. auch ein spirituelles: So hat Mutter Teresa von Kalkutta z.B. hinduistische Waisenkinder von der Straße aufgelesen und sie zu Katholiken erzogen.
Der Film selbst beleuchtet die Charaktereigenschaften der Investoren. Ich kann diesen Film nur empfehlen, hatte allerdings Schwierigkeiten meine eigene Rücksichtslosigkeit mit der des Hauptdarstellers zu identifizieren. Ich bezweifele, dass ich jemals soweit gehen könnte.
Es hat mich traurig gemacht zu sehen, wie viel Leid sich Leute einbrocken, die ihr ganzes Kapital investieren, um es dann durch Betrug zu verlieren. In dem Film kamen auch ganz schlichte Leute vor, die sich hatten verleiten lassen, und damit dem Phänomen der Gier zum Opfer fielen.
Die Erdbevölkerung hat sich seit 1950 fast verdreifacht, obwohl dies Wachstum durchaus mit adäquaten Mitteln der Geburtenkontrolle hätte verhütet werden können. Was treibt unseren Wunsch an, mehr Kinder zu zeugen, als die Ressourcen der Erde ernähren können? Was bringen wir diesen Kindern bei? Geben wir gute Vorbilder für sie ab?
„Es liegt am Verlangen, Nachahmungsdrang, Neid und Konkurrenzkampf des Menschen, dass er sein wahres Wesen verfehlt. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich selbst betrügt, dessen Fluss nicht mit ihm übereinstimmt, das immer woanders hin will, das immer woanders sucht, immer jemand anders sein will – das ist das Elend, das Missgeschick. Du kannst nur du selbst sein. Es gibt keine andere Möglichkeit; sie existiert einfach nicht. Je eher du das begreifst, desto besser“, sagt Osho in The Search (Auf der Suche), einer meiner liebsten Diskursreihen.
Oshos Geschenk an uns
Auch zwanzig Jahre nach seinem Dahinscheiden betrachte ich Osho als eine meiner tiefsten Ressourcen. So geschäftig ich auch lebe, ich bring immer noch meine Osho Augenblicke zustande. Darunter verstehe ich nicht nur meine Erinnerungen an die Zeit mit ihm, sondern auch die Augenblicke, wenn ich mich an mich selbst erinnere.
Osho ist aus meinem Alltag einfach nicht wegzudenken. Gerade jetzt, da ich auf die 60 zugehe, finde ich es besonders wichtig, zwischen all meinen Beschäftigungen hin und wieder mal ganz nach innen zu gehen, in die Stille. Schon in jüngeren Jahren lernte ich es zu schätzen, still in mich zu gehen. Jetzt gilt es, dies wiederholt in meinem Alltag zu üben. So viel Osho ist zu mir durchgedrungen. In einer Welt, die immer schneller ins Chaos zu trudeln scheint, muss es noch eine Perspektive geben. Durch Momente der Einkehr eröffnet sie sich, falls wir bereit sind uns selbst anzuschauen und zur Vernunft zu kommen.
„Ein wirklicher Weiser lebt durch seine Sinne. Seine Berührung enthält alles. Wenn ein wirklich Weiser dich berührt, wirst du sofort eine Energieübertragung spüren … wirst du spüren, dass irgendetwas in dir geweckt worden ist: Etwas steigt in dir auf.“ Auch dieses Zitat stammt aus The Search, wo Osho über Zen spricht. Osho beschreibt Zen als The Path of Paradox, und bevor er seinen Körper verließ, sprach er praktisch nur noch über die Lehren des Zen. Für mich ist dies Oshos Abschiedsgeschenk an uns.
Es gibt auf der heutigen Welt viele Situationen, die widersprüchlich zu sein scheinen, die aber dennoch wahr sind. Ich würde sagen, dass es keine schlechte Idee wäre, diese Widersprüche mit den Augen des Zen zu betrachten. Eine berühmte Technik im Zen ist das Lösen eines Koans, einer Frage – aber die Antwort darauf muss auf der eigenen Erfahrung beruhen. In der Zen Tradition wurden die alltäglichsten Dinge zu höchster Kunst geführt, so wie Raumgestaltung, Kochen, Gärtnern, Blumenstecken. Selbst die Zubereitung und das Trinken von Tee wird als Ritual zelebriert, mit der äußersten Umsicht und Feinfühligkeit. Es geht darum, Gewöhnliches ungewöhnlich zu machen.
„Ich habe eine andere Vorstellung von Verlangen. Erstens ist schon das Verlangen selbst Gott – ein Verlangen ohne Gegenstand … absichtsloses Verlangen, unmotiviertes Verlangen, reines Verlangen ist Gott. Man darf das Verlangen nicht zerstören, sondern muss es verfeinern. Man muss es verwandeln. Dein innerstes Wesen ist Verlangen, dagegen zu sein heißt, gegen dich selber und alles zu sein. Dagegen zu sein heißt gegen die Blumen und Vögel und die Sonne und den Mond zu sein. Dagegen zu sein heißt, gegen alles Schöpferische zu sein. Verlangen ist Schöpferkraft“, sagt Osho in The Book of Wisdom (Das Buch der Weisheit) … Den ganzen Diskurs aufmerksam zu hören oder zu lesen, ist ein Genuss.
Stellt euch nur mal vor: Wie wäre die Welt, wenn dies jeder beherzigte …
Mir kommt Oshos Verlangen, das Innere so vieler Menschen wie nur möglich zu berühren, geradezu allumfassend vor. Osho erklärte mit leuchtenden Augen, dass Jesus nur zwölf, er selbst aber zigtausend Jünger hatte. Ich schätze mich glücklich, zu ihnen zu gehören, deren Zahl auch zwei Jahrzehnte danach weiter zunimmt.
Wie wäre es, frage ich mich, wenn es uns allen gelänge, das Verlangen als das Schöpferische umzudefinieren?
Sind wir etwa nicht alle aus Verlangen entstanden?
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