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Osho Diskurs

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Folge deinem eigenen Licht

Osho zu einem Sutra aus der Diskursreihe "The Art Of Dying":

Als Rabbi Birnham im Sterben lag, brach seine Frau in Tränen aus. Er sagte: "Wozu weinst du? Habe ich nicht mein ganzes Leben lang gelernt, wie man stirbt?"

Gnade ist nicht etwas, das mal geschieht und mal nicht geschieht; Gnade ist ein Dauerzustand. Sie ist das eigentliche Wesen der Existenz. Die Existenz ist voller Sein ganzes Leben war nur eine Vorbereitung gewesen – und zwar darauf, die Geheimnisse des Sterbens zu lernen. Alle Religionen sind nichts weiter als die Wissenschaft – oder die Kunst – euch beizubringen, wie man stirbt. Und die einzige Möglichkeit euch beizubringen, wie man stirbt, besteht darin, euch beizubringen, wie man lebt. Beides ist nicht zu trennen. Wer weiß, was richtiges Leben heißt, weiß auch, was richtiges Sterben heißt.
Das Erste oder Wesentliche ist also: Wie soll man leben?
Lasst mich dazu ein paar Dinge sagen. Zunächst: Dein Leben ist deines, es gehört keinem anderen. Erlaube dir also nicht, dich von anderen beherrschen zu lassen, dir von anderen Vorschriften machen zu lassen, sonst übt ihr Verrat am Leben. Wenn ihr euch anderen unterwerft – sei es euren Eltern, eurer Gesellschaft, eurem Erziehungssystem … euren Politikern, euren Priestern, egal wem: Sobald ihr euch unterwerft, verfehlt ihr euer Leben. Denn die Unterwerfung kommt von außen und das Leben ist in euch. Sie begegnen sich nie.
Damit will ich nicht sagen, dass ihr zu allem und jedem Nein sagen sollt. Auch das führt nicht weiter. Es gibt zweierlei Menschentypen. Einerseits den gehorsamen Typ, bereit, sich allen und jedem zu unterwerfen. In denen wohnt keine unabhängige Seele; sie sind unreif, kindisch, immer auf der Suche nach einer Vaterfigur, nach jemandem, der ihnen sagt, was sie zu tun haben und was sie nicht dürfen. Sie sind unfähig, ihrem eigenen Wesen zu vertrauen. Diese Leute bilden die Mehrheit der Menschheit, die Massen.
Und andererseits gibt es deren Gegenteil, eine winzige Minderheit, die die Gesellschaft ablehnen, die die Werte der Gesellschaft ablehnen. Sie halten sich für Rebellen – sind aber keine, sondern nur Reaktionäre. Denn egal, ob man auf die Gesellschaft hört oder sie ablehnt, so oder so gibt die Gesellschaft den Ausschlag, wird man von der Gesellschaft beherrscht.

Folgende Anekdote:
Mulla Nasrudin ist nach langer Abwesenheit wieder daheim – mit einem langen Bart! Seine Freunde zogen ihn natürlich deswegen auf und fragten ihn, wo er den Pelz herhabe. Der bärtige Mulla fing an, sich mit deutlichen Worten über das Ding zu beschweren und seinen Bart zu verfluchen. Erstaunt fragten ihn seine Freunde, wieso er denn den Bart behalte, wenn er ihn nicht ausstehen könne. "Ich hasse das verdammte Ding!", beteuerte ihnen der Mulla. "Wenn du ihn hasst, warum rasierst du ihn nicht ab und wirst ihn los?", fragte einer der Freunde.
Da leuchtete es in seinen Augen teuflisch auf, als er antwortete: "Weil meine Frau ihn ebenfalls hasst!"

