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Magie der Leere und Transparenz des Raumes

Fotografien von Govind (Günter Nitschke)

In vieler Hinsicht ähnelt der traditionelle japanische Garten dem europäischen. Was mich persönlich aber bis heute noch an gewissen japanischen Gärten fasziniert – und ich lebe seit 1962 mehr oder minder in Japan – sind hauptsächlich zwei Aspekte: Magie der Leere und Transparenz des Raumes. Beides sind Phänomene, die man mit Sprache kaum beschreiben kann und die sich fotografisch schwer vermitteln lassen.

Man muss ja solide Objekte fotografieren, um eine Leere "sichtbar" zu machen, und konkrete Grenzen zwischen Innen und Außen visuell einfangen, um deren gegenseitiges Ineinderfließen und Durchdringen auszudrücken. In der Musik kann man zwei gegensätzliche Dinge simultan antönen lassen. In der Fotografie, eine Kunstform des Raumes, habe ich dies durch Doppelbelichtungen getan.

Der Steingarten von Ryoanji, ein Zen-Tempel in Kyoto aus dem 15. Jahrhundert, macht uns – ob im Frühlingsgewand oder in tiefem Schnee (S. 24) – eine Leere direkt erfahrbar. Ein leeres weißes Blatt Papier tut dies nicht. Erst ein ästhetisch höchst raffiniertes Setzen von Steinobjekten in den Garten-Raum und eine Abgrenzung desselben von der Natur, außen durch eine rechtwinklige Einfriedung, bringt diesen Eindruck zustande.

Es sind somit Objekte notwendig, um Leere zu zeigen, so wie Materie erforderlich ist, um Licht zu sehen, und ein Körper, um sich des Bewusstseins bewusst zu werden. Die einmalige Komposition hat den Steingarten von Ryoanji zu einem Paradigma im modernen Gartenbau gemacht, das in den letzten Jahrzehnten weltweit Tausende von Nachahmungen inspiriert hat. Eine Veranda um den Bau, tief ausladende Dächer, diaphane Papierschiebetüren and hängende Schilfmatten erreichen, dass man im traditionellen japanischen Haus oder Tempel mit Garten wirklich nie eindeutig klar innen im Bau oder außen im Garten ist, sondern sinnlich immer gleichzeitig in beidem zugleich.

Das traditionelle japanische Haus ist transparent. Die Grenzen von Natürlichem und Menschlichem, von dir und mir verschwimmen. Die gezeigten Gärten sind keine Meditationsgärten. Es ist sicher kein Zufall, dass die meisten davon in Zen-Tempeln angelegt worden waren; sie sind aber nie zu Zazen benutzt worden. Ja, nicht durch deren bloße Betrachtung erwartet man eine Steigerung menschlichen Bewusstseins, sondern auch durch deren Wartung und sorgfältige Pflege mit dem ganzen Körper – Ordnung und Schönheit außen, im Garten, und somit auch innen, im menschlichen Herzen.

Dass diese Gärten heute weitgehend als „Meditationgärten“ bekannt sind, ist ein Missverständnis, das sich auf westliche Zen-Schreiber von der Mitte des 20. Jahrhunderts und nicht auf Zen-Meister zurückführen lässt. Es wäre auch absurd, sich derartig attraktive Gärten auszudenken und zu bauen, um sich dann davorzusetzen und die Augen zu schließen.

Ich gehöre sicher zu den unzählbaren lebenden Wesen im letzten Jahrhundert, die nicht nur das Glück hatten, als Mensch mit allen Sinnen intakt, sondern auch noch zu Lebzeiten Oshos geboren worden zu sein. Und darüber hinaus hatte ich das noch größere Glück, – vielleicht nach einundzwanzig Jahren Suche in Europa und Asien – Osho 1974 selbst zu sehen und ihm mein Herz als Sannyasin zu öffnen. Was damals mit mir passierte, ist in einem von meinen Büchern, The Silent Orgasm (Taschen, 1995), in fast zu intimem Detail festgehalten worden. Ich glaube jedoch heute, dass das darin Gesagte nur von beschränktem Werte für andere ist, da es sicher genauso viele "Wege" oder Religionen zu geben scheint wie Menschen selbst.

