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Gemeinsam unterwegs

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Im Bardo des Lebens

Vom Geschenk der Verluste

Text: Gyandevi

Ein schönes Jahr war es nicht. Auch kein unschönes. Es war ein Jahr jenseits dieser Begriffe, ein Jahr von einzigartiger Intensität in allen Dimensionen. Das ist immer noch so und so wird es wohl bleiben.

Ein Jahr der Verluste

In erster Linie ist es ein Jahr der völligen Verluste gewesen. Der Verlust meiner geliebten, gewählten, langjährigen "Heimat", den Philippinen, und eines wohlhabenden, sehr befriedigenden Lebens, in persönlicher und auch materieller Hinsicht.
Es ist der Verlust meiner wunderbaren Partnerschaft mit Tito, von einem guten Boden und Rahmen der Entfaltung für viele Jahre; Verlust von dem, was mich definierte und kreativ sein ließ. Von einem Leben, das äußerst vielfältig, komfortabel und entspannt war und mir besonders durch Titos Liebe Geborgenheit und große Freude gab.
Nicht, dass wir uns darauf ausgeruht hätten. Innerlich bereiteten wir uns schon auf neue Herausforderungen und Ideen vor, die wir gemeinsam erleben wollten: wieder zusammen zur See fahren, ein Buch schreiben, in ein anderes Land gehen, ein Schiff bauen … der Raum der Möglichkeiten breitete sich zuversichtlich und wohlwollend vor uns aus.
Dann geschah die Zäsur.

Aus dem Paradies ins Chaos

Schockartige Umstände privater und politischer Natur schmetterten Tito und mich innerhalb von vier Wochen aus paradiesischen Welten ins Chaos. Wir beide mussten unter Lebensgefahr getrennt voneinander aus dem Land fliehen, verloren Haus und Hof, vier Hunde und fast alle finanziellen Mittel. Tito hält sich bis heute im Untergrund auf mit unbekanntem Aufenthaltsort; wir haben aus Sicherheitsgründen keinen Kontakt.
Mit zwei Koffern landete ich in Köln. Hier wurde ich von Freunden aufgefangen, gehalten, genährt und begleitet und machte erste Schritte in einem Land, in dem ich 15 Jahre lang nicht gewesen war und das mir fremd vorkam. Zu dem Schock über die Ereignisse kam der Kulturschock, der erste kalte Winter nach immerwährender tropischer Wärme, die innere Agonie, der schreckliche Schmerz des Getrenntseins und die Sorge um Tito. Mein plötzliches Alleinsein war geprägt von Einsamkeit, Entwurzelung und Verzweiflung, Tag und Nacht, und sehr oft kaum zu ertragen. Die verzweifelten Bemühungen, Kenntnisse über Titos Verbleib zu bekommen, schlugen fehl und blieben in Hoffen und Bangen gefangen.
Jeder Tag war mühsam, ich fühlte mich orientierungslos und doch aufgefangen von Menschen, die mir Halt und Zuversicht gaben.

Wertvolle Räume

Ramateertha bot mir einen Job im UTA an und so tauchte ich ein ins Chaos dieses ganz eigenen, verrückten Universums. Mit einigen Startschwierigkeiten: Die offene, strukturlose Form des Systems und manche für mich oft völlig sinnlos scheinenden Aktionen, die im Nichts endeten, machten es mir nicht gerade einfach. Hinzu kollidierten die Empfindlichkeiten der Menschen um mich herum ziemlich heftig mit meinen eigenen. Ich war durch meine Position auf Schiffen und der dazugehörigen exzellenten Teamarbeit – die ich hier schmerzlich vermisste – völlig anderes Arbeiten gewohnt. So war ich oft wütend über so viel "Unprofessionalität", erkannte in meiner Wut aber auch meinen eigenen Schmerz. Gleichzeitig nahm ich die sehr wertvollen Seiten dieses Feldes wahr: ein Ort, der mir Raum bot für das, was in mir selbst geschah; der mir ermöglichte, meine enormen inneren Wandlungen zu erkunden und zu erforschen; wo ich lernen konnte, damit zu sein, und der es mir erleichterte, mich anderen anzuvertrauen.
Es gab Raum für das, was in mir geschah – für die Verarbeitung des Schocks, des Schmerzes um Tito, des Verlorenseins, der Trauer und des Nichtwissens. Raum für meine Tränen und meine Ideen. Raum für Mitgefühl aller Unvollkommenheiten in mir und anderen und das Teilen der Einzigartigkeit eines jeden. Vor allem gab es Raum für die kostbaren Momente der Stille.
Und ich hatte einen Job und konnte mein Geld verdienen. Ein wenig gewann ich wieder Zuversicht und Halt in mir selbst.

