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TEIL 11: Nanak____________________________________
Gott ist überall
Von Nanak, dem Begründer der Sikh-Religion, stammt das Wort, dass
der Augenblick des samadhi (Erleuchtung) genau wie die beiden Zeiger
einer Uhr sei, die sich auf der Zwölf treffen, wo sie in eins fallen.
Er meinte dies nur als Beispiel – dass sich im Augenblick des
Samadhi die Entzweiung deines Wesens auflöst und du zur Einheit
gelangst. Dasselbe ist auch im Tode der Fall. Später erklärte er,
dass dasselbe auch im Tod geschieht: Auch hier fallen die beiden
Zeiger, die bisher getrennt gelaufen sind, zusammen und stehen still,
werden eins: Du wirst eins mit der Existenz.
Nanak gehört zu jenen wunderbaren Leuten, die ich ungeheuer
liebe. Er war ein schlichter Mann. Er hatte nur einen einzigen Schüler,
und zwar nur, weil er so gern sang. All seine Lehren trug er singend
vor, in spontanem Gesang – nicht bewusst komponiert wie von einem
Dichter. Und sein Schüler Mardana spielte dazu lediglich auf einem
einfachen Instrument, nur um die Worte des Meisters mit etwas Musik
zu begleiten.
Sobald die Musik verklungen war, saß Nanak schweigend da. Und
die Leute … sie waren hingerissen von der Musik, ohne zu verstehen,
denn es war nicht ihre Sprache … Einige gingen zwar nun, doch ein
paar blieben sitzen, weil jetzt sein Schweigen ebenfalls eine gewaltige
magnetische Kraft entfaltet hatte.
Er war ein ungebildeter Mann und sprach nur den dörflichen Dialekt
im Punjab. Aber er vermochte fast halb Asien in seinen Bann zu ziehen.
Ohne jede Sprache vermochte er Schüler zu gewinnen.
Mir fällt dazu eine kleine, aber äußerst kostbare Begebenheit
ein.
Bei Lahore gab es eine ganze Ansammlung von Sufi-Mystikern, die
sehr berühmt war – damals, vor fünfhundert Jahren. Von nah und fern
strömten Menschen in Scharen nach Lahore zu dieser mystischen Versammlung.
Auch Nanak kam dorthin. Er nahm gerade ein Bad am Rande des Lagers,
als der Hauptsufi erfuhr, dass er da sei. Keiner von beiden verstand
die Sprache des andern – also musste man einen Weg finden.
Der Sufi schickte einen seiner Schüler mit einer schönen Schale
voller Milch – so voll, dass nicht ein Tropfen mehr hineinging.
Und diese Milchschale schickte er Nanak.
Dessen Schüler Mardana begriff nicht: „Was mag das heißen? Was
sollen wir tun? Ist es eine Gabe, ein Willkommensgruß?“ Nanak lachte
und sah sich um, brach eine wilde Blume und legte sie auf die Milch.
Die Blume war so leicht, dass die Milch sie ungestört trug und nichts
überfloss. Und dann gab er dem Boten ein Zeichen, die Schale zurückzubringen.
Der Mann sagte sich: „Seltsam. Ich verstand nicht, warum diese
Milch geschickt wurde, und jetzt ist die Sache erst recht geheimnisvoll:
Dieser komische Kauz hat eine Wildblume draufgelegt!“
Seinen Meister, den Hauptsufi, fragte er: „Bitte kläre mich auf.
Was hat das alles zu bedeuten? Was geht hier vor?“
Sein Meister antwortete: „Ich hatte Nanak diese Schale voll Milch
geschickt, um ihm zu sagen: ,Geh woanders hin, hier wimmelt es so
von Mystikern, dass wir keine Mystik mehr benötigen! Es ist zu voll
hier, genau wie diese Schale. Wir können dich nicht willkommen heißen;
der Platz wird unnötig überfüllt sein, geh woanders hin.‘
Und was tat dieser Kerl? Er ließ eine Blume obenauf schwimmen!
