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SERIE: OSHO ÜBER MEISTER

TEIL 14: Rumi____________________________________

Die stille Achse deines Seins

Es gibt ein paar Leute, die liebe ich grenzenlos. Einer von ihnen ist Mevlana Jalaluddin Rumi; und ich liebe ihn deshalb so sehr, weil er nicht Nein zum Leben sagte, sondern Ja zu ihm sagte. Und weil die Meditation – die er entdeckt hat, und die ein kleiner Strom von Mystikern über sieben Jahrhunderte hinweg lebendig erhalten hat –, so etwas wie eine Tanzmeditation war. Man nennt seine Anhänger „Derwische“ oder „die wirbelnden Sufis“.
Ihr habt sicher schon mal beobachtet, wie gern sich kleine Kinder um die eigene Achse drehen … aber niemand lässt sie gewähren; denn die Eltern befürchten, ihr Kind könne hinfallen, sich etwas brechen oder verletzen. Doch alle Verbote haben den Kindern ihre Liebe zum Wirbeln nicht vergällen können. Und kein Mensch fragt auch nur, warum Kinder so gern … und zwar überall auf der Welt, ohne Rücksicht auf Rasse, Nation oder Religion! … warum also alle Kinder so gern wirbeln.
Der Anblick dieser wirbelnden Kinder brachte Jalaluddin Rumi darauf, dass es da etwas geben müsse, das die Kinder zwar spüren mögen, ohne es ausdrücken zu können, oder gar sehr wohl wissen, was es ist. Also probierte er das Wirbeln selber aus, und zu seinem Erstaunen brauchst du tatsächlich nur immer weiter zu wirbeln – bis zu dem Augenblick, da man in die Achse deines Seins gerät und sich der ganze Körper – Geist, Gehirn und alles im Kreise um sie dreht.
Und diese Mitte, die sich nicht dreht, das bist du: das Auge des Hurrikans! Das Wirbeln ist fast wie ein Wirbelsturm, aber genau in der Mitte des Wirbelsturms stößt man auf einen Punkt, der völlig stillsteht. Jedes Rad braucht eine Achse, um die es sich drehen kann – aber die Achse darf sich nicht mitdrehen. Bei Rädern von Ochsenkarren kann man das zusehen – mitten im Rad befindet sich eine reglose Achse, um die es sich dreht.
Sobald Jalaluddin bewusst geworden war, dass man auf die Art zur stillen Achse seines Seins vorstoßen kann, machte er die Probe aufs Exempel und wirbelte sechsunddreißig Stunden lang, non-stop, ohne zu essen, ohne zu trinken – fest entschlossen, bis zur absoluten Erschöpfung zu wirbeln und alles zu geben, was er nur konnte … bis zum Umfallen. Sechsunddreißig Stunden lang wirbelte er vor einer riesigen Zuschauermenge, wo alle kamen und gingen; irgendwann musste man etwas essen und kam dann wieder … sechsunddreißig Stunden ist eine lange Zeit. Und nach sechsunddreißig Stunden fiel er um. Und die Menge hörte ein schallendes Lachen.
Es war Jalaluddin, der da so laut lachte, und er sagte: „Ihr meint, ihr hättet mich fallen sehen. Auch ich hab mich fallen sehen. In diesen sechsunddreißig Stunden bin ich immer am gleichen Fleck geblieben. Jetzt brauche ich nicht mehr auf der Suche nach Gott nach Mekka zu gehen! Ich habe ihn gefunden: Er steckt in der reglosen Mitte meines eigenen Daseins.“

Rumis Anhänger haben keine heiligen Schriften, haben keinerlei Rituale, mit Ausnahme des Wirbelns – und ein paar herrliche Lieder von Jalaluddin Rumi, die er immer dann anstimmte, wenn er bis zum Umfallen gewirbelt hatte. Hinterher stand er immer auf und war so berauscht … dass er im Rausch ein Lied sang, und diese Lieder hat man gesammelt. Das ist die einzige Literatur, die die Anhänger Rumis haben.
Die folgenden Zeilen stammen ebenfalls aus einem dieser Gedichte Rumis. Jeder Satz ist makellos – nicht nur wahr, sondern auch unbeschreiblich schön.
Wir sind der Spiegel … Geht gar nicht erst in die Falle, euch mit eurem Tun, mit euren Handlungen zu identifizieren; werdet zum Zeugen, zum bloßen Beobachter. Aber niemand lehrt uns das Wesentlichste im Leben, stattdessen stopft man uns nur den Kopf mit lauter Unfug voll. Das Wesentlichste überhaupt ist die Kunst der Aufmerksamkeit.

Draußen: die eiskalte Wüstennacht. Diese andere Nacht hier drinnen wird warm, knisternd. Mag die Landschaft auch dornig überkrustet sein – Wir haben einen sanften Garten hier drinnen.
Die Kontinente verheert, Städte und Dörfer, alles wird zu einem verkohlten, geschwärzten Ball. Alle Nachricht, die wir hören, ist voller Kummer über jene Zukunft.
Doch die wirkliche Nachricht hier drinnen lautet: Es gibt überhaupt keine Nachricht.

