zurück
zur ÜbersichtSERIE: OSHO ÜBER MEISTER
Osho hat im Laufe der dreißig Jahre, in denen er zu seinen Schülern
aus aller Welt sprach, über eine Unzahl von Erleuchteten gesprochen.
Die meisten dieser Namen sind im Westen nicht einmal bekannt.
So bringt er den Kern praktisch aller Weltreligionen zum Vorschein
und zeigt auf, wie alle Erleuchteten, von japanischen Zenmeistern
bis zu den griechischen Vorsokratikern, über ein und dieselbe
menschliche Grenzüberschreitung gesprochen haben. Osho nannte
die erleuchteten Meister Zitadellen der Menschheit. Sie sind geistige
Vorreiter und haben das Bewusstsein der Menschheit entscheidend
geprägt und vorangetrieben.
Wir beginnen unsere Serie mit dem Haiku-Dichter und Wanderer
Basho.
TEIL 5: JESUS_____________________________________
Ein frischer Wind
Keiner kann einen Menschen leiden, der hellwach und bewusst ist.
Nur aus diesem Grund wurde Jesus gekreuzigt. Er wäre überall gekreuzigt
worden. Gebt also nicht den Juden die Schuld. Er war ein so rebellischer
Mann, dass er selbst und nicht das Judenvolk seine Kreuzigung zu
verantworten hat.
Sonst hätte ihn eben jemand anders gekreuzigt. Gleich wo auf
der Welt wäre er gekreuzigt worden. Niemand ist willens, so viel
Bewusstheit zu ertragen. So viel Bewusstheit verstört. So viel
Bewusstheit verletzt. Und der Mann von Bewusstheit stellt sich vor
euch hin und macht euch deswegen Schuldgefühle, weil ihr im Vergleich
zu ihm nur finstere Nacht seid. Ihr hasst diesen Mann, weil ohne
ihn alles in bester Ordnung war – denn es gab keinen Vergleichsmaßstab.
Ihr hattet euch für so quicklebendig gehalten, und jetzt kommt
dieser Kerl daher.
Und neben seiner Präsenz schrumpft ihr auf finstere Nacht zusammen.
Neben ihm werdet ihr zum Bettler. Denn hier kommt der Kaiser, der
Sohn Gottes! Und neben ihm wirkt ihr hässlich.
Der „gesunde Menschenverstand“ sagt euch, dass ER euch hässlich
macht. Solange er noch nicht da war, wärt ihr nie auf die Idee gekommen
hässlich zu sein. Jetzt wird er euch bis in eure Träume verfolgen.
Jetzt wird er euch das Leben zur Hölle machen. Jetzt werdet ihr
euch auf die Suche machen müssen nach seiner Schönheit, werdet ihr
euch auf auf so manches einlassen müssen, was euch überflüssig erscheint.
Und da es euch überflüssig vorkommt, macht ihr den Kerl lieber
kaputt – den Maßstab kaputt. Sobald der Maßstab weg ist, kann euch
niemand mehr beweisen, leer, impotent, ein Bettler zu sein, kann
euch niemand mehr beweisen hässlich zu sein; kann euch niemand menhr
beweisen, dass euch was fehlt.
Macht Jesus also kaputt und ihr dürft wieder einschlummern! Genau
das haben die Juden gemacht. Aber lasst es mich wiederholen: Es
wäre überall sonst genau dasselbe passiert. Jesus war einfach zu
viel. Ja, ich sage euch, selbst in Indien hätte man Jesus gekreuzigt.
Da mögt ihr euch fragen: Wenn ein Buddha nicht gekreuzigt wurde,
ein Mahavir nicht gekreuzigt wurde, warum dann Jesus?
Aber ich kann euch versichern: Jesus wäre trotzdem gekreuzigt
worden. Jesus bringt eine neue Botschaft. Buddha schweigt; seine
Botschaft ist nur für Leute gedacht, die zu ihm kommen, für Leute
gedacht, die ihn aufsuchen, um den Dingen auf den Grund zu gehen.
