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zur ÜbersichtSERIE: OSHO ÜBER MEISTER
TEIL 3: Meera_____________________________________
Die tanzende Königin
Vielleicht ist Meera die bedeutendste aller Frauen, die je erleuchtet
worden sind. Ihre Lieder … jedes Wort ist pures Gold. Es kommt mitten
aus der Quelle der Erleuchtung.
Sie war eine Königin, aber sie hielt es nicht im Kerker des Palastes
aus; sie wollte auf die Straßen hinaus, dort ihre Lieder singen,
ihre Tänze tanzen, ihre Seligkeit so weit verbreiten, wie nur möglich.
Als Meera etwa zweiunddreißig, dreiunddreißig Jahre alt war,
waren alle gestorben, die in ihrem Leben wichtig gewesen waren.
In allen Büchern über Meera sagen die Autoren „unglücklicherweise“.
Ich kann das nicht sagen. Ich sage dagegen: „ausgesprochen glücklicherweise“
– denn ich habe beim Tod nicht das Gefühl, dass er zwangsläufig
eine Art Fluch ist. Das kommt ganz auf einen selbst an. Meera wusste
es richtig zu nutzen. Wo immer die Geliebten aus ihrem Leben gerissen
wurden, jedes Gefäß ihrer Liebe verschwand, brachte sie diese ihre
Liebe Gott zum Opfer.
In ihrer letzten Phase lebte sie bei ihrem Vater. Ihre Mutter
starb, ihr Ehemann starb, ihr Vater starb. Fünf Tode reihten sich
aneinander. All ihre weltlichen Bindungen waren zerbrochen. Sie
wusste es gut zu nutzen. Sie machte aus ihren zerbrochenen Banden
eine Abkehr von der Welt. Und die Liebe, die von der Welt befreit
worden war, legte sie Gott zu Füßen nieder. Sie gab sich mit Haut
und Haar dem leidenschaftlichen Gesang für Krishna hin.
Und diese Tode leisteten einen noch besseren Dienst – sie lehrten
sie vor allem, dass alles in diesem Universum vergänglich ist: Wenn
du nach dem Geliebten suchen musst, suche ihn im Ewigen. Hier ist
nichts dein. Verirre dich nicht hier, lass dich nicht hier in die
Irre führen. Hier wird alles, was du berührst, vergehen. Hier nimmt
nur der Tod zu und nichts sonst. Das hier ist ein Friedhof. Komm
nicht auf den Gedanken, dich hier wohnlich einzurichten. Niemand
ist jemals hiergeblieben. Das alles hatte sie mit eigenen Augen
gesehen …
Dreiunddreißig Jahre alt ist nicht sehr alt. Sie war jung. So
viele Tode waren in ihrer Jugend vorgekommen, dass ihr der Stachel
des Todes restlos und eindeutig zeigte, dass das Leben vergänglich
ist. Und daraufhin wandte sich ihr Geist von alledem ab. Wer sich
vom Diesseits abwendet, kann sich dem Göttlichen zuwenden.
Zunächst tanzte Meera nur zu Hause, vor ihrer Krishnastatue.
Danach stieg die Liebe in ihr auf wie eine brausende Flut, und das
Haus wurde zu klein dafür. Da tanzte sie in den Dorftempeln, in
den satsangs der Sadhus. Dann schwoll ihre Liebe zu einer solchen
Flut an, dass sie nicht mehr bewusst war. Sie ertrank, sie versank,
sie wurde voll von Krishna.
Natürlich bekam die Familie Probleme, denn sie war eine Dame
des königlichen Haushalts, einer angesehenen Familie. Die Familie
macht sich immer Sorgen. Stellt euch nur vor … Rajasthan vor fünfhundert
Jahren: Die Frauen legten nie ihren Schleier ab – man sah nie öffentlich
ihr Gesicht. Und in der Königsfamilie war man noch strenger. Und
sie begann auf den Straßen zu tanzen, sie begann inmitten des gemeinen
Volkes zu tanzen! Obwohl ihr Tanz Gott galt, war Tanz für ihre Verwandten
immer noch Tanz – sie konnten keinen Unterschied sehen. Und die,
die ihr am nächsten gestanden hatten, waren alle gestorben.
Ihr Schwager saß auf dem Thron. Wann immer es in Meeras Liedern
heißt, dass der König Gift geschickt habe, dass der König eine Schlange
im Korb geschickt habe, dass der König Dornen auf ihr Bett gestreut
habe, meint sie damit den jüngeren Bruder ihres Mannes. Ihr Mann
war gestorben.
Ihr Schwager hieß Vikramajit Singh. Er war ein böser Jüngling,
ein Jüngling von krankhafter Natur. Und was sie da tat, war unerträglich!
Meeras Ruhm war ihm zuwider. Meera war so berühmt, dass die Menschen
begannen, von fern herbeizuströmen. Einfache Menschen kamen zu
ihrem Darshan; Heilige, Mönche, ehrbare Leute kamen auch. Wer immer
von Meera erfuhr, kam von weit her. Der Duft begann sich auszubreiten.
Das Parfum war wie das des Moschuswildes: Auf wessen Nasenlöcher
auch immer ein Hauch Moschus traf, der musste kommen.
Dies ist das Erstaunlichste: Aus jedem Landesteil kamen Leute,
aber die blinden Mitglieder der Königsfamilie erkannten nichts.