Dies Gedicht von Mevlana Jalaluddin Rumi ist schön, wie immer. Er hat nur schöne Worte gesprochen. (…)
Rumi ist eine höchst seltene Blüte: Er ist großer Dichter und er ist Mystiker. Somit ist seine Dichtung nicht nur Dichtung, nicht nur eine schöne Zusammensetzung von Worten. Es steckt eine unermessliche Bedeutung in ihr und sie verweist auf die letztmögliche Wahrheit. Sie ist nicht Unterhaltung, sie ist Erleuchtung.
Hier sagt er:
Draußen: Die eiskalte Wüstennacht. Diese andere Nacht hier drinnen wird warm, knisternd.
Die Außenwelt ist eigentlich nichts für dich. Da draußen bist du ein Fremder; hier drinnen bist du daheim. Da draußen ist eiskalte Winternacht. Hier drin ist es warm, knisternd, gemütlich.
Aber nur die wenigsten haben das Glück, sich aus der Außenwelt ins Innere zurückziehen zu können. Alle haben völlig vergessen, dass sie ein Heim in sich selber haben; sie suchen zwar danach, aber sie suchen am falschen Ort. Sie suchen ihr Leben lang, aber immer nur draußen; sie halten nie einen Augenblick an, um mal in sich selber nachzusehen.
Mag die Landschaft auch dornig überkrustet sein – Wir haben einen sanften Garten hier drinnen.
Scher dich nicht drum, was draußen los ist. Hier drin steht immer ein Garten, bereit dich zu empfangen.

Die Kontinente verheert, Städte und Dörfer, alles wird zu einem verkohlten, geschwärzten Ball. Alle Nachricht, die wir hören, ist voller Kummer über jene Zukunft.
Doch die wirkliche Nachricht hier drinnen lautet: Es gibt überhaupt keine Nachricht.

Diese Worte Rumis haben heutzutage mehr Gewicht und Bedeutung als damals, als er sie schrieb. Er schreibt sie vor siebenhundert Jahren, aber heute ist das nicht nur symbolisch gemeint, sondern es droht Wirklichkeit zu werden.

Die Kontinente verheert, Städte und Dörfer, alles wird zu einem verkohlten, geschwärzten Ball. Alle Nachricht, die wir hören, ist voller Kummer über jene Zukunft.
Doch die wirkliche Nachricht hier drinnen lautet: Es gibt überhaupt keine Nachricht.

Dieser letzte Satz bezieht sich auf das uralte Sprichwort: „No news is good news – Keine Nachricht ist gute Nachricht.“ Im Sinne von: „Wenn man nichts voneinander hört, ist alles in Ordnung.“
Ich wurde in einem winzigen Dorf geboren, wo der Postbote immer nur einmal die Woche hinkam. Und die Leute hatten Angst, er könne einen Brief für sie haben. Sie freuten sich, wenn kein Brief kam. Ab und zu bekam jemand ein Telegramm. Das bloße Gerücht, jemand habe ein Telegramm bekommen, war für das ganze Dorf ein solcher Schock, dass dort sofort alles zusammenströmte – denn es gab nur einen einzigen, der so gebildet war lesen zu können. Alle hatten Angst … Ein Telegramm?! Das konnte nur Schlimmes heißen. Wer würde sonst Geld für ein Telegramm verschwenden?
Ich lernte von frühester Kindheit an, dass keine Nachricht eine gute Nachricht ist. Die Leute waren froh, wenn keine Nachricht kam – von ihren Verwandten, von ihren Freunden oder sonstwem. Denn das hieß, dass es allen gut ging.
Rumi sagt hier: Alle Nachricht, die wir hören, ist voller Kummer über jene Zukunft.
Doch die wirkliche Nachricht hier drinnen lautet: Es gibt überhaupt keine Nachricht.

Hier ist alles still und ist alles so wunderbar, friedlich und selig wie eh und je. Hier verändert sich überhaupt nichts; folglich gibt’s auch nichts zu berichten.
Im Innern herrscht ewige Ekstase, auf immer und ewig.
Ich möchte noch einmal wiederholen: Rumis Zeilen könnten sich noch zu euren Lebzeiten bewahrheiten. Bevor es aber so weit ist, müsst ihr zu eurem Innern finden, wo es nie etwas zu berichten gab, wo alles ewig gleich bleibt, wo der Frühling nie kommt und geht, sondern immer da bleibt; wo die Blumen von Anfang an geblüht haben, falls es einen Anfang gab, und bis ans Ende blühen werden, falls es je ein Ende geben wird. In Wirklichkeit gibt es aber weder Anfang noch Ende, und der Garten ist üppig, grün und voller Blumen.
Seht zu, dass ihr in eure Innenwelt vordringt, ehe die Außenwelt von euren Politikern zerstört wird. Das ist die einzige Rettung, die geblieben ist, der einzige Bunker gegen Atombomben, gegen den globalen Selbstmord, gegen all diese Idioten, die die Macht haben, eine solche Verheerung anzurichten. Jeder kann sich zumindest selbst retten.