
Lachen mit dem Meister
Aus dem Leben von Oshos Sekretärin Anando
von Ishu
„Sie hätte die erste
australische Premierministerin werden können. Alles hätte sie machen können, aber leider: She lost the
plot!“ Das sagte die verzweifelte Mutter über ihre begabte und schöne Tochter,
als diese 1975 ihre viel versprechende Karriere aufgab, um nach Pune zu
gehen. Dabei hatte alles so gut angefangen:
Zunächst studiert Anando Jura an der Melbourne University. Warum
Jura? „Eigentlich wollte ich ja Architektur studieren. Aber am Abend bevor
ich mich einschreiben musste, kam es zum Streit mit meinem Freund, der ebenfalls
Architektur studierte. Er wollte auf keinen Fall, dass ich das auch mache.
Also beschloss ich, etwas anderes zu studieren und mich gleichzeitig nach
einem anderen Freund umzusehen. Und so verglich ich die Jungs, die Architektur
studieren wollten, mit denen, die sich für Jura entschieden hatten, und
die gefielen mir einfach besser … Ja, manchmal schlägt wohl einfach meine
lockere Seite durch“, erzählt Anando lachend. Nach dem Studium macht sie
ihr Referendariat und bekommt die Zulassung als Rechtsanwältin. Dann allerdings
ist wiederum ihre Lust auf neue Abenteuer größer als die auf eine straighte
Karriere: Anfang der 70er-Jahre zieht es sie ins Swinging London und sie
macht eine Ausbildung als Tänzerin an der Martha Graham School of Dancing.
Nach dem Ausflug in die Welt des Tanzes kehrt sie allerdings schon bald
in die Geschäftswelt zurück. Sie bewirbt sich als Juristin bei Haymarket
Publishing, einer großen englischen Verlagsgruppe, vergleichbar dem deutschen
Gruner und Jahr-Verlag. Dort bringt sie es bis zur stellvertretenden Geschäftsführerin
für alle bei Haymarket verlegten Zeitschriften, darunter so renommierte
Magazine wie Management Today.
„Das machte Spaß und ich verdiente eine Menge Geld. Damals hatte
das Parlament gerade ein Gesetz zur Chancengleichheit verabschiedet. Es
war ja absolut ungewöhnlich, dass eine Frau in einer reinen Männerdomäne
eine solche Position bekam. Deswegen ging meine Geschichte auch durch die
Presse. Aber irgendwann artete das Ganze immer mehr zum Stress aus. Ich
war gerade erst neunundzwanzig und ich stieß einfach an meine Grenzen. Aber
auf diese Art und Weise kam ich zur Meditation und entdeckte in London Osho.
Ich hatte ja zuvor noch nie was von Meditation gehört! Schließlich kam ich
aus sehr konservativen Verhältnissen, wo Meditation ein Fremdwort war.
So fing ich an, die Dynamische Meditation zu machen. Mit der Folge, dass
ich meine Businesskarriere schmiss und 1975 nach Indien fuhr. Also verließ
ich meinen Mann – ich hatte inzwischen geheiratet – und gab mein Haus, meinen
Job auf, um ein wenig durch die Welt zu reisen. Und erst mal zwei Wochen
lang bei Osho zu sein … Jedenfalls war das mein Plan. Aber dann bin ich
nie wieder weggegangen … (lacht). Irgendwann, so nach vier, fünf Jahren,
ging mir plötzlich auf: Meine Güte, jetzt bin ich schon seit fünf Jahren
hier! Und kurz darauf gingen wir mit Osho nach Amerika …“
Was hast du damals in Pune gemacht?
In Pune hab ich hauptsächlich in der Küche gearbeitet und ähnliche
Sachen gemacht. Wie viele andere auch war ich eine von Oshos Medien im
abendlichen Darshan. Und in Amerika auf der Ranch arbeitete ich dann im
„Housekeeping Department“. Bis herauskam, dass ich Rechtsanwältin bin
– und Rechtsanwälte wurden dringend gebraucht. Also musste ich noch einmal
zur Uni, wo ich mir die nötigen US-Qualifikationen erarbeitet hab. Danach
fing ich an, im Legal Department zu arbeiten. Und dann …
Ich habe einmal in einem Osho Diskurs gehört, dass dort an die 400 Rechtsexperten
tätig waren?
Nein, wir waren so etwa dreißig, aber natürlich gab es noch haufenweise
Leute, die uns mit den praktischen Arbeiten zur Hand gingen. Aber danach
hatte ich das große Glück, bei der sogenannten World Tour zu den wenigen
Begleitern Oshos zu gehören. Und schließlich kehrten wir dann hier nach
Pune zurück.

Und wie kam es, dass du dann seine Sekretärin wurdest?
