Herbstbild
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum –
Und dennoch fallen fern und nah
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
Oh stört sie nicht, die Feier
der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält.
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt. (Friedrich Hebbel)
Der milde Strahl der Sonne
Nirvano stellt seine drei liebsten Spätsommer- und Herbstgedichte vor.
von Nirvano
Im Nebel ruhet noch die Welt.
Noch träumen Wald und Wiesen
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In mildem Golde fließen.
Diese Zeilen schrieb der schwäbische Dichter Eduard Mörike Mitte des vorvorigen
Jahrhunderts – wohl ohne zu ahnen, dass er damit einen klassischen Hit der
deutschen Lyrik überhaupt gelandet hatte.
Denn kaum einer hat je zuvor oder danach mit so inniger Schlichtheit
ein typisches Herbstbild und -gefühl zu Papier gebracht. Mich wundert oder
besser gesagt betrübt nur, dass dieses Lied trotz seiner unbeschreiblichen
Musikalität nie seinen Komponisten gefunden hat. Oder kenne ich ihn nur
nicht?
Manchmal hat ja erst der Tondichter dem Textdichter zu Ruhm verholfen:
Der deutsche Bariton Fischer-Dieskau z.B. erzählt, dass sein Publikum in
Japan und anderen fernöstlichen Ländern den Namen Goethe überhaupt nur als
Verfasser der Lieder Schuberts kannte. Fischer-Dieskau meint das durchaus
als Spitze; der deutsche Olympier hatte es nämlich nicht mal für nötig befunden,
Schubert die (freilich unabgesprochene) Zusendung seiner Liedvertonungen
zu bestätigen, geschweige denn ihm dafür zu danken! Sein Gewährsmann fürs
Musikalische, der Komponist Zelter, ein alter Zopf, hatte (wohl weil er
ein begnadetes Nachwuchstalent witterte!) nur müde abgewunken …
Der „blaue Dichter“
Man hat Mörike „den blauen Dichter“ genannt. Und in der Tat, sein
vielleicht berühmtestes Gedicht beginnt: „Frühling lässt sein blaues Band
/ Wieder flattern durch die Lüfte…!“ Es ist das gleiche Naturbild, das
da in beiden Gedichten beschworen wird: Wolken oder Nebel verstellen dem
Menschen den Blick auf den offenen, weiten, blauen, sonnigen Himmel –
Urgrund allen existenziellen Glücks –, dessen Blau im Frühling aufblitzt
als Ahnung kommenden Sommerglücks, im Herbst jedoch als wehmütig stimmender
Abschiedsgruß. In Mörikes Frühlingsgedicht taucht es gleich zu Anfang
auf, mitreißend; in seinem Herbstgedicht erst nach überschrittenem Gipfel:
Der Weg ins Dunkel hat begonnen. Aber auch der Herbst hat sein Schönes:
Er dämpft das Laute des Sommers und hat eine ganz eigene, alles zu flüssigem
Gold schmelzende Kraft.
Auch der Dramatiker Friedrich Hebbel (1813-1863), nebenbei lyrischer Dichter wie sein Zeitgenosse Eduard Mörike (1804-1875), hat zwei Jahreszeiten unvergesslich besungen, den Sommer und den Herbst. Und auch hier lohnt es sich, beide Gedichte nebeneinander zu stellen:
Sommerbild
Ich sah des Sommers letzte Rose stehn:
Sie war, als ob sie bluten könne, rot.
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben, ist zu nah am Tod!
Es regte sich kein Hauch am heißen Tag.
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte – sie empfand es und verging.
Herbstbild
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum –
Und dennoch fallen fern und nah
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
Oh stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält.
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
Vergleicht man die Stimmung in diesen beiden „Bildern“, so möchte man meinen,
beide wären am selben Tag verfasst worden: In beiden waltet die gleiche,
atemlose Stille, die so kennzeichnend ist für einige wenige Tage gegen Ende
August, Anfang September, in denen „das Jahr auf der Kippe steht“. (Wie
kein anderer hat Gottfried Benn in seinem Gedicht „Astern“ diesen Moment
mit dem Bild beschrieben: „Die Götter halten die Waage eine zögernde Stunde
an …“) Tatsächlich aber liegen fünfundzwanzig Jahre zwischen ihnen! In beiden
klingt auch dasselbe Thema an – das der Vergänglichkeit. Und in beiden zeigt
sich der Autor weniger von seiner lyrischen, sondern von seiner – ihm offenbar
im Blute liegenden – dramatischen Seite.
Zwar tritt im ersten Gedicht der Autor als ein „Ich“ auf; der Anblick
der übermäßig aufgeblühten roten Rose lässt ihn erschauern. Offenbar zu
Recht, denn schon im nächsten Moment führt die kaum spürbare Flügelbewegung
eines (stark kontrastierend weißen!) Schmetterlings dazu, dass die Rose
das „Blut“ ihrer überholten Schönheit vergießt. Erinnert das nicht an das
oft und gern zitierte Beispiel aus der Chaostheorie, demzufolge das Flattern
eines Falters in China einen Hurrikan in der Karibik auslösen könne?
Ein Augenzeuge
Doch ist dieses Autoren-Ich kein „lyrisches“. Dieses Ich ist ein
dramatisches: Denn es ist nicht selbst betroffen, sondern tritt nur als
Augenzeuge, als zufällig „Vorübergehender“ auf. Und es spielt nur deshalb
den Sprechenden, um durch das von ihm Geschaute und Beschriebene den Zuhörer
oder Leser umso mehr in den Bann zu ziehen. Ein dramatischer Kunstkniff,
den Bertolt Brecht ein Jahrhundert nach ihm in seiner Technik des „Epischen
Theaters“ bis zur Vollkommenheit weiterentwickelt hat: Die durch und durch
dramatische Handlung wird nicht vorgeführt, sondern gleichsam auf eine
neutrale, unterkühlte und eben nicht die Identifikation der Zuschauer
heischende Art und Weise erzählt.
Auch im zweiten Gedicht tritt wieder dasselbe Erzähler-Ich auf,
der einen solchen Tag noch nie gesehen haben will. Es erhebt quasi schützend
seine Hand, um die Natur zu bewahren vor der ständigen Ausbeutung durch
die Menschen, die sozusagen schon mit Erntekörben und Leitern bewaffnet
in den Kulissen warten, um die Früchte an sich zu raffen. Denn die Natur
will zwar auch ihre eigene „Lese“ halten (ein Wort für „Ernte“, das praktisch
nur in „Weinlese“ überlebt hat), doch bedient sie sich dabei eines sanfteren
Mittels als unsereiner, der auch mit langen Stöcken dreinschlagen würde:
Es ist der gewaltlose, ja „milde Strahl der Sonne“, mit dem stattdessen
„heute“ die reifen Früchte „von den Zweigen“ gelöst werden sollen.
Kein Zweifel: der unendlich sanft geführte Schwertstreich des Sonnenstrahls
in diesem Gedicht geht dem Leser ebenso durch Mark und Bein wie eben noch
der Flügelschlag – besser der Gnadenstoß – des weißen Schmetterlings.
