Oshotimes

Ein Besuch aus Fernost

Eine Begegnung der ungewöhnlichen Art

Die Südafrikanerin Veena trifft die erleuchtete Tamo-san

von Veena


Kürzlich diskutierte ich mit meinem Bruder über den Klimawandel, und irgendwann begann ich plötzlich ihm vom mysteriösen Besuch einer erleuchteten Japanerin im Jahre 1988 im Aschram von Pune zu erzählen. Und davon, dass ich diese Frau dann später einmal in ihrem wunderschönen kleinen Tempel aufgesucht habe. Der lag nämlich in Enoshima in der Nähe von Kamakura, wo ich fünf Jahre lang gelebt habe.
Mein Bruder war erstaunlich still, als ich fertig war; und dann sagte er: „Das musst du doch aufschreiben! Eine so schöne Geschichte darf nicht sang- und klanglos verloren gehen.“ Hier ist sie also, meine Geschichte …

Eine wortlose Übertragung
1989. Wir saßen gemütlich nähend im Nähzimmer vom Lao Tsu Haus beisammen, als die Japanerin Geeta per Anruf gebeten wurde, in Neelams Büro zu kommen, um für eine Besucherin zu dolmetschen.
Kaum war sie zurück, erzählte uns Geeta, eine alte Japanerin sei eingetroffen. Sie heiße Tamo-san und sei Priesterin eines Tempels bei Kamakura südlich von Tokio und habe drei Schülerinnen mitgebracht. Geeta fuhr fort, Tamo-san sei zu Osho gekommen, um ihn mit all ihrer Energie zu unterstützen, denn er könne die Menschen in aller Welt auf eine Art und Weise erreichen, die ihr unmöglich sei. Ergriffen von dieser erstaunlichen Geschichte erwarteten wir sehr gespannt, wie Osho sich wohl verhalten würde.
Abends in der Buddhahalle sah ich dann diese zierliche feine Dame mit ihren Schülerinnen in der ersten Reihe sitzen. Sie wirkte so leicht und licht und ausgesprochen still! Kaum war Osho aufs Podium gekommen, huschte Anando auf den Platz neben Tamo-san, in ihren Händen eine kunstvoll gearbeitete Messingschale.
Osho trat bis an den Rand des Podiums vor und gab Tamo-san ein Zeichen. Daraufhin stand sie auf und lächelte zu ihm hoch. Anando, die mit ihr aufgestanden war, reichte die Schale zu Osho hinauf. Er entnahm ihr daraufhin einige Handvoll Rosenblätter, die er sanft auf Tamo-san niederrieseln ließ. Als die Schale leer war, grüßte er sie mit dem Namasté, während sie sich im japanischen Stil tief vor ihm verbeugte. Dann kehrten alle an ihre Plätze zurück.
Ich war überwältigt. Was hatte sich da eben abgespielt? Eine wortlose Übertragung schien stattgefunden zu haben … ein Austausch von Wissen und Weisheit und grenzenloser Liebe. Doch schon am nächsten Tag war Tamo-san wieder abgereist, ohne noch ein Wort darüber zu verlieren, was da geschehen war.

Ein Tempel, leicht und sanft
Dieser erstaunliche Augenblick hatte sich mir unvergesslich eingeprägt. Und als ich ein paar Jahre später nach Japan ging und erfuhr, dass Tamo-san gleich in meinem Nachbardorf wohnte, suchte ich sie natürlich mit den drei anderen westlichen Sannyasins auf, die in Kamakura wohnten und dort wie ich Englischunterricht gaben.
Es war ein Winternachmittag, als wir an dem alten, unbeschreiblich schönen, ganz taditionell gehaltenen, mit Reetgras gedeckten Tempel ankamen. Am Eingang zogen wir, wie in Japan üblich, die Schuhe aus und schlüpften in die für Gäste bereitstehenden Pantoffel. Dann wurden wir von Tamo-sans Tochter, die recht gut Englisch sprach, willkommen geheißen.
Zunächst betraten wir den Tempel, in dem einige Leute meditierten. Ein Hauch von japanischem Weihrauchduft hing in der Luft und Tamo-san war in eine nicht beschreibbare Art von Singsang vertieft. Für diese Kunst, erfuhren wir später, ist sie offenbar berühmt. Während ich so dasaß, fühlte ich mich wie zu Füßen Oshos, auch wenn diese Energie irgendwie leichter und sanfter war … vielleicht, weil sie eine Frau war und einige Jahre älter als er.
Am Ende der kleinen Zeremonie stand Tamo-san auf und begrüßte jeden von uns mit einer unglaublich kraftvollen Umarmung, die angesichts ihrer Körpergröße und ihres Alters überraschte. Das sei ihre Art, sagte man uns später, anderen Energie zu übertragen, ähnlich wie mit ihrem Singsang.
Zuerst reichte sie uns Wasser zu trinken, welches, wie uns ihre Tochter wissen ließ, einem heiligen Brunnen auf dem Tempelgelände entstammte und Heilkräfte besaß. Dann führte sie uns in ihr Allerheiligstes, in dessen Mitte ein Altar um eine Buddhastatue herum hergerichtet war. Zu Buddhas Linken stand ein christliches Kruzifix und zu seiner Rechten ein Foto von Osho. Denn diese drei, so erklärte sie uns, seien die wichtigsten Wesen, die die Welt je gesehen habe. Tagtäglich meditiere sie über alle drei.