Heiliges und Dunkles

Dann geschah der nächste Schock. Aus Hannover erreichte mich die Nachricht, dass Dhiraj, mein früherer Mann, mit 52 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war. Wir hatten uns über 16 Jahre nicht gesehen. Ich besuchte ihn sofort.
Dhiraj blieb nur noch wenig Leben übrig. Nach dem ersten Verdrängen der schrecklichen Diagnose nahm er die Gewissheit des Sterbens an und bat mich, ihn bis zum Schluss zu begleiten.
Uns blieben zwei Wochen, in denen ich mit ihm Tag und Nacht ein Zimmer auf der Palliativstation eines Krankenhauses teilte. Einfühlsam und mit großer Liebe und Würde wurden wir beide von vielen geliebten Freunden, den Pflegern und Ärzten in diesem fassungslosen Prozess begleitet.
Nur Dhiraj bestimmte, was er brauchte, und es wurde von Pflegern und Ärzten respektiert. Er ließ mich wissen, dass er nur wenige Schmerzmittel wollte, damit er bewusst bleiben und beobachten konnte, was jetzt unausweichlich mit ihm, seiner Seele und seinem Körper geschah. Es waren heilige Räume, die wir zusammen beschritten. Dhiraj sprach von seiner Dankbarkeit und seinen unvollendeten Angelegenheiten, mit denen er nun seinen Frieden gemacht hatte. Besonders die Nächte umfingen uns mit ihrer dunklen Stille, während seine vitalen Funktionen stetig abnahmen.

Der Kreis schließt sich

Ich konnte so viele Gefühle in mir wahrnehmen: die Traurigkeit um Dhirajs nahenden Tod, die Liebe und Freude, jetzt bei ihm zu sein und ihn umsorgen zu können, und die unendliche Dankbarkeit, dabei sein zu dürfen, wenn er seinen Körper verlässt.
Wie wunderbar: Sein Körper behielt trotz der schrecklichen Krankheit seinen ganz einzigartigen Rhythmus, fast wie ein Uhrwerk, das langsam und präzise seine Funktionen einstellt. Ich spürte die Großartigkeit der Lebensenergie, die in ihm und in mir fließt und die jetzt bei Dhiraj ganz langsam versiegte. Er teilte mit mir auch seine Beobachtungen der Schmerzen, der Unruhe und kurzzeitig auch die der Angst, irgendwo verloren zu gehen, wenn er den Körper verlassen würde.
Dann kam der Tag. Ich hielt ihn in meinen Armen, er atmete mühsam. Intuitiv nahm ich die Sauerstoffmaske und gab ihm etwas mehr Luft zum Ausatmen und Nach-Hause-Gehen. Er schaute mir in die Augen und der Moment geschah. So wunderbar und so leicht. Ich war im Wunder.
Der Kreis schloss sich. Ich empfand Mütterlichkeit – die Mutter, die die Passage ins Leben ist und die große Mutter, die behutsam die Passage in den Tod umfängt, in einen neuen Raum des Unbekannten. Welch ein Geschenk!

Einfach ein großes Geschenk

Was ist übriggeblieben vom Jahr der Verluste? Und was ist mit mir geschehen? Es sind immer noch Schmerz und viele Tränen in mir, und besonders das Nichtwissen über Titos Verbleib ist sehr schwer zu ertragen. Etwas Tieferes aber ist gewachsen – Dankbarkeit.
Dankbarkeit für Tito, dessen Abwesenheit mich in das Alleinsein geworfen hat. Für seine Liebe, die ich spüre und die mich trägt. Irgendwo ist er, und die Freiheit, die im Ungewissen wohnt, nehme ich auch wahr.
Dankbarkeit für Dhiraj, der mir das Geschenk machte und mich einlud, an seinem Tod sehr intim teilzuhaben, und dem es jetzt gutgeht. Er hat seinem Namen Prabodh Dhiraj – Emperor of Awareness alle Ehre gemacht.
Dankbarkeit zu allen geliebten Freunden nah und fern, die mich in meinen ­tiefsten Abgründen liebevoll begleiteten und stützten und mir Mut machten, weiterzugehen.
Dankbarkeit für Ramateertha und viele meiner Fellow Travellers für ihr Dasein und ihre Liebe, den Dialog und die Freundschaft.
Dankbarkeit für Osho, der mich erkennen lässt, dass Verlust ein großes Geschenk ist.
Und die Dankbarkeit und das Mitgefühl mir selbst gegenüber – dass ich überlebt habe und für meinen Mut, meine Liebe, meine Ehrlichkeit und Unbeirrbarkeit, alles zu geben für das Leben und für die, die ich bin.
Es war ein gutes Jahr.

…

gyandevi@gmail.com

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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