Meditation von Osho
Und der Atem steht still …
Einatmen, Lücke, Ausatmen, Lücke, Einatmen, Lücke.
Diese Lücke ist das Erstaunlichste, was es in dir gibt. Der Atem
strömt herein, hält an, und jede Bewegung hört auf – das ist der Augenblick,
in dem du Gott begegnen kannst. Das Gleiche, wenn der Atem ausströmt
und anhält.
Merke, du sollst den Atem nicht anhalten; er bleibt von selbst
stehen. Wenn du ihn anhältst, dann versäumst du die Erfahrung, dann kommt
der Agierende dazwischen und du kannst nicht der Beobachter, der Zeuge
sein. Du darfst überhaupt nichts dazu tun. Du sollst die Atmung nicht
manipulieren, du sollst weder einatmen noch ausatmen. Es ist nicht wie
beim Pranayam des Yoga, wo du den Atem beeinflusst; das ist nicht Vipassana.
Du greifst nicht im Mindesten in die Atmung ein – du lässt den Atem natürlich
gehen, erlaubst ihm, ganz natürlich zu fließen. Wenn der Atem ausströmt,
folgst du ihm; wenn er einströmt, folgst du ihm.
Und bald wirst du bemerken, dass es zwei Lücken gibt. In diesen
beiden Lücken ist die Tür. Und in diesen beiden Lücken wirst du verstehen,
wirst du sehen, dass der Atem selbst nicht das Leben ist – es ist vielleicht
die Nahrung für das Leben, wie andere Nahrung für den Körper auch, aber
nicht das Leben selbst. Denn wenn der Atem anhält, bist du da, voll und
ganz da – du bist ganz bewusst, völlig bewusst. Und der Atem steht still
– und doch bist du da.
Und wenn du erst einmal dabei bleiben kannst, den Atem zu beobachten
– was Buddha Vipassana oder Anapanasati Yog nennt – wenn du immer weiter
und weiter beobachtest, wirst du nach und nach sehen, dass die Lücke wächst
und größer wird. Schließlich kommt es so weit, dass die Lücke über Minuten
hinweg dableibt. Ein Atemzug strömt ein, und da ist die Lücke ... und
minutenlang strömt der Atem nicht aus. Alles steht. Die Welt ist stehen
geblieben, die Zeit ist stehen geblieben, das Denken ist stehen geblieben.
Denn wenn der Atem still steht, ist Denken nicht möglich. Und wenn der
Atem über mehrere Minuten hin stillsteht, dann ist Denken absolut unmöglich
– denn für den Denkvorgang ist eine ständige Zufuhr von Sauerstoff notwendig;
und Denkvorgang und Atmung sind zwei sehr tief miteinander verbundene
Prozesse.
Wenn du wütend bist, geht dein Atem in einem völlig anderen
Rhythmus; wenn du sexuell erregt bist, atmest du wieder ganz anders; wenn
du still bist – wieder ein anderer Rhythmus. Wenn du glücklich bist,
wenn du traurig bist, der Atem folgt jedes mal einem anderen Rhythmus.
Der Atem passt sich deinen Stimmungen an. Ebenso umgekehrt: Wenn sich
der Atemrhythmus verändert, ändert sich deine Laune. Und wenn der Atem
stehen bleibt, bleibt auch der Verstand stehen.
In diesem Stillstand des Geistes, des Denkens, hält die ganze
Welt an – denn der Verstand ist die Welt. Und in dieser Lücke lernst du
zum ersten Mal, was der Atem im Atem ist; das Leben im Leben. Diese Erfahrung
ist befreiend. Diese Erfahrung macht dir Gott bewusst – und Gott ist nicht
eine Person, es ist die Erfahrung des Lebens selbst.