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SERIE: OSHO ÜBER MEISTER

Osho hat im Laufe der dreißig Jahre, in denen er zu seinen Schülern aus aller Welt sprach, über eine Unzahl von Erleuchteten und Weisen gesprochen. Die meisten dieser Namen sind im Westen nicht einmal bekannt.
So bringt er den Kern praktisch aller Weltreligionen zum Vorschein und zeigt auf, wie alle Erleuchteten, von japanischen Zenmeistern bis zu den griechischen Vorsokratikern, über ein und dieselbe menschliche Grenzüberschreitung gesprochen haben. Osho nannte die erleuchteten Meister Zitadellen der Menschheit. Sie sind geistige Vorreiter und haben das Bewusstsein der Menschheit entscheidend geprägt und vorangetrieben.

TEIL 16: Naftali___________________________________

Und für wen arbeitest du?

In Ropshitz, der Stadt wo Rabbi Naftali wohnte, war es bei den Reichen, deren Häuser isoliert oder ganz am Rande der Stadt standen, Sitte, Wachmänner für die Nacht anzuheuern. Einmal begegnete Rabbi Naftali auf seinem spätabendlichen Streifzug durch die Wälder außerhalb der Stadt einem dieser Wachmänner, wie er auf und ab ging. „Für wen arbeitest du?“, wollte er wissen.
Eine einfache Frage, aber eine einfache Frage kann zu einer sehr tiefen werden. Eine einfache Situation, aber eine einfache Situation kann zum Aufwachen genutzt werden. Das Weltliche ist auch das Heilige; es ist das Gewöhnliche und das Außergewöhnliche zugleich. Es kommt nur darauf an, das Geheimnis zu kennen, wie man es nutzt. „Für wen arbeitest du?“, wollte er wissen. Eine einfache Frage. Eine förmliche Frage. Aber sie wurde zu einer Einsicht. Jeder Augenblick kann zur Tür werden.
Der Mann sagte es ihm und fragte dann seinerseits: „Und für wen arbeitest du, Rabbi?“
Weil der Rabbi dieselbe Straße entlang lief, dachte der Wachmann, dass er vielleicht auch als Wachmann für irgendwen arbeitete: „Und für wen arbeitest du, Rabbi?“
Wiederum eine einfache Frage. Aber manchmal kann, wenn du in der richtigen Stimmung bist, ganz feine Antennen hast, etwas ganz Einfaches zu einer Botschaft Gottes werden.
Die Worte trafen den Zaddik wie ein Pfeil. „Im Augenblick arbeite ich noch für niemanden“, brachte der Rabbi gerade noch heraus. Ein hellwacher Mann, wie es scheint. Ansonsten hätte er sagen können: „Ich arbeite für Gott.“ Ein Rabbi, ein gewöhnlicher Lehrer, würde das gesagt haben, ohne dem weiter Bedeutung beizumessen. Dieser Rabbi dagegen war ein aufrichtiger, ein wahrhaftiger Mann. Plötzlich nahm diese Frage eine ganz andere Bedeutung an: „Und für wen arbeitest du, Rabbi?“– „Im Augenblick arbeite ich noch für niemanden“, brachte der Rabbi gerade noch heraus. Wie könntest du sagen, für Gott zu arbeiten? Er arbeitet nur nicht für irgendeinen anderen Reichen. Er ist ein Mann Gottes, ein Priester, ein Rabbiner – aber kein gewöhnlicher Priester: Er ist hellwach. „Im Augenblick arbeite ich noch für niemanden.“