Osho taufte mich 1974 mit dem Namen Anand Govind, was soviel wie "Blessed Cowherd" bedeutet, was in Ma Anand Meera, die neben mir saß, einen Lachkrampf auslöste, da sie Cow Head (Kuhkopf) verstanden hatte. Diese lachhafte Rolle als ein gesegneter Kuhhirte habe ich von da an bewusst praktiziert, erst für zwanzig Jahre in den USA in Princeton, am MIT und UCLA, bis heute an der Kyoto Seika University, und jedes Mal, wenn ich Osho fragte, ob ich nun in Poona bleiben sollte und könnte, schickte er mich immer wieder zurück zum Unterrichten, da er dort eine Art von "psychedelic mushroom" züchten wollte. Was aus diesen "psychedelic mushrooms" geworden ist, das ist in unserer Webseite einzusehen:
www.east-asia-architecture.org

 

ZenHerz und ZenKreis

Kalligraphien von Govind

ZenHerz

Als Europäer und erwachsener Mensch Sho-Do, den Weg des Malens mit einem japanischen Meister zu gehen, kann einen zur letzten Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bringen, aber auch in äußerste Ekstase oder absolute Stille versetzen. Ich bin auf diesem Wege sieben Jahre lang in Tokyo und Kyoto herumgestolpert.

In der westlichen Hemisphäre gibt es zum Zen-Weg des Malens bis heute noch keine Anleitung oder Buch dazu in einer westlichen Sprache. Der Sprung in die Freuden und Leiden der Kalligraphie haben mich jedoch auf meinen späteren Sprung ins Sannyas vorbereitet. Das war 1974.

Als ich mit 28 Jahren nach Japan zog, faszinierte mich diese so genannte Zen-Kunst oder Meditation durch Malen von Anfang an. Ich rannte auf jede Ausstellung, die irgendwo zu finden war, und blätterte durch Tausende von alten Dokumenten und japanischen Kalligraphie-Vorlagen. Ich konnte ja kein einziges Zeichen davon lesen oder aussprechen. Ich musste also eine Methode erfinden, in diese Welt hineinzukommen. Und dies wurden für mich Geduld und Ausdauer. Als ich nämlich auf der Ginza eine Ausstellung in Tokyo von einem Meister namens Suzuki Kou besuchte und mir aber auch jedes ausgestellte Blatt eine Gänsehaut bescherte, entschloss ich mich, jeden Tag von morgens bis abends dort einfach in der Gallerie herumzuhängen.

Wie alle Kalligraphie-Ausstellungen war auch diese schlecht besucht, so dass oft nur zwei Personen dort saßen, stundenlang, tagelang: der Meister und ich. Und man bot mir Tee an, viel, viel Tee. Wir sprachen nie miteinander. So entwickelte sich in mir langsam eine vollkommen neue und ungeahnte menschliche Beziehung, besonders als dieser Mensch, damals vielleicht 72 Jahre alt, sich anbot, mir diese quasi Zenkunst beizubringen, ohne selber Zen-Mönch zu sein. Am Anfang führte er mir oft von hinten über die Schulter den Pinsel in meiner Hand und brachte mir physisch bei, diesen über das hauchfeine Reispapier tanzen zu lassen; wenn ich nicht ganz bei der Sache war, stieß er mir ab und zu noch mit seinem Knie in den Rücken. Letzteres Verhalten gehört vielleicht zu den so genannten Geheim-Überlieferungen auf den Wegen des Zen.

Für europäische Augen ist es besonders schwierig, den Schritt nachzuvollziehen vom Sehen und Malen von positiver Form, d.h. den Charakteren, übers Sehen und Setzen von Leerstellen, zum endgültigen simultanen Bewusstsein und Kreieren beider.

Der Zen-Weg des Malens

Nach jahrelangem Nachahmen und Wiederholen stieg in mir ein Gefühl auf, dass mein Meister anscheinend überhaupt kein Interesse daran hatte, mir Kalligraphie beizubringen. Dass er nicht an meiner Kalligraphie, sondern an mir als Menschen interessiert war, mir vielleicht etwas Mysteriöses mitteilen, ja im wahrsten Sinne des Wortes mit-teilen oder schenken wollte, mir dies aber weder direkt sagen noch einfach geben konnte, das konnte ich fühlen. Und so ging es eben weiter unter seinen Augen und in seinen Händen auf einem Wege, wo selbst das Malen einer japanischen "Eins", das heißt, eines einzigen ganz normalen horizontalen Strichs, als unlösbares Koan oder als nicht zu bewältigende Lebensaufgabe erscheinen kann.

