zurück
zur ÜbersichtSERIE: OSHO ÜBER MEISTER
TEIL 13: Pythagoras_______________________________
Ein Brücke zwischen Ost und West
Pythagoras ist ein Angelpunkt zwischen Ost und West – zwischen
einer Zivilisation, die im Atlantik versank, und der Zivilisation,
in der wir heute leben; insofern kommt ihm eine ganz eigene Bedeutung
zu.
Er war praktisch sein ganzes Leben lang unterwegs, auf der Suche
nach Bruchstücken der Wahrheit. Die meiste Zeit verbrachte er in
Ägypten, in Alexandrien. Damals besaß Alexandrien die größte Bibliothek
auf der ganzen Welt, vor allem all die Schriftrollen mit den Entdeckungen
des Bewusstseins, die man auf dem untergegangenen Atlantis gemacht
hatte – eine ganze Zivilisation, die mitsamt ihrem Kontinent im
atlantischen Ozean versank. Der Name Atlantik kommt von diesem Kontinent
„Atlantis“, der in ihm versank. Das einzige Wissen, das davon noch
erhalten war, befand sich in Alexandrien – und vielleicht war Pythagoras
der erste und letzte Mann, der genug Integrität, Intelligenz, Gewitztheit
besaß, um sich Zugang zu diesen Schriften zu verschaffen.
Jene Bibliothek existiert nicht mehr: somit geht alles, was wir
über Atlantis wissen, auf Pythagoras zurück (…)
Pythagoras studierte jahrelang in dieser Bibliothek. Er war Grieche,
aber in Griechenland selbst fand er nur Sophistereien vor – spitzfindiges
Denken, Scheingelehrtentum. Diese Art zu denken ist etwas Abstoßendes.
Das Wort sophia, Weisheit, von dem es abstammt, ist zwar sehr schön,
aber das Wort Sophismus steht nur für Scheinweisheit. Und ganz Griechenland
stand auf den Sophismus. Scharen von Sophisten lehrten die Leute
überall, und ihre Grundlehre war: „Es gibt gar keine Wahrheit.
Es kommt nur darauf an, die besseren Argumente zu haben. Die Wahrheit
gibt es nicht, sie ist ein Trugschluss.“ Wenn zwei sich also streiten,
scheint derjenige die Wahrheit zu besitzen, der besser argumentieren
kann. Aber in Wirklichkeit besitzt er nur die besseren Argumente
und weiter nichts.
Diese Lehrer boten alle möglichen Mittel und Wege an, einen besseren
Streithahn aus einem zu machen: Denn wer gut streiten kann, muss
beide Seiten vertreten können, egal welche. Wenn es gar keine Wahrheit
gibt, ist es egal, wofür du bist und streitest. Es kommt nur auf
dein Geschick an: Welche Seite wird dich zum Sieger erklären? Für
welche Seite hast du mehr Argumente zu bieten?
Der Sophismus hat mich durchaus interessiert, auch wenn man nicht
mehr von Sophistereien spricht. Sokrates hatte ihm den Todesstoß
versetzt. Er bestand darauf, dass es die Wahrheit gibt, und Argumente
nicht dazu da sind, sie zu beweisen, sondern zutage zu fördern.
Sie können sie auch nicht widerlegen, sondern höchstens ihre Aufdeckung
verhindern. Ein einziger Mann, Sokrates, brachte die ganze, jahrhundertealte
Tradition des Sophismus zum Erliegen. Aber unterirdisch ist sie
weitergegangen. Ich kann sie in Theologen, in Religionsphilosophien,
in politischen Ideologien wiedererkennen … nicht etwa um Wahrheit
bemüht, sondern nur darum bemüht, ein absolut stichhaltiges Argument
vorzutragen.
Pythagoras
ist ganz einmalig. Es hat nie eine Parallele existiert.
Seine Suche war dergestalt, dass er bereit war, von jedem zu lernen.
Er war der perfekte Schüler. Er war bereit, von der ganzen Existenz
zu lernen. Er blieb offen, und er blieb bis zum letzten Atemzug
ein Lernender.
Sein Bemühen ging dahin … und es war in jenen Tagen sehr beschwerlich,
von Griechenland bis nach China zu reisen. Das war hochgefährlich.
Das Reisen war halsbrecherisch, es war nicht so leicht wie heute.
Heute ist alles so leicht, dass ihr in New York frühstücken könnt,
in London lunchen und in Pune die Verdauungsstörungen davon bekommen.
Alles ist kinderleicht. Damals war es nicht so leicht. Wer von einem
Land zum andern reiste, der riskierte Kopf und Kragen und brauchte
Jahre dazu.
Als Pythagoras schließlich heimkehrte, war er ein uralter Mann.
Aber bald versammelten sich Sucher um ihn; eine große Schule entstand.
Und wie es immer ist: Die Gesellschaft fing an, ihn und seine Schule
und seine Schüler zu verfolgen. Sein ganzes Leben lang hatte er
nach der philosophia perennis, der ewigen Philosophie geforscht
– und er hatte sie gefunden, hatte all die Bruchstücke zu einer
gewaltigen Harmonie zusammengefügt, wie aus einem Guss – dann aber
durfte er sie nicht mehr bis in alle Einzelheiten ausarbeiten, durfte
sie nicht an andere weitergeben.
