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zur Übersicht SERIE: OSHO ÜBER MEISTER
TEIL 9: Zarathustra_______________________________
Einfach ist richtig – richtig ist einfach
Zarathustra wurde vor fünfundzwanzig Jahrhunderten
geboren – zu
einer Zeit, da überall auf der Welt eine enorme Renaissance stattfand:
In Indien hatten Gautam Buddha, Mahavira, Goshalak, Sanjay Bilethiputta,
Ajit Keshkambal und andere den gleichen Gipfel der Erweckung erlangt;
in China Konfuzius, Menzius, Laotse, Tschuangtse, Liehtse und
viele andere; in Griechenland Sokrates, Pythagoras, Platon, Heraklit;
und im Iran Zarathustra.
Es ist ein seltsamer Zufall, dass plötzlich überall auf der Welt
eine Bewusstseinsflut stattfand und viele Menschen erweckt wurden.
Vielleicht ist Erleuchtung ja auch eine Kettenreaktion: Wann immer
Menschen erleuchtet werden, lösen sie dieselbe Revolution in anderen
aus.
Das Potenzial dazu steckt in allen. Man braucht nur provoziert,
herausgefordert zu werden; und wenn man sieht, dass so viele Leute
zu so herrlichen Höhen der Anmut aufsteigen, kann man nicht da bleiben,
wo man ist. Plötzlich steigt im Innern ein enormer Drang auf: „So
geht’s nicht weiter! Ich vergeude mein Leben, während andere das
Allerhöchste erlangt haben, alles Erkennenswerte erkannt haben,
zur denkbar größten Glückseligkeit und Ekstase gefunden haben …
Und was mache ich?! – lese Muscheln am Strand auf.“
Unter all diesen Leuten ist Zarathustra einzigartig. Er ist als
Einziger nicht lebensfeindlich, er liebt das Leben, sein Gott ist
nirgendwo anders; sein Gott ist das Leben selber, wenn auch unter
anderem Namen. Und rückhaltlos zu leben, frohen Herzens zu leben,
intensiv zu leben, ist der einzige Boden für Religion.
Ich empfinde eine tiefe Empathie, Seelenverwandtschaft mit Zarathustra.
Aber vielleicht fand er nur deshalb nicht viele Anhänger, weil
er lebensbejahend und nicht lebensfeindlich war. Das gehört zu den
unbegreiflichen Seiten der Menschen: dass sie alles Einfache ablehnen,
nur weil es ihnen nicht wert ist, das Ziel zu sein – das Ziel muss
sehr schwer, ja nahezu unerreichbar sein!
Der Grund ist die Psychologie des Egos. Das Ego will immer nur
Unmögliches – denn seine Existenz hängt nur vom Unmöglichen ab.
Kein Verlangen ist je zu erfüllen, und das Ego drängt euch ständig
zu mehr und mehr – mehr Gier, mehr Macht, mehr Geld, mehr Verzicht,
mehr Spiritualität, mehr Disziplin! Merkt euch: Wo immer ihr mehr
hört, spricht das Ego. Und das Ego ist grundsätzlich unersättlich:
Immer verlangt es noch mehr.
Zarathustra hat genau dieselbe Grundeinstellung wie Tschuangtse:
„Einfach ist richtig. Richtig ist einfach.“ Und wenn du völlig entspannt
bist, dich wohlfühlst, ganz bei dir bist, so entspannt, dass du
sogar vergessen hast, dass du dich wohlfühlst, dass du richtig liegst
… Du bist so völlig unschuldig, wie ein Kind, du bist angekommen!
Aber das Ego interessiert das nicht. Dieser ganze Prozess läuft
auf den Selbstmord des Ego hinaus. Deswegen haben sich Millionen
von Menschen von denjenigen Religionen angesprochen gefühlt, die
ihrem Ego schwierige Aufgaben, entbehrungsreiche Wege, unnatürliche
Ideale, unmögliche Ziele abverlangt haben.
Die wenigen, die Zarathustra folgten, lassen sich an zehn Fingern
abzählen. Niemand hat Zarathustra beachtet … bis sich ihm plötzlich,
nach nahezu vierundzwanzig Jahrhunderten, Friedrich Nietzsche zuwandte.
Nietzsche war gegen Jesus Christus, und er war gegen Gautam Buddha
– doch er war für Zarathustra.
Das
ist von großer Tragweite und gilt es zu verstehen: Was mag
der Mann, der gegen Jesus Christus war, gegen Gautam Buddha war
– an Zarathustra so schätzen? Das liegt daran, dass Nietzsche denselben
Ansatz, dieselbe Einstellung gegenüber dem Leben hat. Er hatte
genug von all diesen Religionen, großen Religionen, die der Menschheit
nur immer mehr und mehr Schuldgefühle einjagten, sie immer unglücklicher
und unglücklicher machten… Kriege anzettelten, Menschen lebendig
verbrannten, allen möglichen Quatsch erzählten, ohne jeden Beweis,
irgendwelches aus der Luft gegriffenes Zeug; die die gesamte
Menschheit in Dunkelheit, in Blindheit gefangen hielten. Denn ihre
Lehren beruhen auf Glauben – und Glaube bedeutet Blindheit.
