
ZEN
Die Kunst Wasser zu kochen und Tee zu schlürfen
Teehaus und Teegarten
von Govind
Fushin-an, die Hütte des wahllosen Bewusstseins
Die erste, wenn nicht einzig wirkliche Form eines möglichen Tempels
– doch paradoxerweise eines Tempels ohne Gott –, ist mir im japanischen
Teehaus und dem mit ihm verwobenen Teegarten begegnet.
Das bescheidene Teehaus und der Teegarten haben mich darauf aufmerksam
gemacht, dass Gott nicht in den Tempeln wohnt, weder den christlichen, jüdischen,
islamischen, hinduistischen noch buddhistischen, obwohl in ihnen allen ununterbrochen
die Worte charismatischer oder selbst vergöttlichter Gründer wiederholt
werden und obwohl sie miteinander nur so strotzten von himmlischer Symbolik,
mystischer Atmosphäre und Heiligenbildchen. Gott kann einfach nicht dort
sein. Nicht, weil die Architektur und die so- genannten „Kunstwerke“ in
diesen Tempeln, Kirchen oder Moscheen uns dies nicht vorgaukelten, sondern
einfach, weil Gott ohnehin nicht existiert, und schon allein deshalb keinen
speziellen Tempel braucht, da praktisch überall und jederzeit alles um uns
und in uns bereits Tempel ist.
Im japanischen Teehaus wurde nie ein Gott oder Buddha angefleht
oder verehrt. Vielmehr saß man – wenn man das so sagen darf – selber auf
dem „Altar“ der Teehütte. Gegenstand der Verehrung dort war praktisch das
eigene menschliche Bewusstsein. Sen no Rikyu (1521-1591), gewiss nicht der
einzige, aber sicher der wichtigste Mitspieler bei der Entwicklung des japanischen
Teekultes, hat nie ein Wort über Gott oder eine Seele verloren. Er sprach
viel von Steinen, Laub und Wasser im Garten, von den Blumen und Pflanzen
der verschiedenen Jahreszeiten, und zudem von ganz, ganz einfachen Dingen,
zum Beispiel wie man bewusst Wasser kochen, Tee zubereiten, servieren und
trinken kann. Bezeichnenderweise wird jedoch berichtet, seiner Meinung nach
diene „seine Art Tee in der kleinen Hütte zu trinken der Meditation und
der Wegbereitung der Erfahrung der letzten Selbsterkenntnis“. Und worin
bestand dieser „Weg des Tees“ oder diese „Teezeremonie“, wie man ihn heute
nennt? Seine Antwort war: „Vergiss niemals, dass der Weg des Tees nichts
weiter ist als dies: Wasser aufbrühen, Tee machen und Tee trinken“.
Jedes gut rezitierte Sutra oder jeder gut aufgeführte Gregorianische
Choral, jede auf lange Dauer gehaltene Yoga-Position oder jede Qigong Gleichgewichtsübung
gibt ja dem Ego immer ein gewisses Futter. Aber wessen Achtung könnte man
ergattern, wenn man sich brüstete, Wasser kochen und Tee sippen zu können
oder in einem Garten gezielt auf einigen Trittsteinen latschen zu können?
Sen no Rikyu wusste als Zen-Laie sehr wohl, was in den hehren Zazen-do
der berühmten Kyoto Zen Tempel passierte, das heißt, in den Hallen, wo man
ernsthaft das Meditieren lernte und praktizierte; und er wusste, wie diese
Bauten aussahen. Er hat nichts davon übernommen. Dennoch, behauptet er einfach
mit schlichter Arroganz: „Tee und Zen sind eins“.
Die Erfindung der Teehütte mit Gärtchen in den Hinterhöfen der
reicheren Kaufleute und normalen Bürger von Kyoto und Osaka war vielleicht
so etwas wie eine notwendige Säuberungsaktion von all der religiösen buddhistischen
Tradition und deren Ritualen und Machtpolitik – kurz von dem ganzen religiösen
Müll der japanischen Gesellschaft, der sich einfach auf allen Ebenen angesammelt
hatte. Endlich würde man wieder empfinden können, was Meditation eigentlich
ist!
