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SERIE: OSHO ÜBER MEISTER

TEIL 4: Joshu_____________________________________

Trink eine Tasse Tee

Kaum ein Meister in der Zentradition wird so sehr geliebt wie Joshu. Es hat viele große Meister gegeben, aber keiner ist so heiß geliebt worden wie Joshu – und er hat es verdient. Seine Art, an anderen, an seinen Schülern zu arbeiten, war so sanft, so zartfühlend, wie es nur ein Dichter hinkriegen kann – eine große Kunstfertigkeit, Buddhas aus dem Gestein der Menschheit heraus zu meißeln.
Jeder Mensch ist nur ein großer Brocken Fels. Es gehört ein Könner, ein Künstler, ein Bildhauer dazu, um alles Überflüssige mit liebevoller Hand zu entfernen, sodass nur zurückbleibt, was absolut wesentlich ist. Dies absolut Wesentliche ist der Buddha in uns.
Wer Joshu bei der Arbeit zuschaut, kann nicht umhin sich in den Mann zu verlieben. Diese Geschichte von Joshu ist ganz einfach. Sie ist so einfach, dass sie einem entgeht: Du versuchst sie zu packen, du versuchst sie mit Händen zu greifen – sie entwischt dir. Sie ist so einfach, dass dein Verstand keinen Ansatzpunkt hat. Versucht herauszuspüren, was sie ist.
Joshu sah einen Mönch und fragte: „Hab ich dich schon mal gesehen?“
Der Mann sagte: „Nein, Herr, ausgeschlossen. Ich komme zum ersten Mal her, ich bin hier fremd – Ihr könnt mich nicht schon mal gesehen haben.“
Joshu sagte: „Okay, dann hab eine Tasse Tee.“ Danach fragte er einen anderen Mönch: „Hab ich dich schon mal gesehen?“
Der Mönch sagte: „Ja, Herr, Ihr müsst mich kennen. Ich bin seit je hier; ich bin kein Fremder.“
Der Mönch muss ein Schüler von ihm gewesen sei, und Joshu sagte: „Okay, dann hab eine Tasse Tee.“
Der Verwalter des Klosters war verdutzt: Zwei verschiedene Leute, die verschieden antworten, erfordern zwei verschiedene Antworten – eine für den Fremden und eine für den Freund; eine für den, der zum ersten Mal kommt, und eine für den, der seit jeher da war. Dem Unbekannten und dem Bekannten erwiderte Joshu genauso. Er machte keinen Unterschied, nicht den geringsten. Er sagte weder: „Ach, ein Fremder! Willkommen! Hab eine Tasse Tee“, noch zu dem anderen: „Du bist seit eh und je hier, du brauchst keine Tasse Tee.“ Er sagte erst recht nicht: „Du bist seit eh und je hier, also brauch ich dir nicht zu antworten.“ (…)
Der Verwalter konnte nicht begreifen. Verwalter sind immer dumm; wer verwaltet, muss auf den Kopf gefallen sein. Und ein Verwalter kann niemals tief meditativ sein. Er hat’s schwer: Er muss mathematisch, berechnend sein; er muss die Welt kennen und alles entsprechend einrichten. Der Verwalter war verwirrt: „Was heißt das? Was ist denn hier los? Das kommt mir unlogisch vor. Es ist okay, einem Fremden eine Tasse Tee anzubieten – aber warum denn auch diesem Schüler, der hierher gehört?“ Also wollte er wissen: „Warum antwortet Ihr zwei verschiedenen Person genau dasselbe, auf verschiedene Fragen?“
Joshu rief laut: „Verwalter, bist du da?“
Der Verwalter sagte: „Ja, Herr, selbstverständlich bin ich da.“
Und Joshu darauf: „Dann hab eine Tasse Tee.“
Indem er ihn laut fragt: „Verwalter, bist du da?“, ruft er ihn zur Anwesenheit, zur Bewusstheit. Bewusstheit ist immerzu neu, sie ist immer ein Fremder – das Unbekannte. Der Körper wird einem vertraut, nicht die Seele – nie und nimmer. Du magst den Körper deiner Frau kennen; du wirst niemals ihre unbekannte, verborgene Person kennen. Niemals. Die ist nicht erkennbar, man kann sie nicht kennen. Sie ist ein Geheimnis; es lässt sich nicht erklären. Als Joshu rief: „Verwalter, bist du da?“, wurde der Verwalter plötzlich bewusst, vergaß er, dass er ein Verwalter war, vergaß er, dass er ein Körper war, sondern meldete sich zur Stelle – aus seinem Herzen. Er sagte: „Ja, Herr!“
Dies laute Fragen kam so plötzlich, dass es einem Schock gleichkam. Und es war offensichtlich, darum sagte er: „Ja Herr, selbstverständlich bin ich da, was fragst du noch.“ Plötzlich entfiel ihm das Vergangene, das Alte, das Denken. Der Verwalter war nicht mehr da – der Antwortende war nur noch ein Bewusstsein. Das Bewusstsein ist stets neu, ständig neu; es wird immerzu neu geboren, es ist niemals alt. Und Joshu sagte: „Dann hab eine Tasse Tee.“
Als Erstes gilt es hier zu erspüren, dass für Joshu alles neu, fremd und geheimnisvoll ist. Ob es Bekanntes oder Unbekanntes ist, Vertrautes oder Unvertrautes ist, spielt keine Rolle. Wenn du Tag für Tag in diesen Garten kommst, wirst du nach und nach aufhören diese Bäume anzuschauen. Du wirst denken, dass du sie oft genug gesehen hast, dass du sie kennst. Mit der Zeit wirst du aufhören den Vögeln zu lauschen … – sie werden singen, aber du wirst nicht hinhören. Jetzt ist dir hier alles vertraut: Deine Augen sind zu, deine Ohren sind zu. Wenn Joshu in diesen Garten kommt – und vielleicht kommt er ja nun schon seit vielen Leben jeden Tag her –, dann wird er die Vögel hören, wird er die Bäume ansehen. Alles ist für ihn jeden Augenblick neu.
Nichts anderes bedeutet Bewusstheit. Für die Bewusstheit ist alles unentwegt neu, ist nichts alt, kann gar nichts alt sein. Alles wird in jedem Augenblick erschaffen – alles ist ein ständig fließender Schöpfungsprozess. Bewusstheit belastet sich nie mit Erinnerungen.
Das Erste ist also: Ein meditativer Mensch lebt immer im Neuen, immer im Frischen. Die ganze Existenz wird neu geboren – so frisch wie ein Tautropfen, so frisch wie ein Blatt, das im Frühling zu sprießen beginnt. Sie ist genauso wie die Augen eines neugeborenen Säuglings: alles ist frisch, klar, ohne ein Stäubchen darauf. Dies gilt es als erstes zu erspüren. Wenn du auf die Welt schaust und dir alles abgestanden vorkommt, zeigt das, dass du nicht meditativ bist. Wenn dir alles alt vorkommt, zeigt das, dass in dir alles alt ist, morsch ist. Wenn in dir alles frisch ist, ist die Welt frisch. Der springende Punkt ist nicht die Welt, sondern ihr Spiegel. Wenn Staub auf dem Spiegel liegt, ist die Welt alt; liegt kein Staub auf dem Spiegel, wie kann die Welt dann alt sein?

