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Gemeinsam unterwegs

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Die Liebe und die Angst

Plötzlich kam Corona und alles war anders

Text: Sudhir

Es war einmal vor langer Zeit, als wir uns noch umarmen und küssen durften und gemeinsam mit Freunden ein Glas Rotwein beim Italiener trinken konnten. Da hatte ich noch einen Plan und ein Konzept für diesen Artikel für die Osho Times. Der geplante Titel war: "Was ist Liebe"? Doch dann kam Corona, und alles war plötzlich anders. Das Ungewisse war eingetreten. Die Kontrolle war uns über Nacht entglitten.

Plötzlich steht die Welt still

Wir dachten noch, es würde alles so weitergehen wie gewohnt: Brexit und Bundesliga, Klimawandel und Kneipenbesuch, Syrienkrise und Strandurlaub. Doch dann kamen die ersten Nachrichten aus Wuhan. Wuhan liegt irgendwo in China, also weit in der Ferne. Und was dort passiert, berührt uns normalerweise nicht so sehr. ­Denial – Leugnen war unsere erste instinktive Reaktion auf die Nachrichten aus China. Leugnen bedeutet Nicht-Wahrhaben-Wollen. So haben wir mit ­Denial kostbare Zeit verschwendet. Keiner wollte erst an sie glauben. Die Pandemie aus den Netflix-Serien "Resident Evil", "Outbreak" oder "Contagion" hatte sich als eine reale Bedrohung entpuppt. Der Virus war ausgeschlüpft.
Vor dem Virus sind wir alle gleich. Ob arm oder reich und gleich welcher Rasse oder Religion wir angehören, die Menschheit sitzt im selben Boot, in der weltumspannenden Arche Noah. Die Konsumgesellschaft macht eine Denkpause, und endlich haben wir mehr Zeit. Die Verkehrsstaus sind verschwunden. Der Fluglärm ist verstummt, die Delphine tummeln sich wieder im Hafen, und die Luftverschmutzung in Delhi und Shanghai ist wie weggeblasen.
Das chinesische Schriftzeichen für Krise 危机 setzt sich aus den Zeichen Wei = Gefahr und Ji = Gelegenheit zusammen. Auch wenn die Pandemie apokalyptische Ausmaße annehmen sollte, so bietet die globale Krise uns auch eine Gelegenheit, die wir absolut nicht verpassen sollten.

Angst ist ansteckend

Ohne es zu merken, hatte ich mich infiziert. Nicht mit dem Corona-Virus, sondern mit der Angst vor dem Virus. Tagelang hatte ich vor meinem iPad gesessen und die Nachrichten studiert: Todesstatistiken, Mortalitäts­raten, Inkubationszeiten, Krankheitssymptome, Gesundheitsratschläge und jede Menge Fake News. Ich hatte meinen Verstand mit einer gefährlichen Mischung aus Negativität und Falschinformation gefüttert. Bis zu einem Punkt, wo alles einfach zu viel wurde.
Am letzten Sonntag vor der Ausgangssperre fing ich tatsächlich an, Symptome zu entwickeln. Ich war auf einem Spaziergang am Meer, als plötzlich mein Kreislauf kollabierte. Mein Herz pochte. Die Brust wurde eng und das Atmen schwierig. Meine Gedanken rasten und ich musste mich auf den Boden legen, weil mir schwarz vor den Augen wurde. Ich hatte eine Panikattacke. Ich war überzeugt, dass das Corona-Virus mich erwischt hatte.
Irgendwo war mir aber auch klar, dass es meine Angst war, die mich krank machte, nicht das Sars-CoV-2-Virus.

"Versuche zu verstehen, was Angst ist. Und wenn du Angst hast, dann akzeptiere sie. Versuche nicht die Angst zu verstecken. Versuche nicht, das Gegenteil zu kreieren. Wenn du Angst hast, dann hast du Angst. Akzeptiere es als Teil deines Seins. Wenn du sie akzeptieren kannst, ist sie bereits verschwunden. Durch Akzeptanz verschwindet die Angst; durch Verleugnung nimmt die Angst zu." Osho

Die Angst lieben lernen, statt mit ihr zu kämpfen

Da lag ich also am Boden mit meiner Angst. Mein erster Impuls war, mit meiner Angst zu kämpfen, sie niederzuringen. Aber das machte mich nur noch enger. Und dann erinnerte ich mich an die Herzmeditation des buddhistischen Mystikers Athisha, die hilft, negative Gedanken, Panik und Ängste in der Stille des Herzens in Mitgefühl zu verwandeln. Ich atmete meine Angst vor dem Virus in mein Herz ein und erlaubte meinem Herzen, diese Ängste aufzunehmen. Ich wurde stiller. Es war so, als würde die Angst im Herzen schmelzen und in Mitgefühl verwandelt werden. Statt Krieg gegen das Angst-Virus zu führen, können wir unserer Angst mit Mitgefühl begegnen. Wo ist denn das Problem?! Wir haben doch alle Angst vor dem Virus.

Ein Virus, der uns an die Liebe erinnert

In der Krise kommen wir uns näher und wir spüren die Kraft der Gemeinschaft: Freiwillige Helfer kümmern sich um schwächere Bürger, Italiener singen gemeinsam von ihren Balkonen, Spanier ehren ihr Gesundheitspersonal mit allabendlichen Ovationen und manche Arbeitgeber zahlen freiwillig die Löhne weiter. Das sind Herzgesten. Liebe ist das Gegenteil von Angst und Liebe heilt die Angst. Das Virus fordert Opfer und gleichzeitig weckt es unser Mitgefühl. Die Pandemie per se ist zweifellos jenseits von Gut und Böse. Es hängt ganz von uns ab, was wir daraus machen: Gutes oder Böses … Wenn du Angst in dir spürst, dann liebe mehr.

"Fasse dir ein Herz, sei mutig in der Liebe: Liebe mehr und liebe bedingungslos, denn je mehr du liebst, desto geringer wird die Angst. Und wenn ich Liebe sage, meine ich alle Stufen der Liebe." Osho

In der Sanskrit-Sprache gibt es 96 verschiedene Wörter für Liebe: Sneha (mütterliche Liebe), Kama (erotische Liebe), Anurakti (leidenschaftliche Liebe), Rati (physische Liebe) und noch 92 Worte mehr. Ich glaube, wir müssen noch viel über die Liebe lernen, wenn wir nach Corona eine bessere Welt schaffen wollen.

www.meditatenow.de
s.seyboth@gmx.ch

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Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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