Nach sieben Jahren setzte er all dieser "Sonntags-Malerei" ein plötzliches Ende und verlangte von mir, eine sehr große (große, weil ich einen großen Körper hätte!) Kalligraphie in einen Wettbewerb mit Ausstellung einzureichen, welche damals einmal jährlich im Tokyoer National Museum für die besten Kalligraphen des Landes abgehalten wurde. Ich war zu der Zeit Student und sehr arm und konnte mir so eine Vollzeitbeschäftigung einfach nicht leisten, obwohl ich bis zur Abgabe sechs Monate Zeit hatte. Ich lehnte ab.

Aber der Meister akzeptierte keine Ablehnung von mir und verführte mich wieder und wieder doch dranzubleiben und es doch noch einmal zu versuchen. Ich tat es. Aber mit jedem neuen Versuch wurde meine Kalligraphie nur schlechter. Man muss wissen, dass, während die eigentliche Kalligraphie nur einige Sekunden dauert, die Aufbereitung der Tinte aus Tintensteinen für ein einziges zwei Meter großes Blatt vielleicht ein bis zwei Stunden dauern kann. Und danach kocht man innerlich vor Erwartung und Spannung! Ich habe keine Worte zu beschreiben, was für Qualen und welchen Stress ich mir dabei selber bereitet habe.

Nach meiner endgültigen letzten, ja allerletzten Aufgabe dieser siebenjährigen langen Besessenheit lag da noch ein etwas zerknitterter großer Bogen, schon voll von Spritzern. Mit einem Jauchzer mischte ich einfach einen Kübel Wasser in den letzten Rest der Tinte, und dann "tanzte" ich auf allen Vieren auf dem Tatamiboden mit meinem Pinsel über das Blatt zu einem allerletzten "Werk" in meiner Karriere als Kalligraph; und dieses war nicht bestimmt für die Augen eines Meisters, nicht für eine Ausstellung und nicht für einen Preis, oder gar gedacht als mein hehrer Beitrag zur 4000-jährigen Geschichte der chinesischen Kalligraphie. Ja, es war nicht einmal für mich selber bestimmt, sondern für niemanden, nur so aus Jux oder als letzter Tango. Ich war bei diesem Tanz vollkommen bewusst und da, aber doch gleichzeitig auch vollkommen entspannt. Ich hatte ein Gefühl, ich sei vollkommen präsent in meinem Körper, aber zum ersten Male beim Kalligraphieren mir selber nicht mehr im Wege. Auch stieg von irgendwoher innen in mir so etwas wie eine tiefe Freude und Stille herauf, eine Art Silent Orgasm. Das war’s.

Sofort danach war ich vollkommen überrumpelt vom Resultat. So etwas hätte ich auch in meinen wildesten Träumen nicht erwartet. Diese Kalligraphie war das schönste Ding, das je aus mir herausgekommen ist, und zwar in einem Moment, wo ich eigentlich "nicht da" war.

So, dieses "Erlebnis" war es also, was mir der Meister seit sieben Jahren hatte schenken wollen. Und um dieses Erlebnisses willen, das mich für immer von meiner Besessenheit von der Kalligraphie und – was für mich noch erstaunlicher war – vom Meister selber befreite, hatte ich an die 2000 komplexe Zeichen schreiben lernen müssen. Wahnsinn!

Der letzte Gutachter

Natürlich benahm sich mein Meister bei unserem ersten Treffen nach diesem Happening auch jetzt noch meisterhaft. Als ich ihm mein Produkt, eine zwei Meter lange, fein aufgerolle Kalligraphie, zum Anschauen und Beurteilen anbot, rollte er sie für circa zehn Zentimeter auf und schloss die Rolle wieder. Er hat mein "Kunstwerk" nicht einmal eines einzigen Blickes gewürdigt! Aber mit unwahrscheinlichen Augen sah er mich an und sagte so etwas wie: "Ich wusste doch, dass es passieren wird."

Er hat sich nicht meine Kalligraphie angeschaut, aber sicher beobachtet, wie ich diesen Abend durch den Türrahmen in sein Zimmer gewandelt kam. Vorher muss ich anscheinend immer gekrochen sein. Ich habe sogar einen Preis auf der Ausstellung bekommen, bin aber nie hingegangen, habe auch den Meister nie mehr aufgesucht oder mit ihm korrespondiert. Der Kreis hatte sich geschlossen. Da war nichts mehr hinzuzufügen oder wegzunehmen.

