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Wohin mit dem Ego?

Eine kleine Polemik

Text: Avinasho

Neulich hat mal wieder ein Freund die Ego-Keule rausgeholt. Als letztes Mittel der Verteidigung sozusagen. Wenn das Ende der Argumente naht, wenn sich Denkfaulheit und die Unlust, den IQ zu strapazieren, anschleichen – bei gleichzeitigem Festhalten an lieb gewordenen Überzeugungen, um nicht zu sagen Vorurteilen, plus der Weigerung zu fühlen, was den anderen antreibt – dann, ja, dann ist die große Stunde der Ego-Keule gekommen.
Und die geht so: "Letztlich basiert alles Angesprochene auf Ego-Käse. Du weißt es und ich weiß es!"
Übersetzung für Nicht-Esoteriker: "Was du sagst, ist Mist; und weil ich mich nicht mehr damit auseinandersetzen will und deinen Kram auch nicht fühlen will, hole ich jetzt die Ego-Keule raus, dann ist nämlich Schluss mit Diskutieren."
Die Ego-Keule ist das Ende eines jeden Gesprächs. Sie ist ein Alibi, um aus dem Kontakt zu gehen, ohne mich erklären zu müssen. Sie ist die Alleluja-Variante von "Du kannst mir mal auf den Hut steigen" bei schein-heiliger Selbstüberhöhung, denn sie impliziert: ICH hab’s durchschaut, weil ich so ein strammer Meditierer bin, und du bist die Null, die sich immer noch von ihrem Ego an der Nase rumführen lässt. Und deswegen ist hier und jetzt das Ende der Fahnenstange, denn ich als Ego-Durchschauer kann leider nicht auf dein Niveau und so weiter und so weiter …

Ego. Ego?

Was ist das Ego eigentlich? Ich frage mich das seit 30 Jahren und bin jetzt endlich soweit, dass ich zugeben kann, es nie verstanden zu haben. Da hilft vielleicht ein Blick ins Netz:
Yogawiki gibt sich so viel Mühe aufzuklären, dass mir schwindlig wird. Da wird über das "Ego auf Sanskrit", Jnana Yoga, Egoismus in subtiler Form", Selbstverwirklichung, "grobstoffliches Ego" und auch Gevatter Siegmund Freud geschrieben, der das Ego als Vermittler zwischen den Trieben des Es und den Normen des Über-Ich verortet.
Natürlich habe ich von Osho gehört, dass es – wenn ich richtig verstanden habe – zu tun hat mit der Identifikation mit dem Verstand? Mit dem Körper? Also ist es das Zu-ernst-Nehmen meiner physischen Existenz?
Aber warum ist das so verkehrt? Ist es für mich so schwer zu verstehen, weil ich ein Westler bin? Haben die Menschen im Osten einen angeborenen Abstand zum Grundrauschen ihres Gehirns und zu ihrem Körper sowieso? Ich habe auch nie begriffen, warum es so toll sein soll, wenn man auf Nägeln sitzen kann oder sich in einer Himalajahöhle grün und blau hungert.

Achtung: Prägungen!

Ja, ich habe eine stramme westliche Prägung und meine inzwischen herausgefunden zu haben, dass ich besser fahre, wenn ich das akzeptiere und so gut wie möglich beobachte, anstatt mir dauernd in die eigene Tasche zu lügen, dass ich ein Mensch jenseits von Land, Kultur, ja sogar Religion bin. Es ist deshalb wahrscheinlich auch kein Zufall, dass ich mit Freuds Definition am besten klarkomme.
Mein selbstgebautes Verständnis sieht so aus: Wir Menschen sind Säugetiere, die wegen ihres relativ großen Kopfes (Achtung: Gehirn braucht Platz!) quasi zu früh geboren werden. Wir haben deshalb am Anfang unseres Lebens eine relativ lange Zeit, in der wir hilflos sind, und zwar nicht nur körperlich, sondern auch was Einflüsse auf die Psyche anbelangt (Achtung: Prägungen!).
Man könnte auch sagen, wir haben besonders viele Prägungen, Erziehung, aber auch Überlebens-Skills abgekriegt. Und das Schlimmste: die extrem lange Abhängigkeit von der Mutter, das extrem lange Gefühl von Hilflosigkeit. Das bleibt in unserem System haften und wir entwickeln tausendundeine Kompensation. Ich halte es für eine Allmacht-Fantasie, dass wir die ganzen Muster, die wir uns zugelegt haben, um die Hilflosigkeit nicht so stark zu fühlen, wieder komplett loswerden können.
Wie alle Macken, die wir haben, haben auch die Kompensationen – wie zum Beispiel: "Ich schaffe das!", "Das Ego werde ich bestimmt los, ich muss nur in der Dynamischen höher springen", "Ich habe die Wahl, ob ich glücklich bin oder nicht", "Wenn ich krank werde, bin ich selber schuld, ich müsste nur mehr meditieren" usw. – den guten Zweck, dass wir erst mal in Bewegung kommen und uns vor der Zumutung des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit ein bisschen schützen.
Nur: Wenn das zu dem Größenwahn führt, wir hätten alles im Griff, dann hört sich das für mich immer an wie Kinder, die im Wald pfeifen. .

www.susanne-maria-elten.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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