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Gemeinsam unterwegs

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Selbstwert & Selbstkritik

Wege aus dem Dauerbeschuss unseres Super-Egos

Text: Sudhir

Ich war ziemlich aufgeregt, als ich unter den mächtigen Bäumen vor der Tilopa Pyramide im Osho Ashram auf mein Meeting mit Kavee­sha wartete, der Direktorin der Mystery School. Den Grund für das Meeting wusste ich nicht; nur, dass es sich um etwas ganz Wichtiges handelte. Was sie mir dann aber anbot, übertraf komplett all meine Erwartungen: Ich sollte im Rahmen der populären Seminarreihe ­"Mystery School Stream" eine neue Gruppe konzipieren: "Dropping Unworthiness – der Schlüssel zum Selbstwert."
Ich war mächtig stolz und völlig aus dem Häuschen, aber meine Freude sollte nicht lange anhalten. Es gab da nämlich ein Problem. Wenn ich ehrlich war, hatte ich selbst keinen blassen Schimmer, wie ich meinen inneren Kritiker zum Schweigen bringen sollte. Ich lief zwar tagsüber mit dieser schwarzen Therapeuten Robe rum und hatte in der Abendmeditation einen Ehrenplatz in der zweiten Reihe vor einem leeren Stuhl. Doch innerlich war ich zum Thema "Selbstwert" genauso leer wie der Stuhl. Ich hatte keine Ahnung!
Also ging ich erst mal in unser Büro an den Computer, um mich in der Osho ­Datenbank schlau zu machen. Ich fand unzählige Osho Diskurse zum Thema "Selbstwert" und "Innerer Kritiker", aber ich wurde daraus auch nicht schlauer, weil Osho sich ständig selbst widersprach. Einmal redete er davon, dass es fast unmöglich sei, diesen inneren Kritiker loszuwerden. Dann wieder sprach er davon, dass das Ganze nur ein Hirngespinst sei, welches man einfach so mit Bewusstheit abschütteln könne, und dann meinte er, dass das Gefühl von Wertlosigkeit eine spirituelle Qualität sei, die man unbedingt behalten sollte. Meine Verwirrung war komplett. Und es sollte noch schlimmer kommen!

Unter Dauerbeschuss des inneren Kritikers

Mein innerer Kritiker versuchte mich plattzumachen: Wer ich denn sei, ich hätte doch keine Ahnung und es würde doch eh jeder merken, dass mein Therapeuten-Image nur eine Farce sei. Ich war unter Dauerbeschuss! Vielleicht hatte ich bis dahin noch nicht so klar erkannt, dass mein Selbstwertgefühl nicht wirklich echt war. Aber jetzt gab es keine Zweifel mehr. Meine Selbstwertschätzung war von meiner Position in der Ashram-Hierarchie, von meinem Erfolg als Therapeut, meiner Beliebtheit unter den Mas (Ashram-Besucherinnen) und von der Bestätigung anderer abhängig. Das Dreitagesseminar rückte immer näher und die Zeit wurde knapp. Es hatten sich bereits 45 Teilnehmer angemeldet und ich suchte noch immer nach der Antwort auf die Frage: "Was ist dann authentisches Selbstvertrauen?"

Wenn das Gehirn einfach ­abschaltet

Kennst du dieses schreckliche Gefühl von Mind-freeze, wenn du vor Leuten sprechen sollst und dein Gehirn einfach abschaltet?
Wenige Tage vor Seminarbeginn saß ich schließlich nach wochenlanger Vorbereitung auf dem Dach des ­Krishna Hauses zu einem ersten Orientierungstreffen, wo ich etwas über Inhalt und Ablauf der Gruppe hätte sagen sollen. 45 Leute schauten mich erwartungsvoll an. Mein innerer Kritiker hatte mich auf diesen Moment minuziös vorbereitet: Ich verlor vollends den Faden! Ich wurde rot wie eine Tomate. Meine Hände zitterten. Aber ich konnte mich gerade noch so retten, indem ich die Teilnehmer schnell bat, ihre Augen zu schließen.
Und dann geschah etwas, was ich nie vergessen werde: Eine Stimme in mir fragte: "Was würdest du jetzt tun oder sagen, wenn du einfach du selbst wärst, anstatt dich zu verstellen?" Die Stimme hatte recht, ich war nicht echt. Ich spielte die Therapeuten-Rolle. Und in diesem Augenblick wurde der Kritiker ein Verbündeter und das Schamgefühl ein Botschafter. Beide halfen mir dabei, mehr authentisch zu sein. Mit einem Schlag war ich wieder bei mir, völlig entspannt und in meinem Hara zentriert. Das Ganze dauerte vielleicht zehn Sekunden.

Nur die Unwürdigen sind wirklich würdig

Als Grundlage für das Seminar hatte ich drei anscheinend widersprüchliche Perspektiven von Osho zum Thema "Selbstwert und Selbstkritik" ausgewählt. Im ersten Vortrag sagt Osho, dass das Gefühl der Unwürdigkeit eine spirituelle Qualität sei, welche nur Menschen verspüren können, die wirklich würdig sind. Die kritischen Stimmen machen uns selbstloser, demütiger und authentischer. Ich hatte beim Studieren der Osho Zitate zwar kognitiv verstanden, dass man den inneren Kritiker auch zum Verbündeten machen kann, doch nun hatte ich es selbst durchlebt und erfahren. Diese lästige kritische Stimme hat auch eine positive und wertvolle Seite, wenn man ihr auf die rechte Weise zuhört.

Wir müssen den Hexenmeister entlarven

Im zweiten Diskurs erzählt Osho eine Geschichte von George Gurdjieff, einem spirituellen Meister aus Armenien. Dort sollen die Eltern vor der Arbeit auf den Feldern um ihre Kinder herum mit einem Stock magische Kreise im Sand gezeichnet haben und ihnen dabei suggeriert haben, dass was ganz Schlimmes passieren würde, sollten sie versuchen, aus dem Kreis auszubrechen. Und die Kinder wagten dann den ganzen Tag nicht, ihre hypnotischen Kreise, in denen sie sicher waren, zu verlassen. Wir sind auf die gleiche Weise hypnotisierte Kinder, die an die Lüge glauben, dass etwas mit uns nicht in Ordnung sei. Und Osho sagt weiter, es gehe einfach darum, aus unserer Hypnose aufzuwachen, so undramatisch, wie wir jeden Morgen aus unseren Träumen erwachen. Ein Kinderspiel! Unser Kritiker zeichnet hypnotische Kreise in unserem Kopf. Wir müssen diesen "Hexenmeister" entlarven. Und der erste Schritt dazu ist, seinen Namen zu kennen und seine Strategie zu durchschauen.

…

sudhir.seyboth@ipm-synetemea.net
www.uta-akademie.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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