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zur ÜbersichtSERIE: OSHO ÜBER MEISTER
TEIL 17: Rinzai___________________________________
Der brüllende Meister
Rinzai … auf Chinesisch lautet sein Name Lin Chi; auf Japanisch
heißt er Rinzai. Ich ziehe das japanische Rinzai vor – Rinzai klingt
einfach schöner, ästhetischer.
Die Sprüche Rinzais sind reinstes Dynamit. Zum Beispiel sagt
er: „Ihr Dummköpfe, die ihr euch Anhänger Buddhas nennt: Schwört
ihm ab! Sonst werdet ihr ihn nicht finden!“ Rinzai liebte Buddha
– darum sagte er das. Er sagte auch: „Bevor ihr den Namen Buddhas
benutzt, macht euch klar, dass der Name nicht die Wirklichkeit ist.
Der äußere Buddha in der Pagode ist nicht der wirkliche Buddha.
Der befindet sich in eurem Innern … aber davon habt ihr keinen Schimmer,
von dem habt ihr noch nie etwas gehört.“ Das ist der wirkliche Buddha.
Werdet den äußeren Buddha los, damit ihr zum inneren gelangen könnt.
Rinzai sagt: „Es gibt keine Doktrin, kein Lehren, keinen Buddha.“
Nur vergesst nicht: Er war kein Feind Buddhas, sondern sein Anhänger,
sein Schüler!
Rinzai war es, der die Blüte des Zen aus China nach Japan entführte.
Er hauchte der japanischen Sprache den Geist des Zen ein … Und nicht
nur der Sprache, sondern der ganzen Kultur – der Kunst des Blumensteckens,
der Keramik, der Gartenanlage und was nicht alles. Ein Mann, ein
einziger Mann, verwandelte das gesamte Leben einer Nation. Rinzai
gelang es, das gesamte Gewebe des japanischen Bewusstseins zu transformieren.
Er trug mehr dazu bei als irgendwer sonst. Er entfaltete neue Dimensionen
der Meditation. Es ist unvorstellbar, aber er hat es geschafft,
alles zu Meditation zu machen. Zum Beispiel das Bogenschießen …
Heute käme kein Mensch auf die Idee, das Bogenschießen für einen
meditativen Akt zu halten; aber Rinzai bestand darauf, dass jedwedes
Tun zu Meditation wird, sofern es bei voller Bewusstheit – also
als reiner Zeuge statt als Macher – getan wird.
Rinzai kam im frühen neunten Jahrhundert zur Welt und sollte
der Begründer einer der bedeutendsten Zenschulen werden. Als Kind
war er hochbegabt; später, als er Priester wurde, studierte
Rinzai die Sutras und heiligen Schriften. Da er in ihnen die Antwort
auf das vermisste, was er suchte, ging er auf Pilgerschaft, und
ging zu Obaku und Daigu, zwei großen Meistern. Nach seiner Erleuchtung
wurde er Priester eines kleinen Tempels am Ufer des Flusses Hu-to.
(…)
Rinzai wurde als „der brüllende Meister“ bekannt. Seine Besonderheit
bestand darin … Um dich zum Schweigen zu bringen, brüllte er dich
urplötzlich an!
Du hattest von ihm etwas über Gott wissen wollen, etwas über
den Himmel wissen wollen, hattest ihn zu den großen philosophischen
oder theologischen Problemen befragt – und aus heiterem Himmel brüllt
der Meister dich einfach nur an! Dein Verstand steht still, wie
vom Blitz getroffen. Einen Augenblick lang existierst du nicht,
existiert nur das Gebrüll. Einen Augenblick bleibt dein Verstand,
bleibt die Zeit stehen … und das ist das ganze Geheimnis der Meditation.
Viele Mystiker überall auf der Welt haben mit Tönen gearbeitet,
aber das war dagegen oberflächlich. Rinzai setzte sein Gebrüll auf
eine ungeheuer tiefe Art und Weise ein. Sein Gebrüll drang genau
wie ein Schwert in dein Inneres ein, durchstach dich bis ins innerste
Zentrum.
Rinzai brüllte seine Schüler immer nur deshalb an, um ihnen eine
erste Erfahrung innerer Sammlung zu vermitteln. Ihr besteht sowohl
aus einem Äußeren wie aus einer Mitte. Ihr lebt an der Oberfläche;
das Brüllen katapultiert euch einfach nur in eure Mitte. Sobald
ihr die Erfahrung gemacht habt, in eurer Mitte zu sein, seht ihr,
wie sich plötzlich die ganze Welt verändert. Eure Augen sind nicht
mehr dieselben: Eure Klarheit und Durchsichtigkeit sind unübertroffen.
Ihr seht dieselben grünen Blätter grüner, dieselben Rosen rosiger,
dasselbe Leben als ein Fest, als eine Freudenfeier ... Am liebsten
würdet ihr tanzen! Und was taten die Schüler, sobald sie erfuhren,
dass ihnen das Gebrüll helfen kann, ihr Innerstes zu erreichen.
Es war ein seltsamer Anblick, als Rinzai anfing Schüler am Flussufer
einzuweihen. Plötzlich fingen die Schüler an, überall im Tal herumzubrüllen,
und das ganze Tal hallte wider von dem Gebrüll. Schon meilenweit
wusste man von fern, dass man sich offenbar Rinzai näherte. Er war
es ja nicht allein, der brüllte, sondern das Brüllen war eine Methode,
um euch von eurer Oberfläche in eure Mitte zu katapultieren. (…)
Rumi erlangte seine Erleuchtung zuerst dadurch, dass er sechsunddreißig
Stunden lang ununterbrochen wirbelte. Beim Wirbeln wird dein ganzer
Körper zum Wirbelsturm, und in seinem Auge kristallisiert sich
dein innerer Zeuge. Alles dreht sich um dich, aber die Mitte bleibt
reglos. Wer diese reglose Mitte kennt, der kennt den Hauptschlüssel
zu allen Mysterien des Lebens.