Ich nehme an, dass ich einfach zur rechten Zeit am rechten Platz
war. Es fing in Indien an, nachdem die USA ihn rausgeworfen hatten. Ich
war ein paar Tage zuvor hingeschickt worden, um die rechtliche Situation
des Grundstücks in Kulu Manali zu prüfen, das ihm angeblich dort zur Verfügung
stehen sollte. Als Osho am frühen Morgen in Delhi eintraf, durfte ich als
Westler das Gebäude zu seiner Begrüßung betreten, als er aus der Zollkontrolle
kam. Von dort führte ein langer Flur zum Gebäudeausgang, wo sein Wagen wartete.
Außer mir erwarteten ihn anscheinend noch Hunderte von Journalisten und
Fotografen. Wir mussten stundenlang warten, und es war heiß und stickig.
Ich hatte mit den Fotografen einen Deal ausgemacht: Wenn Osho ein paar Sekunden
lang für Fotos anhielte, würden sie ihm dafür eine Schneise öffnen. Als
Osho mit Nirvano erschien, ging das Blitzlichtgewitter los wie ein Feuerwerk.
Ich sah mich um und sah eine undurchdringliche Menschenmauer; manche standen
sogar auf Tischen und Stühlen, die sie herangeschafft hatten. Es gab kein
Vor und Zurück. Ich wurde laut und brüllte, man möge Platz machen, und bearbeitete
die Leute mit den Ellbogen, um sie wegzustoßen. Osho legte mir seine Hände
auf die Schultern und ich bahnte uns dreien einen Weg durch den Mob (ich
im Krebsgang!). Nirvano und ich kämpften wie wilde Tiere und ich schlug
nach allen Seiten um mich. Nirvano zog Leute an den Haaren und Schultern
zur Seite. Es dauerte eine Ewigkeit, und ich war nur am Keifen und Fluchen.
Als Osho endlich ins Freie trat, erwartete uns eine noch größere
Menschenmenge von indischen Sannyasins. Natürlich wollte ihn jeder berühren,
und nur unter größten Mühen konnten wir die Wagentür öffnen. Dann, ich konnte
es nicht glauben, stellte sich Osho in die offene Tür und begrüßte jeden
Einzelnen langsam mit seinem Namasté im Halbkreis. Ich stemmte mich von
der Innenseite der Wagentür gegen den Druck der Masse, in der verzweifelten
Angst, die Tür könne jeden Augenblick über Osho zuschnappen. Aber er blieb
völlig unbetroffen. Dann stieg er ein und fuhr los. Hinterher fühlte ich
mich furchtbar – noch nie war ich meinem Meister so nahe gewesen und ich
hatte nichts Besseres zu tun gewusst, als rumzufluchen und zu brüllen und
um mich zu schlagen wie ein Fischweib. Ich dachte: „Jetzt ist es mit deiner
Laufbahn als Oshos Sannyasin vorbei!“ Aber Osho schien die ganze Sache zu
genießen. Und danach lud er mich in seinen engsten Kreis ein. Und wenn Hasya,
die Sheela als seine Sekretärin abgelöst hatte, auf Reisen war – was oft
der Fall war, da wir ständig auf der Suche nach neuen Aufenthaltsländern
und -orten für Osho waren –, wurde ich gebeten, ihm alle Botschaften und
Mitteilungen reinzubringen. Anfangs war ich so nervös, dass ich angesichts
der Anfrage eines nepalesischen Ministers, der Osho insgeheim treffen wollte,
in Lachen ausbrach. Ich dachte schon, das wäre das Ende meiner kurzen Zeit
als Oshos Sekretärin, aber danach fing Osho jedes Mal, wenn ich in sein
Zimmer eintrat, zu lachen an. Und das war der Anfang einer wunderbaren Verbindung,
die auf Lachen beruhte.

Was hieß es konkret, Oshos Sekretärin zu sein?
Nun, anfangs hieß das, dass ich ihm Anfragen reinbrachte und dann
mit seiner Antwort herauskam; und als dann die Gruppe, mit der er um die
Welt reiste, immer kleiner wurde, fing ich an, mich auch um seine persönlichen
Belange zu kümmern.
Als ihr dann wieder in Pune zurück wart, hast du da von ihm sehr klare
Instruktionen bekommen, wie es dort weitergehen sollte?
Solche Instruktionen erhielt hauptsächlich Jayesh. Aber als er
zum Beispiel im Mai 1989 zu sprechen aufgehört hatte, musste ich Oshos Botschaft
vor der versammelten Buddha Hall verlesen. Darin beschrieb er ausführlich,
wie es in Zukunft weitergehen werde. Er hatte mir alles diktiert, ich hatte
mitgeschrieben und verlas es dann in Buddha Hall. Darin war sein kompletter
Entwurf für die Zukunft enthalten und das klang alles so unvorstellbar,
dass alle immer wieder lachen mussten.
