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zur ÜbersichtSERIE: OSHO ÜBER MEISTER
Osho hat im Laufe der dreißig Jahre, in denen er zu seinen Schülern
aus aller Welt sprach, über eine Unzahl von Erleuchteten gesprochen.
Die meisten dieser Namen sind im Westen nicht einmal bekannt.
So bringt er den Kern praktisch aller Weltreligionen zum Vorschein
und zeigt auf, wie alle Erleuchteten, von japanischen Zenmeistern
bis zu den griechischen Vorsokratikern, über ein und dieselbe
menschliche Grenzüberschreitung gesprochen haben. Osho nannte
die erleuchteten Meister Zitadellen der Menschheit. Sie sind geistige
Vorreiter und haben das Bewusstsein der Menschheit entscheidend
geprägt und vorangetrieben.
Wir beginnen unsere Serie mit dem Haiku-Dichter und Wanderer
Basho.
TEIL I: Basho______________________________________
Ein Gemälde in Worten – Osho über die Dichtkunst von Basho
Der japanische Haiku-Dichter Basho wurde 1644 als Sohn eines Samurais
geboren, der in den Diensten des Herrn von dem im japanischen Landesinneren
gelegenen Ueno-Schloss stand. Als kleiner Junge wurde Basho der
Page und Mitschüler des ältesten Sohnes jenes Adligen. Zu ihrem
Lehrstoff gehörte unter anderen Fertigkeiten auch das Verfassen
von Versen. Kaum war sein Meister gestorben, ging Basho nach Edo,
ins heutige Tokio, wo er unter Kigin die Dichtkunst studierte. Danach
wurde er ein Schüler des Zenmeisters Buccho.
Bashos Ruhm als meisterhafter Dichter verbreitete sich und er
zog von nun an selber Schüler an. Basho wählte das Leben eines heimatlosen
Wanderers, das ihm die Gelegenheit bot, die Natur zu beobachten
und über sie zu schreiben, denn vor allem mit ihr fühlte er sich
zutiefst verwandt.
Einmal schrieb er: „Eines verbindet alle, die es in der Kunst
zu Größe bringen: Sie sind eins mit der Natur. Alles, was so ein
Verstand sieht, ist eine Blume, und alles, was so ein Verstand
träumt, ist der Mond. Nur ein barbarischer Verstand vermag andere
Dinge zu sehen als Blumen, nur ein tierischer Verstand vermag von
anderen Dingen zu träumen als vom Mond.“
Die Blume und der Mond sind nur Symbole. Was er zu sagen versucht
ist, dass ein wirklich stiller Geist nur das Großartigste in der
Existenz sehen kann, das Erhabenste, das einzig Wahrhafte. Er sieht
nur die Blumen und den Mond. In seinem Zustand, seiner Größe, kann
er die niederträchtigen und hässlichen Dinge, mit denen der Verstand
angefüllt ist, nicht sehen. Er nennt diesen Verstand, welcher nie
die Erfahrung von Leere gemacht hat, einen barbarischen Verstand
– eine treffende Definition eines barbarischen Verstandes. Der
Geist eines Buddhas wird überall nur Blumen sehen. Der Geist eines
Buddhas wird den Mond und die Sterne und all das Schöne in der Dunkelheit
der Nacht sehen. Es spielt keine Rolle – ob Morgen oder Abend –
der Geist im Zustand Stille spiegelt nur das Allerwertvollste, und
der sogenannte normale Verstand, den wir haben, ist nur mit Hässlichkeit
beschäftigt. Er ist barbarisch.
Es gibt große Dichtungen, aber keine vom Rang der kleinen Haikus aus dem Zen. Ich habe von jeher Basho geliebt – einen der Haiku-Meister. Mit seinen winzigen Haikus sagt er mehr, als es selbst eine tausendseitige heilige Schrift vermag – die wirkt wie bloße Prosa.
Ein Haiku von Basho:
Ich klatsche
und mit dem Echo läutet es die Dämmerung ein –
Der Mond des Sommers.
Basho ist einer der größten Lyriker der Welt, aber er hat nur Haikus geschrieben – sehr symbolträchtig, aber ganz wunderbar; sehr einfach, aber sehr geheimnisvoll. Sie werden nur durch ihre Bilder verständlich; denn Zen hält nichts von Wörtern. Stell sie dir vor, und vielleicht dämmert dir ihr Sinn.