Obwohl ich anfangs in Japan schon Stunden im Wege des Tees genommen
hatte, will ich die Millionen von technischen Raffinessen der eigentlichen
Teezeremonie übergehen und mich heute hier als Bau- und Gartenmensch einfach
nur auf einige wenige Tricks beschränken, die einen unmerklich in der Teehütte
und im anliegenden Teegarten doch stark zur Meditation verführen können.
Naka-kuguri, Durchkrabbel-Tür
Der Teegarten hatte meist einen äußeren Bereich, wo die geladenen
Gäste auf einer kleinen Bank in einer offenen schilfbedeckten Hütte
zu warten haben, – und dies meist sehr lange, damit sich der „Staub“
des Alltags im Gehirn allmählich setzen konnte –, und einen inneren
Bereich, wo man noch einmal zu warten hatte, aber jetzt zumindest
mit schrägem Blick auf das vermeintliche „Ziel“, das Teehaus, wie
z.B. auf dem nebenstehenden Foto auf das fushian-an, die Hütte
des wahllosen Bewusstseins oder des Nicht-Urteilens, wie Rikyu
sie getauft hatte. Was sonst noch während langen Wartens sich im
Menschen ereignen kann, hat im Westen sicher Samuel Becket in seinem
„Waiting for Godot“ dargestellt.
Den Teegarten als „Garten“ zu bezeichnen, weckt im Laien sicher
falsche Vorstellungen; denn darunter ist einfach nur eine Zone
zu verstehen, worin alles ganz natürlich gestaltet ist, ohne allen
aufwendigen Blumenschmuck, Steinsetzungen oder dekorative Lotos-Teiche.
Äußerlich betrachtet ist dieser Garten praktisch nur ein gestalteter
Weg zur Teehütte, daher auch sein japanischer Name roji, oder Tau-Weg,
um nur zwei von allen Übersetzungsmöglichkeiten zu nennen; von
seiner Funktion her betrachtet ist aber jedes sorgfältigst gestaltete
und platzierte Teil und Detail darin eigentlich bereits Ziel, das
heißt, Anstoß und Chance zur Bewusstwerdung. Darum geht es.
Sen no Rikyu spricht vom Teegarten als einem Bereich der Reinheit
und geistigen Leere, der seine Entsprechung in einem in seinen
Bäumen und Sträuchern natürlich belassenen Garten finden sollte.
Eine Geschichte, die man Sen no Rikyu zuschreibt, mag dies erhellen:
Eines Herbstmorgens betrat er seinen Teegarten und fand ihn übersät
vom Laub eines Bergbaumes, der einen besonderen Platz im Garten
hatte. Dieser Anblick gefiel ihm sehr. Als er später wiederkam,
hatte ein Bediensteter des Anwesens für die Tee-Zeremonie alles
Laub säuberlich weggefegt. Das gefiel ihm nun gar nicht, und es
heißt, er habe deshalb sanft an einem Baume gerüttelt, bis wenigstens
einige Herbstblätter wieder zu Boden gefallen waren. Er liebte
zwar Reinlichkeit, doch sollte sie natürlich wirken. Dies ist sicher
eine sehr komplexe Geschichte, aber sie deutet zumindest an, welche
Rolle ein Teegarten ursprünglich fïr Rikyu zu spielen hatte.
Neben der erwähnten Wartelaube liegt eine Mini-Trockentoilette
und eine Vertiefung für etwaigen Abfall – vielleicht aber auch
nur als metaphorischer Hinweis auf Sauberkeit gedacht. Dies erfüllen
auch einige Besen, die „zufällig dort vergessen“ worden sind.
Was man zum Beispiel im Teegarten von Kyoto vor der ersten Wartehütte
erblickt, ist in der Tat überraschend und unverständlich: Ein mit
Trittsteinen ausgelegter Pfad führt auf ein Holzgestell zu, eine
Art Torwand mitten im Garten, darin ein kleines quadratisches Loch
von circa 60 auf 60 cm mit einer Schiebetür und einem Bambusgitterfenster.
