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TEIL 12: Sokrates_______________________________
Die Wahrheit ist geheimnisvoll
Sokrates benutzte zum ersten Mal „Profession“
für die Wahrheit. Das ist nicht das übliche Wort für Wahrheit.
Als ihn das Gericht zum Tode verurteilte, nannten sie ihm, da
er ein Mann von so überragender Intelligenz sei, ein paar Alternativen;
denn selbst seinen Gegnern war nicht wohl dabei, dass er getötet
werden sollte. Er war der Stolz der Athener. Was wäre Athen ohne
Sokrates? So stellten sie ihm Alternativen anheim und sagten: „Wenn
du aufhörst die Wahrheit zu sagen, wenn du die Leute nicht mehr
belehrst, kannst du noch davonkommen.“
Worauf Sokrates antwortete: „Das ist unmöglich. Es ist meine
Profession, mein Beruf, die Wahrheit zu verkünden und die Wahrheit
zu lehren. Niemand soll zumindest sagen dürfen, dass Sokrates ein
Feigling war. Nur um seine Haut zu retten, hat er seine Wahrheit
verkauft.“
Sie darauf: „Eine weitere Alternative wäre, dass du Athen verlässt.“
Griechenland war damals in Stadtstaaten aufgeteilt, jede Stadt war
eine unabhängige Demokratie. „Wenn du also die Grenzen Athens überschreitest,
haben wir kein Problem. Du kannst überall deine Schule gründen.
Deine Studenten können dort hingehen, und du kannst weiterhin deiner
Profession frönen.“
Sokrates sagte: „Wollt ihr etwa, dass ich woanders vor Gericht
gestellt werde? Eins reicht mir. Und wenn Athen, der Gipfel der
griechischen Kultur, mich nicht zu verstehen vermag und mich verkraften
kann, wer soll es sonst tun? Und was ist Athen ohne mich? Mir wird
Athen fehlen, ich werde Athen fehlen. Nein, das ist nicht meine
Art. Ich habe Athen zu dem gemacht, was es ist.“
Und tatsächlich, er hatte recht. Er hatte zwar nicht die Häuser
und Straßen gebaut, aber wenn Athen in der Erinnerung der Menschheit
immer noch weiterlebt, liegt dies an Sokrates und seinen Schülern.
Plato war sein Schüler, Aristoteles war Platos Schüler – diese
drei Männer sind das Beste vom Besten an Athener Kultur, Zivilisation
und Genius. Und beide können Sokrates nicht das Wasser reichen;
ihr Meister ist wirklich unvergleichlich. Plato ist zwar ein großer
Philosoph; doch Plato hat in der Geschichte der Philosophie nur
deshalb mehr Gewicht, weil Sokrates nie etwas geschrieben hat.
Dies zu verstehen ist wichtig: Alle, die je die Wahrheit erkannt
haben, zogen es vor zu sprechen statt zu schreiben. Auf der ganzen
Welt … es kann nicht nur Zufall sein: Zu allen Zeiten, überall auf
der Welt, haben sie sich entschieden zu sprechen. Dem kommt fundamentale
Bedeutung zu. Sie alle wissen, dass sich die Wahrheit nicht mit
dem geschriebenen Wort sagen lässt, das gesprochene Wort aber zumindest
etwas Lebendiges vermittelt.
Die Gesten des Meisters, die Augen des Meisters … etwas vom Meister
muss zwangsläufig das gesprochene Wort begleiten. Etwas wie ein
Aroma, ein Duft … nicht zu greifen, kaum festzumachen …
Sokrates soll gesagt haben: „Als ich noch jung war, glaubte ich
alles zu wissen. Als ich etwas reifer wurde, beschlich mich das
Gefühl, nur ein paar Dinge zu wissen. Als ich alt wurde, erkannte
ich eines Tages, dass ich überhaupt nichts weiß!“ Am selben Tag
erklärte er: „Meine Unwissenheit ist unwiderruflich und tief, und
ich sehe, dass kein Weg aus meiner Unwissenheit herausführt.“
Denn die Wahrheit ist geheimnisvoll und unerkennbar und kann
weder analysiert noch seziert werden. Sie ist nicht zu erkennen.
Du kannst die Wahrheit zwar sein, aber nicht erkennen – denn zur
Erkenntnis ist Abstand erforderlich. Dafür muss die Wahrheit draußen
als Objekt da sein, musst du drinnen als Subjekt da sein, denn Erkenntnis
findet nur zwischen diesen beiden Polen statt. Erkenntnis unterteilt
die Welt dreifach, ist eine Dreifaltigkeit: der Erkennende, das
Erkannte und die Erkenntnis.
Die Wahrheit ist nicht geteilt. Weder gibt es da etwas zu wissen,
noch jemanden, der sie weiß – wie also sollte man sie wissen können?
Die Wahrheit ist, die Existenz ist, das Leben ist – uns selber eingeschlossen.
Sokrates sagt: „Jetzt kann ich sagen: Ich weiß, dass ich nichts
weiß.“ Noch am selben Tage verkündete das Orakel von Delfi: „Sokrates
ist der größte lebende Weise auf Erden.“ Als die Leute, die danach
gefragt hatten, heimkehrten, sagten sie zu Sokrates: „Du bist gesegnet!
