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Stark und zerbrechlich
Glaskunst von Hansa
"Ich bin ein visueller Mensch: Mein ganzes Leben lang schon nehme ich
die Welt in Bildern wahr. Will ich z.B. mit dem Auto irgendwo hinfahren,
kommen mir nicht zuerst die Straßennamen in den Sinn, sondern die
Landschaftsmerkmale des Zielortes. An diese Bilder erinnere ich mich dann
mein ganzes Leben lang – in meinem Kopf existiert sozusagen ein Nachschlage-Bilderbuch,
das ich nur öffnen muss.
Meine Schulhefte leuchteten voll saftiger Farbigkeit. Auf jeden
leeren Fleck zeichnete ich etwas, verwendete knallige Rot- und Gelbtöne,
das ganze Kaleidoskop an Regenbogenfarben. Als Legastheniker halfen mir
Bilder, mich in der Welt zurechtzufinden. Instinktiv traute ich dem,
was ich sah; wusste ich doch, dass ich es jederzeit in meiner Erinnerung
wachrufen kann.
Meine Eltern waren beide sehr kreativ und füllten meine Kindheit
mit schönen Dingen. Meine Mutter nähte unsere ganze Kleidung selbst und
ich half ihr, indem ich das Nähmaschinenrad drehte. Sie buk köstliche
Kuchen in den unglaublichsten Formen: Ritterburgen, Blumen – es war einfach
magisch, wie sie aus dem Nichts heraus all diese Dinge herstellte. Als
sie älter wurde, begann sie verschiedene Kunstobjekte aus Porzellan und
Glas mit Ölfarbe zu bemalen. Ihre Begeisterung übertrug sich auf mich
und ich begann mit den Materialien zu spielen. Ich lese nicht gerne Anleitungsbücher,
sondern lege einfach los und finde alles selbst für mich heraus. Erst
dann kehre ich zum Buch zurück und lese nach, was ich eigentlich vorher
hätte lernen sollen. So erlebe ich Neues. Das kann einen natürlich in
Teufels Küche bringen und alles kann schief gehen, aber es ist nicht
lebensbedrohlich. In den Siebzigern lebte ich in einer Künstlerkolonie
mit anderen Künstlern und Handwerksleuten, von denen ich lernte, und
so begann sich mein künstlerisches Potenzial zu entfalten. Aber vor allem
mein Zusammensein mit Osho machte mir deutlich, was man durch Vertrauen
alles erreichen kann.
Für mich ist ein Traum wahr geworden: Ich arbeite im eigenen Haus,
liebe, was ich tue, und kann davon leben. Die Leute kommen auf dem Markt
zu mir und erzählen, wie viel Freude ihnen meine Sachen bereiten.
Ich glaube, die Farbe macht Glas sehr attraktiv. Glas ist eines
der wenigen Materialien, auf dem die Leute Farbe wertschätzen. Es ist
gleichzeitig stark und zerbrechlich – wie so viele Dinge im Leben. Bei
der Herstellung bewege ich es zwischen Extremen, von der Kälte bis zu
580° Celsius Hitze und wieder zurück. Wenn das Glas mich lässt. Manchmal
erlaubt es das nicht, und auch das ist okay. So wie im Leben ist auch
in meiner Kunst das Loslassen ein wichtiger Aspekt des Entstehungsvorgangs.
Sobald ich versuche etwas beizubehalten oder zu kontrollieren, funktioniert
es nicht. Jedes Stück, das ich herstelle, ist einzigartig. Beim Glas
und mit den Glasuren muss ich mich aus dem Entstehungsprozess heraushalten,
darf einfach nur zulassen, dass alles von sich aus passiert. Wenn ich
mein Studio betrete, muss ich – wie Osho sagen würde – meinen Kopf draußen
vor der Tür lassen.
Sobald man zwei Farben mischt, zeigt sich ein drittes Element –
wie im Leben: Zwei Menschen verbinden sich und aus der Zusammensetzung
ergibt sich ein drittes Element, die Beziehung. Mit jeder Farbmischung
entsteht so ein neues drittes Element, erzeugt man etwas, was vorher
noch nie dagewesen ist. Ich liebe dieses Unbekannte.
Manche meiner ornamentalen Stücke werden von Ikebana-Liebhabern
als Vasen genutzt. Ich liebe es einfach, mit Formen zu spielen, doch
für andere haben sie einen sehr tiefen, symbolischen Wert. Ich beginne
mit einer vorgeformten Glasvase und verwende diese als Hintergrund für
meine Kunst. Die Innenseite der Arbeit glasiere ich per Hand mit speziellen
Glasuren und brenne sie dann bei 580° Celsius ca. dreizehn Stunden im
Brennofen. Das wiederholt sich mit jeder neuen Farbe – im Durchschnitt
um die zwei- bis dreimal. Zum Schluss verwende ich 22karätiges Gold,
um den Zauber abzurunden.
Oft fragen mich Leute, wie lange die Ausbildung meines Fachkönnens
gedauert habe, und ich antworte dann 25 Jahre. Was ich in den Siebzigern
getan habe, kommt jetzt zum Vorschein. Kreativität ist keine vom Ganzen
isolierte Einzelerscheinung.
Das Schaffen ist ein sehr emotionaler Vorgang für mich. Manchmal
wird mir alles zu intensiv und ich muss aus der Werkstatt laufen.
Als kleiner Junge spielte ich oft draußen in der Natur, und wenn mir
das Leben zu viel wurde – all diese Freude, das Glück, die Aufregung
– lief ich ins Haus zu meiner Mutter und drückte sie ganz fest an mich.
Und dann ging es wieder nach draußen zum Spielen. Jetzt habe ich in mir
drinnen Osho zum Umarmen. Sehr oft höre ich ein Osho-Tape, bevor ich
ins Studio gehe, einfach um mich daran zu erinnern, was wirklich wesentlich
ist. Und das macht es möglich, dass ich Zeit habe für das „Nicht-Tun“
und in Ruhe das „Wachsen des Glases“ zu beobachten."
Hansa lebt und arbeitet südlich von Sydney an der Küste in einem
kleinen 130 Jahre alten Haus, das mitten in einem von sanften Hügeln
umgebenen Dorf liegt.





