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Niemals wollte ich Lehrer werden

Nein, Lehrer zu werden konnte sich Varij, 62, nicht vorstellen. Bis ihn ein totaler wirtschaftlicher und psychischer Kollaps als freischaffender Künstler dazu genötigt hat. Nunmehr ist er seit 25 Jahren Lehrer an einer Gesamtschule und unterstützt Kinder, zu unbequemen Erwachsenen heranzuwachsen. Sein unkonventioneller Unterricht ist bei Schülerinnen und Schülern beliebt; im Kollegium sind die Reaktionen ambivalent. Im Interview spricht er über die Probleme unseres Schulsystems und warum die Waldorfpädagogik für ihn keine Alternative war.

Das Interview führte Ole
 

OSHO TIMES: Schule und Fehlerkultur – wie passt das zusammen?

Varij: Die Grundproblematik, die ich sehe und die ich älteren Schülern auch vermittle, ist folgende: Schule hat zwei Funktionen: die ursprüngliche sinnvolle Funktion "Lehren und Lernen". Das ist die Weitergabe des Wissens von einer Generation zur anderen. Das ist unbedingt notwendig für eine aufsteigende Kultur. Die zweite Funktion, die den ganzen Stress bereitet und Kinder wie Lehrer unglücklich macht, ist, dass wir permanent aussortieren. Beinahe jede Aussage, die ein Kind macht, wird vom Lehrer zum Ende der Stunde mit einer Note bewertet. Also stehen die Schüler ununterbrochen unter dem Druck, Fehler zu vermeiden. Wenn Kollegen das nicht reflektieren, wird jeder Fehler bestraft. Das führt dazu, dass die cleveren Schüler grundsätzlich das sagen, was der Lehrer hören will. Das wird belohnt. Nach wie vor wird Auswendiglernen und die Fähigkeit, sich anzupassen, belohnt. Da kommen Kinder raus, die garantiert keinen Mut haben, Fehler zu machen, sondern immer angepasster werden. Der Druck hat im Vergleich zu der Zeit, als ich Schüler war, eher zugenommen.
Das ist nicht mein Ziel als Lehrer! Daher muss ich zumindest älteren Schülern meine Sichtweise von Schule transparent machen. Ich erkläre ihnen das.

Welche Fächer unterrichtest du?

Ich mache Kunst, Erdkunde und Philosophie. Das sind alles sogenannte Nebenfächer. Bei mir ist auch der Druck nicht so groß. Ich kann mir erlauben, die Kids zu Fehlern zu ermutigen, ohne dass ich das sofort in schlechte Noten umwandle. Wenn ich Mathe-, Deutsch- oder Englisch-Lehrer wäre, wo die Richtlinienvorgaben extrem eng sind, könnte ich das nicht. Gerade in Praktischer Philosophie kann ich den Kids erklären: "Ihr habt mich jetzt zwei Jahre lang. Ich will nicht dieses Spiel, dass die Geschickten rausfinden, was ich hören will. Ich werde euch das nicht sagen! Sondern ich will wissen, was ihr wirklich denkt." Die Pfiffigeren brauchen so fünf bis sechs Wochen, bis sie umstellen, bis sie es mir glauben, bis sie verstehen – und dann läuft der Unterricht ganz anders.

Woran merkst du, dass sich etwas verändert hat?

Ich fange mit der Sitzordnung an. Normalerweise ist die Schule komplett lehrerfixiert. Ich sitze vorne und alles guckt mich an. In meinen Klassen mache ich ein großes Viereck, das sich alle angucken können. Wenn ich dann eine Diskussion anrege, reden die Schüler erst permanent mit mir. Aber das möchte ich ja gar nicht. Ich will, dass sie miteinander reden, dass sie ihre Meinung begründen und mit der Gruppe teilen. Wenn das passiert, hat sich die Dynamik verändert und ich werde eher zum Gesprächsmoderator als zur lehrenden Person. Ich frage immer wieder nach und sage: "Ich weiß auch keine Antwort". Ich drücke denen kein Wissen von oben rein. Da sind wir bei Osho, der gesagt hat, die Grundidee von Erziehung ist Herausziehen. Herausziehen aus dem, was da ist.

Bist du mit diesem Ansatz alleine oder hast du Mitstreiter?

Ich erlebe mich weitgehend allein auf weiter Flur. Vielleicht bin ich weniger alleine als ich denke. Im Kollegium spreche ich so gut wie nicht darüber, weil ich Angriffe fürchte. Was ich mache, entspricht nicht im engeren Sinne dem Curriculum. Die Rolle des moderierenden, nachfragenden Lehrers und der selbstständigen Schüler ist eigentlich ein "Top Ziel" des Bildungsauftrags. Doch ich kenne kaum Kollegen, die das wirklich machen, weil du damit ja einen Kontrollverlust hast. Dann kannst du den Unterricht nicht mehr komplett durchplanen, wie jeder Referendar es auf die Minute lernt und machen muss. Ich gehe in viele Stunden rein, die ich komplett spontan mache und improvisiere. Das können und wollen viele Kollegen gar nicht. Die Schüler finden das gut, doch ich muss aufpassen, dass ich nicht von Kollegen angegriffen werde. In der Fachkonferenz Philosophie muss ich diesen Unterricht immer wieder rechtfertigen. "Was machst du da? Warum?" bekomme ich immer wieder zu hören. Wenn ich da keine passenden Antworten habe, befürchte ich mich zu blamieren.

Was ist dein Anspruch als Lehrer?

Mein Ziel ist, dass Schüler mit geschärfter Intelligenz und einem mitfühlenden Herzen aus der Schule gehen. Am allerbesten kommunizieren die scharfe Intelligenz und das mitfühlende Herz miteinander. Ich kann das nur anregen. Doch wenn ich es schaffe, stärke ich sie in ihrer Individualität und unterstütze junge Leute, die danach unbequem sein werden. Das geht nicht anders.

Ist denn unser Schulsystem darauf ausgelegt, unbequeme Menschen zu fördern?

Nein, das ist es nicht! Auf dem Papier stehen zwar ähnliche Dinge, wie: Man wolle mündige Bürger und Selbstständigkeit, doch nach 25 Jahren Schuldienst zweifele ich das zutiefst an. Das System fördert angepasste, funktionierende Mitglieder von Institutionen, die in der Sache hoch kompetent sind, aber als Menschen am besten überhaupt nichts mitkriegen. Sie sollen keine Machtstrukturen durchschauen, sollen nichts infrage stellen, sollen nicht zweifeln – alles Dinge, die ich ihnen beibringe. Ich glaube, das ist die ursprüngliche Idee von Erziehung. Die Idee von Lehren und Lernen, wie sie schon Sokrates praktiziert hat. Der war auch unbequem. Genau solche Menschen haben die Kultur vorangebracht, und nicht die funktionierenden Anpasser.

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redaktion@oshotimes.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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