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Reisebilder – Bilderreise

Mandalas von Nito


Als Kind lag ich oft auf dem Sofa und ging mit den Augen in den abstrakten Landschaftsgemälden meines Vaters spazieren. Eines meiner frühesten Bilder war ein abstraktes Mandala in Weiß, Orange und Grün. Während ich es malte, hatte ich den Eindruck „die Stille hören zu können“. Da war ich acht Jahre alt.
Mit siebzehn besuchte ich ein Seminar für altmeisterliche Maltechniken bei Ernst Fuchs in Österreich. Sein Stil, seine enormen Kenntnisse und Fähigkeiten haben mich nachhaltig beeindruckt und so malte ich, bis ich mit zweiundzwanzig Jahren nach Pune kam, surrealistisch. Die Kunst war für mich ein alchemistisches Labor, in dem ich mein Unterbewusstsein erforschte und umwandelte. Ich verstand Kunst als Selbsttransformationsprozess. Mir schien, dass ich bestimmte Dinge am besten beim Malen begreifen konnte.
1979-80 durchlief ich bei Osho in Pune ein Jahr lang verschiedene meditative und therapeutische Prozesse. Osho, dieses unendlich liebevolle und listige multidimensionale Wesen, das sich inzwischen vermutlich in uns alle verströmt hat, ist mit Worten schwer zu beschreiben. Aber seine Wirkung ist deutlich spürbar. Anfangs malte ich in der Phase fast gar nichts. Aber nach neun Monaten entstand etwas Neues. Ich hatte mich beim Malen früher in eine konzentrierte Ruhe gezwungen. Nun wählte ich eine neue „Disziplin“ und malte einfach drauflos. Ob wütend, zornig, geil, erregt, ernst, melancholisch, sanft, verliebt, panisch, lustig, traurig, gelöst, freundlich, ekstatisch oder heiter – vollkommen egal! Ich malte in jedem Zustand!
So haben sich neue Ausdrucksmöglichkeiten erschlossen. Früher hatte ich vor allem Schwarzweiß gearbeitet. Jetzt ermalte ich mir unbekannte Farbwelten. Der Surrealismus interessierte mich nicht mehr. Durch die von Osho initiierten alchemistischen Prozesse waren wohl so viele unbewusste Inhalte bewusst gemacht und zugleich verwandelt worden, dass mich danach die künstlerische Beschäftigung mit dem Unbewussten nicht mehr reizte, einfach weil das Terrain zu bekannt war. Kunst ist für mich auch die Erforschung des noch Unbekannten.
Als ich nach mehreren indischen Ewigkeiten nach Deutschland zurückkam, tauchte das Mandala als neues Thema in meiner Kunst auf. Ich verstehe das Mandala dynamisch und habe dieses uralte Symbol mit modernen Ausdrucksformen verschmolzen, um ihm ein neues Leben zu geben. Mandala bedeutet im Sanskrit „Kreis“; das Tibetische Kilkor bedeutet „Zentrum und Umkreis“. Das Zentrum symbolisiert das Bewusstsein. Der Umkreis symbolisiert das Universum, das dieses Bewusstsein erfährt. Das Mandala zeigt beides zugleich, als einen einzigen Zusammenhang. Wo dieser Zusammenhang neu entworfen oder gewandelt werden muss, taucht das Mandala in neuen Formen auf. So teilt es unser Schicksal: Auch wir müssen uns ständig verwandeln, um uns treu zu bleiben.
Das Mandala hat meine Energien verwandelt und konzentriert. Als ich mich 17 Jahre lang damit beschäftigt hatte, kaufte ich mir einen Füller mit goldener Feder und ließ diese Energien in vielen abstrakten Zeichnungen explodieren. Die Kunst schafft eine Verbindung zum Grenzenlosen, die Reise geht immer weiter. Manchmal scheint mir, Osho, dieser Mensch gewordene Weltraum – Liebe pur, bis in die subatomare Struktur unser eigenes SELBST – ist ein Verführer jenseits aller Beschreibung. Wir wurden verführt, uns auf die Reise ins Grenzenlose zu begeben und nun sind unsere Herzen auf großer Fahrt. Ein Aphorismus von Novalis, den ich sehr liebe, lautet:
„Wohin gehen wir? – Immer nach Hause!“
www.vinzent-liebig.de

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