Es gibt keinen Glauben, der nicht blind ist. Wer sehen kann,
der glaubt nicht an Licht, sondern weiß, dass es existiert; also
braucht er es nicht zu glauben. Glauben setzt Unwissenheit voraus,
und alle Religionen – mit wenigen Ausnahmen wie Zarathustra und
Tschuangtse, die keine Massen gewonnen oder große Traditionen gestiftet
haben – sind allesamt fürs Glauben. Oder anders gesagt: sie sind
alle für Blindheit.
Nietzsche war gegen sie. Stellvertretend wählte er Gautam Buddha
als Symbol für den Osten, und wählte er Jesus Christus als Symbol
für den Westen. Er war gegen diese Leute aus dem einfachen Grund,
dass sie lebensfeindlich waren; sie wollten nicht, dass die Leute
die einfachen Dinge genossen, dass die Leute ein spielerisches,
lachendes Leben führten; dass die Leute mit Humor statt allzu ernst
lebten; dass die Leute Gesang und Musik liebten und tanzen und lieben
konnten.
Nietzsche fühlte sich von Zarathustra angezogen, weil er erkennen
konnte, dass in der gesamten Menschheitsgeschichte einzig und allein
dieser Mann nicht gegen das Leben war, nicht gegen die Liebe war,
nicht gegen das Lachen war.
Der Legende nach hat Zarathustra sofort nach seiner Geburt laut
gelacht. Kann man sich ein rebellischeres Kind vorstellen? Man erwartet
von Kindern nicht, dass sie sofort nach der Geburt lachen; man erwartet,
dass sie weinen. Er muss seine Eltern und die Nachbarn und alle,
die ihn lachen hörten, schockiert haben: „Warum lachte er? Und auf
so jemanden ist kein Verlass, absolut kein Verlass – so jemand ist
gefährlich!” Das war sein erster rebellischer Akt. Damit hat er
von Anfang an erklärt: „Ich will nicht mehr der Menge angehören
– mir reicht`s. Viele Kinder haben geweint, ich folge nicht ihrem
Beispiel. Ich will mein Leben lachend beginnen!“
Ob es wirklich so war, darauf kommt es nicht an. In Wirklichkeit
ist es kaum möglich, sofort nach der Geburt zu lachen, aber die
Geschichte ist sehr vielsagend, weil sie etwas über Zarathustras
ganze Lebensphilosophie verrät: Nämlich dass ihm an einer großen
Rebellion gelegen ist.
Zarathustra gehört zu den größten Lehrern der Welt: Er akzepierte
das Leben insgesamt. Er ist kein Entsager, er ist gegen Entsagung.
Darum mussten die wenigen Anhänger Zarathustras, die überlebten,
aus ihrem Mutterland Persien fliehen. Sie mussten es verlassen,
weil die Moslems sie unter Zwang bekehrten. Sie machten aus Persien
ein islamisches Land. Persien wird seither Iran genannt. Einige
wenige flohen, weil sie sich diesem Zwang, dieser Gewalt nicht beugen
wollten. Sie gingen nach Indien; sie – die Parsen – leben in Mumbay
und Umgebung. Kein Wunder, dass viele Parsen sich für mich interessierten.
Sie finden mich deshalb so anziehend, weil ich ebenfalls das Leben
bejahe, weil ich nicht die Abkehr von der Welt lehre.
Es war diese bedingungslose Lebensbejahung Zarathustras, was
Friedrich Nietzsche so enorm an ihm liebte – und was ihn dazu bewegte,
sein großes Buch Also sprach Zarathustra zu schreiben. Er schrieb
das Buch zur Feier des Lebens und aus Liebe zum Leben. Er konnte
nirgends einen anderen, ebenso lebensbejahenden Meister finden wie
Zarathustra – einen Mann, der sein Leben mit Lachen begann, und
dessen ganzes Leben aus Lachen bestand. In ihm gibt es keinerlei
Pessimismus, nicht einmal eine Spur von Pessimismus ist in ihm.
Genau das bedeutet tathata – das ganze Leben so zu akzeptieren,
wie es ist. Wenn du akzeptierst, wirst du keine Energie vergeuden.
Wenn du akzeptierst, sprudeln deine Energiequellen unerschöpflich.
Und zweitens: Wenn du alles akzeptierst, erheitert sich dein
Leben. Niemand kann dich mehr unglücklich machen, nichts kann dich
mehr unglücklich machen … «