Man kann das auf dem Video, das damals gemacht wurde, noch ganz
deutlich sehen: Alle lachten, als er erklärte, dass wir von nun an ein Resort
sein würden und keine Commune mehr, von der alle abhängen. Jeder würde kommen
und gehen, draußen sein Geld verdienen und dann so viel Zeit wie möglich
hier verbringen. Und die Leute, die hier bleiben, würden keine Hierarchie
bilden, sondern nur den Platz hier instandhalten. Dann sprach er von wunderschönen
schwarzen Pyramiden mit blauen Glasfenstern, die gebaut werden würden,
und von einem herrlichen Swimming Pool, einer Disco, Tennisplätzen und einer
Capuccino Bar. Auf dem Video kann man hören, wie die Leute sich geradezu
kaputtlachen, weil das alles so weit hergeholt klang! Seine Pläne für den
weiteren Ausbau – die neuen Gebäude und das neue Auditorium – hat er später
Jayesh aufgetragen. Und im Grunde hat Jayesh alles genauso ausgeführt.
Osho hatte also eine ganz konkrete Vision für diesen Platz?
Ja, eine sehr klare Vision. Die letzten neun Monate, die er noch
im Körper war, hat er mit all seinen Kräften daran gearbeitet. Im April
1989 hielt er seinen letzten Diskurs. Das sollte eigentlich überhaupt nicht
sein letzter sein. Er hatte ja gerade erst eine neue Reihe gestartet. Nein,
es sollte durchaus nicht sein letzter Diskurs werden …
Aber am Ende dieses Diskurses passierte etwas. Man konnte es sehen,
als er nach dem Diskurs zu seinem Wagen ging. Er war auf einmal etwas wackelig.
Jedenfalls sagte er dann: „Etwas ist mit mir heute Abend passiert, eine
bestimmte Verbindung hat sich in mir gelöst …“ Und er sagte: „Ich werde
von jetzt an nicht mehr öffentlich sprechen.“ Das kam für uns völlig überraschend,
denn er hatte ja eben erst die neue Reihe begonnen. Das alles geschah ziemlich
genau neun Monate, bevor er seinen Körper verließ. Und in diesen neun Monaten
stellte er alles auf die Beine, das ganze neue Resort. Und erst sehr viel
später stieß ich in einem seiner ganz frühen Yoga-Bücher aus den Sechzigerjahren
auf den Hinweis, ein bewusster Mensch spüre neun Monate vor seinem Tod in
seinem Körper eine gewisse Loslösung. Je nachdem, wie lange man im Mutterschoß
gewesen sei – wenn acht Monate und drei Wochen, dann acht Monate und drei
Wochen ehe sie stürben ... Dann erführen sie diese Ablösung. Und er hat
in diesen letzten neun Monaten wie verrückt gearbeitet. Damals hat er alles
verändert und umgebaut, es kamen die dunkelroten und weißen Roben, es gab
keine Diskurse mehr, die Abendmeditation der White Robe Brotherhood, die
Multiversity – all das entstand in diesen letzten Monaten, nichts davon
gab es davor. Er wusste also, was kam, und ich hatte keinen Schimmer davon.
Alles, was wir hier heute haben, entstand in diesen neun Monaten. Ich glaube
nicht, dass das den Leuten klar ist …

Und da hat er dir alle Anweisungen so diktiert?
Ja. Und vieles trug er Jayesh auf. Damals entstand ja auch der
Inner Circle. So hat er damals alles für die Zukunft vorbereitet, und
für das zukünftige Wachstum der Arbeit.
Wie würdest du deine Beziehung zu Osho beschreiben?
Wenn Osho in der Buddha Halle seinen Diskurs hielt, da zählte
absolut nur die Meister-Schüler-Beziehung und sonst nichts. Aber in seinem
Zimmer war er der natürlichste und umgänglichste Mensch, den man sich
denken konnte. Er war so witzig! Er hatte einen enormen Humor und wir
hatten ständig Spaß miteinander und zogen einander auf. Der Umgang mit
ihm war federleicht und es war überhaupt kein Problem, sich um ihn zu
kümmern. Aber auch was meine Arbeit betraf, meine Arbeit als Sekretärin
– auch das lief völlig reibungslos. Es war einfach ganz anders als in
Buddha Hall.
Im gewöhnlichen Umgang mit ihm fühltest du dich also ganz entspannt?
