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Tanz des Pinsels

Malerei von Nartan

Wie soll ich in Worten zum Ausdruck bringen, was ich beim Malen zum Ausdruck bringe? Ich weiß nicht, wie anfangen … doch halt. Da fällt mir eine kleine Begebenheit ein, die für mich eigentlich alles sagt …
Es war irgendwann in der Vergangenheit, in den Bergen Italiens, wo ich eine Zeit lang mit Malen verbrachte. Auf meinen Spaziergängen frühmorgens war ich auf einen uralten Baum gestoßen, zu dem es mich immer wieder hinzog. Ich erkundigte mich: Es hieß, er sei ungefähr dreihundert Jahre alt. Ich machte jedes Mal Halt bei ihm, setzte mich auf seine Wurzeln – noch im Dunkeln, vor Anbruch der Morgendämmerung. Der Schatten seiner gigantischen Gestalt – er selbst war noch unsichtbar – nahm allmählich Form an … Er war wie ein riesiger, geisterhafter Elefant, der an den Sternen vorbeizog … und allmählich, je heller es wurde und meine Augen besser sehen konnten, mehr das Ganze überschauen konnten, verwandelte er sich in eine Mutter. Erst nach und nach kamen die Farben hinzu, und schließlich die Sonne.
Wir verbrachten wunderschöne Augenblicke zusammen, zu jeder Jahreszeit. Ich malte ihn im Sommer, wenn ich mich in seinem Schatten wohlfühlte … in den ersten zarten Grüns des Frühlings … in den orangenen Sonnenuntergängen des Herbstes … im weißen, bläulichen Schnee des Winters. Es war so entspannend, einfach nur bei ihm zu sitzen, seine Stärke zu spüren … absichtslos, ohne etwas zu wollen. Selbst wenn es so aussah, als gäbe es da nicht viel zu malen im Schnee, außer ein paar herausragenden Felsbrocken, hier und da.
Später besuchte ich Italien einmal wieder und wollte unbedingt „meinen Baum“ wiedersehen. Ein enormes Feuer hatte ihn vernichtet! Der Baum war einfach weg …
Meine Augen konnten sich irgendwie nicht damit abfinden, ihn nicht mehr wie damals im Sonnenschein zu sehen. An seiner Stelle waren jetzt viele kleine Bäume nachgewachsen, umgeben von viel Leere und Freiheit. Auf allen Seiten ein offenes Mysterium. Am nächsten Morgen ging ich aus purer Gewohnheit dort wieder spazieren, vor Tagesanbruch, mit dem undeutlichen Gefühl, eine Reise anzutreten. Als ich mich an meinem alten Platz hinsetzte, auf die Dämmerung wartend, ringsum alles dunkel, tauchten plötzlich die alten Formen wieder auf, vermischten sich miteinander, und all die Farben waren wieder da, aus dem Leben im Tod … und ich malte und malte. Mein Pinsel tanzte wie von selbst, rührte ans Mysterium … an all unsere gemeinsamen Augenblicke … jetzt fiel alles an seinen Platz – doch seltsam, ein einziger Windstoß, und alle Blätter flogen im Wind davon. Was blieb, war die Stille, die zwischen uns gewesen war.

Mir kommt es so vor, als dass es mir gar nicht so sehr daran lag, all das Schöne, die schönen Augenblicke zum Ausdruck zu bringen … oder auch die Wunden der Menschheit. Was mich immer viel mehr fasziniert hat, war dies: Teil jenes Mysteriums zu sein. Schon als Kind sah ich mich vor diese Frage gestellt: „Wo kommt das alles her, und wo geht das alles hin?“ In den Zwischenräumen, beim Malen konnte ich dieses Geheimnis leben … dann schickte es mich auf die Reise, und darüber vergaß ich meine hilflosen Versuche, es lösen zu wollen, und lernte einfach nur da zu sein.
Ich bin so dankbar für all das, was ich auf meinen Spaziergängen empfange … sie haben meine Kreativität in Gang gesetzt, mich dazu motiviert, immer weiterzugehen. Das ist es, was den Pinsel zum Tanzen bringt. Wenn er mal ruht, bewegt sich trotzdem noch irgendwas. Wenn er in Bewegung ist, rührt er im Innern, auf alle erdenkliche Art und Weise, so intim, so süß, dass ich darüber einschlafen kann. Wenn ich dann wieder aufwache, reibe ich mir überrascht die Augen: „Woher kommt das nur? So frisch … immer wieder … und so viele Spaziergänge … dass daraus langsam nur noch ein einziger wird, ein endloser … Ich schaue zurück … und es ist seit jeher so gewesen, ganz genau so.“

Nartan, in Portugal geboren, studierte Malerei an der Hammersmith School of Art in London. 1978 wurde sie Oshos Schülerin und lebt und arbeitet heute in Brasilien.

www.lua.tur.br/nartan/zenartgallery

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