zurück
zur ÜbersichtSERIE: OSHO ÜBER MEISTER
Osho hat im Laufe der dreißig Jahre, in denen er zu seinen Schülern
aus aller Welt sprach, über eine Unzahl von Erleuchteten gesprochen.
Die meisten dieser Namen sind im Westen nicht einmal bekannt.
So bringt er den Kern praktisch aller Weltreligionen zum Vorschein
und zeigt auf, wie alle Erleuchteten, von japanischen Zenmeistern
bis zu den griechischen Vorsokratikern, über ein und dieselbe
menschliche Grenzüberschreitung gesprochen haben. Osho nannte
die erleuchteten Meister Zitadellen der Menschheit. Sie sind geistige
Vorreiter und haben das Bewusstsein der Menschheit entscheidend
geprägt und vorangetrieben.
TEIL 10: Saraha_________________________________
Tantra ist äußerste Bejahung – Osho über Saraha
Saraha ist der Begründer der Tantrischen Vision – die von enormer
Bedeutung ist, und zwar vor allem zum gegenwärtigen Zeitpunkt in
der Geschichte des Menschen. Denn ein neuer Mensch will jetzt zur
Welt kommen, ein neues Bewusstsein klopft an die Türen. Und die
Zukunft wird eine tantrische sein; denn keine dualistische Haltung
kann den Geist des Menschen mehr zufrieden stellen.
Man hatte es jahrhundertelang damit versucht und den Menschen
verkrüppelt und ihm Schuldgefühle verpasst. Und statt ihn zu befreien,
hat man ihn ins Gefängnis gesteckt. Und glücklich hat man ihn auch
nicht gemacht, sondern todunglücklich. Man hat alles verdammt. Vom
Essen bis zum Sex hat man alles verdammt; von der Beziehung bis
zur Freundschaft hat man alles verdammt. Die Liebe wird verdammt,
der Körper wird verdammt, der Geist wird verdammt. Man hat euch
keine fünf Quadratzentimeter Standraum gelassen. Man hat euch alles
genommen und der Mensch hängt in der Luft, nur noch in der Luft.
Dieser Zustand des Menschen ist nicht mehr auszuhalten. Tantra
kann euch eine neue Perspektive geben; daher habe ich Saraha gewählt.
Saraha gehört zu denjenigen, die ich am meisten liebe. Er ist
meine alte Große Liebe.
Ihr mögt seinen Namen noch nie gehört haben. Dabei gehört Saraha
zu den großen Wohltätern der Menschheit. Sollte ich zehn Wohltäter
an den Fingern aufzählen, wäre Saraha darunter. Sollte ich fünf
aufzählen, könnte ich Saraha nicht auslassen.
Ehe wir auf diese Lieder Sarahas eingehen, ein paar
Dinge über sein Leben: Saraha wurde in Vidarbha geboren; Vidarbha gehört zu Maharashtra, gar nicht
weit weg von Pune. Er kam zur Welt, als dort König Mahapala herrschte.
Er war der Sohn eines hoch gelehrten Brahmanen, der dem Hofstaat König
Mahapalas angehörte. Da der Vater bei Hofe lebte, gehörte auch sein Sohn
dazu. Er hatte vier weitere Brüder; sie waren alle große Gelehrte, und
er war von allen der jüngste und der intelligenteste. Sein Ruhm verbreitete
sich allmählich im ganzen Land, und der König war von seiner überragenden
Intelligenz geradezu bezaubert.
Auch die vier Brüder waren große Gelehrte, aber kein Vergleich
zu Saraha. Als sie reif genug waren, heirateten diese vier. Der König hätte
Saraha liebend gern seine eigene Tochter gegeben, aber Saraha wollte allem
entsagen – Saraha wollte Sannyasin werden. Der König war verletzt und tat
alles, um Saraha zu überreden – er war so schön und er war so intelligent
und er war so ein hübscher junger Mann … Sein Ruhm verbreitete sich im
ganzen Land, und durch ihn wurde Mahapalas Hof berühmt. Er wollte ihn protegieren,
er wollte ihm jeden erdenklichen Komfort bieten – er wäre zu allem bereit
gewesen. Aber Saraha blieb stur, und so musste man ihn gewähren lassen
… Er wurde Sannyasin, er wurde ein Schüler von Sri Kirti.
