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Osho Diskurs

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Sannyas ist die Kunst des Alleinseins

Frage an Osho:
"Warum fällt es mir so schwer, Sannyas zu nehmen? Seit ich dich vor einem Jahr in einem Fernseh-Interview sah, bin ich so nervös wie noch nie zuvor in meinem Leben. Manchmal wünsche ich mir, nie von dir gehört zu haben, und andererseits bin ich heilfroh, dass es jemanden wie dich gibt, der mir zeigen kann, wo die Reise hingeht. Aber Sannyas nehmen … ?"

Rita, Sannyas fällt niemals leicht. Aber nur der erste Schritt … denn es ist eine Transformation von der einen Lebensweise zu einer vollkommen anderen Lebensweise. Der Verstand tut sich immer schwer damit, sich einer neuen Lebensweise anzubequemen. Die alte Lebensweise kommt einem urvertraut vor … da findet man sich mit geschlossenen Augen zurecht, wie im Schlaf, wie ein Roboter. Aber in der neuen wird man hellwach, aufmerksam sein müssen. Die neue Lebensweise gilt es von Grund auf neu zu erlernen.
Sannyas ist lediglich eine Initiation in neue innere Räume, eine Umstellung vom Kopf zum Herzen, von der Logik zur Liebe, von deiner bisherigen Prägung zu einem unvoreingenommenen Denken – zu einer Freiheit, von der du noch nicht einmal weißt, dass du zu ihr fähig bist.
Sannyas ist so etwas wie ein Vogel, der bisher nur in einem Käfig gesessen hat – der ist zwar ein goldener, sehr gediegen, sehr kostbar, aber für den Vogel ist er nichts weiter als eine Gefangenschaft. Doch der Vogel hat bisher nur den Käfig kennengelernt, auch wenn der ihn seiner Freiheit beraubt, seines weiten Himmels, seiner Flüge vorbei an der Sonne, seiner Freude; er hat nahezu die Fähigkeit des Vogels zerstört, sich aufzuschwingen. Doch der Käfig bietet Sicherheit, Schutz vorm Unbekannten. Der Vogel braucht sich keine Sorgen um seine Zukunft zu machen – er braucht sich nicht um sein Fressen zu kümmern.
Selbst wenn du das Türchen des Käfigs öffnest, wird der Vogel zögern rauszukommen. Zu viel steht auf dem Spiel: seine Sicherheit, sein Schutz … Und was soll er mit diesem grenzenlosen Himmel anfangen und wo wird er landen? Und dass er Flügel hat, ist ihm völlig entfallen. Man kennt nur das, was man auch benutzt. Wie kann ein Vogel, der nie seine Flügel benutzt, sich an sie erinnern?
Das Wort "Sünde" (engl.: sin) ist ausgesprochen schön. Die Christen haben seine Schönheit zerstört, sie haben es hässlich gemacht. Denn seine ursprüngliche Wurzel bedeutet "Vergesslichkeit." Es gibt nur eine einzige Sünde, und zwar die Vergesslichkeit.
Die Tür steht offen, der Himmel ruft, die anderen Vögel fliegen, es gehört nur ein bisschen Mut dazu. Darum sage ich, dass nur der erste Schritt schwer ist. Wenn sich der Vogel einen kleinen Ruck gibt und einen Sprung in die Luft wagt, werden sich seine Flügel, die er noch nie bemerkt hat, auf einmal öffnen.
Und schon schwingt er sich auf.
Der ganze Himmel gehört ihm.
Jetzt kann er zu den fernsten Sternen aufbrechen.
Wer Sannyas nimmt, wird in die Freiheit eingeweiht, entdeckt seine Flügel, entdeckt obendrein, dass der ganze Himmel mit all seinen Sternen ihm gehört. Zerbrich dir also nicht den Kopf über Sicherheit und Schutz; die Existenz kümmert sich um so viele Vögel, so viele Bäume, so viele Sterne – sie kann sich auch noch um dich kümmern.
Sannyas ist Vertrauen in die Existenz. Und sobald du vertraust, verfliegt alle Angst, verfliegt alle Sorge, und alles wird leicht: Das Leben wird zum Erfreulichsten, Entspanntesten überhaupt.
Du fragst, Rita: "Warum fällt es mir so schwer, Sannyas zu nehmen?" Mein Rat ist, dass du nicht absichtlich Sannyas nehmen kannst; es erscheint plötzlich wie die Liebe, es ist wie beim Einschlafen. Du kannst den Schlaf nicht herbeizwingen, genauso wenig wie die Liebe. Beides gehört nicht zur Welt des Handelns. Dein erstes Problem ist, dass du darüber nachdenkst, Sannyas zu nehmen. Unterlasse das, und Sannyas wird dich nehmen. Plötzlich wird dir aufgehen: "Mein Gott, ich bin eine Sannyasin!"
Es kommt von selbst … und es kommt auf leisen Sohlen, es schwebt heran. Aber schon der Gedanke, Sannyas zu nehmen, ist von vornherein falsch; daher fällt es dir schwer. Selbst wenn du es nimmst, wird es nicht stimmen, wird es kein echtes Sannyas sein, wirst du nur träumen, Sannyas genommen zu haben. Das authentische Sannyas ist auf einmal da und ergreift Besitz von dir – es entspringt deinem Herzen und ist unumgänglich. Es ist dein ureigenes, pulsierendes Herz.
Vor allem musst du also den Gedanken aufgeben, Sannyas zu nehmen. Sei einfach nur hier, genieß es ein Weilchen. Schau einfach nur zu, wie andere Vögel ihre Flügel im Himmel ausbreiten. Sing mit ihnen mit, tanze mit ihnen, ohne über Sannyas nachzugrübeln. Und wenn du merkst, dass es längst soweit ist, ergreift es – in einem Augenblick, da du gedankenlos singst und tanzt, da du gar nicht da bist – von deinem innersten Sein Besitz.
Es ist nicht etwas, das von dir ausgehen muss, sondern etwas, das einfach nur in dir heranwächst. Es ist keine Ware, die du kaufen musst, sondern eine Eigenschaft, eine Gnade, eine Suche, die in dir einsetzt – genau so, wie sich ein Saatkorn im Boden auflöst und als Pflanze wieder zum Vorschein kommt. Diese hatte im Saatkorn geschlafen; jetzt ist sie aufgewacht.

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.

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