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SERIE: OSHO ÜBER MEISTER

TEIL 24: Ekido

Die höchste Form von Mitgefühl

Der japanische Zen-Meister Ekido war ein gestrenger Lehrer, gefürchtet bei seinen Schülern. Eines Tages setzte ein Schüler, als er auf dem Tempelgong die Stunde anschlug, einen Schlag aus, da er einem schönen Mädchen hinterhersah, das am Tor vorbeiging. Wie konnte er auch ahnen, dass Ekido direkt hinter ihm stand? Mit seinem Stock versetzte dieser dem Schüler einen solchen Hieb, dass dessen Herz stehen blieb und er starb.
Da die alte Sitte, dass ein Schüler seinem Meister sein Leben verschreibt, zu einer bloßen Formalität verkommen war, fiel Ekido bei der breiten Masse in Ungnade.
Aber nach diesem Vorfall gingen aus Ekidos Schule zehn erleuchtete Nachfolger hervor – eine ungewöhnlich hohe Zahl. (…)
Manchmal kommt es vor, dass ein Zenmeister den Augenblick deines Todes mit dem deiner Erleuchtung zusammenlegen kann. Im rechten Augenblick kann er dir einen Hieb versetzen: Der Körper fällt hin – was jeder sehen kann –, aber tief im Innern fällt auch das Ego hin. Nur du und der Meister wissen Bescheid. Das ist keine Brutalität, sondern die höchste Form von Mitgefühl, und nur ein großer Meister vermag das. Es erfordert viel Feingefühl, den Augenblick deines Todes zu spüren und ihn als Ausgangspunkt für deine innere Transformation und Umgestaltung zu nutzen.
Wer diese Geschichte flüchtig liest, mag denken – die Geschichte legt es geradezu nahe –, dass der Meister seinen Schüler umgebracht habe. Aber weit gefehlt. Der Schüler wäre ohnehin gestorben – es geschah im Augenblick seines Todes. Der Meister wusste es; er nutzte lediglich den Todesmoment zur Erleuchtung des Schülers. Aber das ist ein inneres Geheimnis, etwas Esoterisches, und vor Gericht könnte ich Ekido damit nicht verteidigen. Das Gericht würde ihn einen Mörder nennen. Wie sollte er auch beweisen können gewusst zu haben, dass der Schüler im selben Moment gestorben wäre.
Warum den Tod nicht nutzen? Ein Unwissender vermag nicht mal das Leben zu nutzen; ein Erleuchteter vermag sogar den Tod zu nutzen. Das gerade macht einen Meister ja aus – jeden Augenblick für die Erleuchtung zu nutzen.
Ekido stand direkt hinter dem Schüler; dieser schlug den Tempelgong und der Meister beobachtete ihn dabei. Wenn dieser Schüler bewusst zu sterben vermag, wird sein Tod der Wendepunkt des Rades sein. Wenn er bewusst zu sterben vermag, wenn er hinfallen und doch bewusst bleiben kann, wenn sein Körper zwar fallen, er aber im Innersten gesammelt, bewusst, hellwach bleiben kann, wird dies sein letzter Tod sein, wird er nicht wiedergeboren werden müssen. Bedenkt: Wenn ihr bei vollem Bewusstsein sterben könnt, wird euer Lebensrad stillstehen; ihr könnt nur dann in einen neuen Körper eingehen, wenn ihr unachtsam, unbewusst seid. Wenn einer voll bewusst stirbt, löst sich diese Welt auf, gibt es keine weitere Geburt mehr. (…)
Dieser Ekido scheint ein komischer Kauz zu sein. Hatte er denn nichts Wichtigeres zu tun? In dem Moment gab es nichts Wichtigeres, denn dieser Schüler musste nun sowieso sterben – und es galt, seinen Tod zu nutzen. Und nur ein Meister vermag den Tod zu nutzen – aus Mitgefühl. Die Geschichte ist schön und sehr bedeutsam. Er sah ein schönes Mädchen vorbeigehen, und sein ganzes Bewusstsein war hin. Er wurde zu einer Begierde, sein ganzes Wesen wurde zu einer Begierde: Er wollte diesem Mädchen folgen, dieses Mädchen besitzen. Und sobald eine Begierde aufkommt, geht das Bewusstsein verloren – denn beides kann nicht zusammen existieren. Begierde bedarf der Unbewusstheit, sie verträgt sich nicht mit Bewusstheit. Wenn du dich auf Begierde einlässt, verschwindet dein Bewusstsein. Nur darum bestehen alle Buddhas und Jainas auf Begierdelosigkeit. Wenn du begierdelos bist, wirst du bewusst sein; wenn du bewusst bist, wirst du begierdelos sein. Dies sind die zwei Seiten derselben Medaille – auf der einen Seite Begierdelosigkeit; auf der anderen Seite Wachheit, Bewusstsein.
Die Geschichte ist vielsagend. Als er dem schönen Mädchen nachsah, verlor der Schüler sich selber. Er war nicht mehr da; er entflammte in Begierde; er begann dem Mädchen zu folgen, er begann zu träumen, er war wie betäubt, er wurde unbewusst.