Sri Kirti steht in direkter Nachfolge von Buddha – erst kommt
Gautam Buddha, dann dessen Sohn Rahul Bhadra, und dann kommt Sri Kirti.
Nur zwei Meister trennten Saraha von Buddha; das ist nicht sehr weit weg
von Buddha. Der Baum muss noch in vollem Saft gestanden haben; Buddhas
Schwingung muss noch sehr, sehr lebendig gewesen sein, war er doch gerade
erst fort. Die Atmosphäre muss noch von seinem Duft getränkt gewesen sein.
Der König war schockiert, denn Saraha war doch Brahmane. Wenn
er ein Sannyasin werden wollte, hätte er ein hinduistischer Sannyasin werden
sollen, er aber wählte einen buddhistischen Meister! Auch Sarahas Familie
war höchst besorgt. Ja, sie wurden allesamt seine Gegner! Denn das durfte
nicht sein. Und dann kam alles noch viel schlimmer … aber davon später.
Saraha war von seinem Vater Rahul genannt worden; so hieß er ursprünglich.
Wir werden noch hören, wie er zu Saraha wurde – das ist eine schöne Geschichte.
Als er zu Sri Kirti ging, war das Erste, was dieser zu ihm sagte: „Schlag
dir alle Veden und alle deine Gelehrsamkeit und all diesen Unsinn aus dem
Kopf.“
Das fiel Saraha zwar nicht leicht, aber er war zu allem bereit.
Etwas an der Präsenz von Sri Kirti hatte ihn fasziniert. Er war wie ein
großer Magnet. Er gab all seine Bildung auf und wurde wieder ungebildet.
Dieser Verzicht gehört mit zum Schwersten: Es ist leicht, auf
Reichtum zu verzichten; es ist leicht, auf ein großes Reich zu verzichten.
Aber auf sein Wissen zu verzichten ist das Allerschwerste von der Welt.
Denn wie bitteschön soll das überhaupt gehen? Es ist doch da, in dir drin!
Du kannst aus deinem Reich weglaufen, du kannst in den Himalaja fliehen,
du kannst deinen Reichtum verteilen – aber wie soll man auf sein Wissen
verzichten?
Und zweitens tut es einfach viel zu weh, wieder unwissend zu
werden. Das ist die größte Härte, die es gibt – wieder unwissend zu werden;
wieder unschuldig zu werden wie ein Kind … aber er war bereit dazu. Jahre
vergingen, und nach und nach löschte er alles, was er je gewusst hatte.
Er wurde ein großer Meditierer. Und genauso, wie er einst als Gelehrter
hoch berühmt geworden war, verbreitete sich jetzt sein Ruhm als großer
Meditierer. Von überallher strömten die Menschen zu ihm, nur um mal einen
Blick auf diesen jungen Mann zu werfen, der so unschuldig geworden war
wie ein frisches Blatt oder wie Tautropfen auf dem frühmorgendlichen Gras.
Eines Tages hatte er, während er meditierte, plötzlich eine
Vision – er sah eine Frau auf dem Marktplatz vor sich, die sein wirklicher
Meister sein würde. Sri Kirti hatte ihn nur erst auf den Weg gebracht,
aber die wahre Unterweisung musste von einer Frau kommen. Nun, auch dies
gilt es zu verstehen.
Bis auf Tantra sind alle religiösen Ansätze immer vom männlichen
Chauvinismus geprägt gewesen. Um sich aber auf Tantra einlassen zu können,
braucht man die Kooperation einer weisen Frau; ohne eine weise Frau wird
dir die komplexe Welt des Tantra verschlossen bleiben.
In seiner Vision erschien ihm also eine Frau auf dem Marktplatz.
Erstens also: eine Frau. Zweitens – auf dem Marktplatz: Tantra gedeiht
auf dem Marktplatz, im Dickicht des Lebens. Tantra ist keine Verzichthaltung,
sondern äußerste Bejahung. Er stand auf. Sri Kirti fragte ihn: „Wo willst
du hin?“
Und er sagte: „Du hast mir den Weg gewiesen. Du hast mir meine
Gelehrtheit genommen. Du hast die halbe Arbeit geleistet – du hast meine
Schiefertafel abgewischt. Jetzt bin ich für die zweite Hälfte bereit.“
Mit dem Segen Sri Kirtis, der lachte, ging er seiner Wege.