Buddha geht nicht zu den Massen, er ist nicht aktiv. Seine Rebellion
ist seine Präsenz.
Jesus geht zu den Massen, Jesus wird äußerst aktiv! Die Rebellion
Buddhas ist inaktiv, passiv. Die Rebellion von Jesus ist sehr aktiv
– und genau da liegt das Problem. Die Rebellion von Mahavir war
ebenfalls passiv, die von Laotse auch. Diese Leute sind absolut
entspannt, ruhen in sich, sind zufrieden mit sich. Falls jemand
kommt und an ihrem Dasein teilhaben möchte, bitte sehr; falls niemand
kommt – nun, sie jedenfalls laden niemanden ein.
Jesus aber zerrt euch an den Haaren zur Bewusstheit, prügelt
euch hin! Er macht euch ausfindig, ob ihr wollt oder nicht. Er hat
zu seinen Schülern gesagt: „Geht hin und ruft es von allen Dächern
… denn die Leute sind taub. Ihr werdet brüllen müssen. Bringt ihnen
die frohe Botschaft, die frohe Nachricht, dass ich gekommen bin.
Ruft es von allen Hausdächern!” So etwas könnte Buddha nicht sagen.
Und erst recht nicht Laotse … Laotse war sogar unauffindbar:
Die Leute mussten Monate nach ihm suchen. Und sobald er Wind davon
bekam, dass jemand ihn suchte, suchte er das Weite, verbarg er sich
immer wieder, von einem Dorf zum andern Dorf. Er machte es ihnen
zum Hindernislauf. Er ließ nur Leute an sich heran, die wahrhaft
suchten, die alles zu opfern bereit waren.
Bei Jesus ist es genau umgekehrt – er heftet sich an eure Fersen,
sucht überall nach euch. Er vergleicht sich einmal mit einem Hirten,
der abends nach Hause kommt, seine Schafe zählt und merkt, dass
ihm eines fehlt. Er überlässt neunundneunzig dem Dunkel, den Gefahren
der Nacht, und bricht mit einer Laterne auf, um dies eine zu suchen,
das sich in der Wildnis, im Dunkel der Nacht verlaufen hat – mit
lauter Stimme ruft und forscht er nach ihm.
Ja, so ist Jesus: Er ist ein revolutionärer Rebell. Buddha ist
Rebellion, reine Rebellion. Seine Botschaft ist still. Nur wer
sie zu verstehen vermag, versteht sie; diejenigen, die sie nicht
verstehen, brauchen sich keine Sorgen zu machen, mögen ihn ignorieren.
Er gestattet den Leuten ihn zu ignorieren. Jesus gestattet ihnen
das nicht. Er ruft laut! Er bohrt den Leuten seine Finger in die
Augen!
Er hat ein gewaltiges Mitgefühl. Er ist ein Chirurg. Buddha verabreicht
euch vielleicht etwas Arznei. Jesus ist ein Chirurg, und seine Operation
tut freilich weh. Die Juden sind nicht verantwortlich, man sollte
es ihnen verzeihen. Alle miteinander –, die Hindus, Chinesen, Tibeter
– alle miteinander hätten sie diesen Mann umgebracht; denn dieser
Mann hatte es darauf angelegt.
Er bringt neuen Wind in die Religion: Aktivität, Aktion! Da wird
selbst aus Rebellion noch Revolution.
Religion hat etwas mit einem neuen Bewusstsein im
Individuum zu tun. Sie ist ein Sonnenaufgang im Individuum, ein neues Sein, das im Individuum
entsteht und sich ausbreitet; du bekommst durch sie eine neue Sicht. Du
kannst die alten Probleme sehen, aber sie verschwinden einfach, sie lösen
sich auf. Mit neuen Augen können sie nicht mehr bestehen. Du hast eine
neue Sichtweise, eine neue Dimension.