Was heißen soll: ,Ich werde nur wie diese Blume sein in eurer Versammlung.
Ich nehme euch keinen Platz weg, ich werde euch alle nicht stören.
Ich werde einfach nur eine schöne Blume sein und auf eurer Versammlung
schwimmen.‘“
Der Sufi-Mystiker kam, berührte Nanaks Füße und hieß ihn willkommen
– ohne Sprache, ohne ein Wort zu verlieren.
So blieb Nanak ihr Gast, sang jeden Tag seine Lieder, und alle
Sufis tanzten dazu und genossen sie. Und am Tag seines Abschieds
weinten sie alle. Selbst ihr Anführer weinte. Alle kamen sie, um
ihn zu verabschieden. Sie hatten kein einziges Wort gewechselt –
sie hatten keinerlei Möglichkeit zur Kommunikation. Und dennoch
kam es zu einer enormen Kommunion.
Die Erleuchtung kennt keine Sprache, aber sie kann Mittel und
Wege finden, um ihren Jubel, ihre Seligkeit, ihre Wahrheit, ihr
Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen … alles Große in der Erfahrung
des Menschen – bis hin zu den höchsten Gipfeln des Bewusstseins.
(…)
Nanak ging auf Reisen – er ist der einzige indische Lehrer, der über die
Grenzen Indiens hinauskam. Mahavira und Buddha verließen Bihar, ihr Land,
nie, bereisten nicht einmal Indien selbst. Shankara bereiste ganz Indien,
aber blieb innerhalb seiner Grenzen. Nanak ist die einzige Ausnahme; er
ging nach Arabien.
Er besuchte Mekka, wo die Kaaba, der schwarze Stein, das Heiligtum
der Moslems steht. Es wurde Abend und die Sonne sank eben, und alle waren
sie müde; und Nanak schlief sofort ein.
Seine Mitreisenden, die Gefährten, waren hoch erstaunt. Sie
hatten Nanak immer für einen Heiligen gehalten, aber was er da tat, war
einfach dumm! Als er sich schlafen legte, zeigten seine Beine auf die Kaaba
– was sie mit Angst und Schrecken erfüllte, denn es war Gotteslästerung!
Und noch ehe sie einschreiten konnten, erschien bereits der Oberpriester
und sagte: „Wer ist dieser Mann? Ist er ein Ungläubiger, leugnet er Gott?
Er scheint kein Moslem zu sein. Werft ihn sofort raus!“
All dieser Lärm und Aufruhr weckte Nanak wieder und er sagte:
„Was ist denn los?“ Man antwortete: „Was du da machst, darf nicht sein.
Deine Beine zeigen auf die Kaaba, und das ist eine Sünde.“
Nanak brach in ein schallendes Gelächter aus und er sagte:
„Du kannst meine Beine hinlegen, wo du willst! Aber bevor du das tust,
sag mir bitte, ob ich unrecht habe: Egal wo meine Beine liegen, sie zeigen
immer auf Gott – denn er ist überall.“
Bis zu diesem Punkt scheint die Geschichte völlig realistisch
zu sein; danach wird sie zum Gleichnis. Der Oberpriester war hoch erzürnt;
er packte Nanak bei den Füßen und zog sie fort von der Kaaba. Und dem Gleichnis
zufolge wanderte die Kaaba mit seinen Füßen mit! Und wohin er ihn auch
zerren mochte – die Kaaba wanderte immer mit.
Nun, es ist ein Gleichnis; ich nenne das nicht realistisch.
Bis zur Hälfte scheint die Geschichte genau zu stimmen. Die andere Hälfte
klingt sehr poetisch – wahr, aber nicht faktisch. Obwohl sie sehr vielsagend
ist: Gott ist überall.
Aber tretet die Reise nicht da draußen an. Geht nicht zur Kaaba
und zum Berge Kailash, zum Tempel oder in die Moschee – sonst fangt ihr
auf falschem Fuße an. Und ein Schritt führt zum nächsten. So kommt ihr
ins Fantasieren …