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Klartext

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Vollbremsung bei voller Fahrt

Turbulenzen, Erholung und die Chance für einen Neustart

Text: Avinasho

Leute, ich habe noch nie so ins Blaue geschrieben wie heute. Die Osho Times hat drei Wochen Produktionszeit. Heute ist der 4. April. Keine Ahnung, was im Mai los sein wird, wenn ihr dieses Heft in der Hand haltet. Werdet ihr alle noch Lust auf dieses kleine feine Magazin haben oder seid ihr im Würdegriff von Pluto in Tateinheit mit Saturn, sodass ihr nur noch in der Badewanne liegen und an die Decke starren könnt? Werdet ihr überhaupt noch leben? Werde ich noch leben?
Obwohl ich merke, dass mein Unterbewusstes mehr in Aufruhr ist, als ich wahrhaben will – meine Konzentration ist in einem erbärmlichen Zustand –, halte ich mich möglichst im Hier und Jetzt fest und erzähle euch Geschichten aus dem Alltag, die euch aufmuntern sollen. What else can I do?

"Der Körper der Wahrheit"

Mein Krisenstichtag ist der 11. März. Ich gehe mit Freundin Gritta in die Kinopremiere von "Body of Truth". Marina Abramovic ist da. Sie ist eine der in diesem Film portraitierten Künstlerinnen, die ihren Körper als Mittel zur Kunst einsetzen. Entdeckt hab ich sie 2010 über eine DVD, als sie im Museum of Modern Art in New York eine Art "Enlightenment intensive" als Kunst performt hat: Sie saß auf einem Stuhl, die Museumsbesucher konnten sich ihr gegenübersetzen und sehen, was intensive wortlose Kommunikation mit ihnen macht. Marina ist die Großmeisterin des "Energiehaltens". Die DVD hatte mich damals völlig vom Stuhl gerissen, und so hatten Gritta und ich am Tag vor dem 11. März noch versucht, Opernkarten zu ergattern. Marina inszenierte nämlich gerade an der Münchner Oper "Die 7 Leben der Maria Callas". Die allerletzten Karten: 120 Euro pro Kopf. Das sprengte unseren Etat! Umso besser also, dass wir noch Kinokarten ergattern konnten. Während wir mit ziemlich vielen Menschen ziemlich lang im ziemlich engem Kino-Raum saßen, erzählt Gritta mir von ihrer Reise nach Ligurien und ihrer Gastgeberin dort, die zwei Tage vorher zu Besuch bei ihr war. An diesem Tag, dem 11. März, ahnten wir noch nicht, dass nicht nur wir beide nicht, sondern gar niemand auf Marinas Opernpremiere sein würde.

Zeit des Rückzugs

Zwei Tage später ruft Gritta an: Ihre italienische Gastgeberin ist Corona positiv. Aha. Das hieß für sie, zu Hause bleiben und für mich auch. Zeit, sich 14 Tage komplett aus dem sozialen Leben zurückzuziehen. Freunde brachten nicht nur reichlich Futter, sondern auch Blumen. So was braucht man in der Abgeschiedenheit. Und dann? Nix und dann. Es war, als zöge endlich jemand den Stecker aus einem übertourig laufenden Motor. Ich war froh über jeden Tag, den ich in Indien gewesen war, um zu lernen, dass alles anders kommt als erwartet und dass ich damit umgehen kann ohne auszurasten. Ich war froh über jede Vipas­sana-, Zazen- oder sonstige Isolationsgruppe, in der ich verstanden hatte, dass es wunderbar sein kann, allein zu sein. Und ich war froh, erfahren zu haben, was Mediation ist – und alt genug, um nicht nur theoretisch zu wissen: This too shall pass.

Vergnügliche Entdeckungen

Dann wurden die Schulen geschlossen und die Kinos, die Theater und die Frisöre. Gleichzeitig arbeiteten meine Lieblings-Kreativen einfach von zu Hause weiter. Keine/r kann seine oder ihre Kreativität einfach abschalten, wegen eines Virus und weil er/sie zu Hause bleiben muss. Göttin sei Dank der Digitalisierung! 1918 bei der Spanischen Grippe konnte keiner streamen, skypen, in wunderbaren Mediatheken stöbern oder virtuell die schönsten Museen der Welt inspizieren. Mit großem Vergnügen sah ich bei Facebook Conchita Wurst, die ihre Freunde bat, für sie zu singen. Köstlich: Oliver Pocher, der Meister im Aufspießen von Dummheit. Völlig abgefahren: Christian Ehring, der aus seinem unterirdischen Klopapier-Lager sendet und dem sein kleiner Sohn immer dazwischenquatscht. Die Sendung endet am Herd: Christian muss Kabarett senden und gleichzeitig Pasta kochen. So ist das im Homeoffice.
Und ich entdeckte Stefan Zweig ("Die Welt von gestern"), den Großmeister des geschriebenen Wortes. Mit ihm verbringe ich viele schöne Stunden auf dem Sofa. Mein Lebensgefährte, Kasimir der Stoffbär, gesellt sich dazu.

www.susanne-maria-elten.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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