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Das ganze Selbst annehmen

Der neue Mensch – das Beste aus beiden Welten

Ein Interview mit Klaus P. Horn von Sugata

Sugata: Hallo Klaus, 1976 bist du Sannyasin geworden und hast dann als Swami Prem Deepen 1981 deine Dissertation an der FU Berlin zum Thema "Der Ashram in Poona" abgegeben und mit magna cum laude bestanden. Bei den Professoren Hochheimer und Dreitzel war das, die beide auch den Ashram besucht haben.
1994 hast du bei mir im Verlag dein ­erstes Buch veröffentlicht: "Die Erleuchtungsfalle". Dort hast du schon damals sehr nachdrücklich auf einige der Fallen auf dem spirituellen Weg hingewiesen, wie etwa die, sich nach einigen Erlebnissen des Erwachens als erleuchtet darzustellen, weil das einfach einige weltliche Vorteile mit sich bringt.
Nun bildest du seit einigen Jahren u. a. am UTA Institut spirituelle Coaches aus. Bist also weiterhin mit sehr weltlichen Themen konfrontiert, als Mensch, Unternehmensberater, Beobachter des menschlichen und politischen Geschehens – zurzeit zum Beispiel auch in China, wo du als systemischer Coach und Aufsteller sehr gefragt bist. Was ist aus deiner Perspektive aus Oshos Vision eines "Neuen Menschen" geworden?

Klaus: Osho wollte das Beste aus beiden Welten, der spirituellen und der materiellen. Seine Vision eines neuen Menschen war die eines "Zorba the Buddha", als eines Menschen, der alle Aspekte des Menschseins einbezieht und lebt.
Das beschränkt sich nicht auf das beliebte "Love, Life, Laughter", sondern bezieht alles ein: das gesamte Auf und Ab des Lebens, der Emotionen und Körper. Freude und Ärger genauso wie bewusstes Beobachten und Annehmen. Nicht nur das sogenannte "wahre" Selbst, sondern das ganze Selbst.
Dazu gehört auch das Ego, das viele so gerne loswerden wollen, mit all seiner Illusion und seiner Vielfalt. Die Verletzlichkeit, die Ängste, die Aggression genauso wie das Lächeln, die Schönheit und Kreativität. Das Liebevolle und das Zerstörerische.
Osho hat auch gesagt: "I contain the whole of humanity." Also nicht nur Buddha, Jesus und Lao Tse, sondern auch Mao, Hitler und Stalin. Und was vielleicht noch schwerer hinzunehmen ist, es enthält auch den Otto Normalverbraucher in uns. Es hat wohl nicht viele gegeben, die wie er in der Lage waren, diese extreme Spannung auszuhalten, zu leben und daraus auch noch Lernsituationen für seine Schüler zu schaffen.
Die meditative wahllose Bewusstheit kommt in dieser Vision aus ihren abgehobenen Höhen herunter auf die Erde und wird menschlich.
Es geht also darum mitzuspielen, voll hier zu sein und nicht wie in der alten Spiritualität sich aus der Welt zurückzuziehen und keine menschlichen Bedürfnisse mehr zuzulassen.
Ein anderer Schlüsselbegriff, den Osho benutzt hat, war: "in der Welt, aber nicht von der Welt zu sein." Ich sehe darin den Schritt aus der wahllosen Bewusstheit in eine bewusste Wahl. Darin liegt die Chance, auch unsere dunklen Seiten anzunehmen und so mit ihnen umzugehen, dass wir uns und unsere Welt nicht mehr selbst zerstören.

Das klingt erst mal gut, hat aber in der Praxis seine Tücken. Auf der Ranch in Oregon sollte ja eine Kommune mit lauter egolosen "neuen Menschen" entstehen. Stattdessen etablierte sich dort eine faschistoide Führungs­clique, die über eine Kommune von allzu willigen Mitläufern herrschte.

Es entstand dort, was auch sonst im Allgemeinen in solchen Situationen entsteht. Es zeigte denen, die dort mitmachten, und denen, die das in aller Welt mitverfolgten, dass die Menschen dort genauso gehandelt haben, wie alle anderen auch.
Wir Sannyasins konnten nun nicht mehr so leicht selbstgerecht mit dem Finger auf "die anderen", noch Unbewussten zeigen. Wir Sannyasins waren ja nicht die ersten, die den neuen Menschen auf die Beine stellen wollten. Alle in bester Absicht und meist mit schrecklichen Folgen. Und alle sind gescheitert. Das Problem ist, dass auch die "neuen Menschen" mit dem inneren Betriebssystem des alten Menschen ausgestattet sind – der Säugetiersoftware.
Um die Vision eines neuen Menschen Wirklichkeit werden zu lassen, bräuchte es ein tiefgreifendes Update der Human Software. Besser noch ein ganz neues Betriebssystem. Denn die Säugetierprogramme, nach denen wir ticken, bringen uns immer wieder in territoriale Verteilungs- und Rangordnungskämpfe, die bei unserem heutigen technischen Zerstörungspotenzial fatal sind. Ein Blick auf die Mehrzahl der politischen Führer der Welt stimmt da nicht gerade optimistisch.

