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SERIE: OSHO ÜBER MEISTER

TEIL 18: Junnaid___________________________________

Dankbarkeit verändert alles

Wie oft habe ich euch schon die Geschichte des Sufimystikers Junnaid erzählt … Er war der Meister von Al Hillaj Mansur, und nur Mansurs wegen wurde er sehr berühmt. Mansur wurde von den orthodoxen, konservativen Fanatikern umgebracht. Und wegen Mansur wurde auch Junnaids Name berühmt – Mansur war Junnaids Schüler.
Junnaid unternahm jedes Jahr eine Pilgerreise zur Kaaba, dem Heiligtum der Moslems. Er wohnte nicht sehr weit von ihr entfernt, und jeder Moslem muss, so will es die Überlieferung, wenigstens einmal im Leben zur Kaaba gehen. Aber die Kaaba lag so nahe an seinem Ort, dass er sie jedes Jahr mit seinen Schülern aufsuchte. Er gehörte zur Art der revolutionären Heiligen. Oder besser gesagt: Alle außer den revolutionären sind keine Heiligen, sondern nur Blender, Schauspieler, Scharlatane und Heuchler.
Die Bewohner der Dörfer, durch die Junnaids Weg führte, waren sehr böse auf ihn. Einige von ihnen waren so wütend, dass sie ihm jegliches Essen verweigerten, ja sogar Trinkwasser, und ihn nicht im Dorf übernachten lassen wollten.
Junnaid hatte die Gewohnheit wie alle Moslems, fünf Mal am Tag zu beten; und nach jedem Gebet erhob er die Hände zum Himmel und sagte: „Allah, ich bin dir so dankbar! Wo finde ich Worte für meine Dankbarkeit? Du kümmerst dich in jeder Hinsicht um mich, dein Mitgefühl ist unendlich, deine Liebe kennt keine Grenzen.“
Die Schüler hatten es satt … fünf Mal schließlich jeden Tag, und in Situationen, wo sie sehen konnten, dass Allah sich nicht um sie kümmerte … Sie haben keinen Bissen bekommen, sie haben kein Wasser bekommen, sie haben keinerlei Schutzdach bekommen gegen die sengende Hitze der Wüste …
Einmal kam es vor, dass man sie drei Tage lang überall nur rausgeworfen und gesteinigt hatte, ihnen weder etwas zu essen noch zu trinken noch ein Dach über dem Kopf gewährt hatte; Junnaid aber betete unbeirrt weiter wie eh und je.
Am dritten Tag platzte den Schülern der Kragen. Sie sagten: „Irgendwann reicht’s. Wie kommst du darauf zu sagen: ,Du bist mitfühlend, deine Liebe ist groß, du kümmerst dich um uns bis ins Kleinste?‘ Drei Tage lang haben wir keinen Bissen gegessen! Wir haben Durst, wir haben im Freien schlafen müssen, draußen in der Wüste, bibbernd in der kalten Nacht. Wofür bedankst du dich eigentlich?“
Die Antwort, die Junnaid seinen Schülern gab, verdient es, dass man sie sich merkt. Er sagte: „Glaubt ihr vielleicht, mir sei entgangen, dass wir keine Nahrung bekommen haben, dass wir verjagt worden sind, dass wir gesteinigt worden sind, dass wir durstig sind, dass wir uns drei Tage lang in der offenen Wüste aufhalten mussten? Merkt ihr denn nicht, dass mir das genauso bewusst ist? Aber das heißt doch nicht, dass Gott sich nicht um uns kümmert. Vielleicht kümmert er sich ja gerade auf die Art und Weise um uns; vielleicht ist es ja dies, was wir im Augenblick brauchen.
Gott zu danken, wenn alles nach Wunsch läuft, ist sehr leicht. Ich habe in diesen drei Tagen sehr wohl bemerkt, wie ihr einer nach dem anderen aufgehört habt, Gott nach dem Gebet zu danken; ihr habt die Prüfung nicht bestanden. Es war eine wunderbare Prüfung. Selbst noch im Tod werde ich ihm sterbend danken. Er hat mir das Leben geschenkt; jetzt nimmt er es mir wieder. Es gehörte ihm, es gehört ihm, es wird ihm gehören. Wer bin ich denn, mich in seine Angelegenheiten einzumischen?“
Es wird also Zeiten geben, da du keinen einzigen Augenblick Friede, Stille, Meditation, Liebe, Seligkeit finden wirst. Aber verlier die Hoffnung nicht. Vielleicht sind diese Augenblicke nötig, um dich zu kristallisieren, um dich stark zu machen. Sei nicht nur dann dankbar, wenn alles läuft wie geschmiert, sondern auch dann, wenn alles schiefgeht. Wer dankbar sein kann, wenn alles daneben geht, der ist wahrhaft dankbar; er kennt die Schönheit der Dankbarkeit. Von ihm aus kann alles bis in alle Ewigkeit schieflaufen, aber seine Dankbarkeit hat eine solche Verwandlungskraft, dass sie alles verändern wird.