Absolut! Weil er so völlig unkompliziert war. Also, das lag nicht
etwa an mir, sondern nur an ihm. Er war immer ganz natürlich … Ich weiß
noch, wie ich eines Tages zu ihm reinkam und ich war gerade in einer meiner
prämenstruellen Krisen, völlig neurotisch! Außerdem kam ich auch noch
zu spät und hatte nicht mehr die Zeit erst mal durchzuatmen, sondern kam
einfach nur in sein Zimmer reingestürmt … Und er sagte nur: „Hmm? Wie
geht’s dir, Anando?“
und ich platzte heraus: „Ach, ich bin voll neurotisch und psychotisch
und mir geht’s beschissen!“ Da sagte er nur und lächelte dazu über sein
ganzes Gesicht: „Das ist doch wunderbar!“ Wir konnten uns nicht halten vor
Lachen und meine Krise war wie weggeblasen! So einfach und angenehm … (lacht)
Kümmerte er sich eigentlich auch um den Alltagsablauf und um die geschäftliche
Seite des Ashrams?
Nein, die Alltagsgeschäfte überließ er den Leuten, die er damit
beauftragt hatte. Er gab seine Vision und seine Richtlinien – die Umsetzung
überließ er den Leuten, die er dafür ausgesucht hatte. Die hatten sich dann
auch entsprechend um die alltäglichen Einzelheiten zu kümmern. Er hatte
absolutes Vertrauen zu ihnen und dieses Vertrauen war auch Teil seiner Arbeit
an den Leuten. Ein gutes Beispiel dafür ist Sheela: Er ließ den Leuten so
viel Freiheit, gab ihnen so viel Leine, dass sich ihr Ego, wenn sie ein
dickes Ego hatten, wirklich kristallisieren konnte und sie so richtig ihren
Power Trip austoben konnten. Und dann kapierten sie’s entweder oder aber
sie hängten sich auf. (lacht) Er gab uns jede Freiheit!
Kannst du näher beschreiben, wie es dich verändert hat, ihm so nahe sein
zu können?
Das ist sehr schwer zu beschreiben. Du merkst ja erst Jahre später
– dass du dich verändert hast. Ich war wirklich eine schlechte Schülerin!
Ich war ziemlich oberflächlich und wollte eigentlich alles nur ihm überlassen.
Nach dem Motto: „Er wird’s schon richten! Es genügt vollauf, ihm nahe zu
sein!“ Und dann verlässt er aus heiterem Himmel plötzlich seinen Körper!
Hoppla, da ging mir ein Licht auf: „Jetzt fang ich besser mal an zu meditieren!“
Was sind besondere Erinnerungen, die du an Osho hast?
Eine Episode, die mich wirklich etwas gelehrt hat, passierte während
der World Tour. Wir waren aus Griechenland rausgeworfen worden. Die Polizei
hatte Osho buchstäblich aus seinem Nachmittagsschlaf gerissen und hatte
ihn auf die Wache gebracht und abends zum Flughafen von Kreta. Und Osho
trug noch immer die Robe vom Augenblick seiner Verhaftung – in der er
sich hingelegt hatte. Und so waren wir nach Athen geflogen, dann nach
Nizza in Frankreich, dann nach Schweden, und überall, wo wir auch hinkamen,
wurden wir von Schwerstbewaffneten empfangen. Denn eines wussten wir damals
noch nicht: Der amerikanische Generalbundesanwalt Edwin Meese hatte bei
Oshos Ausweisung hinter seinem Passnamen geschrieben: dangerous to national
security (Bedrohung der nationalen Sicherheit). Was die damalige Umschreibung
für Terroristen war. Und so wurden wir überall wie Schwerverbrecher empfangen
und mussten unsere Pässe abgeben. Irgendwann fanden wir uns in London
wieder. Da hatten wir schon 36 Stunden in der Luft hinter uns und unser
Pilot war gesetzlich verpflichtet, eine Nacht auszusetzen. Osho hatte
kein einziges Mal seine Kleidung wechseln können und im Heathrow Airport
steckte man ihn in einen widerwärtigen Gefängnistrakt mit illegalen Einwanderern.
Es stank nach Urin, Erbrochenem und Zigaretten und die Toilette war ein
glitschiges, ekliges Loch. Osho war ja immer sehr eigen, was seine Körperpflege
betraf. Und wenn er vor dem Diskurs in einer seiner wunderschönen Roben
aus seinem klimatisierten Rolls Royce stieg, könnte man ja meinen: Alles
ist ja kinderleicht, wenn du erleuchtet bist! Und hier in London nun wird
er nach einer Nacht in diesem Drecksloch in einem Gefangenentransporter
zu unserem Privatjet gefahren, der von Schwerstbewaffneten umstellt ist,
und sie öffnen die vergitterte Hintertür, so als erwarteten sie ein wildes
Tier. Und Osho erscheint, ohne sich geduscht oder seit Ewigkeiten die
Robe gewechselt zu haben, und steigt aus, sieht und begrüßt uns mit seinem
unbeschreiblichen Lächeln und seinem vertrauten Namasté, die erhobenen
Hände zusammengelegt – absolut so, als steige er eben aus seinem Rolls
Royce zum Abenddiskurs. Haargenau so! Frisch, elegant, anmutig, liebevoll.
