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zur ÜbersichtSERIE: OSHO ÜBER MEISTER
TEIL 8: Rabiya____________________________________
Ein Geschmack von Furchtlosigkeit
Keine Religion hat je die Sufis übertreffen können. Sie sind unvergleichlich. Und im Sufismus lässt sich niemand mit Rabiya al-Adabiya vergleichen. Sie ist einsame Spitze. Einer der großen Sufis hieß Hassan; er war ein geachteter Heiliger.
Dazu fällt mir eine Anekdote ein …
Nur um euch klarzumachen, dass Rabiya selbst die großen Meister weit überragt, sei erwähnt, dass Hassan ein bedeutender Meister ist, mit einer Gefolgschaft zu Tausenden. Er war bei Rabiya zu Gast, und wollte, wie morgens üblich, im heiligen Koran lesen. Aber da er seinen eigenen nicht bei sich hatte, bat er Rabiya um ihren. Sie gab ihm ihren. Als er ihn aufschlug, erlebte er eine Überraschung: An vielen Stellen hatte Rabiya ihn verbessert – ein unerhörter Verstoß im Islam! Der Koran ist die letzte Botschaft Gottes, und Mohammed war sein letzter Bote. Danach konnte keine andere Botschaft mehr kommen. Niemand darf den Koran verbessern, irgendetwas ändern. Und was hatte Rabiya getan? Sie hatte sogar ein paar Wörter, ja ganze Absätze durchgestrichen – sie hatte sie einfach rausgeworfen!
Hassan sagte: „Rabiya, irgendwer hat deinen Koran zerstört.“
Sie erwiderte: „Wieso sollte jemand meinen Koran zerstört haben. Alles, woran du dich störst, hab ich selber gemacht. Ich konnte nicht anders. Sieh dir zum Beispiel die Seite an, auf der du grad bist.“ Dort stand: „Wenn dir der Teufel begegnet, hasse ihn …“ Rabiya hatte das „hasse ihn“ durch: „liebe ihn“ ersetzt.
Hassan fuhr fort: „Aber Rabiya, das sind Gottes eigene Worte; die darfst du nicht ändern!“
Sie antwortete: „Mir ist egal, wessen Botschaft es ist, aber das widerspricht meiner Erfahrung. Seit mir bewusst wurde, wer ich bin, ist nur noch Liebe da. Selbst wenn mir der Teufel erscheint, kann ich nicht umhin ihn zu lieben. Und das ist schließlich mein Koran! Er ist mein Spiegelbild und muss zu mir und meiner Erfahrung stimmen. In mir ist kein Hass mehr zu finden, was kann ich dafür? Dieser Satz widerstrebt mir einfach.
Selbst wenn Gott persönlich das von mir verlangen sollte, würde ich ihm widersprechen, weil es nicht meiner Erfahrung entspricht. Und ich habe die Autorität zu sagen, dass ein Augenblick kommt, da du nur noch reine Liebe bist. Dann mag kommen, wer will – du hast nur Augen der Liebe. Du kannst ihn deine Liebe spüren lassen, kannst deine Liebe ausstrahlen. Es ist ganz egal, wer es ist, ob es Gott oder der Teufel ist. Selbst wenn du ganz allein dasitzt: Wer erkannt hat, der strahlt Liebe aus, auch wenn gar niemand da ist, sie zu empfangen. Das ist nun mal das Wesen der Erleuchtung.“
Hassan musste ihr Recht geben. Er sagte: „So hab ich das ja noch nie gesehen…“
Bei einer anderen Gelegenheit betete Junnaid, ein anderer großer Sufi-Mystiker, vor einer Moschee. Er betete immer außerhalb der Moschee, dort, wo die Leute ihre Schuhe ablegen; denn er sagte: „Ich bin nicht rein genug, um Gott unter die Augen zu treten. Am Tag, da ich es sein werde, wird er mich rufen und ich werde eintreten.“
Er betete dort also, als zufällig Rabiya vorbei kam. Sie blieb stehen und belauschte, was Junnaid sagte. Er stand mit geschlossenen Augen da und rief: „Mein Gott, mach die Tür auf und lass mich herein! Wie lange muss ich noch warten?”
Rabiya trat hinter ihn, packte ihn beim Kragen und schüttelte ihn – und so etwas darf man im Islam nicht machen. Einen Betenden, den darf niemand stören!
