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zur ÜbersichtSERIE: OSHO ÜBER MEISTER
TEIL 7: Laotse____________________________________
Vergiss nicht das Wortlose
Neunzig Jahre lang hat Laotse gelebt – und im Grunde hat er nichts
anderes getan als gelebt: Er lebte rückhaltlos. Immer wieder baten
ihn seine Schüler zu schreiben, aber jedes Mal sagte er dann: „Das
Tao, das sich aussprechen lässt, ist nicht das wirkliche Tao; die
Wahrheit, die man ausspricht, wird im selben Augenblick unwahr.“
Also schwieg er sich aus; er schrieb keine Zeile. Was also machten
seine Schüler bei ihm? Sie wollten einfach nur bei ihm sein. Nichts
anderes bedeutet satsang – mit ihm zusammen sein. Sie lebten bei
ihm, zogen mit ihm mit, sogen einfach sein Dasein auf. In seiner
Nähe versuchten sie für ihn offen zu sein; in seiner Nähe versuchten
sie, an gar nichts zu denken, in seiner Nähe wurden sie zusehends
stiller. In dieser Stille konnte er sie dann erreichen, konnte er
sie aufsuchen und an ihre Türen klopfen.
Neunzig Jahre lang weigerte er sich irgendetwas zu schreiben
oder zu sagen. Dies war seine Grundeinstellung: dass sich die Wahrheit
nicht lehren lässt. Sobald du etwas über die Wahrheit sagst, ist
sie nicht mehr wahr; mit dem Aussprechen verfälschst du sie schon.
Du kannst sie nicht lehren. Allenfalls kannst du auf sie hinweisen,
und dieses Hinweisen sollte dein ganzes Sein, dein ganzes Leben
enthalten. Mit Worten kann man nicht auf sie hinweisen. Er hielt
nichts vom Wortemachen, er hielt nichts vom Sprechen.
Man erzählt, dass er Tag für Tag einen Morgenspaziergang machte,
und ein Nachbar ihm immer folgte. Wohlwissend, dass er nicht sprechen
mochte, dass er ein Mann der absoluten Stille war, hielt der Nachbar
immer den Mund. Selbst ein „Hallo!“ durfte nicht sein, selbst eine
Bemerkung über das Wetter durfte nicht sein. Zu sagen: „Was für
ein herrlicher Morgen!“, war schon zu viel Geschwätz. Laotse machte
immer einen langen Spaziergang, ging meilenweit, und der Nachbar
folgte ihm immer.
Das ging jahrelang so, aber einmal geschah es, dass der Nachbar
einen Gast hatte, der auch mitkommen wollte, also brachte der Nachbar
ihn mit. Er kannte weder Laotse noch seine Gewohnheiten. Er fühlte
sich langsam ersticken, weil sein Gastgeber kein Wort sagte, und
er begriff nicht, warum sie so schweigsam waren. Und die Stille
fiel ihm zur Last.
Wer nicht zu schweigen versteht, den belastet es. Es ist nicht
so, dass ihr miteinander redet, um zu kommunizieren – nein. Indem
ihr miteinander redet, entlastet ihr euch. Tatsächlich kann man
mit Worten überhaupt nicht kommunizieren; nur das genaue Gegenteil
ist möglich: Man kann damit Kommunikation umgehen. Du kannst reden
und ein Schutzschild aus Worten um dich her kreieren, damit die
anderen nichts von der wirklichen Situation mitbekommen. Ihr zieht
euch mit Worten warm an.
Dieser Fremde fing an, sich nackt zu fühlen und erstickt und
linkisch; es war ihm peinlich. Also brach es einfach, als eben die
Sonne aufging, aus ihm hervor: „Was für eine herrliche Sonne! Schaut
nur … ! Wie schön die Sonne dort aufgeht, wiedergeboren wird! Was
für ein schöner Morgen!“
Mehr sagte er gar nicht. Aber er bekam keine Antwort, denn der
Nachbar, sein Gastgeber, wusste ja, dass Laotse das nicht mochte.
Und natürlich sagte auch Laotse nichts, gab keine Antwort.
Kaum waren sie wieder daheim, als Laotse zu dem Nachbarn sagte:
„Bring morgen bitte nicht wieder diesen Mann mit. Er ist ein Schwätzer.“
Dabei hatte er gar nicht mehr gesagt als: „Was für eine schöne Sonne“
oder „Was für ein schöner Morgen“. So viel auf einem zwei- oder
dreistündigen Spaziergang. Aber Laotse sagte: „Bring bitte diesen
Schwätzer nicht wieder mit. Er redet zu viel, und er redet sinnloses
Zeug. Ich hab schließlich selber Augen; ich kann sehen, dass die
Sonne wieder aufgeht und sie schön ist. Wozu es noch aussprechen?“
Laotse lebte in Schweigen. Er vermied es stets, über die Wahrheit,
die er erreicht hatte, etwas zu sagen, und er verweigerte sich dem
Ansinnen, dass er es für kommende Generationen aufschreiben solle.
Im Alter von neunzig verabschiedete er sich von seinen Schülern.