Der ausgelegte Pfad zwingt einen regelrecht zum Weitergehen durch
dieses Loch hindurch; es führt einfach kein Weg um diese Wand herum.
Dieses Tor wird naka-kuguri oder „Durchkrabbeltor“ genannt. Der
Gastgeber einer Teesitzung erscheint den Gästen zum ersten Male,
wenn er durch dieses Türchen gekrochen kommt, sie begrüßt and dann
einlädt, auch durch dieses kleine Loch zu krabbeln. Mit dieser
Torwand transformierte Rikyu die Teezeremonie, die bisher ein sozial-ästhetisches
Treffen zum Tee war, zu einer Meditation: Wer sich durch dieses
kleine Loch – vielleicht sogar noch im vollen Kimono und mit Schwert
– zu zwängen hat, wird sich, wenn auch nur für wenige Augenblicke,
intensiv seines Körpers bewusst, da er gezwungen ist, sich niederzuknien
und durchzukrabbeln. Vom Kopf in den Körper. Das war Rikyu sehr
wichtig bei seiner Methode der Teemeditation. Erst einmal sollte
der Gast sich vor allem seines eigenen Körpers bewusst werden.
Andere Dinge durfte man ihm zufolge nicht einmal im Kopf mitbringen.
Im Teebezirk, so Rikyu, müsse man sich seiner normalen „Beschwernisse“
entledigen, als da seien: „deine Religion, Gedanken an das Hab
und Gut des Nachbarn, Gedanken an die Schwiegereltern sowie Gedanken
an die Kriege im Lande und die Tugenden und Laster der Menschen
im Allgemeinen.“ Was bleibt? Eigentlich sehr, sehr viel: das Herz.
Dieselbe Geste der Demut und Körperbewusstwerdung wird einem später
noch einmal beim nijiri-guchi, einer zweiten, ebenso „großen“ Eingangstür
zum eigentlichen Teehaus abverlangt. Natürlich erscheint einem
nach dieser Prozedur des Sichkleinermachens der winzige Teeraum,
der manchmal vielleicht nur zwei mal zwei Meter misst, viel geräumiger
als er wirklich ist. Zumal dieser Teeraum auch keinen Blick nach
draußen zulässt.
Tsukubai, Verbeugungsort zur Reinigung
Auch gewisse Stein- arrangements, sowohl im äußeren wie im inneren
Garten, dienen dazu, äußerliche sowie innerliche Reinheit zu wecken, –
und keineswegs immer nur in der Nähe der Toilette, der sogenannten tsukubai,
dem „Ort, wo man sich zu beugen hat“. Ein größerer Wasserstein – zu Rikyus
Zeiten nur ein schlichter ausgehöhlter Stein, umgeben von einigen Trittsteinen
– lag versenkt in einer kleinen Vertiefung des Bodens. Durch Beugen machte
man sich erneut den Körper bewusst: Um sich den Mund oder die Hände zu
waschen, musste man in die Knie gehen. Aber was somit bei Rikyu als einfacher
ausgehöhlter Stein begann, wuchs sich im Laufe der Zeit zu einer unabhängigen
ästhetischen Attraktion innerhalb des Teegartens aus und wurde dann später
zu einem Element aller japanischen Gärten. Losgelöst von seiner ursprünglichen
Funktion als Mittel zur Bewusstwerdung kitzeln dann auch sorgfältige Auswahl
und Design dieses Stein-Arrangements gewisse Interessen von Kollektoren
und den Geschmack von Tee-Connaisseuren. Endlich hatte man etwas im Teegarten,
womit man sich vor anderen brüsten konnte. Und das Dekor dieser Arrangements
wurde im Laufe der Entwicklung während des 18. und 19. Jahrhunderts immer
ausgeklügelter.