Das Orakel im Tempel von Delfi hat dich zum Weisesten auf Erden
erklärt!“
Da lachte Sokrates und sagte: „Das kommt etwas spät. Ich weiß
jetzt, dass ich nichts weiß. Da muss ein Irrtum unterlaufen sein.
Zumindest diesmal hat sich das Orakel geirrt. Geht zurück und sagt
dem Orakel, dass Sokrates selbst dies ablehnt.“
Diese Leute waren wie vor den Kopf geschlagen – hatten sie ihm
doch nur gute Nachricht bringen wollen. Konnte man mehr erwarten?
Wenn die Götter Sokrates zum Weltweisen erklären, was kann man mehr
erwarten!? Und da antwortet dieser Narr: „Ich weiß überhaupt nichts!“
Und: „Es ist zu spät! Kehrt also um und richtet dem Orakel aus,
dass da was schiefgelaufen ist. Das Orakel hat sich geirrt.“
Verblüfft, verwirrt, gingen diese Leute zurück und richteten
dem Gott des Tempels aus: „Sokrates bestreitet das und sagt: ,Ich
bin absolut unwissend.‘“ Da erscholl ein Gelächter aus dem Tempel
und der Gott sagte: „Genau darum haben wir ihn zum größten und weisesten
Mann auf Erden erklärt. Genau darum! Es liegt kein Irrtum vor!“
Wenn man dies verstehen kann, wird Unwissenheit zu Unschuld.
Wer es Unwissenheit nennt, weckt eine falsche Assoziation. Unwissenheit
heißt, du beziehst dich auf Wissen, du denkst immer noch, es fehle
nur etwas, es sei noch ein Mangel da. Streicht das Wort: Es ist
das verkehrte Wort.
Xanthippe,
die Frau von Sokrates, hatte die Nase voll von ihm!
Nun, wo wäre ein besserer Ehemann zu finden? Wo wäre ein weiserer
zu finden? Sokrates ragt heraus wie ein Everest an Intelligenz
und Weisheit. In der gesamten Menschheitsgeschichte gibt es nichts
Vergleichbares. Aber Xanthippe hatte die Nase gestrichen voll
von diesem Mann. Es kommt also nicht darauf an, ob man den richtigen
Ehepartner hat – sondern darauf, ob man vorbehaltlos zu seinem Partner
steht. Xanthippe konnte nicht vorbehaltlos zu Sokrates stehen.
Und es wird euch überraschen, dass Sokrates an Xanthippe nichts
auszusetzen hatte – die ihn verprügelte, die ihm einmal einen ganzen
Kessel voll kochendem Wasser über den Kopf goss. Statt den Frühstückstee
aufzubrühen, verbrühte sie sein halbes Gesicht! Aber er beklagte
sich nicht, ja er sagte nicht mal: „Was soll das?!“
Als einer seiner Schüler sagte: „Das geht zu weit!“, sagte er:
„Nicht weiter schlimm. Die andere Hälfte meines Gesichts ist noch
völlig in Ordnung. Und was tut es schon, ob mein halbes Gesicht
verbrannt ist? Ich werde allenfalls ein paar Tage lang nicht in
den Spiegel sehen. Aber wenn es ihr jetzt besser geht, wenn sie
auf die Art ein wenig von ihrer Wut und Frustration rausgeworfen
hat, ist es gut.“
Er fuhr fort: „Ich glaube, jetzt wird zumindest ein paar Tage
lang Ruhe herrschen – die Ruhe nach dem Sturm. Und ich will diese
Ruhe nicht verderben, nur weil sie mir das halbe Gesicht versengt
hat.“
Sie machte ständig so abscheuliches Zeug. Sie putzte ihn vor
seinen eigenen Schülern runter, während er nur still dabeisaß und
zuhörte. Und wenn seine Schüler hinterher sagten: „Sie hätte dich
nicht so beleidigen dürfen, wenigstens nicht vor deinen eigenen
Schülern!“, erwiderte er: „Was mich angeht, ist sie ein ganz großer
Meister: Tausend Dinge lehrt sie mich! Dies war genau der richtige
Zeitpunkt, mich zu beleidigen. Dass sie mich vor meinen Schülern
beleidigte, ist unwichtig; ich schaute dabei in mein Inneres – um
zu prüfen, ob sich mein Ich dadurch, dass sie mich vor meinen eigenen
Schülern beleidigte, verletzt fühlte. Aber es tat nicht weh – was
mich riesig freute. Jetzt kann sie mich beleidigen, wo sie will:
Ich stehe darüber.“
Nun, dieser Mann ist mit Xanthippe vollauf zufrieden. Man hätte
keine gefährlichere, unmenschlichere Frau finden können! Aber Sokrates
beklagte sich mit keinem Wort. Er pries sie immer nur und sagte:
„Sie ist mein Meister. Sie erzieht mich – ihre Methoden sind zwar
etwas grob, aber vielleicht verdiene ich das; vielleicht würde ich
ja sonst, wenn sie weniger grob wäre, nicht lernen.“
Oft genug rieten ihm seine Freunde: „Lass dich scheiden!“
Was er abtat mit: „Scheiden? Nie und nimmer. Und erst recht nicht
von Xanthippe, der ich so viel verdanke!“