Eines Tages war einer seiner Schüler – derjenige, der es irgendwie geschafft hatte, nie sein Vertrauen in Junnaid zu verlieren –, im Wald auf die Jagd gegangen. Und er sah Junnaid, wie er mit einer schönen Frau am Ufer eines romantischen Sees saß. Er sah es von fern – und aus der Ferne ist alles schön … und vor allem eine Mohammedanerin. Keine Mohammedanerin ist hässlich – ihr Gesicht ist verschleiert. Mit dieser klugen List übervorteilen die hässlichen Frauen die schönen; auf die Art gehen die schönen unter.
All seine verdrängten Verdächtigungen und Zweifel stiegen hoch … Nicht genug damit, dass Junnaid neben dieser Frau saß: Sie schenkte ihm auch noch Wein aus einer Flasche in Junnaids Glas ein!
All sein Vertrauen ging in die Brüche, all seine Liebe verflog: „Alles hat seine Grenzen. Das hier geht zu weit. Dieser Mann ist ein Hochstapler!“
Und wenn er so, ohne Junnaid noch eines Wortes zu würdigen, umgekehrt wäre, hätte ihn nichts mehr davon abgebracht, dass der Mann ein Betrüger war. Alle Beweise lagen auf dem Tisch, er hatte es mit eigenen Augen gesehen. Er konnte es bezeugen. Er brauchte keine weiteren Beweise, keinen weiteren Grund. Nichts hätte ihn davon überzeugt, dass er sich etwa hätte irren können.
Doch Junnaid rief ihm laut zu: „Kehr nicht um! Komm näher. Denn wenn du näher-kommst, entpuppt sich so manche Tatsache als Einbildung. Je näher du kommst, desto illusorischer ist sie. Tritt einfach näher.“ Noch zögerte er zwar, aber er kam.
Junnaid hob den Schleier vor dem Gesicht der Frau: Sie war Junnaids Mutter, eine alte Frau. Und er sagte: „Wo ist jetzt die schöne Frau, die du gesehen hast? – und du hattest sie mit eigenen Augen gesehen. Hättest du dir eine alte Frau vorstellen können, meine eigene Mutter? Das überstieg deine Fantasie.
Und schau dir diese Flasche genauer an; probier mal: Es ist reines Wasser, kein Wein. Allerdings kommt es aus einer Weinflasche.
Eben wolltest du noch in absoluter Gewissheit umkehren, dass dieser Mann ein Hochstapler sei – Frauen und Wein im verschwiegenen Wald – und in der Öffentlichkeit setzt er dann seine Maske auf, die eines großen Meisters!’“
Der Schüler fiel ihm zu Füßen und sagte: „Bitte vergib mir!“
Junnaid erwiderte ihm: „Hier gilt es nicht zu vergeben, hier gilt es zu verstehen. Du hast dich gezwungen mir zu vertrauen, und ein erzwungenes Vertrauen muss früher oder später in sich zusammenbrechen. Du willst mich lieben, aber Lieben kann man nicht wollen – entweder liebst du oder du liebst nicht, der Wille spielt dabei keine Rolle. Du hast versucht, andere Schüler nachzuahmen, und der Weg zur Wahrheit ist nichts für Nachahmer.“
Und er fuhr fort: „Ich bin nur deinetwegen hierher gekommen, wohlwissend, dass du auf der Jagd warst und zwangsläufig an diesen See kommen musstest. Du musst wieder von vorn anfangen, aber diesmal darfst du dich nicht zur Liebe antreiben und darf dein Vertrauen nicht etwas Erzwungenes sein. Diese Dinge sind nur schön, wenn sie natürlich wachsen – und wenn sie natürlich wachsen, sind sie durch keine Tatsachen, keine Zahlen zu zerstören. Sie haben aus sich heraus eine so gewaltige Energie, dass sich alle Tatsachen und Zahlen einfach in Luft auflösen.“
Tatsachen sind keine Wahrheiten, sondern nur wie Seifenblasen. Ja, auch eine Seifenblase existiert zwar, aber ob sie existiert oder nicht existiert, läuft praktisch aufs Gleiche hinaus.
Wahrheit währt ewig: Sie war wahr, sie ist wahr, sie wird wahr bleiben. Die Wahrheit kann nur so und nicht anders sein.
Tatsachen verändern sich laufend. Tatsachen beruhen auf Interpretationen. Dieselbe Tatsache kann auf tausendundeine Art und Weise gedeutet werden. Und genau das ist es, was wir alle tun; andernfalls gäbe es nicht so viele Religionen, so viele Philosophien, so viele Ideologien.
Die Wahrheit ist eins.
Der Mystiker hat keine Philosophie, der Mystiker hat keine Ideologie – weil er die Wahrheit selbst hat.