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In Erwartung des Unbekannten
Bilder von Anutosh Ninad
Malen ist das große Abenteuer meines Lebens. Und an diesem Gefühl des
Abenteuers hat sich, seit ich als Kind zu malen begann, nichts geändert.
Ich habe von Anfang an nach Freiheit gesucht. Freiheit im Malen und Freiheit
in allem. In Indien entdeckte ich durch Meditation eine neue Freiheit.
Ich begann, mit leerem Kopf zu malen, statt mit einem Kopf, der voll
gestopft war mit Ideen, Gedanken und Bildvorstellungen. Für mich war
das der Anfang eines neuen Kunstverständnisses. Bis dahin hatte ich Kunst
wie wahnsinnig studiert, hatte jede Methode und Technik erschöpft, die
ich nur finden konnte, war durch die Welt gereist, um die Kunst jedes
Künstlers und jeder Kultur zu sehen. Ich suchte in meinem Malen nach
der absoluten Freiheit. Die Freiheit, zu forschen, zu erfinden, die Freiheit
von Zeit und Geschichte, die Freiheit vom Ballast alter Formen, die Freiheit
uneingeschränkter Liebe. Ich liebte die Formen der Natur – eines Baumes,
eines Astes, einer Blume und der menschlichen Gestalt. Aber all diese
Formen waren von Geschichte belastet und ich empfand sie als Ketten,
die uns die Freiheit rauben zu wachsen und schöpferisch im gegenwärtigen
Augenblick zu leben.
Meditation stieß mir ein Fenster zum Unbekannten auf – zu einer
Energiequelle jenseits meiner wildesten Vorstellung; einer Energie, die
zeitlos war, die Gestalt hatte ohne jede Geschichte, die mir absolute
Freiheit gewährte. Ich fing an mit einem gewaltigen Gefühl von Mysterium
und unbekannter Energie zu malen. Plötzlich nahmen Farbe, Raum, Gestalt
und Umriss allesamt eine neue Bedeutung an. Sie wurden zum Spiegel reinster
Lebensenergie. Meine ganze Art zu sehen erneuerte sich. Ein neues Verstehen
setzte ein, ich hatte endgültig mit der Vergangenheit gebrochen.
Ich male ohne nachzudenken. Man hat uns beigebracht, immer überlegt
zu handeln, und wer überlegt, hält sich ans Bekannte. Kreativität aber
hat mit dem Unbekannten zu tun. Wenn ich also male, warte ich immer erst
das Unbekannte ab – und immer stellt es sich ein. Innerlich bin ich still,
aber äußerlich bin ich sehr aktiv. Entweder male ich wild drauflos oder
ich stehe nur vor dem Bild und schau hin, aber meine ganze Energie ist
im Schauen, und das ist kein Denken, sondern eine Art gespannte Erwartung.
Ich drücke auf die Pausentaste meines Verstandes und treffe keine Entscheidung
oder Wahl. Ich reite auf einer Energiewelle. Ich muss mich packen lassen,
und bei gleichzeitig völliger Ausgeglichenheit meinen Willen ausschalten.
Ich muss vollkommen in der Gegenwart sein, auf alles gefasst, sprungbereit.
Das ist eines der Wunder des Lebens: dass gerade die spontanen, unüberlegten
Handlungen die schönsten sind. Sie kommen aus Gott oder der ganzen Existenz.
Es gibt keine größere Freiheit als sie.
Du musst über diese Bilder meditieren, um sie schätzen zu können.
Setze dich still davor, allein, und schau: Schaue nur und fühle. Diese
Bilder sind Energiemuster, die der Welt von Stoff, Form und Geist zugrunde
liegen. Es sind Gedichte. Wie Haikus deuten sie lediglich an, erinnern
sie dich. Sie sind wahre Momente zwischen dem Mysterium der Natur und
dem Mysterium deines eigenen Innenlebens.
Betrachtest du sie mit leerem Auge und Nicht-Denken wirst du dich
so auf diese Bilder einlassen, wie ich sie gemalt habe – mit absolutem
Vertrauen auf die Weisheit der Unschuld und elektrisiert vom Abenteuer
und Wunder der kreativen Energie des Lebens.
VITA
1959 Studium der Malerei, Grafik, Kunstgeschichte und Literatur
am Oakland City College, Kalifornien, USA; 1962-64 Studium am San Francisco
Institute of Art; 1964 Lehrtätigkeit: Kunstunterricht im Berkeley School
District, 1975-83 Mal- und Zeichenunterricht am Institute for the Harmonic
Development of Man in Amsterdam, Holland; 1988-90 Artist in Residence
und Fakultätsmitglied an der Osho Multiversity, School of Creative
Arts, Pune, Indien.
Objektive Kunst
Der bedeutende russische Mystiker George Gurdjieff (1872-1949) hat eine
Kunst als „objektiv“ gelten lassen, die uns hilft zu meditieren, die
uns zu Gesundheit und Ganzheit verhilft. Osho greift den Begriff der
„objektiven Kunst“ ebenfalls auf und sagt: „Alle Kunst, die aus dem Denken
kommt, wird subjektive Kunst bleiben. Wenn es aus dem Nichtdenken kommt,
aus der Stille, aus der Meditation, wird sie objektive Kunst sein; wenn
es Spontaneität hat, nicht konstruiert, ausgedacht, vorprogrammiert ist;
wenn du dich, während du etwas erschaffst, selber immerzu überraschst.“
Beide Mystiker nannten als Beispiele das Taj Mahal in Indien, die
großen Kathedralen Europas, die großen Tempel Asiens, die ägyptischen
Pyramiden, die Wandmalereien in den Höhlen von Adjanta und Ellora, die
Kunst Leonarda da Vincis und Michelangelos, sowie heilige Schriften und
große Dichtungen wie die von Rabindranath Tagore, Walt Whitman oder die
Haikus von Basho; nicht zu vergessen die große Musik etwa von Bach oder
Beethoven.
Kontakt:
ninad&yhb.att.ne.jp
http://home.att.ne.jp/gamma/ninad