Und wie kommen wir zu so einem Update?

Oshos Antwort lautet: Meditation! Eine globale Transformation des Bewusstseins durch Meditation. Aber das kann dauern. Der andere Weg zur Veränderung führt, wie die Geschichte zeigt, durch äußere Krisen. Eine gewisse Chance liegt heute vielleicht in der Disruption, die von der Digitalisierung ausgelöst wird. Niemand weiß mehr, wie es weitergeht. Nicht nur die Klimakrise löst Panik aus, es haben auch viele Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
Panik ist Teil unseres Säugetierprogramms, es ist eine Art Überlebensreflex. Oshos Ansatz, da rauszukommen, heißt No Mind. Ein Ausstieg aus unseren mechanischen inneren Reaktionen. Bisher war es kaum möglich, außerhalb einer sehr begrenzten Szene eine Perspektive auf No Mind zu öffnen. Das ändert sich möglicherweise mit der digitalen Transformation. Der Verstand, der Mind, ist eine Maschine, mit der wir bisher versucht haben, unser Leben auf die Reihe zu bekommen. Das hat nicht besonders gut funktioniert. Mit der künstlichen Intelligenz kommen nun bessere Maschinen. Was wird dann mit den alten? Wir brauchen sie nicht mehr so sehr. Damit könnte eine Entspannung und Öffnung eintreten. Vielleicht entdecken wir nun etwas Neues in uns, das nicht so mechanisch ist wie die Denkmaschinen.
Unsere menschlichen Stärken werden gerade im Kontrast zu KI (Künstliche Intelligenz) deutlich. Sie liegen im Unlogischen, Kreativen, Unplanbaren und im intuitiven Verbinden. Wie uns die Neurowissenschaft erklärt, besitzen wir über unser Bewusstsein und unser Herz- und Bauch-Gehirn diese Qualitäten bereits. Allerdings braucht es auch hier Bewusstseinsentwicklung, um sie aus den instinktiven Überlebensprogrammen zu lösen und in eine "Intelligenz des Herzens" zu verwandeln. Heute tastet sich der Mainstream vorsichtig an solche Formen der Intelligenz heran, die in Echtzeit arbeiten können, also im Hier und Jetzt – zum Beispiel intuitive und Herzintelligenz. Auch Meditation ist im Kommen, jedenfalls in milder Dosierung.
Allmählich entdecken so auch Menschen, die sich bis dahin nur mit ihrem rationalen Verstand identifiziert haben, dass es einen intelligenten Modus außerhalb von Analyse und Kontrolle gibt. Im Kontrollmodus erleben wir Unsicherheit ausschließlich als Bedrohung. Wechseln wir aber in einen Entdecker- oder Experimentier-Modus, indem wir unsere Wahrnehmung ins Hier und Jetzt bringen, merken wir, dass wir aktuell gar nicht bedroht sind. Es ist nur die Vorstellung einer unkontrollierbaren Zukunft, was diese Wahrnehmung erzeugt. Wenn ich mit all meinen Sinnen in der Gegenwart bin, erlebe ich undefinierte und unsichere Entwicklungen aus einer anderen Warte: Sie wecken meine schöpferische Neugier und eröffnen Möglichkeiten, die Dinge anders anzugehen.
Dann brauchen wir Veränderung nicht mehr als ein Konzept zu verstehen, das wir ausarbeiten und dann umsetzen müssen, sondern als eine Expedition ins Unbekannte, die mit jedem Schritt aufmerksame Wachsamkeit erfordert.
Wenn ich diesen einen Schritt jetzt gehe, ohne mir Sorgen um meinen Plan für die Zukunft zu machen, erweitert sich das Spektrum der möglichen Alternativen und es ergeben sich vielfältige Chancen. Wenn dabei etwas scheitert oder Strukturen sich auflösen, bricht nicht gleich die Welt zusammen. Wir lernen neu! Wir lernen aus unseren Fehlern.
Kreativität bedeutet, jeden Tag neue Fehler zu machen anstatt die alten zu wiederholen.
Unser Bildungssystem lebt noch im letzten Jahrhundert. Es setzt immer noch weitgehend darauf, Wissen so abzuspeichern, dass wir Daten, Fakten und deren Kombination wie auf Knopfdruck abrufen konnten. Der menschliche Verstand wird dabei wie eine Maschine programmiert und benutzt. Das kann jetzt KI besser. Statt den Robotern immer ähnlicher zu werden, könnten wir den Freiraum, den sie uns geben, nutzen, um uns selbst besser kennenzulernen. Vielleicht stößt die digitale Transformation auf diese Weise eine menschliche Transformation an, in der wir lernen, bewusster mit uns selbst und anderen umzugehen. Ein neues Bildungssystem könnte wirklich Menschenbildung betreiben, statt uns nur Wissen einzupauken. Neben Kompetenzentwicklung gehören auch Selbsterforschung, Kreativität, Kommunikation und andere soziale Fähigkeiten dazu, ebenso wie Meditation.

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www.horncoaching.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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