Sex ist der mittlere Punkt zwischen Tod und Geburt; zwischen Geburt und Tod kommt der Sex. Tatsächlich gibt es zwischen Geburt und Tod nichts als Sex, eine Sex-Strecke. Deine Empfängnis beruht auf Sex, und noch im selben Moment beginnt eine Reise sexueller Lustgefühle. Und im Moment deines Todes geht es so weiter. Und der Sex ist so mächtig, dass du selbst den Tod vergisst, wenn er neben dir steht. Wenn der Sex dich packt, ist alles andere vergessen, drehst du vollkommen durch. Die Gestalt des Mädchens bemächtigte sich seiner; er war nicht mehr da. Eben noch war er hellwach, jetzt war es um seine Wachheit geschehen.
Und hinter ihm stand wartend sein Meister. Meister warten immer hinter den Schülern, ob körperlich oder unkörperlich, und wenn jemand im Begriff ist zu sterben, ist dies einer der allerbesten Augenblicke. Der Meister schlug hart zu, sein Körper stürzte hin, aber innerlich wachte er auf. Die Begierde war weg, das Mädchen war so wenig da wie die Straße. Alles stürzte mit ihm zu Boden, zerschmetterte – er aber wurde wach. In dieser Wachheit starb er. Und wenn du Wachheit und Tod zusammenbringen kannst, wirst du erleuchtet. Darum geschah ein Wunder. Ekidos Schule wurde in Japan zu einer der wichtigsten überhaupt. Zehn Personen erlangten die Erleuchtung.
Dass ein einziger Meister zehn Erleuchtete hervorbringt, ist äußerst selten. Selbst einem zur Erleuchtung zu verhelfen ist mehr als genug. Aber da gibt es nichts Seltsames, das ist einfaches Einmaleins: Nur ein Meister von diesem Kaliber kann helfen. Und jedes Mal, wenn ich diese Geschichte gelesen habe, stellte sich mir die Frage, wieso anderen das entgangen ist. Dieser Meister hätte viele erleuchten können. Aber alle Ängstlichen, Zimperlichen, Angsthasen müssen vor diesem Mann davongelaufen sein. Viele dürften sein Kloster gar nicht erst in Betracht gezogen haben, weil er so gefährlich war.
Noch etwas wird über Ekido gesagt – dass er, als dieser Schüler starb, nie ein Wort darüber verloren habe, nie gesagt habe: "Dieser Schüler ist tot." Er hat so getan, als wäre gar nichts passiert, und wann immer er gefragt wurde: "Was war mit diesem Schüler?", lachte er nur. Er hat sich nie dazu geäußert, weder hat er gesagt, dass der Schüler tot sei, noch, dass da etwas schiefgegangen sei, noch, dass es nur ein Unfall war. Wann immer man ihn befragte, lachte er nur. Warum hat er gelacht? – aufgrund der inneren Geschichte.
Die Leute kennen alles nur von außen. Wenn ich dich schlage und du stirbst, wissen die Leute nur, dass du tot bist; keiner kann ahnen, was sich innerlich abgespielt hat.
Dieser Schüler hat etwas erlangt – etwas, worum sich Buddhas viele Leben lang bemüht haben – und Ekido vollbrachte es im Bruchteil einer Sekunde. Er war ein großer Künstler, ein großer Meister. Er verstand den Augenblick des Todes so wunderbar zu nutzen, dass der Schüler ans Ziel gelangte. Der Schüler verschwand nicht nur aus seinem Körper, sondern er verschwand auch aus seinem Geist. Der Schüler wurde nie wieder geboren; dies war sein endgültiger Tod ohne Wiedergeburt.
Aber in Japan hatten sich die Menschen an dergleichen Dinge gewöhnt. Man ging zu einem Meister, der schlug dich dann; er mochte dich aus dem Fenster werfen, auf dich draufspringen und anfangen dich zu verprügeln. Du hattest nur eine philosophische Frage gestellt – ob Gott existiert oder nicht – und was tut er? Er prügelt dich windelweich! Ekido verhalf vielen zur Erleuchtung. Nur ein Mann von solchem Mitgefühl kann helfen, aber das setzt eine ganz außergewöhnliche Hingabe voraus. (…)
Wenn du zu einem Meister kommst, sei bereit zu sterben. Egal welchen Gong du anschlägst, in welche Begierde du fällst, welchem Mädchen du folgst – der Meister kann dir jederzeit einen Hieb versetzen. Wenn du dich ihm nicht hingegeben hast, wird der Hieb nichts bringen; der Meister wird dich in Ruhe lassen, weil du es verfehlen würdest, es hätte keinen großen Zweck.
Dieser Schüler muss einer seiner engsten, vertrautesten gewesen sein – und so hingegeben, dass er sterben konnte, ohne sich zu beklagen. Er fiel widerstandslos hin, so als hätte der Körper nur ein altes Kleid abgelegt. Aber in ihm wurde es hell und immer heller – in dieses Licht ging er ein.