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Freundschaft

Zuhören, da sein, das Jetzt teilen …

Text: Shreyas

Ich habe mir eine Schachuhr gekauft. Wenn ich meinen Zug ziehe, dann drücke ich den Knopf auf der Uhr und deine Denkzeit beginnt – und umgekehrt. Jeder hat eineinhalb Stunden. Läuft deine Zeit ab, hast du verloren. Das stellt ein gewisses Gleichgewicht her.

Vom Zuhören und Schweigen

Ich hege eine große Liebe zu einem Menschen, einfach aus dem Herzen heraus, aber immer wenn wir uns begegnen, fängt er an zu reden und hört erst dann wieder auf, wenn wir auseinandergehen. Er ist nicht der Einzige. Diese Angewohnheit teilen ja viele Menschen und oft ist das auch kein Problem. Normalerweise breche ich den Kontakt dann ab. Aber dieser Mensch steht mir sehr nahe, auch räumlich, und ich mag ihn einfach.
Letztens bot er mir an, mir im Wald beim Holzhacken zu helfen. Ich sagte ja, doch als es soweit war, verschwand ich einfach. Als ich dann mit dem Holz zurückkam, war er natürlich verletzt. Ich sagte ihm die Wahrheit. Dass ich es nicht aushalte, mit jemandem für längere Zeit zusammen zu sein, wenn er nicht zuhört und immer nur von sich selbst spricht. Und dann erzählte ich ihm die Idee mit der Schachuhr.
Jetzt trinken wir manchmal Tee zusammen und drücken die Schachuhr. Das klappt prima und meist ist es so, dass er 20 Minuten redet und dann 20 Minuten still sein muss und ich kann ihm von mir erzählen – oder schweigen. Es ist hart für ihn.
Ich habe einen Freund, der hat mich in all den 40 Jahren noch nie angerufen. Wenn ich ihn anrufe, ist er jedoch sofort Feuer und Flamme. Wir treffen uns und manchmal ist es so, dass er mir zwei Stunden lang zuhört, nachfragt, auch ganz detailliert. Es gibt nichts anderes. Er stellt mich infrage, er widerspricht mir, er bohrt nach. Und manchmal ist es umgekehrt. Wir kennen unsere Geheimnisse. Wir verzeihen uns. Ich verzeihe ihm, dass er mich nie anruft, er verzeiht mir meine lockere Zunge.
Es kommt im Leben darauf an, in die Tiefe zu gehen.

Jedes Treffen eine Offenbarung

Wir sind eine Gruppe von sieben Menschen. Wir treffen uns einmal im Monat und jeder teilt sein Jetzt mit den anderen, 15 Minuten lang. Alle anderen schweigen und hören zu. Seit zwei Jahren machen wir das und bis jetzt ist noch kein überflüssiges Wort gefallen. Es wirft einen so auf sich selbst zurück. Besonders wenn die Worte plötzlich entschwinden. Dann ist Stille und Leere und kein Geplapper füllt sie.
In dieser Gruppe ist auch ein Mann, mit dem ich seit 30 Jahren befreundet bin. Er ist sonst eher an technischen Dingen interessiert, was jetzt nicht unbedingt meine Abteilung ist. Und plötzlich war er mir so nah wie nie zuvor. Ich brach in Tränen aus, darüber, nach so vielen Jahren sein Herz zu spüren. Es ging so tief. Seitdem sind mir diese Menschen so nah wie kaum andere, und jedes Treffen ist eine neue Offenbarung.

Quatsch ist auch ganz lustig

1982 habe ich die Primärausbildung bei Henning van der Osten (Devabhakta) gemacht. Es gab da eine Übung, die nach jeder Sitzung gemacht wurde, sie hieß AB-Übung. Sie funktionierte wie die Schachuhr: Zehn Minuten Mitteilen, Schweigen, Zuhören, Rein lassen, Reinversetzen, Mitgefühl entwickeln … dann der Wechsel. Der Leiter bestimmte die Uhr.
In der Gruppe Enlightenment Intensive passiert etwas ganz Ähnliches. Du teilst dich mit aus deinem Innersten heraus und nimmst Teil am Innersten deines Gegenübers.
In einer grausigen Therapiesitzung vor sechs Jahren wusste ich weder vorwärts noch rückwärts. Ich schaute verdrossen und missmutig und hoffnungslos meine Therapeutin an. Ich wusste nicht, wer ich bin, ich wusste nicht, was ich wollte, doch plötzlich kam ganz zögerlich: "Ich möchte eine tiefere Verbindung zu Menschen."
Seitdem bin ich ein bisschen schweigsamer und ruhiger geworden. Ich treffe immer weniger Menschen und beobachte mehr. Ich ziehe mich aus Gesprächen zurück, wenn es nicht um Wesentliches geht, ohne jetzt zum unlustigen Fanatiker zu werden. Quatsch ist ja auch manchmal ganz lustig.

Oh, waren die langweilig!

Was ich auch festgestellt habe, ist, dass ich oft die Schuld an langweiligen Begegnungen dem anderen in die Schuhe schiebe. Mit manchen Menschen langweile ich mich einfach. Vivien und ich sagen dann hinterher: "Ach, waren die wieder langweilig!"
Aber es gehört Mut dazu, um mit Menschen auf eine tiefere Ebene zu kommen. Ich spüre jetzt oft den Moment, wo solch eine Wende möglich ist. Anders als man vielleicht denkt, ist das nicht der Moment, um von deinen tiefen Dingen zu erzählen, sondern meist ist es eher eine Frage, die dich am anderen interessiert und die du dir vielleicht nicht zu stellen traust, weil sie zu intim ist. Wenn ich das merke und ich traue mich, ändert das sofort die ganze Situation und die Langeweile ist wie weggeblasen.

karl@giggenbach.com

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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