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SERIE: OSHO ÜBER MEISTER

Osho hat im Laufe der dreißig Jahre, in denen er zu seinen Schülern aus aller Welt sprach, über eine Unzahl von Erleuchteten und Weisen gesprochen. Die meisten dieser Namen sind im Westen nicht einmal bekannt.
So bringt er den Kern praktisch aller Weltreligionen zum Vorschein und zeigt auf, wie alle Erleuchteten, von japanischen Zenmeistern bis zu den griechischen Vorsokratikern, über ein und dieselbe menschliche Grenzüberschreitung gesprochen haben. Osho nannte die erleuchteten Meister Zitadellen der Menschheit. Sie sind geistige Vorreiter und haben das Bewusstsein der Menschheit entscheidend geprägt und vorangetrieben.

TEIL 16: Bodhidharma_____________________________

Der Wesenskern von Zen

Das erinnert mich an Bodhidharma, der Zen in China einführte … Neun Jahre lang saß er vor der Mauer eines kleinen Tempels in den Bergen. Viele Leute strömten zu ihm, denn sein Ruhm hatte sich über ganz China ausgebreitet. Er war damals vielleicht der größte lebende Meister. Selbst der Kaiser hatte ihn persönlich an der Grenze in Empfang genommen. Er forderte Bodhidharma auf, in den Palast zu kommen und das Volk zu lehren. Aber er begriff nicht, dass Bodhidharma nicht der Familie der Lehrer angehörte. Und der Kaiser hatte keine Ahnung, dass es Kategorien von Suchern gibt.
Die einen begnügen sich damit, Schüler zu bleiben; sie werden noch viele Runden von Geburt und Tod hinter sich bringen müssen. Die zweite Kategorie des Wahrheitssuchers ist dem Kaiser zu hoch – die Füße des Meisters zu berühren, sich ihm ein klein wenig zu öffnen – er kann sich einfach nicht vorstellen, dass irgendwer höher steht als er selbst. Selbst ihm die Füße zu berühren fällt ihm schwer – er ist schließlich der Kaiser des größten Reiches! Dieser arme Schlucker … und Bodhidharma war wirklich ein ganz ausgefallener Meister ...
Noch ehe er China betrat, hieß der Kaiser ihn schon an der Grenze willkommen. Es kommt schon selten genug vor, dass ein Kaiser sich herablässt, einen Bettler zu empfangen, aber dann benahm dieser Bettler sich noch so seltsam, dass der Kaiser das nicht schlucken konnte. Er konnte nicht verstehen … und wäre es nicht Bodhidharma gewesen, hätte der König ihm auf der Stelle den Kopf abgeschlagen, so ungebührlich benahm der sich!
Zunächst kam er mit dem einen Schuh auf dem Kopf und dem andern Schuh am Fuße. Angesichts dieses Schuhs wusste der Kaiser nicht, wo er hinsehen sollte … schließlich war er ein Gentleman, hochkultiviert, aber wie lange hält man das durch? Wieder und wieder wanderten seine Augen zu Bodhidharmas Kopf und er dachte: „So jemanden bin ich gekommen zu empfangen, und offenbar ist der Mann hier durch und durch wahnsinnig!“
Aber er hielt es für besser, den Schuh zu übergehen: „Das ist seine Sache. Ich sollte von etwas anderem sprechen.“ Er hatte Hunderte von Tempeln errichtet, Tausende von Buddha-Statuen machen lassen. Er hatte alle Schätze des Reichs verbraucht. Eintausend Gelehrte waren ununterbrochen damit beschäftigt, Buddhas Worte aus dem Pali ins Chinesische zu übersetzen, und zehntausend buddhistische Mönche wurden aus der kaiserlichen Schatulle ernährt. Also hatte er viel dafür getan, China buddhistisch zu machen. Nicht umsonst erwartete er ein Wort der Anerkennung dafür. Also sagte er: „All diese Dinge hab ich getan. Was meinst du – was für Tugenden habe ich mir mit alledem verdient?“
Bodhidharma antwortete: „Tugenden? Du Idiot!“ – vor versammeltem Hofstaat, denn der ganze Hof hatte den Kaiser begleitet. Absolute Stille. Er sagte: „Du wirst direkt zur Hölle fahren!“
Der Kaiser war völlig verblüfft. Er sagte: „Ich versteh nicht, was dich so erzürnt!“
Bodhidharma antwortete: „Du zerstörst ein lebendiges Wort, und du gibst diesen Gelehrten Brot, die nicht das Geringste zum Bewusstsein des Volkes beitragen können. Und dann unterstehst du dich noch, von großer Tugend zu sprechen? Du wirst das Höllenfeuer erleiden.“
Der Kaiser dachte: „Wie entrinne ich der Falle dieses Mannes? Ich bin in die Höhle eines Löwen geraten und weiß nicht, wie ich da wieder rauskommen kann …“ Also fragte er: „Wenn du so sprichst … Bisher haben alle buddhistischen Mönche mir versichert, dass meine Tugenden so groß sind, dass mir das Paradies gewiss ist. Wer bist du, mir zu sagen, dass ich zur Hölle fahren werde?“ Bodhidharma sagte: „Ich weiß nicht. Es ist keine Frage des Wissens. Ich bin ein Mann des „Nicht-Wissens“.
Der Kaiser konnte nicht begreifen, aber seine Augen konnten nicht von dem Schuh auf Bodhidharmas Kopf ablassen. Ehe er sich zurückzog, konnte er sich die Frage nicht verkneifen: „Warum trägst du den einen Schuh auf dem Kopf und den andern am Fuß?“ Bodhidharma sagte: „Deinetwegen. Ich wollte sehen, ob du ein neugieriges Kind bist oder ein erwachsener Mann. Ein reifer Mann schert sich nicht darum, wo sich meine Schuhe befinden. Bist du ein Schuhmacher? Was gehen dich meine Schuhe an? Dies ist mein Kopf und mein Schuh.“
Der Kaiser dachte: „Das ist unmöglich!“ Er kehrte um, und Bodhidharma überschritt nie die chinesische Grenze. Er blieb in den Bergen gleich hinter der chinesischen Grenze.