Es ist ja letzten Endes auch keine große Sache, die ich da geleistet habe. Niemand auf der Welt wird dir auch nur einen Pfennig dafür anbieten. Aber wenn man einmal ein solches durch Kalligraphie induziertes Mini-Satori durchlebt hat, bekommt man als ein sehr kostbares und sehr seltenes Geschenk eine Art drittes Auge, das neben anderem spontan und intuitiv erkennen kann, nicht nur welche eigene, sondern auch welche Kalligraphie von anderen mit Zen Herz gemalt wurde und welche nicht. Zweitens hat man keinen Bedarf oder Verlangen mehr nach einer Bestätigung oder einem Gutachten von einem Meister. Alle Dualität ist aufgehoben. Der letzte Gutachter wurde in einem selbst geboren, im eigenen Herz. Die nächsten sieben Jahre über habe ich alle meine Pinsel beiseite gelegt und vergessen.

Plötzlich, in der Mitte der 70er Jahre, trieb mich eines Tages in Pune etwas dazu, einen Brief an Osho mit einer Kalligraphie des sino-japanischen Zeichens für Herz zu dekorieren, was letztlich dazu führte, dass ich eine Kalligraphie-Gruppe in Pune leiten sollte. Dieses Zeichen für Herz, sicher eines der kompositionell gesehen schwierigsten im ganzen Arsenal der offiziell heute noch täglich gebrauchten 2000 Ideogramme, hatte von Anfang an eine mysteriöse Anziehungskraft und Botschaft für mich, die ich nie vergessen werde.

Wenn wir in westlichen Sprachen von Erleuchtung oder enlightenment sprechen, werden wir unbewusst von der Wurzel dieses Wortes her zu der Annahme verführt, dass das Phänomen einer so genannten menschlichen Erleuchtung etwas mit Licht zu tun haben müsse. Licht ist hingegen ein ganz normales physisches Phänomen, so etwa wie Eisen oder Wasser, und damit ebenso heilig oder unheilig wie Eisen oder Wasser und auch nicht transzendentaler. Außerdem gab es im Universum am Anfang gar kein Licht.

Die Erwartung, dass Licht etwas mit Erleuchtung zu tun habe, scheint mir auf einer europäischen Kulturhypnose, einer Wunschvorstellung, nicht auf Erfahrung zu beruhen und damit seit Jahrtausenden die geistige Entwicklung in Europa stagniert zu haben. Das sino-japanische Ideogramm für Erleuchtung, oder Satori, enthält hingegen nirgendwo ein Zeichen für Licht; sein Hauptbestandteil ist vielmehr das Zeichen für Herz. Schon rein vom Bilde des Zeichens her kann man beim Sprechen oder Denken über die Erleuchtung nicht von der Implikation des Herzens absehen. Nirgends in der Sprache oder der Schrift in Ostasien – selbst nicht einmal in den berühmten "Songs of Enlightenment" – wird je nach einem Satori direkt oder indirekt auf ein Lichtphänomen hingewiesen. Eine Phrase wie "Er wurde erleuchtet" erscheint in Japanisch als satori wo hiraita, direkt übersetzt als „Sein Herz hat sich geöffnet“. Dennoch ist dies bis jetzt ohne Ausnahme in allen mir bekannten westlichen Sprachen mit "Er wurde erleuchtet" übersetzt worden.

Auch meiner eigenen Erfahrung nach wäre es – um keine falschen Erwartungen zu erzeugen – angemessener, diese uralte ostasiatische Sicht zu übernehmen und bei der höchstmöglichen menschlichen Selbsterkenntnis von einer "Er-herzung" oder "en-heartening", und nicht einer "Er-lichtung", "Erleuchtung" oder "enlightenment" zu sprechen. Damit hörten wir wenigstens endlich im Westen auf, die Erleuchtung in der falschen Richtung zu suchen und auch zu propagieren.  

ZenKreis

Und nun zum Zirkel oder Kreis, sicher dem zweitschwierigsten Zeichen, weil er rund zu sein hat, aber wenn er mit der bloßen Hand gezogen wird, nie vollkommen rund sein kann. Es stimmt, einige Zen Meister haben solche Kreise hinterlassen, und auch schon einiges dazu gesagt. Seitdem ich mich von meinem Kalligraphie-Meister gelöst habe, habe ich mir eigentlich nur noch das Recht eingeräumt, nicht mehr als zwei Zeichen zu malen, nämlich das Zeichen für Kreis und das für Herz, obwohl es ja noch „5998“ andere wunderschöne Zeichen gibt. Und es macht mir immer noch Freude, immer neue Versionen davon zu erzeugen.Aber erst vor zwei Jahren wurde mir plötzlich klar, worum es beim Malen eines einfachen Kreises eigentlich geht, obwohl ja viel darüber in der Geschichte gerätselt worden ist.

