"In meinem Leben war ich mehr als einmal in Situationen, die mir aufgrund von schwerer Krankheit aussichtslos erschienen. In solchen Grenzerfahrungen wollte ich keine Menschen um mich haben, die mich mit Wohlfühl-Ratschlägen nervten. Eine wirkliche Hilfe waren aber solche, die mein Augenmerk auf Ressourcen und Kraftquellen lenkten."
Ishu
Klartext
Der Weg zum Ja
Was hält Menschen gesund?
von Ishu
„Become a Yeah-sayer!“, das war einer der ersten Sätze, die ich von Osho las. Dieser Satz war für mich eine Revolution. Bis dahin waren für mich Ja-Sager kopfnickende Mitläufer à la „Herr Schmidt, ich mache alles mit“!
Durch Osho wurde mit klar, dass ein wirkliches Ja nichts mit Opportunismus zu tun hat. Ganz im Gegenteil. Das Ja, um das es hier geht, ist nach innen gerichtet und meint zunächst einmal ein Ja für mich selbst, für mein Sein, meine Talente, meine Schwächen – kurzum: für mein Schicksal, so wie es ist. Es ist kein Wohlfühl-Programm, sondern eines, was die Schwierigkeiten und Verletzungen des Lebens einbezieht: „Lass immer mehr Ja in deinem Innersten zu … Irgendwann kommt dann der Augenblick, da hast du sogar ein Ja zum Leiden, zum Schmerz, zum Tod. Dann bist du endgültig verwundbar: Du wehrst dich nicht mehr. Du versteckst dich nicht mehr hinter einem Panzer, sondern bist splitternackt. In dem Augenblick – eines Tages, irgendwann, irgendwo – ist der Einklang da. Dann bist du im Einklang mit dem Ganzen, und das Ganze fällt in dich hinein. Das geschieht von selbst. Du kannst es nicht lernen.“ (Osho)
Innere Freiheit
Wie weit dieses Ja tragen kann, wurde mir deutlich, als ich die Erinnerungen des österreichisches Psychiaters und Neurologen Viktor Frankl las. Frankl wurde von den Nazis nach Auschwitz deportiert. Sein Buch über diese Zeit des Grauens trägt den bezeichnenden Titel: „ … trotzdem Ja zum Leben sagen.“ Frankl beschreibt dort Menschen, die es trotz der menschenverachtenden Umstände vermochten, ihre Würde zu wahren und so etwas wie „innere Freiheit“ zu behalten: „Wer von denen, die das Konzentrationslager erlebt haben, wüsste nicht von jenen Menschengestalten zu erzählen, die über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort, dort den letzten Bissen Brot spendend? Und mögen es auch nur wenige gewesen sein – sie haben Beweiskraft dafür, dass man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gab ein So-oder-so! Und jeder Tag und jede Stunde im Lager gab es tausendfältige Gelegenheit, diese innere Entscheidung zu vollziehen …“
Ressourcen zur Stressebwältigung
Viele Jahre später, in den 70ern, machte der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Antonovsky eine interessante Entdeckung. Er untersuchte Gesundheitsstudien von Frauen, die zwischen 1914 und 1923 in Europa geboren wurden. Einige von ihnen waren Überlebende aus Konzentrationslagern. Von diesen überlebenden Frauen waren 29 Prozent gesund. In einem Interview sagte Antonovsky damals: „Bedenken Sie, was es bedeutet, dass 29 Prozent einer Gruppe von Überlebenden des Konzentrationslagers eine gute psychische und physische Gesundheit zuerkannt wurde. Den absolut unvorstellbaren Horror des Lagers durchgestanden zu haben und dennoch in einem angemessenen Gesundheitszustand zu sein! Dies war für mich die dramatische Erfahrung, die mich bewusst auf den Weg brachte, das zu formulieren, was ich später als das salutogenetische Modell bezeichnet habe.“
Das Wort Salutogenese bedeutet „die Entstehung von Gesundheit“ und stellt die Frage, was Menschen gesund hält bzw. wieder gesunden lässt. Getrieben von dieser Frage interviewte Antonovsky diese Frauen, die den Holocaust gesundheitlich gut überstanden hatten. Er wollte wissen, was sie zu dieser Stressbewältigung befähigte. Was waren ihre Ressourcen? All diesen Frauen war eine Haltung gemeinsam; Viktor Frankl hat sie in seinem Buch so beschrieben: „In der Art, wie ein Mensch sein unabwendbares Schicksal auf sich nimmt, und mit diesem Schicksal all das Leiden, das es ihm auferlegt, darin eröffnet sich auch noch in den schwierigsten Situationen und noch bis zur letzten Minute des Lebens eine Fülle von Möglichkeiten, das Leben sinnvoll zu gestalten.“ Was Frankl hier beschreibt, ist eine Haltung des inneren Ja. Kein Ja für die Unterdrücker, aber ein Ja zum eigenen Leben, zum eigenen Schicksal.