Da ging mir auf: Genau das ist es, was Erleuchtung ausmacht, jedenfalls
für mich – unter allen Umständen man selbst zu bleiben, ganz und gar bei
sich zu bleiben!
Hattest du keine Angst inmitten all dieser Schwerstbewaffneten?
Nein. Bei Osho fühlte man sich immer absolut sicher. Klar, natürlich
– anfangs hielt ich das zwar noch für ’nen Scherz und dachte: „Macht mal
halblang, Jungs!“ Aber nach ein paar Malen, und es war ja in jedem Land
immer wieder dasselbe, da wird’s irgendwann nervig …
Es gibt noch eine andere Geschichte, die ich gerne erzählen möchte:
Das war im Flughafen von Athen, wo Osho darauf bestand, eine Pressekonferenz
zu geben, denn die internationale Presse war da und der Polizeichef mit
rund 40 Polizisten verbot Osho eine Pressekonferenz abhalten. Osho ignoriert
ihn einfach, geht rüber zur Presse, setzt sich und bittet die Journalisten
um Fragen. Und dann legt er los, was für ein übles Land Griechenland sei,
das in den 2500 Jahren seit Sokrates nichts gelernt habe … Und sofort will
ihn der Polizeichef mundtot machen und Osho fährt ihn kurzerhand an: „You
shut up and sit down! (Sie halten den Mund und setzen sich wieder!)” Und
der Mann setzt sich sofort wieder hin! Und Osho geht nun erst recht in die
Vollen und nennt den Polizeichef einen Idioten. Der will wieder einschreiten,
und ich denke schon bei mir: „Aua, das kann jetzt aber böse ins Auge gehen,
Osho!”, sage aber kein Wort und Osho ignoriert ihn einfach und macht weiter.
Schließlich müssen wir aufbrechen und gehen zu unserm Flugzeug rüber, diesem
winzigen Jet nur für Osho, Nirvano und mich. Und ein Offizier, offenbar
ein hohes Tier mit viel Lametta und Medaillen auf der Brust, stempelt uns
beiden Frauen die Pässe mit einem Ausreisestempel und nimmt für Oshos Pass
dann einen anderen Stempel: „Deported! Ausgewiesen!” Und plötzlich donnert
Osho ihn an: „Was soll das heißen? Wo ist der schriftliche Ausweisungsbefehl?
Was Sie hier tun ist illegal!” Und der Mann stottert, das habe man ihm per
Telefon so befohlen. Und Osho wütet wie ein Wirbelsturm in dieser kleinen
Kabine und fährt mich an: „Gib mir sofort einen Stift!” Und dann kritzelt
er mit heftigen Strichen den Stempel aus und befiehlt ihm zu schreiben:
„Cancelled – Ungültig”. Und als der Mann zögert, buchstabiert Osho wie Donnerschläge:
„C… A… N… C…” und in dieser Enge zittert und schwitzt der Mann am ganzen
Leibe und tut wie befohlen. Dann donnert Osho ihn an, er soll seine Unterschrift
daruntersetzen und dazu das heutige Datum als Abflugstermin, und der Ärmste
führt alles hastig aus und sucht dann das Weite. Kaum ist er draußen, wendet
Osho sich mit diesem strahlenden Lächeln uns zu und fragt: „Hmm! Wie fandet
ihr das?”
Und so war es immer mit ihm: Es machte einfach Spaß, mit Osho zusammen
zu sein. Nein, von Angst konnte keine Rede sein. Ich vertraute irgendwie
restlos. Es war eigentlich wie ein großes Spiel.
Wie war das für dich, als Osho dann seinen Körper verließ?
Das war sehr eigentümlich: Ich hatte ein solches Hoch! Ich konnte
das nicht verstehen! Ich flog geradezu! Klar, im ersten Moment war es
ein Schock. Aber irgendwie war ich vorgewarnt. Nur zwei Tage zuvor nämlich
hatte ich ihm den Bart gekämmt und gesagt, wie lang er geworden sei und
bald würde er ihm bis zu den Knien reichen. Ich sagte das nur so zum Spaß,
und er antwortete: „Wenn ich noch so lange lebe …” Und wie er das sagte,
klang etwas in seiner Stimme mit. Aber ich wollte es nicht wissen oder
wahrhaben und tröstete mich mit dem Gedanken, dass er schon oft genug
so schwach gewesen war wie jetzt und sich jedes Mal wieder erholt hatte.
