Kunst
Marmorskulpturen
von Agnideva
Ein Winter auf einer griechischen Insel hat seine besonderen Qualitäten. So turbulent es hier im Sommer zugeht, so einsam ist es im Winter. Die Stille ist so intensiv, dass man sie fast hören kann. Wenn man durch die engen Gassen der Altstadt geht, hallen die eigenen Schritte. Dann die kurze Schrecksekunde, wenn dann unvermutet jemand um die Ecke biegt. Ja, es gibt hier auch im Winter Menschen, aber man sieht sie nicht oder nur selten, und wenn, dann eingemummelt und zielstrebig irgendwohin unterwegs. Niemand geht „einfach so“ herumspazieren – außer einigen wenigen Inselromantikern wie ich, der die leeren Strände, die Hafenpromenade mit den vielen Bänken genießt, auf denen niemand sitzt und sich über den kalten Wind und die Sonne freut – die an manchen Tagen so warm ist, dass man die Winterjacke auszieht, die Augen schließt und vom Sommer träumt. In Hafennähe, auf einer Länge von fast 50 Metern, liegen große Marmorbrocken, aufgeschichtet zu einem Schutzwall gegen das offene Meer. Man kann darauf entlanggehen, tanzen ... Einer der Brocken ist besonders schön. Mit den Augen verfolge ich die Linien im Gestein und bin unwillkürlich in Resonanz. Ich hätte Lust, ihn gleich mitzunehmen. Leider ist er zu groß. Seit elf Jahren wohne ich hier. Mein Leben ist einfach, mein Freundeskreis klein. Am liebsten bin ich draußen in der Natur. Naxos ist voller Magie, felsig, zerklüftet, wild. Der Geist der Jahrtausende ist spürbar, weht den Besucher an.
Das Arbeiten mit Marmor bietet sich an, denn die Insel besteht geologisch aus fast nichts anderem. Es macht mir Freude, dieses harte spröde kalte Gestein in etwas Lebendiges, Lichtes und Klares zurückzuverwandeln ... und mich dabei auf das zu besinnen, was Marmor eigentlich ist: nämlich über einen langen Zeitraum durch Druck und Hitze im Erdinnern kristallisiertes Muschelsediment – also organischen Ursprungs!
Reinweißer Marmor inspiriert mich nicht. Ich liebe gerade die Unreinheiten, die Einlagerungen fremden Gesteins, die Linien und Verwischungen, denn erst die machen den Stein für mich interessant und beflügeln meine Fantasie.
Manchmal finde ich einen Brocken rohen Marmors, dessen Struktur oder Schichtung mich neugierig macht. Dann weiß ich überhaupt noch nicht, was daraus werden soll: Alles ist offen, alles ist möglich. Ich freue mich und fühle mich beschenkt.
Was dem Beginn meiner Arbeit am Stein vorausgeht und sie von da an bis zum fertigen Objekt begleitet, ist Meditation. Den Weg dorthin hat mir Osho vor vielen Jahren gezeigt.
Diese Zeit hat mein Leben geprägt. Ich kam 1989 nach Pune und fand mich inmitten einer Explosion einer solcher Lebendigkeit und Kreativität, dass es mich traf wie ein Schock. Ich erkannte, dass mein Verstand, der immer für alles eine Erklärung suchte, mir komplett im Weg stand, bei dem Versuch selber mal Spontaneität und Lebensfreude zuzulassen. Hier lernte ich erstmals zu entspannen
und mich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen. Türen öffneten sich, und für die folgenden zehn Jahre wurde der Ashram in Pune zum regelmäßigen Anlaufpunkt meiner Reisen.
Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, was Meditation ist bzw. was ich da eigentlich mache, wenn ich meditiere. Und das in wenige Worte zu fassen, ist für mich schwer. Meine Arbeit mit Marmor z. B. ist Meditation.
In der Meditation finde ich Freiheit. Ich bewege mich mit dem, was strömt, innen wie außen. Je klarer und leerer der Raum in meinem Innern, desto feiner meine Wahrnehmung, desto sicherer meine Intuition, desto unverfälschter mein Tun und Denken. Dann kann ich das in Kunst umsetzen – mühelos, freudig, ohne inneren Zwang und ohne jede Eile.
Die Uneinheitlichkeit und Unreinheit des Materials, von dem ich ausgehe, weisen bereits den Weg zur Form: klare Linien, viel Licht, Beschränkung aufs Wesentliche. Für meine Arbeitsweise bedeutet das: immer so einfach wie möglich bleiben, ja, nichts hinzufügen, immer nur wegnehmen, von allem Überflüssigen befreien. Im Ergebnis rückt das vermeintlich Unreine in einen neuen Zusammenhang: Es tritt hervor und offenbart sich in seiner ursprünglichen Schönheit.
Die Wahrnehmung durch das Auge bleibt unvollständig: Meine Steine wollen angefasst werden – man muss sie mit den Fingern betasten, sie spüren, und mit dem Licht spielen ...
joachimlang&hotmail.com