Aber das macht einen nicht frei. Die Hippies, die Yippies und andere, das sind keine echten Rebellen, sondern Reaktionäre. Sie haben gegen die Gesellschaft reagiert. Die einen sind gehorsam, die anderen sind ungehorsam, aber der Herrschaftssitz ist derselbe. Die einen gehorchen, die anderen tun es nicht, aber niemand beachtet seine eigene Seele.
Ein wahrhaft rebellischer Mensch ist einer, der weder für die Gesellschaft noch gegen sie ist, der sein Leben einfach nur nach seinem eigenen Licht richtet. Ob er gegen die Gesellschaft verstößt oder zu ihr hält, spielt überhaupt keine Rolle, ist unerheblich. Manchmal stimmt er der Gesellschaft zu, manchmal nicht, aber darum geht es ihm gar nicht. Er folgt seinem eigenen Licht, so klein es auch sein mag. Und ich sage nicht, dass er sich darauf etwas einbildet. Nein, er ist sehr demütig. Er weiß, dass sein Licht sehr klein ist, aber mehr Licht hat er halt nicht. Er ist nicht knallhart, sondern sehr demütig. Er sagt: "Ich mag mich irren, aber bitte erlaubt mir, mich auf meine Art zu irren."
Denn nur so lernt man. Das ist die einzige Möglichkeit zu lernen: Fehler zu machen. Seinem eigenen Licht zu folgen, ist die einzige Möglichkeit zu wachsen und reif zu werden. Wenn du dich ständig nach jemandem richtest, spielt es keine Rolle, ob du gehorchst oder nicht. Wenn du dich ständig nach jemandem richtest, der dir befiehlt oder verbietet, wirst du niemals erkennen können, was dein Leben ausmacht. Es muss gelebt werden, und du musst deinem eigenen winzigen Licht folgen.
Es ist nicht immer klar, was zu tun ist. Du bist sehr verwirrt. Lass es so sein. Aber suche nach einem Ausweg aus deiner Verwirrung. Es ist sehr billig und leicht, auf andere zu hören, denn sie können dich mit toten Dogmen abfertigen, dich auf die Zehn Gebote verweisen: "Mach dies – das darfst du nicht!"
Und sie pochen auf ihre Gebote. Um Gewissheit aber geht es nicht; es geht um Verstehen. Wer Gewissheit sucht, wird irgendwem in die Falle gehen. Seid nicht auf Gewissheit aus, sondern auf Verständnis. Gewissheit kannst du billig erwerben, jeder kann sie dir geben. Aber unterm Strich bist du dann der Verlierer. Du hast dein Leben verloren, nur um sicher und gewiss zu bleiben, auch wenn das Leben selber ungewiss ist, keine Sicherheit bietet. Leben heißt Unsicherheit. Jeder Augenblick bringt eine Wendung in noch mehr Unsicherheit. Es ist ein Glücksspiel: Man weiß nie, was als Nächstes kommt. Aber gerade das ist das Schöne. Wäre es vorhersagbar, das Leben wäre nicht lebenswert. Wenn alles so wäre, wie du es gern hättest, und alles gewiss wäre, wärst du kein Mensch mehr, sondern eine Maschine. Nur bei Maschinen ist alles sicher und gewiss.
Der Mensch lebt in Freiheit. Freiheit braucht Unsicherheit und Ungewissheit. Ein wahrhaft intelligenter Mensch ist immer zögerlich, weil er sich auf kein Dogma verlassen kann, sich nicht festhalten kann. Er muss hinschauen und antworten.
Lao Tse sagt: "Ich bin zögerlich und so muss ich hellwach durchs Leben gehen, da ich nicht weiß, was geschehen wird. Und ich habe kein Prinzip zu befolgen. Ich muss jeden Moment entscheiden. Ich entscheide niemals im Voraus. Ich muss aus dem Moment heraus entscheiden!"
Dann muss man sich ganz darauf einlassen. Das versteht man unter Verantwortung: Verantwortung ist kein Muss, Verantwortung ist keine Pflicht – sondern die Fähigkeit, sich auf etwas einzulassen. Wer wissen will, was das Leben ist, muss sich auf es einlassen. Das aber fehlt. Jahrhunderte der Abrichtung haben euch fast schon zu Maschinen gemacht. Ihr habt euer Menschsein verloren, ihr habt es für Sicherheit verkauft. Ihr lebt sicher und bequem und alles wurde von anderen geplant. Und sie haben alles festgelegt, sie haben alles vermessen. Was ein völliger Quatsch ist, da man das Leben nicht messen kann – es ist unermesslich. Und eine Landkarte ist nicht möglich, da das Leben ständig im Fluss ist. Alles verändert sich immerzu. Nichts ist von Dauer, außer der Veränderung. Heraklit sagt: "Du kannst nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen."
Und im Leben läuft alles im Zickzack. Das Leben hat keine Eisenbahnschienen. Nein, es verläuft nicht auf Schienen. Und das ist das Schöne an ihm, das macht seinen Glanz, seine Poesie, seine Musik aus – dass es immerzu eine Überraschung ist.
Wenn du nach Sicherheit, Gewissheit suchst, machst du deine Augen zu. Und wen nichts mehr überraschen kann, der wird seine Fähigkeit zu staunen verlieren. Wer die erst einmal verliert, hat seine Religion verloren. Religion ist das Tor eures staunenden Herzens. Religion ist die Empfänglichkeit für das Mysterium, das uns umgibt.

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.

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