Und dann verließ er tatsächlich den Körper. Und für den Bruchteil
einer Sekunde war ich im Schock. Doch dann gab es so viel zu tun. Wir mussten
ihn zurecht machen und ich sagte, lasst uns die schönste Robe nehmen und
die schönste Mütze … kurz, ich hatte alle Hände voll zu tun. Und als wir
dann mit der Bahre zur Buddha Halle gingen, ich weiß auch nicht … ich flog
einfach nur! Ich war geradezu ekstatisch! Die Energie war so schön! Und
dann gingen wir alle zur Verbrennungsstätte, und es hielt einfach an, dieses
wunderbare ekstatische Gefühl. Später ging ich heim, um ein paar Stunden
zu schlafen, und ging dann in den frühen Morgenstunden noch einmal zu
den ghats zurück, als nicht mehr so viele Leute da waren. Und dieses ekstatische
Gefühl hielt einfach an, und ich sagte mir immerzu: Offenbar stehe ich
unter Schock, bald werde ich einknicken! Es hörte aber nicht auf und war
wunderschön. Ich redete mir ein: „Ach, wart nur ab, wie sehr er dir fehlen
wird …” Aber das ist nie passiert, bis auf den heutigen Tag nicht. Irgendwo
sagt Osho: „Wenn du etwas total gelebt hast, mit anderen rückhaltlos zusammen
gewesen bist, dann passiert gar nichts, wenn sie gehen. Einfach nichts.
Dann gibt es nichts zu trauern, kein Bedauern.“ Ja, und genauso hab ich’s
erlebt.
Er hat dir niemals gefehlt?
Nein, nie! So seltsam es klingen mag, aber er fehlt mir nicht.
Er ist da! Ich spüre seine Präsenz! Genauso! Etwa abends, heute hier in
Pune im Diskurs – genauso wie zu der Zeit, als er noch im Körper war.
Und jetzt lebst du in Italien?
Ja, vor vier Jahren bin ich nach Italien gezogen. Dort leite ich
Kurse und Gruppen und schreibe. Soeben ist dort mein eigenes kleines Buch
erschienen. Es trägt den Titel „Si“ und ist beim URRA Verlag erschienen.
Worum geht es in dem Buch?
Es beruht auf meinen Erfahrungen in den Gruppen und Kursen und
es geht ums Akzeptieren. Das Buch ist als eine praktische Umsetzung von
Oshos Weisheit gedacht und es enthält viele Techniken, wie wir mit Alltagssituationen
umgehen können: Probleme in Beziehungen, Familie, Arbeit oder Veränderungen
der Lebensumstände und von uns selbst. Und es geht um unsere Gefühle,
Gewohnheiten, Persönlichkeitsmuster und unsere Einstellung zu unserem
Körper. Der rote Faden ist die Frage: Wie können wir mehr Freude am Leben
gewinnen und wie können wir aufhören zu kämpfen und wirklich zu unserem
Ja finden?
Und dann hab ich da noch ein Riesenprojekt! An dem sitze ich nun
schon seit Jahren: das Philosia-Buch, das mir Osho aufgetragen hat. Etwa
ein Jahr bevor er seinen Körper verließ, kam ich mal in sein Zimmer und
er sagte: „Oh, ich hab eine tolle Idee für dich, Anando. Du wirst ein Buch
schreiben! The Philosia of existence – the world of Osho (Die Philosia der
Schöpfung – die Welt Oshos). Da wird meine gesamte Vision drin enthalten
sein.” Ich sagte: „Machst du Witze?! Ich finde das überhaupt keine tolle
Idee! Ich versteh ja nicht mal den Titel: Was heißt eigentlich philosia?”
Und ich sagte: „Das ist nichts für mich. Du hast doch so viele intellektuelle
Schüler, ich bin da nicht die Richtige. Das ist einfach nicht mein Ding.“
Und er lachte nur und sagte: „Nein, nein, nein! Du bist genau die Richtige
dafür.” Und schon ging er in die Einzelheiten, die verschiedenen Kapitel,
ihm stand schon das ganze Buch vor Augen: 1200 Seiten, feinstes Dünndruckpapier,
als fester Band. Und er spulte die ganze Liste der Kapitel herunter: „The
cancer of fixed moral codes and commandments“ (Das Krebsgeschwür starrer
Moralvorschriften und Gebote), „The pedagogues“ (Die Pädagogen), „The
priests and politicians conspiracy“ (Die Verschwörung zwischen Priestern
und Politikern), „The cancer of religion“ (Das Krebsgeschwür der Religion)
… Aber schon nach den ersten paar Kapiteln unterbrach ich ihn und sagte:
„Zwecklos! Hör auf, ich verstehe nicht mal die Titel!“ Also schlug ich ihm
vor, dass wir besser alles auf Band aufnehmen sollten. Nein, das wollte
er nicht: Ich solle es schreiben. Und dann händigte er mir ein wunderschön
gebundenes Buch mit blütenweißem Papier aus – für seine Diktate. Und versprach
mir, ganz langsam zu sprechen … Und da lenkte ich dann ein: „Okay, das klingt
gut.” Und von da an ging ich jeden Tag ein paar Stunden lang zu ihm rein.
