"Es gibt große Dichtungen, aber keine vom Rang der kleinen Haikus aus dem Zen. Ich habe von jeher Basho geliebt – einen der Haiku-Meister. Mit seinen winzigen Haikus sagt er mehr, als es selbst eine tausendseitige heilige Schrift vermag – die wirkt wie bloße Prosa." Osho
SERIE OSHO ÜBER MEISTER
Teil 2: Gurdjieff__________________________________
Osho hat im Laufe der dreißig Jahre, in denen er zu seinen Schülern aus
aller Welt sprach, über eine Unzahl von Erleuchteten gesprochen. Die meisten
dieser Namen sind im Westen nicht einmal bekannt.
So bringt er den Kern praktisch aller Weltreligionen zum Vorschein
und zeigt auf, wie alle Erleuchteten, von japanischen Zenmeistern bis zu
den griechischen Vorsokratikern, über ein und dieselbe menschliche Grenzüberschreitung
gesprochen haben. Osho nannte die erleuchteten Meister Zitadellen der Menschheit.
Sie sind geistige Vorreiter und haben das Bewusstsein der Menschheit
entscheidend geprägt und vorangetrieben.
Im zweite Teil spricht Osho über George Ivanovitsch Gurdjieff.
Vom Luxus einer Seele
George Gurdjieff ist der unvergleichlichste Meister, den die Welt
je gesehen hat; aber seine Einmaligkeit führte zur Kluft zwischen
ihm und der normalen Menschheit. All seine Methoden taugten etwas,
aber die Reise war lang, und er machte sie durch seine Art zu lehren
noch länger.
Tatsächlich war das nur einer seiner Kniffe, um die echten Wahrheitssucher
von den unechten zu scheiden – nach dem Motto: „Bist du bereit, bis
ans Ende der Welt zu gehen, oder bist einfach nur neugierig? Hältst
du nur mal den kleinen Finger hin, um rauszukriegen, was es mit diesem
Mann auf sich hat? Damit vertust du nur meine Zeit und gehst dann
wieder zurück in die Welt …“
Gurdjieff wählte immer nur diejenigen aus, die bereit waren, sogar
ihren Hals zu riskieren, wenn die Wahrheit nicht anders zu finden
war. Natürlich hatte er da nur eine ganz kleine Schar von Leuten
um sich. Und er war auch an keiner gesellschaftlichen Revolution
interessiert.
Sein ganzes Interesse galt nur ein paar Individualisten, die genug
Mut hatten. Ihnen wollte er helfen, zur Kristallisation, zu ihrem
ursprünglichen Gesicht zu finden – und damit zur höchtmöglichen Ekstase
in der Existenz. Diese Erfahrung aber ist nur den wenigen Auserwählten
vorbehalten. Nicht, dass irgendwer sie auswählen würde! Vielmehr
werden sie nur dadurch zu einer Handvoll Auserwählter, dass kaum
Menschen den Mut aufbringen, alles aufs Spiel zu setzen, um sich
selbst zu finden; also nur dank ihrem eigenen Mut und ihrer eigenen
Abenteuerlust. (…)
Gurdjieff war einer der missverstandensten Menschen auf der Welt, aus dem
einfachen Grund, dass jeder ihn entsprechend seinen eigenen Vorurteilen
kritisiert hat – dabei hatte man es mit einem Mann zu tun, der es zum ersten
Mal wagte, öffentlich über eine Geheimlehre zu sprechen. Das konnte eben
nicht gut gehen … Er scheiterte völlig, aber das lag nicht an ihm – einen
besseren Menschen als ihn kann man sich gar nicht vorstellen. Die Bretter,
die die Durchschnittsmenschen auf Erden vor dem Kopf haben, sind einfach
zu dick.
Gurdjieff ist ohne Frage ein Pionier. Mit ihm beginnt eine völlig
neue Vorstellung von spirituellem Leben. Er hat seinen Weg tatsächlich „den
vierten Weg“ genannt …, genau wie ich meinen Weg „den vierten Weg“ nenne,
nannte auch er seinen Weg den „vierten Weg.“ Man hat ihn grenzenlos missverstanden;
denn ihm lag nicht daran, Wissen zu vermitteln, ihm lag nicht daran, euch
zu trösten, ihm war nicht daran gelegen, schöne Theorien, Visionen, Halluzinationen
zu verbreiten. Er war nicht an euren Tränen und Gefühlen und Empfindungen
interessiert. Er hatte kein Interesse daran, von euch angebetet zu werden.
Sein ganzes Interesse galt eurer Transformation.
Und wer einen anderen transformiern will, der braucht dazu einen
Vorschlaghammer, denn er muss ganze Brocken von seinem Wesen abschlagen.
Da sitzt nämlich kein Stein auf dem anderen, da ist alles verkehrt und muss
richtiggestellt werden. Und der Betreffende hat derart viel in seine falsche
Lebensweise investiert, dass er vor jedem zittert und bebt, der seine Lebensweise
ändern will, – und nicht nur die Oberfläche, sondern bis hinein in den Kern.
Nur ganz wenige mutige Menschen wagen sich in die Welt eines Mannes wie
Gurdjieff vor. Dazu gehört ein ungeheurer Mut – Todesmut. Denn nur so wird
man wiedergeboren. (…)
Gurdjieff hat viele Dogmen zertrümmert. So hat er eine der Grundüberzeugungen
der ganzen Menschheit zerschlagen, als er sagte: „Es gibt keine Seele. Ihr
werdet nicht mit einer Seele geboren – man muss seine Seele erst unter größten
Mühen gebären. Und nur hin und wieder mal hat ein Mensch dies fertiggebracht.