Ich klatsche und mit dem Echo … im Gebirge … läutet es die Dämmerung ein – / Der Mond des Sommers.
Der Sommermond hängt noch da, und gleich geht die Sonne auf. Und
ich habe dazu in die Hände geklatscht, und das Echo hallt noch von
den Bergen wider.
Das ist nur ein Wortgemälde. Ein Haiku will verstanden sein:
ein Gemälde in Worten, nicht nur ein Gedicht in Worten. Und du klatschst
in die Hände. Die Berge hallen noch wider und der Sommermond steht
noch am Himmel und die Dämmerung ist gekommen. Die Sonne wird jeden
Moment aufgehen.
Was hat Basho davon, solche winzigen Haikus zu schreiben? Einst
lebte er am Rande eines von Bergen umgebenen Sees und meditierte
in äußerster Stille. Ab und zu schlug er die Augen auf und merkte
sich alles, was er dann sah. Diese Haikus sind keine Verstandesprodukte.
Diese Haikus sind Bilder aus einem Spiegel, aus einem Geist, der
nicht denkt. In einem schweigenden Herzen spiegelt sich der Sommermond,
die nahende Dämmerung und der Widerhall aus den Bergen.
Einer, der meditiert, so Basho, wird immerzu in seinem Innern
weitersuchen, was aber nicht heißt, dass sein Kontakt zur Außenwelt
abreißt. Ab und zu sollte er die Augen aufmachen. Mit seiner völligen
Leere sollte er die Außenwelt widerspiegeln.
Diese Eindrücke werden in diesen Haikus gesammelt. Sie bedeuten
nichts, sondern halten lediglich nur ein Bild fest.
Eine Wolke
versucht die Mondstrahlen zu umhüllen:
Ein Monsunschauer.
Einer, der meditiert, genießt alles – den Mond, die Wolke, den
Monsunschauer … weil ihm alles so heilig wird, dass es Ausdruck
und Verwirklichung ein und derselben ursprünglichen Quelle ist.
Zen möchte, dass du lebst, im Überfluss lebst, zur Gänze lebst,
intensiv lebst – nicht auf Sparflamme, wie es das Christentum von
dir will, sondern am Maximum, überfließend.
Dein Leben sollte zu anderen durchdringen. Deine Seligkeit, deine
Gesegnetheit, deine Ekstase sollte nicht in dir bleiben wie in einem
Saatkorn. Es sollte sich öffnen wie eine Blume und seinen Duft an
alle und jeden verschenken – nicht nur an die Freunde, sondern
auch an die Fremden.
Dies ist wirkliches Mitgefühl, dies ist wirkliche Liebe: deine
Erleuchtung mit anderen zu teilen, deinen jenseitigen Tanz mit anderen
zu teilen.
Das ist der Grund, warum wir im Osten so große Stücke auf Satsang
halten – in der Präsenz eines Meisters zu sein und das Hochgefühl
des Zusammenseins zu erleben, einen contact high zu erlangen.
So ein Contact High ist selbst noch nach Jahrtausenden möglich
– durch objektive Kunst. Lies einen beliebigen Haiku von Basho,
einen winzigen Dreizeiler. Lies ihn laut, wiederhole ihn, singe
ihn, kaue ihn durch, schlucke ihn tief hinunter und setz dich dann
schweigend hin und warte darauf, dass dir die Bedeutung offenbart
wird. Denke nicht darüber nach; wer nachdenkt, gerät auf den Holzweg.
Analysiere ihn nicht; wer analysiert, entfernt sich nur immer mehr.
Meditiere, bleib einfach bei ihm, lass ihn bei dir sein, und plötzlich
wirst du merken, wie sich in deinem Bewusstsein etwas verändert.
Du fühlst dich aufwärts steigen oder du fühlst dich in die Tiefe
sinken.
Ein ganz kleiner Haiku kann dich antörnen. Er kann nahezu zu
einem LSD-Trip werden, weil der Haiku Bashos Bewusstsein enthält,
in kondensierter Form. Er ist kein gewöhnliches Gedicht. Er stammt
nicht von einem Dichter, nicht von einem Künstler. Ein Meister hat
ihn gemacht.
Und der Meister hat es fast formuliert wie ein Mantra. Wenn du
einfach nur zulässt, dass es seinen Sinn über dein Dasein, seinen
Duft über dein Dasein ausbreitet, wirst du im Zustand des Contact
High sein.