Er ging zum Marktplatz. Er war überrascht: Da saß tatsächlich die Frau,
die ihm in seiner Vision erschienen war. Die Frau machte einen Pfeil; sie
war Pfeilmacherin.
Dies ist das Dritte, was man sich über Tantra merken muss:
Ihm zufolge ist der Mensch, je gebildeter und zivilisierter er ist, desto
weniger für seine tantrische Transformation geeignet. Je ungebildeter,
je primitiver er ist, ein desto lebendigerer Mensch ist er. Je gebildeter
du wirst, desto künstlicher wirst du – du wirst artifiziell, du wirst überkultiviert,
du verlierst deine Wurzeln in der Erde. Du fürchtest dich vor der schmutzigen
Welt. Du hast dich zu weit von der Welt entfernt; du tust so, als wärest
du nicht von dieser Welt. Tantra sagt: Um zu deinem wahren Selbst zu finden,
musst du zu den Wurzeln gehen. (…)
Eine Pfeilmacherin ist von niedriger Kaste, und für Saraha
– einen gelehrten Brahmanen, einen berühmten Brahmanen, der zum Hof des
Königs gehört hatte – ist dieser Gang zu einer Pfeilmacherin symbolisch:
Das Gelehrte muss zum Lebendigen gehen. Das Gekünstelte muss zum Wirklichen
gehen.
Er sah, wie diese Frau, eine junge Frau – quicklebendig, sprühend
vor Leben – einen Pfeilschaft schnitzte, ohne nach rechts oder links zu
blicken, sondern völlig vertieft in die Fertigung des Pfeils. Augenblicklich
spürte er in ihrer Präsenz etwas Außergewöhnliches, etwas, das ihm noch
nie begegnet war. Selbst Sri Kirti, sein Meister, verblasste neben der
Präsenz dieser Frau! Etwas ganz Frisches und etwas, das aus der tiefsten
Quelle kam …
Saraha schaute aufmerksam zu: Kaum war der Pfeil fertig, schloss
die Frau das eine Auge und öffnete das andere, so als peile sie ein unsichtbares
Ziel an. Saraha trat noch näher. Aber da war gar kein Ziel! Sie posierte
nur. Sie hielt das eine Auge geschlossen, das andere Auge offen, und zielte
auf einen unbekannten Punkt – unsichtbar, denn da war gar nichts. Saraha
hatte das Gefühl, dass die Botschaft ihm galt. Dass diese Pose symbolisch
gemeint war, fühlte er, aber noch war ihm alles völlig unklar und dunkel.
Er ahnte, dass da etwas war, aber er kam nicht dahinter, was es war.
Also fragte er die Frau, ob sie wirklich eine Pfeilmacherin
sei, und da lachte die Frau laut auf, lachte unbändig und sagte: „Du dummer
Brahmane! Du hast zwar den Veden den Rücken gekehrt, aber jetzt verehrst
du die Sprüche Buddhas, das Dhammapada. Was soll das Ganze? Du hast die
Bücher ausgetauscht, du hast deine Philosophie ausgetauscht, aber bist
dadurch keinen Deut klüger geworden.“
Und sie fügte hinzu: „Du hältst dich für einen Buddhisten?“
Er muss die Robe der buddhistischen Mönche getragen haben, die gelbe Robe.
Und wieder lachte sie. „Was Buddha gemeint hat, das kann man nur durch
Handeln erfahren, nicht aus Worten und nicht aus Büchern. Wann hast du
es endlich satt? Hängt es dir immer noch nicht zum Halse heraus? Verschwende
keine Zeit mehr auf diese vergebliche Suche – komm und folge mir!“
Und da geschah etwas, so etwas wie eine Kommunion. So hatte
er sich noch nie gefühlt. Im selben Augenblick dämmerte Saraha die spirituelle
Bedeutung ihrer Geste. Er hatte gesehen, dass sie weder nach links noch
nach rechts geblickt hatte – nur genau auf die Mitte!