Dass so viel Volk kam, machte ihnen noch mehr Kopfzerbrechen, weil
Meeras Ruhm ihren Egos vor den Kopf stieß. Der König auf dem Thron
dachte: „Was? Jemand aus meiner eigenen Familie höher als ich? Das
ist unerträglich!“ Dann fand er tausend Vorwände, und jeder davon
war logisch: „Sie mischt sich unters gemeine Volk, ohne ihren Schleier.
Sie tanzt in den Straßen; manchmal gibt sie beim Tanzen nicht einmal
Acht auf ihre Kleidung. Das schickt sich nicht für eine Dame des
Königshauses.“
Aber was erzählen die Geschichten? Man schickte ihr Gift, und
in Krishnas Namen trank Meera es; und es heißt, dass das Gift zu
Nektar wurde. Und so muss es gewesen sein! Wie denn auch anders?
Wenn jemand mit so viel Liebe, so offenen Armen Gift trinkt, muss
es zu göttlichem Nektar werden. Und wenn jemand wütend, gewalttätig,
hasserfüllt, feindselig Ambrosia trinkt, wird selbst dieses zu Gift.
In diesen Begebenheiten, die sich in den Leben der Erleuchteten
abgespielt haben, suche ich nach Beweisen dieser psychologischen
Wahrheit. Meera nimmt das Gift wie Nektar entgegen; dann wird es
auch zu Nektar. So wie du die Welt nimmst, so wird die Welt auch.
Diese Welt ist das Produkt deiner Akzeptanz. Diese Welt ist deine
Vision im Großen.
…
In Vrindavan steht der größte Krishnatempel. Der Priester des Tempels
war zölibatär; und alle Zölibatären sind krank, psychologisch krank, und
so auch er – ein kranker Mensch in dem Sinne, dass er keiner Frau Zutritt
zum Innern des Tempels gestattete. Nur Männer durften in den Tempel eintreten.
Frauen mussten von draußen anbeten.
Seit zwanzig Jahren hatte er keine Frau mehr gesehen. Diese
Art Zölibat ist nichts als eine ungeheuerliche Verdrängung – eine solche
Angst vor Frauen, dass du schon beim Anblick einer Frau um das fürchten
musst, worum du dich dein ganzes Leben lang bemüht hast!
Als er hörte, dass Meera kommen wollte, um im Tempel vor Krishna
zu tanzen – und sie war eine der schönsten Frauen, die man sich nur vorstellen
kann – stellte er zwei Wächter mit blanken Schwertern vor das Tor und befahl
ihnen: „Lasst sie nicht rein. Selbst auf die Gefahr hin, dass ihr sie umbringen
müsst – nur keine Angst!“
Meera kam singend angetanzt, und die Wächter waren so überwältigt
von ihrer Liebe, von ihrer Freude, von ihrer Ekstase, dass sie ihren Auftrag
vergaßen – warum sie dort standen. Und sie tanzte an ihnen vorbei in den
Tempel hinein.
Der Priester stand anbetend vor Krishna, einen Teller voll
Kerzen vor sich haltend – diese Kerzen sollten seiner Anbetung Ausdruck
verleihen. Kaum sah er Meera, fiel der Teller und er traute seinen Augen
nicht – was war mit den Wächtern geschehen?
Sie war trunken vom Göttlichen und sie tanzte vor Krishna.
Der Priester gebot ihr Einhalt und fragte sie: „Wie wagst du es? Du weißt,
dass keine Frau hier erscheinen darf. Und die Wächter vor dem Tor hätten
dich abhalten sollen.“
Meera lachte, und sie sagte etwas sehr Bedeutendes. Sie sagte:
„Früher dachte ich immer, Gott sei ein Mann und jeder andere sei eine Frau.
Heute entdecke ich, dass es zwei Männer gibt – dich und Gott.
Wie ist es um deine Liebe bestellt? Wenn du es nicht vermagst,
einfach zum liebenden, weiblichen Herzen zu werden, ist deine ganze Anbetung
nur Hokuspokus. Wen willst du hinters Licht führen? Ich kann nirgendwo
einen Mann erkennen. Nur Gott ist ein Mann, und wir alle sind seine Geliebten.
Auch du bist eine Frau. Komm, tanz mit mir!“
…
Meeras Tanz hat die Qualität menschlicher Existenz
verändert: Sie hat
den Puls einer neuen Melodie angeschlagen.
Im Osten akzeptieren wir die Einmaligkeit jedes Individuums.
Wir zwängen ihm keinerlei Moral auf. Wir sagen einfach: Wenn du heimgekehrt
bist, dann ist alles Weitere gut. Dann lass alles so geschehen, wie Gott
es durch dich vorgesehen hat. Amen. Misch dich dann nicht ein. Wenn er
schweigend in dir unter einem Bodhibaum sitzen möchte, dann lass ihn schweigen.
Durch Schweigen wird er Schwingungen auslösen, die die kommenden Jahrhunderte
verändern werden. Jahrtausende hindurch werden diese Schwingungen Menschen
zu höheren Bewusstseinszuständen, veränderten Bewusstseinszuständen verhelfen.
Lasst sie also in Ruhe und mischt euch nicht ein.
Wenn Gott es vorzieht, stillzuschweigen, lasst ihn in Ruhe.
Wenn er in dir tanzen will, lasst ihn. Wenn er hingehen und den Armen dienen
will, lasst ihn. Wenn er eine Meera werden will, gut. Wenn er ein Chaitanya
werden will, gut; wenn er ein Buddha werden will, gut. Was immer er will,
lasst seinen Willen geschehen.