Diese Dinge muss man sich merken, denn wenn ein Mann wie Jesus
kommt, werden diese Dinge zum Problem.
Ich habe ein arabisches Sprichwort gehört, das lautet: „Zeig
einem Menschen zu viele Kamelknochen oder zeig sie ihm zu oft, und er wird
nicht mehr fähig sein, ein Kamel zu erkennen, wenn er einem lebendigen
begegnet.“
Das passiert, wenn ein Jesus auf die Welt kommt. Ihr habt so
viele falsche Priester gesehen, so viele Hokus-Pokus-Propheten, so viele
Gelehrte, die keine Ahnung haben, aber viel Staub aufwirbeln, dass ihr
einen Jesus, wenn er kommt, nicht erkennen könnt.
Einen Jesus zu erkennen ist eine große Leistung, weil ein bestimmtes
Bewusstsein dazu gehört, sich auf Jesus einzustimmen. Du hast eine gewisse
Eigenschaft, die sich auf Jesus beziehen kann: Du bist schon auf dem Weg,
selbst ein Jesus zu werden. Du kannst nur das erkennen, was du schon in
dir hast und was sich zu öffnen, zu blühen beginnt. Es mag erst eine Knospe
sein, aber du kannst ein klein wenig erkennen, deine Augen sind nicht vollkommen
zu.
Es gibt Priester, die Heuchler sind. Für sie ist Religion ein
Geschäft. Sie leben von ihr, aber leben sie nicht. Für Jesus ist Religion
Leben; für die Rabbiner, für die Priester ist sie ihr Lebensunterhalt.
Und dann gibt es die Gelehrten, die zwar nichts sagen, aber so gut reden
können, die so beredt sind, dass man nie dahinterkommt, wie leer tief innen
sie sind. (…)
Wenn Jesus kommt, seid ihr schon längst zu sehr aufs Wissen
eingeschworen. Ihr habt alle Bücher gelesen, ihr habt die Gelehrten dazu
gehört, ihr habt die Priester gehört. Ihr seid voller Vorstellungen, und
wenn ein Jesus oder jemand wie Jesus kommt, könnt ihr ihn einfach nicht
erkennen. Das lebendige Tier steht vor euch, ihr aber hängt zu sehr an
den Knochen. Einen Jesus erkennen heißt: Ihr müsst alles beiseitefegen,
was ihr schon wisst.
Jesus wurde nicht von Bösewichtern umgebracht, er wurde nicht
von Verbrechern ermordet. Er wurde von hoch angesehenen Rabbinern ermordet.
Um es genau zu sagen: Es waren die Frommen, die ihn ermordet haben. Die
Religion ist nie in Gefahr seitens der Unfrommen, weil die sich gar nicht
um sie kümmern. Religion ist immer in Gefahr seitens der sogenannten Frommen,
weil deren ganzes Leben auf dem Spiel steht. Wenn Jesus recht hat, haben
alle Rabbiner unrecht. Wenn Jesus recht hat, dann hat die ganze Tradition
unrecht. Wenn Jesus recht hat, dann hat die ganze Kirche unrecht.
Ich verstehe das so: Wenn heute jegliche Religion aus der Welt verschwunden
ist, ist das nicht die Schuld der Wissenschaft – nein. Schuld sind nicht
die Atheisten – nein. Schuld sind nicht die Rationalisten – nein. Schuld
ist die Pseudo-Religion, und sie ist so verlogen, dass sich nur noch Scheinmenschen
für Religion interessieren können. Alle, die auch nur einen Funken Echtheit
in sich haben, wenden sich gegen sie, rebellieren.
Echte Menschen sind von jeher rebellisch gewesen, denn die
Wirklichkeit will ans Licht, will ihre Freiheit zum Ausdruck bringen. Echte
Menschen sind keine Sklaven. Vergesst das nicht.