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Editorial

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THEMA

Am Ende des Lebens

Liebe Freunde,

Als ich das erste Mal vor Osho saß, sah ich das lebendige Nichts. Eine unendliche Weite, in der alles da ist. Pulsierend, im Einklang. In dem Augenblick erkannte ich, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als mich von all dem zu befreien, was mich in der Welt definiert: Meine Fäuste öffnen, loslassen und puff! – ab durch die Lücke. Zwischen all den Atomen und kleinsten Teilchen hindurch, die meine Welt ausmachen. Einfach nur da sein in diesem unendlichen Ozean. Nichts tun. Nichts darstellen. Nichts haben. Geschehen lassen. Freiheit.

Aber im Handumdrehen kam ich wieder zu Verstand. Saß in der sechsten Reihe in Buddhahall. Osho erzählte gerade einen Witz und alle lachten sich tot. Jetzt war das Nichts mein Meister und saß verschmitzt in seinem Sessel. So wunderbar dieser Augenblick auch war – vor Osho spürte ich so deutlich wie nie den enormen Ballast in mir – meine ganze Vergangenheit und all die Hoffnungen und Wünsche. "Im wahrsten Sinne full of shit", stöhnte ich innerlich auf. Doch dann besann ich mich glücklicherweise wieder darauf, still zu werden und mein Dasein zu genießen.

Dieser Moment wurde zum inneren Appell für mich, "mit leichtem Gepäck zu reisen". Von da an passte ich auf, sowenig wie möglich festzuhalten, Überflüssiges wegzugeben und denen zu überlassen, die es brauchen konnten. Ein echter Balanceakt, denn ich mag nicht gern nur auf Sparflamme leben. So bleibt da bestimmt einiges zurück, sollte ich die Erde jetzt verlassen. Wo soll das alles hin? Wem könnte es nützen? Wer räumt hinter mir auf, erledigt all die Behördengänge, die Wohnungsauflösung, das Verteilen meiner Siebensachen? Ist genug Geld übrig, um meinen Leichnam zu entsorgen? Was ist, wenn ich vorher pflegebedürftig werde, ins Krankenhaus komme oder in ein Hospiz?

All dies vor meinem Tod zu besorgen, ist ein Liebesdienst für meine Hinterbliebenen. Da heißt es, ans Sterben zu denken und es anzusprechen. Gar nicht so leicht. Das Thema weckt tiefe Ängste: die tiefe Angst vor dem Tod – vor der kompletten Auslöschung, vor Verlust und Trauer. Dann die Sorge um die Zurückbleibenden. Bei Strenggläubigen die Angst vor einem strafenden Gott (sitzt übrigens tiefer, als man denkt)…
Kurz: Die Vorsorge für das Sterben ist so etwas wie die Stunde der Wahrheit. Ist es mir gelungen, wie Osho empfiehlt, schon zu Lebzeiten von Augenblick zu Augenblick zu sterben? Werde ich in Frieden gehen können oder muss ich mir eingestehen, dass alles umsonst war? All dieser Existenzkampf, diese Anstrengungen, Mühen und Strapazen? Waren die glücklichen Momente etwa nur eine Art Lebensmittel der Natur, die nur Überleben und Fortpflanzung im Sinn hat? Ein ewiges Mysterium. Da bleibt alles offen. Keine wirkliche Antwort. Nur Stille…

Doch bis ich sterbe, kann noch ganz schön viel passieren. Osho zufolge sind Geburt und Tod die einzigen Eckpunkte im Leben und dazwischen könne der Strom der Liebe fließen; ist die Liebe das Einzige, wofür es sich zu leben lohne. Und wer die Liebe kennt, kennt Gott.
So viele Facetten sie auch hat – in der Liebe zählt nur die Liebe. Mit ihr lerne ich Schritt für Schritt, mich für etwas zu öffnen, das größer ist, als ich mir vorstellen kann.
Und was gibt es Größeres als das lebendige Nichts?

Viel Spaß beim Lesen!

Anandi

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