Rabiya schüttelte ihn mitten im Gebet durch, so dass er die Augen aufschlagen musste. Sie sagte: „Was bist du doch für ein Dummkopf! Die Tür steht immerzu sperrangelweit offen und er ruft dich von Anbeginn. Du bist taub! Und du bist blind! Wenn du noch einmal sagst: ,Gott, mach die Tür auf!’, kriegst du eine Ohrfeige von mir, denn die Tür steht ständig offen. Gottes Tür ist niemals verschlossen und er wartet nicht erst lange, bis er dich zu sich ruft. Sein Ruf ist ein Dauerruf – er ruft dich andauernd. Sei nicht dumm und hör auf mit diesem ganzen Blödsinn. Wenn du reingehen willst, dann geh rein. Wenn nicht, dann bleib draußen. Aber so ein Gebet dulde ich nicht.“
Diese Frau muss Mut gehabt haben – Junnaid war immerhin ein Meister von Tausenden, ein Meister von Meistern! Al-Hillaj Mansur, der ein sehr berühmter Mystiker wurde, war sein Schüler. Aber Rabiya hatte fraglos recht, und Junnaid musste ihr die Füße berühren und ihr danken, mit den Worten: „Recht hast du. Ich bin blind. Vielleicht ist die Tür immer offen. Ich bin taub. Vielleicht ruft er immerzu. Ich werde nie wieder so beten. Rabiya, bitte vergib mir.“
Eines Abends fanden die Leute Rabiya, wie sie auf der Straße saß und nach etwas suchte. Sie war eine alte Frau, hatte schwache Augen und konnte kaum sehen. Also eilten ihr die Nachbarn zu Hilfe.
Sie fragten: „Wonach suchst du denn?“
Rabiya sagte: „Darum geht es doch nicht – ich suche. Wenn ihr helfen könnt, helft.”
Die Leute lachten und sagten: „Rabiya, bist du verrückt geworden? Du sagst, unsere Frage sei ohne Bedeutung, aber wenn wir nicht wissen, was wir suchen, wie können wir dir dann behilflich sein?“
Rabiya fuhr fort: „Okay, wenn ihr’s unbedingt wissen wollt: Ich suche nach meiner Nadel. Ich hab sie verloren..“ Sie fingen an zu suchen – bis ihnen aufging, wie breit die Straße und wie winzig eine Nadel war. Also baten sie: „Rabiya, bitte sag uns, wo du sie verloren hast, wo genau, die genaue Stelle. Sonst ist es aussichtslos und wir können ewig weitersuchen. Wo hast du sie verloren?“
Rabiya antwortete: „Auch das ist egal. Was hat das mit meiner Suche zu tun?“
Sie hielten inne und sagten: „Offenbar bist du übergeschnappt!“
Rabiya sagte: „Okay, wenn ihr’s unbedingt wissen müsst: Ich hab sie im Hause verloren.“ Die Leute darauf: „Aber warum suchst du dann hier?“
Und Rabiya soll geantwortet haben: „Weil es hier draußen hell und drinnen kein Licht ist.“ Eben ging die Sonne unter, und auf der Straße war es noch etwas hell …
Dies Gleichnis ist sehr aufschlussreich. Habt ihr euch je gefragt, wonach ihr eigentlich sucht? Habt ihr je tief darüber meditiert, um zu erkennen, wonach ihr sucht? Nein. Selbst wenn es euch in manchen verschwommenen, verträumten Augenblicken dämmert, wonach ihr sucht, wird es niemals präzise, niemals genau. Ihr habt es noch nie definiert. Wenn ihr versucht es zu definieren, bekommt ihr im gleichen Maße, wie ihr es eingrenzt, das Gefühl, überhaupt nicht danach suchen zu müssen.
Die Suche kann nur in einem verschwommenen, verträumten Zustand weitergehen, gezogen von irgendeinem inneren Antrieb, gedrängt von irgendeiner inneren Dringlichkeit. Ihr wisst nur eines: Suchen müsst ihr. Das ist ein inneres Bedürfnis. Aber ihr wisst nicht, wonach ihr sucht. (…)
Wenn ihr immer noch nach etwas sucht – ob im Jenseits, am anderen Ufer, im Himmel, im Paradies, in moksha, das spielt keine Rolle – dann seid ihr noch weltlich. Wenn alles Suchen aufgehört hat und euch plötzlich klar geworden ist, dass es jetzt nur noch Eines gibt, das ihr wissen müsst, nämlich „Wer ist der Suchende in mir? Was hat es mit dieser Energie auf sich, die suchen möchte? Wer bin ich?“ – dann findet eine Transformation statt. Plötzlich verändern sich alle Werte und ihr beginnt nach innen zu gehen. (…)
Eines Tages tauchte Rabiya in Bagdad auf. Man hielt sie für verrückt. Sie war ein wahrer Meister: Wahre Meister sind seit jeher für verrückt gehalten worden. Denn sie sprechen eine Sprache, die niemand versteht. Sie sprechen die Sprache der Furchtlosigkeit, der Freiheit, der Wahrheit. Sie reden nicht von Angst und Gier, und Dingen, die man auf dem Marktplatz begreift. Die Leute sahen Rabiya rennen, und fragten: „Wo willst du hin?“ Und sie machte fast eine Szene. Eine Menge sammelte sich, weil sie in einer Hand eine brennende Fackel hielt, und in der anderen einen irdenen Krug voll Wasser. Und sie rannte so schnell, dass die Leute dachten, es handele sich um einen Notfall. Und sie fragten: „Wohin, Rabiya? Was ist denn passiert?“ Und sie sagte: „Bis ich nicht die Hölle mit meinem Wasser gelöscht und den Himmel mit meinem Feuer verbrannt habe, wird diese Welt unreligiös bleiben!“
Wenn ihr einem wahren Meister nahe kommt, gibt er euch einen Geschmack von Furchtlosigkeit.