Oshotimes Platzhalter zurück zur Übersicht

SERIE: OSHO ÜBER MEISTER

TEIL 6: Buddha____________________________________

Offen sein für die Wahrheit

Gautam der Buddha hat der Welt die psychologischste Religion überhaupt geschenkt. Sie ist unvergleichlich; keine andere Religion kommt auch nur an sie ­heran. Ihre Höhen, ihre Tiefen sind gewaltig. Und der Grund, warum es Buddha gelang, eine so schöne Sicht des Lebens zu vermitteln, ist ganz einfach:
Er glaubte nicht; er hinterfragte, er forschte nach. Er glaubte nicht der Tradition, er glaubte nicht den heiligen Schriften, er glaubte nicht den Priestern.
Dies war eines seiner Prinzipien: Dass du so lange nicht Bescheid weißt, bis du Be­scheid weißt. Du kannst dir Wissen borgen, du kannst ein Vielwisser, wohlinformiert, ein Gelehrter, ein Professor werden, aber nicht einer, der sieht, kein Seher. Tief drinnen wird dein Nichtwissen weitergehen und dein ganzes Leben beeinflussen. Tief drinnen wirst du dein altes kindisches Selbst bleiben, unreif, ohne Boden unter den Füßen, ohne Mitte, ohne Zusammenhang. Du wirst kein kristallisiertes Individuum sein, du wirst nichts Authentisches haben. Du wirst ein Scheinmensch sein – unecht, verlogen.
Es ist ein Quantensprung ins Unbekannte. Wenn du nicht der Tradition glaubst, wenn du nicht den Schriften glaubst, wenn du an nichts glaubst außer an deine eigene Erfahrung, dann gehst du ganz allein ins Unbekannte hinein. Dazu gehört Mumm, dazu gehört Mut. Und nur ein mutiger Mensch kann wahrhaft religiös sein.
In den Kirchen, in den Tempeln, in den Moscheen sind millionenfach Feiglinge anzutreffen, aber sie verbreiten keinerlei religiöse Schönheit, keinerlei religiösen Duft in der Welt. Sie machen die Welt nicht schöner, nicht lebendiger, nicht feinfühliger. Sie haben nichts Schöpferisches. Sie halten sich immer nur an die Formalitäten, Rituale. Sie selber sind tot und sie machen ständig anderen was vor; sie sind betrogene Betrüger.
Geborgtes Wissen führt nur zu Lug und Trug, denn man hat ein Gefühl als ob man Bescheid wüsste – und dieses „als ob“ ist ein großes „Als Ob.“
Wahrheit befreit, Glaube fesselt. Wahrheit befreit deshalb, weil es deine eigene sein muss; sie muss eine innere Erfahrung sein, eine Begegnung mit dem, was ist.
Buddha ist ein Ungläubiger. Er ist weder ein Atheist wie Karl Marx oder Friedrich Nietzsche; noch ist er ein Theist wie alle Priester aller Religionen. Er ist ein Agnos­tiker: weder glaubt er noch glaubt er nicht; er ist offen. Das ist sein großes Geschenk an die Welt: offen zu sein für die Wahrheit.
Geh vollkommen nackt, ohne vorgefasste Meinungen, ohne jede Ideologie, ohne jedes Vorurteil. Andernfalls wirst du höchstwahrscheinlich deine eigenen Vorstellungen projizieren, wirst du nicht das sehen, was da ist, sondern nur das, was du gern sehen möchtest.
So wirst du deine eigene Wirklichkeit kreieren, die unmöglich stimmen kann. Die Wirklichkeit braucht nicht erfunden zu werden; sie braucht nur entdeckt zu werden. Sie ist bereits da. Und vergesst nicht: Nicht etwa die Wirklichkeit ist verborgen, sondern eure Augen sind zugedeckt von ganzen Staubschichten.