Dieser Joshu ist wunderbar. Dies musst du zutiefst fühlen, dann wirst du verstehen können. Aber dieses Verstehen wird mehr wie ein Gefühl sein statt einem Verstehen – nicht aus dem Hirn, sondern aus dem Herzen kommen.
In dieser Geschichte stecken noch viel mehr versteckte Dimensionen. Eine weitere Dimension ist die, dass es, wenn du zu einem Erleuchteten kommst, völlig egal ist, was du sagst; er wird dir genau dasselbe antworten. Was du fragst, was du antwortest, hat nichts zu bedeuten, ist irrelevant; seine Antworten werden dieselben sein.
Allen Dreien antwortete Joshu in derselben Weise, weil ein Erleuchteter immer derselbe bleibt. Keine Situation verändert ihn; die Situation ist irrelevant.
Sobald in der äußeren Situation Veränderungen auftreten, stellen wir uns sofort da
rauf ein, so als hätten wir keine in sich stimmige Seele, keine kristallisierte Seele. Für Joshu ist alles gleich – dieser Fremde, dieser Freund, sein Schüler, dieser Verwalter. Mit seiner Erwiderung „Hab eine Tasse Tee“, bleibt er innerlich der Gleiche.
Tee ist genau wie Gebet. Schon das Wort kommt von einem chinesischen Kloster namens Ta. Dort wurde der Tee überhaupt erst entdeckt – und man fand heraus, dass Tee das Meditieren unterstützt; denn Tee macht dich wacher, versetzt dich in eine gewisse Bewusstheit. Darum fällt es einem Teetrinker schwer, gleich danach einzuschlafen. Man fand heraus, dass Tee der Bewusstheit, Wachheit hilft, daher gehört Tee in einem Zenkloster zum Meditieren dazu. Und was hätte Joshu mehr zu bieten als Bewusstheit?! Wenn er sagt: „Hab eine Tasse Tee“, will er damit sagen: „Hab eine Tasse Bewusstheit.“ Tee ist für Zen sehr symbolisch. Er sagt: „Hab eine Tasse Bewusstheit!“
Mehr kann euch die Erleuchtung nicht geben. Wenn du zu mir kommst, was hab ich dir zu bieten? Ich hab nichts anderes als eine Tasse Tee.
Dieser Joshu muss nicht alles beurteilen. Er beurteilt dich nicht, sondern akzeptiert dich einfach. Was immer du sagst, ist ihm recht, und er sagt: „Komm setz dich und entspann dich bei mir.“
Entspannung ist es, worauf es ankommt. Und wenn du dich bei einem erleuchteten Menschen entspannen kannst, wird seine Erleuchtung dich durchdringen, denn wer entspannt, der wird durchlässig. Wer verspannt ist, der ist verschlossen. Wenn du entspannt bist, wenn dir behaglich ist, wird er eindringen. Wenn du entspannt bist, dich wohlfühlst, Tee trinkst, kann Joshu etwas mit dir machen. Er kann nicht durch deinen Verstand eintreten, aber er kann durch ein Herz eintreten. Indem er dich zu einer Tasse Tee bittet, entspannt er dich, stimmt er dich freundlich, zieht er dich näher, enger an sich.
Das Herz versteht auf seine eigene Art und Weise. Joshu lässt sich nur durch das Herz verstehen.