Es war eisig kalt in seinem Zimmer, eisig kalt!
Achtzehn Grad?
Nein, weniger! Weniger! Sechzehn. So ging ich jedes Mal erst einmal
in sein Bad und sammelte alle Fußmatten ein, als Sitzpolster, damit ich
nicht auf dem kalten Fußboden saß. Und dann fing er sofort an zu diktieren
… erst ganz langsam, aber sobald er in Fahrt kam, wurde er immer schneller.
Bis ich die Notbremse zog: „Stopp! Stopp! Ich hab’s ja gewusst!” Ich kann
dir in dem Buch zeigen, wo es zum bloßen Gekritzel wird. Jedenfalls ging
das eine Weile lang gut. Erst diktierte er mir jedes Kapitel immer nur
in groben Zügen, danach füllte er dann die Einzelheiten ein.
Wie viele Kapitel hat das Buch?
Zehn. Es geht los mit der Einleitung, in der er das Wort philosia
erklärt — dass es nichts mit Philosophie, nichts mit Wissen zu tun hat,
sondern mehr mit gelebter Erfahrung.
Philosia – ist das eigentlich ein neues Wort? Gibt es das im Englischen?
Ich weiß nicht, aber er hat es öfters in seinen Diskursen benutzt.
Vielleicht hat er’s von jemandem, oder er hat sich’s auch ausgedacht,
ich weiß es nicht.
Und dann fing er eines Tages an, mir das Kapitel „Jenseits von
Erleuchtung“ zu diktieren und ich protestiere: „Hey, jetzt bist du ja schon
am Ende des Buchs angelangt, und wir sind noch nicht mal mit der Mitte fertig!”
Da lachte er nur und sagte: „Ja, mach dir keine Sorgen! Wir springen halt
ab und zu hin und her, mal zum Anfang, mal zum Ende, mal zur Mitte …” Aber
dann wurde er krank und musste es lange ruhen lassen.
Ich rührte meine Notizen jahrelang nicht mehr an. Ich verstand
ja im Grunde nicht so richtig, was er mir da diktiert hatte. Es war irgendwie
zu hoch für mich. Bis ich mir, so vor sechs, sieben Jahren, dann doch einen
Ruck gab und beschloss, zumindest meine Notizen in den Computer einzugeben
… Schließlich sind sie einmalig! Kein Mensch weiß von ihrer Existenz. Und
siehe da, kaum hatte ich damit angefangen, ging mir ein Licht nach dem anderen
auf: „Das kann ich ja alles doch verstehen! Ganz leicht sogar!” Irgendwie
machte mir das alles plötzlich Sinn! Und seither habe ich immerzu an dem
Buch weitergearbeitet, und Ende dieses Jahres wird es fertig sein. Und es
ist buchstäblich seine Vision von A bis Z …
Kannst du etwas über die verschiedenen Kapitel sagen?
Das erste Kapitel heißt „Der Anfang“ – und der erste Satz lautet:
„Es gibt keinen Anfang ...“ Und dann kommt er auf die ganze Gottesvorstellung
zu sprechen: dass unsere Welt keine Schöpfung mit einem Anfang und einem
Ende ist und nicht erschaffen wurde, sondern ein einziger, fortwährender
Schaffensprozess ist. Und dass diese Gottesidee nur deshalb entstehen
konnte, weil die Menschen eine so gewaltige Vorstellung nicht zu fassen
vermochten, dass dieses ganze Universum ein Selbstläufer ist und keinen
Polizisten braucht, um zu funktionieren. Also wird im ersten Kapitel
der ganze Mythos von Gott und seiner Schöpfung auseinandergenommen.
Und das zweite Kapitel zerschmettert alle Religionen und erklärt
den Unterschied zwischen Religion und Religiosität, und entlarvt jede organisierte
Religion als Machtpolitik. Und im dritten Kapitel geht er genauer auf die
Verschwörung zwischen Priestern und Politikern ein, deren Ziel es nur ist,
den Menschen unter Kontrolle zu halten, innen wie außen, und dass sie zusammenpassen
wie Topf und Deckel.
Als Nächstes spricht er vom Bedürfnis nach einem starren Moralkodex
– und warum das ein Unding ist: weil alles immer nur fließt und nicht festzulegen
ist und ein Moralkodex nur dazu dient, alle unter Kontrolle zu halten.
Dann geht es um den Begriff von Sünde und von Schuld, die aus demselben
Grund erfunden wurden, nämlich um uns zu versklaven und die bestehende Macht
zu stützen. Danach zeigt er auf, warum Erziehung und Bildung gescheitert
sind und ebenfalls nur immer im Dienst der vorhandenen Macht standen; und
setzt dem alten Bildungsbegriff einen kompletten Entwurf sinnvoller Bildung
für die Zukunft entgegen.