Er bringt es kaum über die Lippen – und erst recht kann er das als Rabbi sagen; denn gewöhnlich denkt und sagt jeder Tempel-priester, dass er für Gott arbeitet, ohne zu wissen, was er damit sagt, was er damit behauptet. Gewöhnlich zögern Priestern da nicht.
Denkt daran: Nur ein sehr aufrichtiger Mensch zögert. Narren, Dumme, Heuchler – die alle sind sich sicher, die zögern nie. Sie sind sich stur sicher, sie sind sich immer absolut sicher. Es gehört sehr, sehr viel Intelligenz dazu … und mit Intelligenz meine ich nicht Intellekt; mit Intelligenz meine ich Einsicht. Ich meine nicht den antrainierten Intellekt. Mit Intelligenz meine ich den Strahl der Einsicht. Ein intelligenter Mensch zögert immer, da das Leben an sich bereits so ein gewaltiges Mysterium ist. Wie kannst du dir da irgendeiner Sache sicher sein?
Laotse sagt: „Wenn andere absolut sicher sind, bin ich der einzige Verwirrte.“ Laotse, ein vollkommen Erleuchteter, sagt: „Während andere geistig gesund sind, wirke ich verrückt.“ Er sagt: „Ich gehe, aber nur zögerlich … wie einer, der auf einem gefrorenen Bach geht. Ich laufe, aber ich fürchte mich, wie ein von Feinden Umringter. Aber andere – die machen sich einfach überhaupt keine Gedanken. Sie wirken absolut gewiss.“
Das Zögernkönnen verrät einen hochempfindlichen Geist. Er kann nichts behaupten, was nicht wirklich stimmt – selbst in einem gewöhnlichen, höflichen Gespräch.
Wie darf einer, der Gott noch nicht einmal erkannt hat, sagen: „Ich arbeite für Gott“? Das wäre profan, das wäre gotteslästerlich.
Was Naftali hier sagen will, ist Folgendes: „Ich arbeite für niemanden mehr auf dieser Welt. Die Ziele des Diesseits liegen hinter mir und die Ziele des Jenseits sind noch unklar. Ich bin im Übergang. Hier scheint nichts mehr etwas zu bedeuten, und dort sind meine Augen noch verschlossen.“
Er will damit sagen: „Ich arbeite aus keinem diesseitigen Ehrgeiz heraus. Und das Jenseits? – ist noch weit weg. Ich bin unterwegs. Ich habe das Alte verlassen und das Neue noch nicht betreten. Ich bin genau auf der Mitte der Brücke. Das alte Ufer liegt für immer hinter mir und das neue Ufer liegt im Nebel verborgen. Ich arbeite zurzeit noch für niemanden.“