All die Millionen, die auf Erden herumirren, sind allesamt ohne Seele.”
Nun, kann man einen größeren Schock auslösen? – den Leuten ins
Gesicht zu sagen: „Ihr seid seelenlos. Es seid innen hohl, da ist nichts
und niemand in euch drin. Ihr seid noch gar nicht geboren! Ihr seid nur
ein Körper, eine Maschine. Ihr habt zwar die Möglichkeit, habt das Potenzial
zu einer Seele zu werden, aber das kostet eine enorme Mühe, ist ein gewaltiger
Kraftakt, und nur wer den leistet, hat die Möglichkeit zu einer Seele zu
kommen. Es gibt keinen größeren Luxus, als eine Seele zu haben!“
Seit Urzeiten erzählen euch die Priester, dass ihr mit einer Seele
zur Welt kommt! Damit haben sie sehr viel Unheil gestiftet. Denn damit haben
sie jedem weisgemacht, mit einer Seele geboren worden zu sein. Folglich
redet jeder sich ein: „Wozu mich also noch anstrengen?! Ich bin bereits
eine Seele! Ich bin unsterblich! Klar, der Körper muss sterben, aber ich
werde weiterleben!“
Gurdjieff hat dagegen gehalten: „Nein. Du bist nichts als dein
Körper, und wenn dein Körper stirbt, stirbst DU! Nur ab und zu lebt einer
mal weiter – sofern er sich in seinem Leben eine Seele erarbeitet hat, überlebt
er den Tod, aber nicht jeder. Ein Buddha lebt weiter, ein Jesus lebt weiter,
aber nicht du! Du wirst einfach nur sterben und keinerlei Spur hinterlassen.“
Was hat Gurdjieff im Schilde geführt? Er wollte euch bis ins Mark
erschüttern, euch all die Tröstungen und törichten Theorien austreiben,
die euch ständig zum Trödeln verführen, derentwegen ihr es nie eilig habt,
an euch selber zu arbeiten. Man stelle sich das mal vor: Er sagt den Leuten
ins Gesicht: „Ihr habt keine Seele, du bist nur ein Gemüse – nur ein Kohlkopf
… allenfalls ein Blumenkohl … ein Blumenkohl ist ein akademisch gebildeter
Kohlkopf, mehr nicht!“
Er war wirklich ein Meister par excellence. Damit hat er euch den
Teppich unter den Füßen weggerissen und euch derart schockiert, dass ihr
eure ganze Situation neu überdenken musstet: „Will ich etwa ein Kohlkopf
bleiben?“ Kurz, er stellte für euch eine Situation her, die euch zwang
euch aufzuraffen, nach eurer Seele zu suchen und zu forschen. Denn wer hat
schon Lust zu sterben?
Und die Einbildung einer unsterblichen Seele hat die Leute über
die Tatsache hinweg getröstet, dass sie sterben werden – „denn der Tod ist
ja nur eine Illusion, nur ein langer Schlaf, ein Erholungsschlaf sozusagen,
nach dem man erfrischt wieder aufersteht.“ Gurdjieff sagt: „Alles Quatsch.
Das ist blanker Unsinn! Wenn du erst einmal tot bist, bist du auf ewig tot
– es sei denn, du hast dir deine Seele erarbeitet ...“
Erkennt ihr den Unterschied? Man hat dir erzählt, bereits eine
Seele zu sein, und nun stellt Gurdjieff das total auf den Kopf.
Er sagt: „Du bist noch lange keine Seele, sondern nur erst ihre Voraussetzung.
Du kannst die Gelegenheit nutzen, aber auch versäumen lassen.”
Doch ich will euch verraten, dass das von Gurdjeff nur ein Kniff
war. Es ist nicht wahr: Jeder wird mit einer Seele geboren. Aber was soll
man mit Leuten anfangen, die aus einer Wahrheit ein Trostpflästerchen machen?
Ein großer Meister muss manchmal lügen … und nur ein großer Meister darf
mit Fug und Recht lügen. Einfach nur, um euch aus eurem Tiefschlaf aufzurütteln.
Wenn du zum Beispiel fest schläfst und ich dich rüttle und schüttle,
du dich aber nicht rührst, dann brülle ich einfach: „Feuer! Das Haus brennt!“
Schon bist du mit einem Satz aus dem Bett und rennst aus dem Haus. Sobald
du dann draußen bist, können wir die Sache klären. Ich werde dir sagen,
dass es gar nicht stimmt … dass dies aber der einzige Weg war, dich wach
zu kriegen.
Sobald du deine Seele erkannt hast, wird Gurdjieff dir ins Ohr
flüstern: „Mach jetzt bitte keine Probleme. Vergiss alles, was ich dir erzählt
habe. Es war einfach nötig. Es war ein Kunstgriff. Ich musste einfach ,Feuer!‘
brüllen – sonst hätte ich dich nie wach gekriegt!“
Aber solche Leute werden zwangsläufig missverstanden. Jemanden
wie Gurdjieff zu verstehen, ist so gut wie unmöglich. Man kann ihn nur verstehen,
wenn man ihm folgt, wenn man sich von ihm leiten lässt.