Buddha schenkte der Welt eine nichtmetaphysische Religion, eine psychologische Religion. Er hilft euch lediglich, euren Ver­stand hinter euch zu lassen. Er hilft euch, den Verstand zu verstehen; denn nur durch Verstehen kommt es zum Trans­zendieren.
Aber wenn ich sage, dass Buddha der Welt die allerpsychologischste Religion geschenkt hat, dann missversteht mich bitte nicht. Er hat keine Psychologie hinterlassen, sondern eine psychologische Religion, was etwas völlig anderes ist. Er hat keine Psychologie hinterlassen wie Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, Adler, Pawlow, Skinner und so weiter. Diese Leute beschränken sich auf den Verstand; sie halten den Verstand für alles: Es gibt nichts jenseits vom Verstand, also lasst uns den Verstand analysieren. Ihnen zufolge hat man, wenn man die Wahrheit des Ver­stan­des gefunden hat, die Wahrheit gefunden. Das heißt, mit einer falschen Einstel­lung beginnen.
Der Mensch ist weder der Körper noch der Verstand. Der Mensch ist die innere Wahr­nehmung, die sich den Körper anschauen kann, die sich den Verstand anschauen kann, die fähig ist, Zeuge von allem zu sein. Dieser Zeuge bist du.
Darum sage ich: Buddha hat euch keine Psychologie hinterlassen. Eine Psychologie ist etwas sehr Plattes. Sie führt zu keiner Transformation deines Lebens, weil sie zu keiner Transzendenz führen kann. Sie kann einem allenfalls helfen, sich etwas besser an sich selbst anzupassen und etwas besser an seine Umgebung anzupassen – an die Gesellschaft, an die Leute, mit denen man auskommen muss. Sie hilft einem, sich ein wenig besser anzupassen.
Psychologie ist im Grunde orthodox; sie ist nicht revolutionär, völlig ausgeschlossen. Sie dient dem Status Quo, sie dient dem Establishment. Sie sorgt dafür, dass man innerhalb der Grenzen bleibt. Sie hilft einem nicht, die Grenzen zu überschreiten. Sie wird von denen kontrolliert, die an der Macht sind – vom Staat, von der Kirche, von der Gesellschaft.
Auf sehr getarnte Art und Weise hält sie dich ans kollektive Denken gefesselt. Sie hilft dir nicht, dich zu individualisieren; denn ein individueller Mensch sein heißt, ein Rebell sein; ein individueller Mensch sein heißt, auf sich selbst gestellt gehen; ein individueller Mensch sein heißt, eine Gefahr darstellen für die Gesellschaft. Egal was für eine Gesellschaft es ist – kapitalistisch, kommunistisch, hinduistisch, christlich, moslemisch … es spielt keine Rolle: Der Einzelmensch stellt eine Gefahr dar, weil der Einzelmensch versucht, seinem eigenen Licht gemäß zu leben. Er folgt niemandem. Er ist kein Gefolgsmensch, er ist kein Nachahmer.
Buddha hinterlässt eine psychologische Religion. Religion insofern, als er dir hilft deinen Verstand zu verstehen, auf dass du ihn hinter dir lassen kannst – nicht auf dass du dich dem kollektiven Denken anpasst, sondern zu den Höhen deiner Individualität, zu den Gipfeln deiner Bestimmung aufsteigen kannst.
Die Psychologie glaubt, dass dem Men­schen der Sinn seines Lebens fehle und dieser Sinn nur durch Therapie kommen kann. Psychologie heißt letzten Endes: Sinn durch Therapie. Und Religion ist genau das Gegenteil; Religion heißt: Therapie durch Sinn. Religion schenkt dir erst den Sinn, und dann wird der Sinn zu einer Heilkraft, wird er therapeutisch.
Buddha sagt wieder und wieder: „Ich bin ein Heiler“ oder „Ich bin ein Arzt“ oder „Meine Aufgabe ist nicht die eines Philo­sophen, sondern die eines Arztes. Ich verhelfe den Menschen dazu, gesünder zu werden, heil und ganz zu werden.“
Und wie geht er dabei vor? Er tut nichts anderes, als dass er deinem Leben Sinn schenkt. Auch dies macht er auf eine zutiefst neue Art und Weise – so, wie es bis dahin noch nie gemacht worden war. Er verleiht dir keinen beliebigen Sinn, weil der beliebige Sinn sich über kurz oder lang als beliebig entpuppen wird, und sobald er kollabiert, wirst du in ein schwarzes Loch fallen. Die Finsternis wird weit dunkler sein als je zuvor. Jetzt hast du allen Sinn verloren. Du wirst dich selbstmörderisch fühlen; du wirst das Gefühl haben, dass das Leben nicht mehr wert ist gelebt zu werden. Selbst das Atmen wird dir schwerfallen. Die Frage wird aufsteigen: „Wozu? Wozu sollte ich weiterleben, wenn es keinen Sinn mehr hat?“
Buddha schenkt dir keinen beliebigen Sinn. Darum sage ich: Er hat keine Metaphysik. Er hilft dir nur, den angeborenen Sinn deines Lebens bloßzulegen. Er verleiht dir keinen Sinn, sondern gibt dir nur Mittel und Wege, um den Sinn zu entdecken, den du bereits in dir trägst wie ein Saatkorn.