Rinzai
hatte keine Ahnung von Rumi, so wenig wie Rumi eine Ahnung von
Rinzai hatte; aber beide arbeiteten an derselben Strategie
– euch irgendwie in eure Mitte zu zwingen. Im selben Maße, wie sich
dein Bewusstsein vertieft, wie es dir immer leichter fällt in deine
Mitte zu gehen – so als gingst du im eigenen Haus ein und aus –,
bist du zu einem Buddha geworden.
Dann beginnt nach und nach deine Mitte deine Außenseite zu verändern.
Von da an kannst du nicht mehr gewalttätig sein, von da an kannst
du nicht mehr zerstörerisch sein; dann bist du Liebe. Nicht, dass
du liebst – du bist Liebe. Dann bist du Stille, dann bist du Wahrheit,
auch wenn jetzt dein altes Ich gar nicht mehr da ist – das hat sich
aufgelöst. Das war früher deine Außenseite, das war der Hurrikan,
der jetzt vorbei ist. Jetzt ist nur noch die Mitte da.
Rinzais Methode ist weit einfacher als Rumis. Nur die Wenigsten
wären in der Lage, stundenlang zu wirbeln, aber Brüllen ist eine
einfachere Methode. Jeder kann von ganzem Herzen brüllen, und es
kann sehr intensiv und dringend sein. Wenn du wirbelst, wirst du
Stunden brauchen, um deine Mitte ausfindig zu machen; wenn du brüllst,
bist du im Bruchteil einer Sekunde in deiner Mitte.
Die Anekdote: Bei einer Gelegenheit fragte ein Mönch ihn: „Was
ist der entscheidende Grundsatz des Buddha-Dharma?“ Nun, wenn das
keine wichtige Frage ist: „Was ist der Hauptgrundsatz der Religion
des Buddha?“
Rinzai brüllte – der Mönch verbeugte sich.
„Findest du, dass ich gut gebrüllt habe?“, fragte Rinzai. Der
Mönch erwiderte: „Der Dieb im Gras ist am Boden zerstört.“
„Was ist mein Vergehen?“, fragte Rinzai. Der Mönch darauf: „Ein
zweites Mal wird es nicht verziehen.“ Da brüllte Rinzai noch einmal.
Das erste Mal hatte Rinzai tadellos gebrüllt. Der Mönch verbeugte
sich, weil es ihn sehr erleichterte, von der Oberfläche zur Mitte
gelangt zu sein. Aber Rinzai schöpfte Verdacht. Weil alles auf dieser
Welt zu einer Tradition wird, war es Tradition geworden, dass du
dich, wenn Rinzai brüllte, verbeugen musstest, um zu beweisen, dass
du verstanden hast, dass es bis in deine Mitte gedrungen ist. Offenbar
hatte sich das so herumgesprochen.
Dies ist sehr bedauerlich. Alles wird zur Gewohnheit, zum Ritual,
zur Tradition – und verliert damit jegliche Bedeutung. Nun – war
diese Verbeugung nun echt oder pure Höflichkeit? Daher seine Frage:
„Findest du, dass ich gut gebrüllt habe?“, fragte Rinzai. Der Mönch
erwiderte: „Der Dieb im Gras ist am Boden zerstört.“
Was will der Mönch damit sagen? Er will sagen: „Du hast überhaupt
nichts ausrichten können. Dein Gebrüll war umsonst.“
Der Mönch erwiderte: „Der Dieb im Gras ist am Boden zerstört.“
„Was ist mein Verstoß?“, fragte Rinzai. Der Mönch darauf: „Ein
zweites Mal wird das nicht verziehen.“
Da brüllte Rinzai noch einmal.
Der Mönch sagt damit: „Umsonst gebrüllt!“ Er will damit nicht
sagen, dass er sich kein zweites Mal so anbrüllen lassen will, sondern
vielmehr: „Was ich dir nicht verzeihen werde ist, dass es nichts
bringt – Ein zweites Mal wird das nicht verziehen. Das erste Mal
verzeihe ich dir; es ging daneben, du hast meine Mitte nicht erreicht.
Ich hab mich verbeugt, weil du’s versucht hast, dich mächtig ins
Zeug gelegt hast. Aber beim zweiten Mal wird das nicht verziehen
werden.“
Jeder, der das liest, wird denken, dass er damit sagen will:
„Wenn du mich ein zweites Mal anbrüllst, lass ich dir das nicht
durchgehen.“ Das trifft aber nicht zu. Er sagt damit: „Ein zweites
Mal wird dir dein Versagen nicht verziehen werden.“
Da brüllte Rinzai noch einmal – und damit bricht die Anekdote
plötzlich ab. Nach dem Brüllen herrscht Stille. Das zweite Brüllen
ist angekommen. Jetzt ist der Mönch still, ist Rinzai still.
Es hat langwierige Verfahren gegeben, zum eigenen Selbst zu gelangen,
z.B. Yoga. Aber solche Kniffe wie Rinzais sind einfach, sie setzen
keinerlei Disziplin voraus. Jeder Beliebige … man braucht keinen
bestimmten Charakter zu haben; ob gut oder schlecht, Sünder oder
Heiliger, darauf kommt es nicht an.
Worauf es ankommt ist, zu deiner Mitte zu gelangen; denn in deiner
Mitte bist du weder ein Sünder noch ein Heiliger. Dass du ein Sünder
oder ein Heiliger bist, das alles bleibt oberflächlich.