Tobi-ishi, fliegende Steine
Die tobi-ishi, wörtlich „fliegende Steine“ oder Trittsteine, sind
der wohl wichtigste und auch auf allen drei Fotos sichtbare Kunstgriff,
jemanden in den Körper zu bringen. Nirgends auf dem Weg des Tees wird
es direkt gesagt, aber man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass
„Erleuchtung“ oder wie ich lieber sage die „Erherzung“ – nicht vom Mind,
sondern vom gesamten Körper zu erbringen ist.
Am Anfang hatten diese Trittsteine eine ganz praktische Funktion:
Da die meisten Gärten mit sehr feinen Moosen bewachsen waren, legte
man die Wege mit Steinen aus, damit das Moos nicht zertrampelt wurde. Aber
sehr bald nutzten die Teemeister diese Steine dazu, die Beine der Schreitenden
zu manipulieren. Man konnte ja durch das geschickte Setzen dieser
Steine den Gang nicht nur verlangsamen, sondern auch die Richtung des Körpers
und damit der Augen beeinflussen; man hatte es in der Hand, die Aug- oder
Aufmerksamkeit des Gehenden auf gewisse Aspekte des Gartens zu lenken. Gewöhnlich
nimmt man ja kaum wahr, dass man überhaupt oder wo und wie man läuft. Vielleicht
brauchen wir in den Gärten unserer Zeit schon solche Trittsteine,
um uns langsamer werden zu lassen. Aber dann müssten solche Steine schon
von einem tiefen Meer umgeben sein,
um uns aufzuwecken.
Natürlich wurden diese Trittsteine mit der Zeit durch ihre Qualität
und ihre Platzierung äußerlich zum Inbegriff des ästhetischen Kalküls eines
Teegartens. Aber wie ein Echo klingt noch die ursprüngliche Absicht durch,
dass die Teemeister nur die einfachsten Dinge des Lebens benutzen, wie das
Wasserkochen oder das bedachte Laufen auf den eigenen Fußsohlen, um sich
seiner selbst in jedem Moment bewusst zu werden. Hier rührt die Eleganz
des Teekultes her – seine Magie: sichtbar gemachtes menschliches Bewusstsein.
Und das ist Kunst, meiner Definition nach. Man kann wohl behaupten, dass
alles vollkommen bewusst Getane auf magische Weise nach außen hin elegant
und graziös erscheint und innen unbegrenzte Freude weckt. Es ist die einzige
Erlösung, die wir als Menschen brauchen. Und in der traditionellen Teezeremonie
wurde man für alle „Anstrengung“ dazu sogar noch belohnt – mit einer Tasse
Tee.
Viel ist über den Teeweg geschrieben worden, und die großen globalen
Tee-Organisationen sind heute vielleicht einflussreicher als die eigentlichen
religiösen buddhistischen Institutionen. Aber meiner Erfahrung als Sannyasin
nach wird eines der wichtigsten Bestandteile des Teeweges fast nie in der
Literatur darüber erwähnt, – und dies wäre für mich, schon 90 Prozent des
„Weges“ gegangen: eine Einladung zum Tee von einem bewussten Meister; seine
Anwesenheit allein würde den minimalen Teeraum wohl fünf Zentimeter größer
als das ganze Universum erscheinen lassen. Nur einmal mit einem Rikyu bewusst
Tee getrunken zu haben ist wohl nur zu vergleichen mit einem Tiger, der
einmal Blut geleckt hat: Er kann es nie mehr lassen.
Swami Anand Govind (Günter Nitschke)
Der Teeweg ist natürlich nur eine weitere Permutation der unendendlich
vielen „Wege“ des Zen, wie ich in der Osho Times 8/2006 in „ZenHerz und
ZenZirkel“ angedeutet habe. Hier kommt die wirkliche Erfrischung, ja Ekstase
nicht so sehr vom Geschmack des Tees, sondern des Bewusstseins. Weitere
Informationen dazu ist in „Japanische Gärten“ vom Autor im Taschen Verlag
zu entdecken.
Die drei Fotos stammen vom Autor