Er wurde von einem Ort zum andern verfolgt. Viele Anschläge auf
sein Leben wurden verübt. Es war ihm praktisch unmöglich, alles
weiterzugeben, was er gesammelt hatte. Und sein Schatz war gewaltig
– tatsächlich hat kein Mensch je wieder einen solchen Schatz beisammen
gehabt wie er. So töricht ist die Menschheit nun einmal, und zwar
schon seit jeher.
Dieser Mann hatte Unmögliches geleistet: Er hatte zwischen Ost
und West eine Brücke geschlagen. Er war die erste Brücke. Mit dem
Geist des Ostens war er ebenso tief vertraut wie mit dem Geist des
Westens. Er war mit der griechischen Logik groß geworden, mit dem
wissenschaftlichen Ansatz der Griechen, und zog dann nach Osten
– wo er dem Weg der Intuition begegnete. Er lernte, wie man Mystiker
wird. Er selber war bereits ein großer Mathematiker, und wenn ein
Mathematiker zum Mystiker wird, dann kommt das einer Revolution
gleich – denn dazwischen liegen Welten.
Der Westen steht für das männliche Denken, den aggressiven Intellekt.
Der Osten steht für das weibliche Denken, die rezeptive Intuition.
Die Unterscheidung zwischen Ost und West ist keine beliebige, sondern
ist sehr, sehr bedeutsam und tief. Und ihr dürft auch nicht vergessen,
was Rudyard Kipling gesagt hat: Ost ist Ost und West ist West, und
nie werden die zwei sich je begegnen! Es steckt ein Körnchen Wahrheit
darin, denn ein Verschmelzen scheint unmöglich zu sein – sie funktionieren
auf diametral entgegengesetzte Art und Weise.
Der Westen ist aggressiv und wissenschaftlich – bereit, die Natur
zu erobern. Der Osten ist unaggressiv, empfänglich – bereit, von
der Natur erobert zu werden. Der Westen will unbedingt wissen. Der
Osten ist geduldig. Der Westen lässt sich keine Gelegenheit entgehen,
tiefer in die Geheimnisse des Lebens und der Existenz zu dringen;
er möchte gern Türen aufschließen. Und der Osten wartet einfach
nur, in abgrundtiefem Vertrauen: „Wann immer ich dessen würdig
bin, wird mir die Wahrheit schon offenbart werden.“
Der Westen konzentriert seinen Geist; der Osten nutzt seinen
Geist, um zu meditieren. Der Westen ist Nachdenken; der Osten ist
Nichtdenken. Und logisch scheint Kipling recht zu haben, wenn er
es für unmöglich hält, dass Ost und West je zusammenfinden könnten.
Und „Ost und West“ steht nicht nur dafür, dass die Erde in zwei
Hemisphären geteilt ist, sondern steht auch dafür, wie ihr denkt
– auch für euer Gehirn. Auch euer Gehirn ist in zwei Hälften geteilt,
genau wie die Erde.
Euer Gehirn hat einen Osten und einen Westen. Die linke Hirnhälfte
ist der Westen: Sie ist mit der rechten Hand verknüpft. Und die
rechte Hirnhälfte ist der Osten: Sie ist mit der linken Hand verknüpft.
Der Westen „steht rechts“, der Osten „steht links“. Und alle
beide gehen sie so verschieden vor … Die linke Hirnhälfte kalkuliert,
denkt, ist logisch. Sie bringt alle Wissenschaft hervor. Und die
rechte Hirnhälfte ist ein Poet, ist ein Mystiker. Sie arbeitet
intuitiv, sie fühlt. Sie ist vage, wolkig, verschwommen. Nichts
ist klar. Alles ist irgendwie ein Chaos, aber dieses Chaos hat eine
eigene Schönheit.
Es steckt eine große Poesie in diesem Chaos, es steckt ein großer
Gesang in diesem Chaos. Es ist voller Saft und Kraft. Das Kalkulieren
ist wie eine Wüste. Und der nicht kalkulierende Geist ist wie ein
Garten. Dort singen Vögel und blühen Blumen … es ist eine völlig
andere Welt.
Pythagoras war der Erste, der das Unmögliche versucht hat –
und damit Erfolg hatte! In ihm wurden Ost und West eins, in ihm
wurden Yin und Yang eins, wurden Männlich und Weiblich eins. Er
war ein Ardhanarishwar – die vollkommene Einswerdung der Gegenpole,
gleichzeitig Shiva und Shakti – Intellekt des höchsten Ausmaßes
und Intuition der größten Tiefe. Pythagoras ist ein Höhepunkt,
ein leuchtender Gipfel und ein ebenso tiefes Tal. Eine seltene Kombination.
Aber sein ganzes Lebenswerk wurde von diesen Dummköpfen, diesen
durchschnittlichen Massen zerstört. Diese paar Verszeilen sind sein
einziger Beitrag, der uns erhalten blieb. Diese Verszeilen passen
auf eine einzige Postkarte. Das ist alles, was von den Mühen, von
der großen Anstrengung dieses Mannes erhalten geblieben ist. Und
selbst dies Wenige stammt nicht mal von seiner eigenen Hand! Offenbar
ist alles, was er selber geschrieben hat, vernichtet worden.
Noch am Tage, da Pythagoras starb, metzelte man Tausende seiner
Schüler nieder und verbrannte sie. Nur ein einziger Schüler konnte
aus der Schule fliehen; sein Name war Lysis. Und er floh nicht etwa,
um sein Leben zu retten – er floh, um wenigstens etwas der Lehren
seines Meisters zu retten. Diese Goldenen Verse des Pythagoras schrieb
Lysis auf, der einzige Schüler, der überlebte.