Im Leben eines jeden Meditierers kommt der Zeitpunkt, da die Welt bedeutungslos ist und Gott noch nicht bedeutsam geworden ist. Das ist der allergefährlichste Punkt, den es zu überqueren gilt; denn der Verstand tendiert dazu, umkehren – denn zumindest war damals etwas bedeutsam und man war beschäftigt.
Jetzt ist die alte Beschäftigung weg und die neue scheint sich nicht einzustellen. Man ist in einem Nebelreich, man hängt irgendwo dazwischen. Das ist der Punkt, wo Geduld nötig ist, unbegrenzte Geduld nötig ist. Und das ist der Punkt, wo ein Meister helfen kann – indem er dich überredet, nicht umzukehren, was dein Verstand am liebsten tun würde. Tausenderlei Versuchungen werden dich zur Umkehr bewegen wollen, denn was soll eigentlich dieser Unfug? Das alte Leben hast du zurückgelassen, aber damals gab es zumindest etwas Sinnvolles. Und wenn nichts Sinnvolles, dann zumindest etwas Beschäftigung, irgendein Geschäft zu erledigen. Zumindest fühlte man sich nicht so leer. Mag sein, dass damals nichts von ewiger, dauerhafter Bedeutung war, mag sein, dass alles nur flüchtig, zeitlich begrenzt, momentan war … aber zumindest hatte man ein Ziel vor Augen, hatte man einen Inhalt. Der ist nun auch auf und davon. Und das Ewige lässt sich nirgends blicken.
Diese Lücke ist absolut notwendig. Solange der Verstand nicht einen Zustand erreicht, wo es keinen Gedanken mehr an die Vergangenheit, keinen Rückfall mehr in die Vergangenheit gibt, kann das Neue nicht geschehen. Wenn die Versuchung ebenfalls fort ist und du es im Vakuum aushältst, ohne es eilig zu haben, ohne jede Hast, dann lässt du die Leere sich setzen. Plötzlich erscheint das Ewige: Du bist zu seinem Tempel geworden!
Es gibt viele hier, die seit Langem meditieren, die diesen Zustand erreicht haben. Dann wird ihnen ihr Verstand einflüstern: „Geh nach Hause zurück. Fliehe vor diesem Mann. Du hast überhaupt nichts gewonnen. Im Gegenteil, du hast vieles verloren. Deine Identität ist verloren, dein alter Name ist verloren, dein altes Image … nirgendwo mehr zu finden. Und das Neue? – das Neue ist nicht geschehen. Wird es je geschehen?“ Der Verstand hat Angst, Todesangst. Wird es denn wirklich geschehen? Oder bist du in einer Sackgasse gelandet?
Es geschieht nur, wenn du dich auf Dauer im Vakuum eingerichtet hast. Das Ganze kommt nur, wenn du dich mit der Leere abgefunden hast. Damit das Ganze herabsteigen kann, muss totale Leere da sein. Schon das leiseste Klammern, die leiseste Sehnsucht nach der Vergangenheit ist ein Hindernis.
„Im Augenblick arbeite ich noch für niemanden“, konnte er gerade noch herausbringen. Ein wirklich aufrichtiger Mann.
Dann ging er noch lange neben dem Mann auf und ab. Warum tat er das? – er muss gebrütet haben. Was war da geschehen? Dieser Mann, ein gewöhnlicher Wachmann – er kann zumindest sagen, dass er für jemanden arbeitet. Naftali sagt sich: „Ich bin ein frommer Mann, ein Priester, ein Rabbi, und nicht einmal so viel kann ich behaupten. Zumindest hat dieser Wachmann einen Job, Arbeit, tut etwas Sinnvolles, oder glaubt zumindest, dass er eine sinnvolle Arbeit tut. Und ich, ein frommer Mann, kann kaum zugeben, dass ich vorläufig noch für niemanden arbeite.“
Dann ging er noch lange neben dem Mann auf und ab – brütend, erwägend, meditierend. „Willst du mein Diener sein?“, fragte er schließlich. „Ja gern“, antwortete der Mann, „aber was wären dann meine Pflichten?“ „Mich zu erinnern“, antwortete Rabbi Naftali. „Mich zu erinnern“ – dass die Welt verloren ist, Gott aber noch nicht erreicht ist. „Mich zu erinnern“ – das das Stoffliche verschwunden ist, sich das Unstoffliche aber noch nicht manifestiert hat. „Mich zu erinnern – dass alles Bekannte nichts mehr bedeutet und das Unbekannte noch weit entfernt ist. „Mich zu erinnern“ – dass ich das nicht vergessen darf. Mich wieder und wieder aufzurütteln. Meine innere Glocke anzuschlagen, damit ich nicht einschlafe.
Eine wunderbare Geschichte, sehr bedeutsam … und sie kann Teil eures inneren Schatzes werden. Lasst sie das werden, denn es gibt viele Situationen, in denen ihr es nötig habt, erinnert zu werden. Ihr schlaft immer wieder ein. Das ist natürlich, denn Schlafen ist der Weg des geringsten Widerstands. (…)
Die Welt kann allerhöchstens ein saraya sein, ein dharamshala, ein Rastplatz für die Nacht. Am Morgen brechen wir auf. Klammert euch nicht daran, verliert nicht euer Herz daran. Haltet den Traum nicht für wirklich. Lasst euch wieder und wieder daran erinnern, dass das hier ein Traum ist.