Aufmerksamkeit ist wie Dünger
Die Idee der Salutogenese, die Antonovsky daraus entwickelte, folgt diesem Weg zum Ja. Sie fragt nicht, warum der Mensch krank wird, sondern was ihn gesund hält. Sie unterstreicht das Positive und versucht es zu stärken. Damit leitete Antonovsky einen kopernikanischen Paradigmenwechsel ein, der längst auch die Psychotherapie erfasst hat. Interessierte Freud vor allem die Frage, warum Menschen neurotisch werden, so beschäftigt die moderne Traumaforschung, was Opfer erlittener Katastrophen wieder gesunden lässt. Der Fokus liegt auf dem Gesunden, auf den individuellen Ressourcen und Kraftquellen – nicht auf dem erlittenen Leid. Die dahinterliegende Idee ist so einfach wie brillant. Osho hat das so ausgedrückt: „Alles, worauf du deine Aufmerksamkeit richtest, wird stärker.“ Und weil Aufmerksamkeit wie Dünger ist, gibt es wohl nichts Ungesünderes als sich – und sei es auch in nicht enden wollenden Therapien – ständig neu auf das eigene Leiden zu fokussieren.
Es kann hier nicht darum gehen, das eine gegen das andere auszuspielen. Auch die Erkenntnis, wie wichtig und tragend die eigenen Ressourcen sind, kann einem die Auseinandersetzung mit eigenen Verletzungen und Neurosen nicht ersparen. Beides gehört zusammen. Nur wer seine eigenen Neins kennt, wird zu einem echten Ja finden.
Es geht also nicht um positive thinking, um ein Sich-die-Welt-Schöndenken. Das Ja hat nur Kraft, wenn es auch die Leiden anerkennt. Schließlich werden auch sie immer Teil des Lebens sein.
Wo liegen meine Kraftquellen?
In meinem Leben war ich mehr als einmal in Situationen, die mir aufgrund von schwerer Krankheit aussichtslos erschienen. In solchen Grenzerfahrungen wollte ich keine Menschen um mich haben, die mich mit Wohlfühl-Ratschlägen nervten. Eine wirkliche Hilfe waren aber solche, die mein Augenmerk auf Ressourcen und Kraftquellen lenkten.
„Gibt es noch irgend etwas, was du auch jetzt nicht schrecklich findest – vielleicht sogar magst?“, fragte mich meine Schwester in solchen Zeiten. Und tatsächlich, so etwas gab es immer. Zumindest Spazierengehen und die Freunde treffen, die mir nicht das Gefühl gaben, dass ich alles falsch mache – das waren zwei helle Dinge, wie Lichter in der Finsternis.
„Dann mach daraus ein Programm; gib diesen Dingen einen Platz in deinem Alltag!“ Der Rat meiner Schwester war ungeheuer hilfreich. Er lehrte mich unterscheiden: Es ist nicht alles gleich grau – es gibt noch Schattierungen – es gibt auch jetzt noch Quellen, die Kraft geben. Auch wenn die Quellen nicht gerade sprudelten, sondern eher kleine Rinnsale waren, sie machten mir Mut, um ein Ja zum Leben zu ringen, statt aufzugeben. In diesen Krisen habe ich erfahren, dass der Weg zum Ja eben kein Schönwetterprogramm ist.
Es lohnt sich
Solange ein Mensch lebt, und sei er noch so krank, gibt es in ihm auch gesunde Anteile. Das ist eine der wichtigen Einsichten der Salutogenese nach Aaron Antonovsky. Manchmal braucht es Menschenfreunde, die das einem Verzweifelten wieder nahebringen. Die ihn mit Urteilen und Küchenpsychologie verschonen und stattdessen den Buddha in ihm sehen. Leiden kann ein Sog sein, der immer tiefer in das Nein hineinzieht. Dagegen hilft nur, das Ja zu hegen und zu pflegen - und sei es auch nur ein zerbrechliches Pflänzchen. Die Pflege beginnt für mich immer wieder neu mit der Frage: Wofür habe ich ein Ja?
Osho hat diese einfache Frage in mein Leben gebracht. Er hat mir gezeigt, dass es neben den opportunistischen auch die existenziellen Ja-Sager gibt. Wenn ich Osho höre, fühle ich mich ermutigt, den Weg zum Ja immer wieder neu zu suchen und zu gehen. Und so viel weiß ich inzwischen: Es lohnt sich!
ishu&oshotimes.de