Er sagte ihnen Adieu und erklärte: „Jetzt zieh ich mich ins Gebirge
zurück, in den Himalaja. Ich will dorthin ziehen, um mich auf den
Tod vorzubereiten. Es ist gut unter Menschen zu leben, es ist gut
in der Welt zu leben, solange du lebendig bist, aber wenn man sich
dem Tod nähert, ist es gut, sich in die völlige Einsamkeit zurückzuziehen,
auf dass du deiner ursprünglichen Quelle in deiner absoluten Reinheit
und Alleinheit entgegengehst, unbeschmutzt durch die Welt.“
Seine Schüler waren zutiefst betrübt, aber was sollten sie machen?
Sie folgten ihm ein paar hundert Meilen weit, aber nach und nach
überredete Laotse sie umzukehren. Schließlich überquerte er allein
die Grenze, und der Zöllner hielt ihn fest. Denn der war auch sein
Schüler, und er sagte: „Ich lasse dich nur über die Grenze, wenn
du ein Buch schreibst. Wenigstens so viel musst du für die Menschheit
tun. Schreib ein Buch! Das bist du ihr schuldig, andernfalls lasse
ich dich nicht über die Grenze.“ Also saß Laotse drei Tage lang
fest, als Gefangener seines eigenen Schülers.
Das ist sehr schön und sehr liebevoll … Man musste ihn zwingen
– und auf diese Weise wurde dies kleine Buch, das Buch Laotses geboren
mit dem Titel Tao Te Ching. Er hatte keine andere Wahl, weil ihn
sein Schüler einfach nicht weiterziehen ließ. Und er war der Zöllner
und er hatte die nötige Autorität, er konnte Schwierigkeiten machen,
also musste Laotse das Buch schreiben. In drei Tagen schrieb er
es fertig.
Der erste Satz des Tao Te Ching lautet:
„Das Tao, das sich sagen lässt, ist nicht das wirkliche Tao.“
Das ist das Allererste, was er auf dem Herzen hat: „Alles, was sich
sagen lässt, kann nicht wahr sein.“ Das schickt er dem Buch voraus. Um
dich zu warnen: „Jetzt folgen Worte – fall ja nicht auf sie rein! Vergiss
nicht das Wortlose. Vergiss nicht das, was sich durch Sprache, durch
Worte nicht kommunizieren lässt. Das Tao lässt sich zwar kommunizieren,
aber nur von einem Dasein zum anderen: In der Präsenz eines Meisters
lässt es sich kommunizieren; setze dich einfach nur zum Meister, ohne
etwas zu tun oder zu praktizieren. Sei einfach nur bei ihm, und es kann
kommuniziert werden.“
Warum lässt sich die Wahrheit nicht sagen? Wo liegt das Problem?
Die Wahrheit lässt sich aus manchen Gründen nicht sagen. Der erste und
wichtigste Grund ist, dass die Wahrheit immer nur in der Stille erkannt
wird. Erst wenn dein inneres Geschwätz aufgehört hat, wird sie erkannt.
Und wie ließe sich etwas, das du in der Stille erkannt hast, durch Geräusche
ausdrücken? Sie ist eine Erfahrung und kein Gedanke. Wäre sie ein Gedanke,
ließe der sich auch problemlos ausdrücken. So kompliziert oder komplex
ein Gedanke auch sein mag – es gäbe einen Weg ihn auszudrücken. (…)
Aber die Wahrheit lässt sich deshalb nicht ausdrücken, weil
man einzig und allein durch Stille, also geräusch- und gedankenlos hinlangt.
Man gelangt durchs Nichtdenken zu ihr – dadurch, dass die Gedanken stillstehen.Und
wie könnte man dafür ein Medium benutzen, auf das man unbedingt verzichten
muss, um zu ihr zu gelangen? Der Verstand kann sie nicht verstehen, der
Verstand kann sie nicht erkennen, wie sollte der Verstand sie da ausdrücken
können? Merk dir die Regel: Was der Verstand fassen kann, das kann er
auch ausdrücken; was der Verstand nicht fassen kann, das kann der Verstand
auch nicht ausdrücken. Sprache greift einfach nicht. Die Wahrheit lässt
sich nicht ausdrücken.
Was sollen dann aber all die heiligen Schriften? Was soll dann
Laotse, was sollen die Upanischaden? Sie alle weisen auf etwas hin, das
sich nicht sagen lässt – in der Hoffnung, dass in dir das Verlangen danach
erwacht es zu wissen. Die Wahrheit lässt sich zwar nicht sagen, aber schon
ihr Versuch sie zu sagen kann den Wunsch in dir wecken, das zu erkennen,
was sich nicht sagen lässt. (…)
Ein Meister wie Laotse weiß sehr wohl, dass sich die Wahrheit
nicht sagen lässt; aber das bloße Bemühen sie zu sagen wird etwas in dir
provozieren, wird den unterdrückten Durst wachrufen.
Und sobald sich der Durst gemeldet hat, beginnt eine Suche,
ein Wissenwollen.
Und schon hat er dich in Bewegung gesetzt …