Auf einer Ausstellung eines japanischen Kalligraphen in Kyoto, wo mir aber auch jedes Bild spontan ans Herz ging, hing auch das unvergessliche Bild eines Kreises, nicht genau rund, aber doch viel runder als alle Kreise, die je von Menschen handgemalt worden sind: der Urtyp eines Zirkels. Der Maler saß daneben. Wir kamen ins Gespräch – es waren sehr wenig Besucher anwesend, wie immer auf solchen Ausstellungen – und ich erzählte ihm, dass ich auch oft Kreise male. Und dann wollte ich es pötzlich wissen: Ist er nur ein technisch unvergleichlich geschickter Kalligraph oder steckt eine wirkliche Er-herzung dahinter. Ich sagte ihm ganz keck, dass sein Kreis falsch, ja, falsch sei, da er von rechts nach links gezogen war und nicht von links nach rechts, wie ich meine Kreise malen würde und es von alten Meistern gelernt hätte. Mit seiner Antwort müsste eigentlich, so meinte ich, die Wahrheit herauskommen, in welcher Form, konnte ich nicht ahnen.

Er schaute erst mich, dann seinen Kreis ernsthaft an und brach dann plötzlich in ein röhrendes Lachen aus, aus dem Bauch heraus, umarmte mich und sagte, nein, nicht sein Kreis, sondern mein Kreis sei falsch rum gemalt. In anderen Worten, alle Kreise sind falsch oder richtig rum gemalt, ganz egal, ob von oben nach unten, unten nach oben, rechts nach links etc. Für mich hat dieses belly-laughter für immer dieses jahrhundertealte Enigma und Koan des ZenKreises gelöst.

In Wirklichkeit ist ja eine Kalligraphie auch nicht mehr als ein bisschen schwarze Tinte, die doch ziemlich arbiträr übers Papier verschmiert worden ist. Was kann dabei schon falsch oder richtig, schön oder hässlich sein? Am Ende fragt man sich, kann man in der Kalligraphie überhaupt etwas falsch machen? Kann man im Leben schlechthin etwas falsch machen? Vielleicht steht das dem Menschen einfach nicht zu.

Für künftige westliche Kalligraphie-Schüler sei somit summarisch festgehalten: Diese alten Zen-Wege haben es in sich. So muss man auf dem Weg des Malens erlernen, wie man 2000 bis 6000 antike chinesische Ideogramme in hundert verschiedenen Stilen aus 4000 Jahren Geschichte gemalt hat und zu malen hat, um vielleicht irgendwann einmal festzustellen zu müssen, dass man auch nicht ein einziges dieser Zeichen davon falsch malen kann.

Entweder träumt man, dann ist jede Kalligraphie schwach oder hässlich, oder man ist da und wach, dann ist auch ein Spritzer schon elegant. Und wie kommt man zu dieser Einsicht und diesem Können? Es scheint keine Short-cuts zu geben. Ich kenne letzten Endes nur den orthodoxen Weg, den ich selber gegangen bin und hier angedeutet habe. Ich habe den Verdacht, dass es sicher so viele Zen-Wege wie es menschliche Herzen auf dieser Erde gibt.

VITA
Günter Nitschke (Govind), geb. 1934 in Berlin, studierte Architektur an der TH Karlsruhe, Städtebau an der Londoner Polytechnic und klassisches und modernes Japanisch an der Takushoku Universität in Tokyo. 1961 wurde er Mitglied des Royal Town Planning Institutes, London. Nach 18 Jahren Lehrtätigkeit am MIT unterrichtet er seit 1987 an der Kyoto Seika Universität. Zurzeit ist er Direktor des Institutes für Ostasiatische Architektur und Städtebau in Kyoto. 1998 erhielt Nitschke für sein Projekt The Floating Bridges of Dreams einen Ersten Preis im internationalen Städtebau-Wettbewerb für das zukünftige Image der Stadt Kyoto im 21. Jahrhundert. Für eine Zen Interpretation des Kreises wären Osho’s: Auf der Suche, Osho Verlag, oder mein Buch The Silent Orgasm, Taschen Verlag, 1995, S. 56ff. lesenswert. Fragen und Bestellungen von japanischen Kalligraphien zu richten an den Author: Günter Nitschke,
www.east-asia-architecture.org

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