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Hinter dem Schleier des Sichtbaren

Bilder von Deva Rashid

Die Welt ist mein Körper, sagt einer der alten Weisen. Als Kinder wissen wir das. Ich erinnere mich an eine Zeit, da Malen und Singen so leicht waren wie Essen und Rumtoben. Selbst auf dem nasskalten Internat, in das ich gesteckt wurde, schenkte uns der Kunstunterricht diese kostbare Freiheit, diesen Spielraum.
Malen wurde für mich zu einer Möglichkeit, die Dinge zu erkunden und auszudrücken, die ich in Worten nicht verstehen oder ausdrücken konnte. (Später, in meinen Dreißigern, machte mich das zu einer Art Pionier auf dem Gebiet der Kunst als Therapie.)
Auf der Kunstakademie, die ich nach der Universität besuchte, hatte ich das große Glück gehabt, Schüler von inspirierten und erfolgreichen Malern zu sein. Dort lernte ich erneut, was ich eigentlich seit jeher gewusst hatte.
„Künstler sind Freigeister, Künstler sind ihre eigenen Meister“, redete ich mir ein, während ich mich mit den Hochs und Tiefs meines Berufs abkämpfte – manchmal stellte ich in Colleges aus und gab Vorlesungen, manchmal suchte ich am Grunde eines tiefen Brunnens nach dem Himmel. Aber letztlich fand ich heraus, dass ich – trotz jener so seltenen wie beseligenden Augenblicke, in denen ich von der Schwerkraft freikam – doch unweigerlich an der Erde festgekettet war.
Und dann erreichten mich damals in den Siebzigern diese Worte aus dem Osten:
„Es gibt zwei Möglichkeiten zu leben: eine in Richtung Angst, eine in Richtung Liebe. Wer sich an der Liebe orientiert, der hat keine Angst vor der Zukunft, der fürchtet sich vor keinen Konsequenzen und Ergebnissen – der lebt hier-jetzt. … Und was hast du zu verlieren? Dieser Körper wird dir vom Tod genommen werden. Schenke ihn, bevor er dir genommen wird, der Liebe. Dann wird es keinen Tod geben.“ (Osho)
Ich verliebte mich in Osho und gondelte rund um die halbe Welt, weil dieser Mann die Wahrheit sprach und alle mit offenen Armen empfing. Wir hatten unsere Schuhe und unsere Egos vor dem Tor zurückzulassen. Mein westliches, kämpferisch-unabhängiges Künstlerego mühte sich weiterhin ab. Doch beim Gemüseziehen, Geschirrabwaschen und Töpfeschrubben, und während er Osho bewachte und tagtäglich in seiner Präsenz saß, schrumpfte der kleine Rashid langsam dahin.
Osho verließ seinen Körper vor fast zwanzig Jahren, und jetzt lebt er in jeder meiner Zellen.
Ich habe mir meinen Lebensunterhalt damit verdient, Meditationsgebäude zu bauen, mit Landschaftsentwürfen, die die Harmonie zwischen Mensch und Natur vertiefen mögen, mit Gedichteschreiben und Malen. Und als Imker. Oshos wahres Segensgeschenk ist für mich aber das Meditieren – die Kunst, Abstand zu nehmen vom weltlichen Denken und all seinen kleinlichen Dramen.
Was ich auch von ihm gelernt habe, ist, dass der Künstler sich zwar in riesigen Luftsprüngen aus der gewöhnlichen Welt ins Erhabene wegheben kann (wie oft beschrieb er den Tänzer Nijinski, der gleichsam in der Luft zu hängen schien!). Jedoch bringt nur das Streben nach Bewusstsein die bleibende Gewichtlosigkeit, die Freiheit.
Ich habe seit jeher das Spätwerk des einsamen Cézanne geliebt. Für mich sind seine Gemälde eine Feier der beiden Welten, symbolisiert in der Zweidimensionalität der Leinwand und der Dreidimensionalität der Landschaft. Cézannes Pinselstrich tanzt zwischen beiden hin und her. Beide Welten verschmelzen in einem schwebenden, doppeldeutigen Zeichen.
Vor kurzem bekamen meine zwei Söhne an ein und demselben Tag je eine Tochter. Was haben neugeborene Säuglinge so Verzauberndes an sich? Warum starren die Leute wie gebannt auf sie, oft mit einem halben Lächeln auf den Lippen?
Die Ankunft meiner Enkelkinder inspirierte mich zu der 16-teiligen Gemäldereihe Zen icon. Sie beginnt mit einem staunend-fragenden Blick auf das, was diese neugeborenen Babys ausstrahlen: „Wo halten sie sich auf?“ Sie geht weiter mit Abbildungen – ich vermeide das Wort Portraits, weil es mir gerade um den Versuch ging, hinter das bloße Portraitieren vorzustoßen – ihrer glücklichen Mütter, Meditierende, Weise usw., Leute, die in einem Klima von Frieden und Geräumigkeit, von Liebe und Vertrauen zu existieren scheinen, so wie Osho – kurz, im Klima des Göttlichen.
Als stabilisierende Disziplin, gleich den beiden Ufern eines Flusses, machte ich mir zwei Überlieferungen sakraler Kunst zunutze: die Ikonen der orthodoxen Christen und die Tuschezeichnungen aus dem Zen – erstere zeitlos, unveränderlich und streng, die andere unvorhersagbar, spontan und in einem Atemzug.
Die Aufgabe aller Künster, ja jeglicher kreativer Beschäftigung besteht, wie ich es sehe, darin, auf das Formlose zu verweisen, das in der Form verborgen ist, auf die unsichtbare Welt, die in der manifestierten Welt steckt. Wenn meine Bilder dies nicht vermögen, dienen sie nicht der Kunst, der Menschheit und dem Kosmos. Kunst ist das Gelenk zwischen dem Geheiligten und dem Profanen. Wenn wir in einer Kathedrale oder vor einer byzantinischen Ikone oder einem Buddha aus dem siebten Jahrhundert stehen, spüren wir das Jenseits. Diese Bilder sind darum also nur Metaphern für das Unaussprechliche. Ich hoffe, dass sie den Betrachter dazu inspirieren werden, seinem eigenen Innern zu begegnen und sich in ihrem Gefühl bestätigt zu sehen, dass das Leben eine aufsehenerregende Reise ist. Schließlich habe ich dreizehn Jahre lang zu Oshos Füßen gesessen – wird’s da nicht langsam Zeit, dass das, was von seiner Schönheit und seiner Stille an mir hängen geblieben ist, weitergegeben wird?

Die Bilderreihe trägt den Titel „Jenseits vom Schleier der Erscheinungen“.
Alle Bilder sind in Acryl auf Sperrholz gemalt und 35 x 42,5 cm groß.
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