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Gemeinsam unterwegs

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Zenkunst und Meisterschaft

Ein Befreiungstanz in die Verstandeslücke

Text: Govind

Als ich auf die 30 zuging, beschloss ich, auf alles zu pfeifen, was ich bisher studiert hatte – also auf ganz Europa! – und nach Fernost, genauer gesagt Japan zu ziehen. Dahinter steckte mein tiefes Interesse, einen Meister der Kalligraphie zu finden. Darauf war ich geradezu gierig: Ab jetzt würde ich mich ausschließlich mit chinesisch-japanischer Kalligrafie befassen!

Der Weg des Malens

Dies griechische Wort bedeutet auf Deutsch "Schönschrift" und auf Japanisch "Sho-Do", also "Weg des Malens". Ehrlich gesagt hatte aber wohl auch das damals im Westen florierende und viel diskutierte action painting eine Rolle dabei gespielt.
Zunächst hatte ich allerdings keinerlei Ahnung von den Schwierigkeiten, die mich auf meinem neuen Weg erwarteten. Nach einem Jahr intensiver Suche in Tokyo stieß ich endlich auf einen 75-jährigen Kalligrafen namens Suzuki Kou, den alle auf Japanisch "Meister" nannten (Was ich aber nicht beurteilen konnte, da ich Osho erst 15 Jahre später begegnet bin!). Dieser lud mich auf einer Ausstellung seiner eigenen Werke ein, an seinem wöchentlichen Kalligraphie-Kurs teilzunehmen.
In meinen Augen war seine Kunst jedenfalls ein unumstößlicher Beweis wahrer Meisterschaft. Denn alles, was damals so über Kalligrafie geredet und geschrieben wurde – etwa dass sie eine Zen-Kunst, also buddhistischen Ursprungs sei –, hatte mich bis dahin kaltgelassen, auch wenn es durchaus Zen-Mönche gab, deren Kalligrafien bereits großes Aufsehen erregt hatten. Und eine Literatur oder Lehrbücher darüber existierten damals auch noch nicht.

Der erste Meister

Mein erster Meister hatte in jungen Jahren eine Art visuelles Lexikon der japanischen Kalligraphie veröffentlicht – ein profanes und mondänes Nachschlagewerk mit all den verschiedenen chinesisch-japanischen Schrift-Zeichen in den vier verschiedenen klassischen Stilen, ca. 2000 an der Zahl!
Wohlgemerkt: Unsere europäischen Sprachen kennen nur an die 26 verschiedene Schriftzeichen. Allein diese Tatsache unterscheidet die europäische Kalligraphie bereits wesentlich von der fernöstlichen mit ihrem Meditationspotenzial. Nicht umsonst hat Osho in Pune I eine Kalligraphie–Gruppe eingeführt.
Ein Artikel in der August-Ausgabe der Osho Times 2006 mit dem Titel "ZenKreis und ZenHerz" war mein erster Versuch, deutschen Lesern aus konkreter und direkter Erfahrung einen Begriff von Sho-Do zu vermitteln.
Dieser Meister hatte für seinen Kurs von einer Bank einen kleinen Saal gemietet; dort traf er sich wöchentlich mit einer kleinen bunt zusammengewürfelten Gruppe von Interessenten, um ihnen eine bestimmte Körperhaltung, Pinselführung und Komposition bis ins Kleinste beizubringen. Oft stand er direkt hinter einem und lenkte von hinten den Arm oder die Hand seines Vordermanns. Das Ganze ähnelte mit viel Leichtigkeit und Schwung eher einem Tanzunterricht denn einer seriösen spirituell befrachteten Lehrstunde. Statt "richtig" und "falsch" waren zumeist nur Worte wie "natürlich", "elegant" oder "attraktiv" zu hören.

Ein Riesenpinsel

Nach sieben Jahren zog er bei mir auf einmal merklich die Schrauben an: Eines Tages forderte er mich plötzlich auf, zu einer Ausstellung einen Beitrag zu leisten, die alljährlich zu Neujahr für ganz Japan im Kunstmuseum Tokyo stattfindet. "Vielleicht gewinnst du ja!" neckte er mich wohl eher. Daraus wurde eine dramatische Episode, die das Ende meiner kurzen Kalligraphie-Karriere markieren sollte. Ganz sachlich trug der Meister mir auf, mir einen meiner Riesengestalt entsprechenden Pinsel zu besorgen und damit auf einem größtmöglichen Papierformat zu tuschen. Und als Vorlage gab er mir eine winzige Bleistift-Kalligraphie zweier chinesischer Schriftzeichen – im Format von sage und schreibe 5  x  5  Zentimeter! Mit dem Kommentar, diese Zeichen dürften mich inspirieren, da sie zu mir passten; sie bedeuteten "Rückkehr zum Ursprung"– ein Hauptthema Laotses. Bis zur Ausstellung sei ja noch ein Dreivierteljahr Zeit, außerdem werde er mir Woche für Woche zur Seite stehen, tröstete er mich.

Tuscheflecken noch und nöcher

Schon nach ein paar Wochen voll angestrengter Versuche, seinem Vorschlag zu folgen, beschlich mich das Gefühl, verrückt zu werden. Mein kleines Haus war von oben bis unten mit grässlichen schwarzen Tuscheflecken übersät – die sich bekanntlich kaum entfernen lassen; nicht einmal meine Unterwäsche blieb verschont! Je mehr ich übte, desto mickriger wurden meine Entwürfe, zumindest in meinen Augen. Bei unseren wöchentlichen Sitzungen nahm mein Meister meinen Geisteszustand praktisch nicht wahr. Stattdessen korrigierte er mit seinem winzigen Pinsel scheinbar seelenruhig "nur noch hier und da ein paar Kleinigkeiten", wie er sagte – während ich nach und nach für ein normales Leben praktisch untauglich wurde.

…

nitschke@mbox.kyoto-inet.or.jp

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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