Im nächsten Kapitel setzt er sich mit allen sozialen, ökonomischen
und politischen Systemen auseinander, die es je gegeben hat. Also allen
Institutionen und Ideologien und zeigt auf, warum sie – von Feudalismus
über Demokratie, Faschismus, Sozialismus, Kommunismus bis hin zum Gandhiismus
nicht funktioniert haben.
Er erklärt, warum Familie und Ehe nicht funktionieren, und entfaltet
seine ganze Vision einer wirklich authentischen Lebensweise und einer völlig
neuen Regierungsform.
Das nächste Kapitel ist genauso massiv. Da geht es um Meditation
und um die ganze Wissenschaft der Meditation. Dazu gehört auch Oshos „Psychologie
der Buddhas”, und er erklärt den Unterschied zwischen Denken und Nichtdenken.
Das folgende Kapitel hat die Überschrift „Ultimate Values – Unumstößliche
Werte”. Dafür hat er mir einen Baum in mein Buch gezeichnet. Die Wurzeln
tragen Namen wie Wollust, Eifersucht, Wut, Gier usw. – all die unbewussten
und negativen Emotionen – und dann kommt eine Linie für die Erdoberfläche,
und darüber erhebt sich der Baumstamm und teilt sich in Äste. Diese Äste
bilden das genaue Gegenteil der unterirdischen Eigenschaften. Er macht völlig
klar, dass die positiven Energien mit den negativen Energien zusammenhängen
und daher weder bekämpft noch vernichtet werden dürfen. Denn gerade in ihnen
steckt das Potenzial für die Entwicklung der positiven. Wer sie leugnet
oder unterdrückt, der unterdrückt sich selber. Man muss sie transformieren,
nur dann kann man aufblühen. Und transformieren kann man sie nur, indem
man sie sich bewusst macht. Auf diesem Wege gelangt man dann zu den höchsten,
den unumstößlichen Werten.
In den letzten beiden Kapiteln geht es um Erleuchtung und darum,
was jenseits davon kommt: „Beyond Enlightenment“.
Und dein Job ist nun, das Ganze zusammenzufügen?
Ja, alles zu sammeln, was er je zu all diesen Themen gesagt hat,
das Material zu lesen und zu sichten und entsprechend zusammenzusetzen.
Aber es sind immer nur seine eigenen Worte.
Im Rohbau ist alles fertig, jetzt muss nur noch geschliffen und
korrigiert werden. Bis Ende des Jahres soll das Ganze fertig sein und kann
dem Buchmarkt angeboten werden. Es wird so etwas sein wie die Bibel und
Oshos gesamte Vision enthalten.
Aber es hat doch schon einmal eine Rajneesh Bible gegeben?
Ja, aber das waren Diskurse bzw. mehrere Diskursreihen. Dieses
Buch besteht nicht aus Diskursen, sondern entwirft das Gesamtbild seiner
Vision, bis in alle Einzelheiten hinein.
Auf 1200 Seiten?
Ja. So wollte er’s haben! (lacht)
Also hast du dieses Riesenprojekt und leitest außerdem Gruppen?
Ja, ich leite Gruppen und Kurse in Italien und rund um die Welt
zu Themen wie Meditation, Selbstliebe, Intimität, Beziehung von Mann
und Frau und wie man Körper und Geist entspannen kann.
Bist du eigentlich noch Mitglied des Inner Circle?
Ich war ja von Anfang an beim Inner Circle dabei. Jetzt hab ich
ihn verlassen, da mein neues Domizil in Italien ist und ich mit meinen
Kursen die meiste Zeit auf Reisen verbringe.
War es schwer, Pune nach so vielen Jahren zu verlassen?
Nein, es war genau der richtige Zeitpunkt. Gleichzeitig bin ich
jedes Mal froh, wenn ich wieder herkomme. Dann weiß ich diesen Platz ganz
neu zu schätzen. Allerdings hatte ich das Gefühl einer gewissen Gesetztheit,
festzustecken. Ich hatte immerhin mehr oder weniger dreißig Jahre lang
hier zugebracht, und da wurde es langsam mal Zeit, wieder etwas Neues
zu wagen. Als ich die Welt draußen verließ, gab es noch keine Handys,
keine Computer und keine Geldautomaten. Erst habe mich also gefühlt wie
ein dummes Ding vom Land: Alle konnten mit Geldautomaten umgehen und mit
Handys telefonieren und ich verstand nicht die Bohne von all dem. Ich
fühlte mich also etwas verloren, aber das war alles auch sehr lehrsam.
Inzwischen steh ich drauf, bin ich richtig gern in der Welt draußen. Und:
Ich liebe meine Arbeit.
