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Klartext

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All you need is less

Oder die Geschichte vom leichten Gepäck und vom Wildschwein

Text: Avinasho

Ludwig-Maximilians-Universität München, im Herbst 2019, Auftakt-Veranstaltung einer Vorlesungsreihe zum Thema "Verzicht". Die Aula rappelvoll, nur die Hälfte sind Studenten, die anderen Neugierige aller Altersstufen. Das Thema hängt in der Luft, man kann den Zeitgeist fast greifen. Auf dem Podium sitzt unter anderem Harald Lesch, der Physiker mit der eigenen TV-Sendung, ein begnadeter Erklärer wissenschaftlicher Zusammenhänge und Fan und Förderer der Friday-for-future-Bewegung. Moderator ist Christoph Süß, Kabarettist mit eigener Polit-Sendung. Allerbeste Voraussetzung, dem Thema, das uns allen wegen der Klimakrise so unter den Nägeln brennt, Leben einzuhauchen.

Hört auf euch zu vermehren!

Doch in den folgenden Veranstaltungen verlor sich das Verzicht-Thema im akademischen Allerlei: Die Vorlesung "Nachhaltiger Konsum und die neuen Verzichtbewegungen" versandete in einer Aufzählung neuer Moden, wie zum Beispiel Lastenfahrrad fahren und der Plattitüde, dass jede Bewegung auch Gegenbewegungen hervorruft.
Da wurde rumassoziiert und Details aneinandergereiht, bis man sich ermattet fragte: Warum untersucht eigentlich niemand, wieso wir uns so schwertun, von diesem Wahnsinns-Konsumbaum, auf den wir geklettert sind, wieder runterzusteigen? (Niemand? Gehirnforscher Gerald Hüther meint, unser Gehirn würde schon im Ruhezustand 20 Prozent unserer Energie verbrauchen, anstrengende Maßnahmen wie die Veränderung der Lebensweise bräuchten zu viel Energie).
Wieso sagt hier keiner, dass der Kapitalismus vom Wachstum lebt, wir aber am Ende des Wachstums und unserer Ressourcen angekommen sind? Und was nützt uns ein historischer Blick auf die Geschichte des Verzichts – einschließlich eines Ausflugs in die Religionsgeschichte –, wenn nirgends klar wird, wie wir endlich unseren Konsumrausch beenden können? Und welche Berührungsängste haben die Professoren (im katholischen Bayern!), Klartext zu reden zum Thema Bevölkerungsexplosion? "Hört auf euch zu vermehren!", das wäre doch mal eine Ansage zum Thema Verzicht!

Konsum? Weil wir’s können!

Wir alle wissen, dass wir zu viel konsumieren. Ich habe oft den Überblick über meine Schränke verloren, deshalb manches doppelt gekauft. Warum schaffen wir so viel Zeug an? Antwort: Weil wir’s können! Es schaudert uns beim Anblick von riesigen Plastikwellen und doch können wir es nicht immer vermeiden, noch eine Plastikflasche zu kaufen. Wir leben alle in diesem Widerspruch – und hassen es. Manche Widersprüche sind so krass. Pierre Casiraghi beispielsweise hat Greta Thunberg emissionsfrei über den Atlantik geschippert, vor kurzem aber erst in den Agnelli-Clan (das sind die Fiat-Besitzer) eingeheiratet.
Eco-Shaming, auch ein schönes neues Wort, das uns unsere Zwickmühlen bewusst macht: Kaufen wir die Billig-Mode aus Bangladesh, beuten wir die Arbeiterinnen dort aus. Kaufen wir sie nicht, werden die Menschen dort arbeitslos. Ist das besser? Ganze Länder leben vom Tourismus. Was passiert mit den Menschen dort, wenn wir aufhören zu fliegen?
Studiosus, Reiseveranstalter mit dem Image "Edel und grün", gibt dicke Broschüren raus voller Erklärungen (zum Beipsiel wie man seine CO2-Emissionen kompensieren kann), und der Chef gibt Interviews mit dem Titel "Es wäre doch schade, wenn die jungen Leute nur noch um ihren eigenen Kirchturm kreisen würden." Es ist kompliziert.

Gute Ideen fürs seelische ­Gleichgewicht

"Climate aktivist working on her anger management", hat Frau Thunberg in ihrer Twitter-Selbstbeschreibung formuliert, nachdem der Klimagipfel in Madrid krachend gescheitert war. Die Behäbigkeit großer Institutionen, der Würgegriff der Bürokratie und die ewige Furcht vor den Wählern können einem genauso Angst einjagen wie bösartige Populisten, gierige Öl-Firmen oder einfach nur die rapide Ausbreitung purer Dummheit, die in ihrer modischen Erscheinungsform der dreisten Ignoranz daherkommt.
Hangeln wir uns also von good news zu good news, um das seelische Gleichgewicht zu behalten!
Hier habe ich etwas Schönes entdeckt: "München muss handeln". Eine wunderbare Seite zur täglichen Inspiration: "Yoga for future" bietet eine Gehmeditation mitten in der Stadt an … ich komme ins Schwärmen … eine Million Münchner bei der Gehmeditation, Stille in der Stadt … bestimmt gibt’s in allen deutschen Städten Vergleichbares.
Gut, dass wir uns am Zeitgeist auch ein bisschen erwärmen können. So ist es ausgesprochen smart geworden, mit Freunden local zu kochen, die Avocado mal wegzulassen und Wintergemüse neu zu entdecken. Lecker! Bier selber zu brauen fand ich auch eine schöne gesellige Idee und schöner als zusammen nach Malle zu fliegen.
Very trendy, die senkrechten Tageslicht-Leuchtkästen zum Gemüseanbau im Wohnzimmer mit digital gesteuerter Licht- und Wasserzufuhr. Sieht schön aus so eine grüne Wand. Gesehen in Berlin in einem Lokal. Tschüss, Aldi! Gestaunt habe ich auch in der Ausstellung "40 Jahre Vogue". Sie beinhaltete einen ganzen Raum zum Thema Plastik und Nachhaltigkeit in der Mode. Niemand kommt mehr am Thema vorbei und das ist gut so.

www.susanne-maria-elten.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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