Vor der Wand eines Tempels sitzend, die er neun Jahre lang anstarrte, erklärte er: „Zu Leuten zu reden, die nicht verstehen, ist genauso, wie eine Wand anreden. Aber wer zu einer Wand redet, hat zumindest den Trost, dass es eine Wand ist. Wenn du zu Leuten redest und erkennen musst, dass sie nichts als eine Wand sind, möchte man ihnen am liebsten den Kopf abschneiden! Ich werde mich erst dann umdrehen, wenn ich sehe, dass jemand gekommen ist, der es wert ist, dem lebendigen Wort zu lauschen.“
Neun Jahre ist eine lange Zeit … und was für ein Mann! Er saß unentwegt da, bis schließlich eines Morgens ein Mann auftauchte, der sagte: „Hör zu – ich glaube, ich bin derjenige, auf den du wartest.“ Zum Beweis hieb er sich mit dem Schwert die andere Hand ab, warf sie Bodhidharma in den Schoß und sagte: „Wende dich mir zu! Wenn nicht, werde ich mir den Kopf abschlagen und du wirst verantwortlich sein!“
Bodhidharma drehte sich auf der Stelle um und sagte: „Dies reicht. Dies reicht als Beweis, dass du so verrückt bist, wie ich es wünsche! Setz dich. Du brauchst dir nicht auch noch den Kopf abzuschlagen – den brauchen wir noch: Du wirst mein Nachfolger sein.“
Ein Mann, der sich die eigene Hand abschlägt, nur um die Aufrichtigkeit seiner Suche zu beweisen … und Bodhidharma zweifelte keinen Augenblick lang, dass er sich nicht auch den Kopf abschlagen würde, falls er sich nicht umdrehte. Unnötig würde er sich die Verantwortung aufladen einen Mann zu töten, und was für einen herrlichen Mann: so couragiert! Und ohne Frage war der Mann Bodhidharmas Nachfolger.
Aber was sich zwischen diesen beiden ereignet hat, weiß niemand. Kein einziges Wort … Bodidharma drehte sich einfach um, bat ihn sich zu setzen, schaute ihm in die Augen … und ungeheure Stille ringsum. Wie es heißt, blieb sein Nachfolger drei Jahre bei ihm – bis Bodhidharma sagte: „Es ist Zeit für mich, wieder nach Hause zurückzukehren.“
Keiner weiß, was sich zwischen diesen beiden Männern abgespielt hat. Sie haben einfach nur still dagesessen. Erst hat Bodhidharma allein schweigend dagesessen und auf die Wand geschaut; dann haben alle beide schweigend dagesessen und auf die Berge, die Bäume geschaut – aber in äußerstem Schweigen. Nicht eine einzige Frage wurde gestellt, und nicht eine einzige Antwort wurde gegeben. Aber irgendeine Übertragung muss stattgefunden haben, sonst hätte Bodhidharma ihn nicht als seinen Jünger akzeptiert.
Am Tag seiner Abreise … inzwischen hatten sich viele weitere Jünger um Bodhidharma geschart, denn nun saß er nicht mehr stur vor der Wand – berief Bodhidharma vier Jünger aufzustehen, damit er seinen Nachfolger bestimmen könne. Alle sahen einander an. Er war ein höchst gefährlicher Kerl, man wusste nie, was er machen würde. Trotzdem traten die vier Männer nach vorn und er fragte den ersten: „Was ist der Wesenskern von Zen?“
Der Mann sagte: „Ganz eindeutig ist der Wesenskern von Zen, sich selber zu erkennen.“
Völlig ausreichend für jede Prüfung, aber nicht hinreichend für Bodhidharma. Er sagte: „Gut, stimmt – du hast meine Haut. Geh nur dort rüber und setze dich.“
Der zweite Mann sagte: „Stille, absolute Stille ist der Wesenskern von Zen.“ Bodhidharma sagte: „Ein wenig besser. Du hast meine Knochen. Setz dich einfach dorthin.“
Der dritte Mann sagte: „Das Nichts ist der Wesenskern von Zen.“
Bodhidharma sagte: „Gut. Aber mir reicht das immer noch nicht. Du hast mein Fleisch. Geh nur dorthin und setz dich.“
Er wandte sich an den vierten Mann, und dies war der Mann mit der einen Hand, und er fragte ihn: „Was ist der Wesenskern von Zen?“ Da fiel dieser Mann mit Tränen in den Augen Bodhidharma zu Füßen, ohne ein Wort zu sagen.
Bodhidharma sprach zu all seinen Schülern: „Dies ist der Mann, den ich zu meinem Nachfolger bestimme. Denn selbst wer gar nichts sagt, sagt damit etwas: Nur Tränen der Dankbarkeit, ohne ein einziges Wort, nur als Geste tiefer Dankbarkeit. Dies ist der Mann meines Herzens – ich gehe nicht, ohne ein Stück von mir selbst zu hinterlassen.“
Im Zen passiert das Beste, das Allerbeste, nur spontan.