Mehr Bewusstheit für die Erde
Ich war fassungslos und fühlte mich als Teil eines großen Mysteriums; vor allem was Osho betraf: Wie konnte diese fünfundachtzigjährige Japanerin, die kein Wort Englisch sprach und relativ zurückgezogen in einem winzigen Dorf ihrer Heimat lebte, mit solcher Klarheit und Gewissheit davon sprechen, wie wichtig Osho für die Welt sei, und ihn mit Buddha und Jesus Christus gleichsetzen? Und welche existenzielle Macht oder Weisheit hatte sie dazu gebracht, ihren Tempel zu verlassen und ein Flugzeug nach Pune zu nehmen, um einen einzigen Abend vor Osho zu sitzen und dann sofort wieder heimzufahren? Für eine gebrechliche alte Frau wie sie war das doch eine Riesenstrapaze! Mir war, als halte ich ein Geheimnis am Zipfel, das die Grenzen meines Horizonts weit überstieg.
Aber wir sollten aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Offenbar hatte Tamo-san nach einem Universitätsabschluss in Ökologie ihr Leben hauptsächlich in den Dienst einer unermüdlichen Bewusstseinskampagne gestellt, nicht nur in Japan, sondern auch in anderen Ländern, um die Völker und ihre Anführer anzufeuern, den Schaden, den wir der Umwelt laufend zufügen, wiedergutzumachen. Anhand von Fotoalben und Zeitungsausschnitten wurde uns belegt, dass Tamo-san bereits als junge Frau auf Massenveranstaltungen für mehr Bewusstheit für die Errettung der Erde geworben hatte. Sie hatte auch ein Manifest verfasst, dessen Titel in etwa bedeutet: „Macht das Boot fest!” Dessen Umschlag zeigt eine kleine Skzizze: Mehrere Menschen sitzen in einem Boot, das auf einen Wasserfall zusteuert. Aber die Leute im Boot schauen in die entgegengesetzte Richtung und ahnen nicht, dass nur noch wenige Minuten sie von der Katastrophe trennen …
Nach all diesem machte uns die Tochter, welche die Liebe ihrer Mutter zu Osho nicht teilte und ziemlich kurz angebunden mit uns war, klar, dass wir ihrer Meinung nach genug Aufmerksamkeit genossen hatten und es Zeit sei, zu gehen. Tamo-san war jedoch ganz anderer Meinung und stieß ihre Tochter und ihre Schüler regelrecht vor den Kopf, indem sie uns einlud, zum Abendessen zu bleiben. Mehr noch: Sie wolle uns etwas Leckeres zubereiten – mulchi, eine zwar etwas gewöhnungsbedürftige, aber recht köstliche japanische Süßspeise.
Ich suche nach Worten um zu beschreiben, wie unsäglich süß Tamo-san war – verspielt, kindlich, zart und sanft – und dennoch unwahrscheinlich stark. Was hatte sie für einen Spaß daran, etwas für uns zu kochen und uns dann dabei zuzuschauen, wie wir ihre zubereiteten Köstlichkeiten verspeisten.

Sachte fallende Schneeflocken
Danach war es tatsächlich Zeit, zu gehen, und nachdem sie jeden von uns noch einmal mit ihrer gewaltigen Umarmung bedacht hatte, wurden wir zum Eingang geführt, wo wir die Pantoffeln wieder gegen unsere Straßenschuhe tauschten. Um sie anzuziehen, setzten wir uns auf den Fußboden. Wir waren im Zustand restloser Seligkeit, der sich beim Anblick der sachte fallenden Schneeflocken nur noch steigerte.
Ehrfürchtig blickten wir noch einmal auf den nunmehr weiß verzauberten Tempelgarten mit seinen glitzernden, vom Neuschnee bepuderten Bäumen zurück.
Da hörten wir ein Rufen und drehten uns noch einmal dem Hauseingang zu: Tamo-san stand dort und bedeutete uns zu warten. Sie verschwand ins Innere des Hauses, während die Schneeflocken auf uns fielen. Da hörten wir sie, noch ehe sie wieder im Eingang erschien, sanft singen. Sie stand dort wie auf einer Bühne, auf der sie, ihren eigenen Gesang begleitend, einen hinreißenden Tanz aufführte.
Zum Schluss kniete sie, sich tief verbeugend, vor uns nieder und während sie ins Hausinnere zurückschwebte, winkte sie uns wiederholt zu. Muss ich noch erwähnen, dass wir alle in Tränen aufgelöst dastanden, angesichts der exquisiten Schönheit und Energie, die uns zuteil geworden war? Jedenfalls schwebten auch wir nach Hause zurück.
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