Einträge: Beiträge | Kommentare

Newsletter

Neues wagen

Kommentare deaktiviert für Neues wagen

Paradies Gelassenheit

Prof. Dr. Martin Papenheim hat in seinem Forschungsprojekt "Die Neo-Sannyas-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts" die Sannyas-Szene unter die Lupe genommen und dabei sein ganz eigenes Paradies gefunden.

Ein Interview von Frank
 

Frank: Erzähle uns von deinem Forschungsprojekt.

Martin: Ich habe mich in meinem wissenschaftlichen Œuvre häufig mit der Frage beschäftigt, wie eine nachchristliche Religion aussieht und inwiefern Religion mit Politik und Ökonomie zusammenhängt. Nachdem ich über Freimaurerei sehr viel gearbeitet habe und mache, hat es mich zur Esoterik, zum Okkultismus, zur Anthroposophie, Theosophie und zum Ost-West-Dialog geführt und damit in die Zeitgeschichte hinein und zur Bhagwan-Bewegung gebracht.
In meiner Arbeit geht es um ihre Geschichte in Deutschland aus einem wissenschaftlichen Gesichtspunkt. Sie war die größte alternativ-religiöse Kommunenbewegung, die in Deutschland je entstanden ist. Ich wollte der Frage nachgehen, welchen Einfluss sie auf die religiöse Landschaft der Bundesrepublik gehabt hat. Es gibt zwar bereits sehr viel autobiografisches und zeitgenössisches Material, vor allem aus den frühen 80er Jahren, allerdings keine wissenschaftliche Aufarbeitung. Die Geschichte der Bewegung in Deutschland ist bisher unerforscht. Eine Gesamtdarstellung gibt es nicht. Von daher ist das Forschungsprojekt eine Pionier­arbeit, die ich fast vollständig aus Archivmaterial aus Originalquellen rekonstruiert habe.
Das Projekt ist von der deutschen Forschungsgemeinschaft von 2015 bis 2018, danach vom Käte-Hamburger Kolleg der Uni Bochum finanziert worden und am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Universität Bochum angesiedelt.

Wie hast du die Sannyasins erlebt?

Für das Projekt habe ich sehr viele Zeitzeugeninterviews geführt. Dabei habe ich von den interviewten Sannyasins unglaublich viel Zuspruch erhalten. Man hat mir Pakete nach Hause geschickt, mir private Nachlässe geöffnet oder mich zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Ich habe dabei nie so etwas wie eine Sektenmentalität gespürt. Stattdessen bin ich immer mit Offenheit, Interesse und Auskunftsfreude empfangen worden.
Inzwischen bin ich auch mit einigen Sannyasins befreundet. Neben dem Osho UTA Institut in Köln – meiner ersten Anlaufstelle – bin ich vor allen Dingen Avahan in Berlin dankbar. ­Mahendra Myshkinikan, der unter dem Namen Swami Deva Ananya DJ im Far Out in Berlin gewesen ist, steht mir mit Rat und Tat zu Seite. Er und andere Sannyasins lesen Korrektur und gucken, dass ich keine sachlichen Fehler mache, ohne mich jedoch in irgendeiner Hinsicht zensieren zu wollen. Es ist mittlerweile fast eine Art Gemeinschaftsprojekt geworden. Ohne die Auskunftsfreude und die Mitarbeit der Sannyas-Szene hätte das Buch nie entstehen können.
Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Sannyasins, die ich kennengelernt habe, auf mich einen entspannteren Eindruck machen als die Durchschnittsbevölkerung. Ich habe einige getroffen, die den Ereignissen in Rajneeshpuram kritisch gegenüberstehen und die sich dann von Osho abgewendet haben. Aber allen ist gemeinsam, dass sie etwas erfahren haben, das sie nicht missen möchten. Man hat ihnen gezeigt, dass es Alternativen zur bürgerlichen Routine geben kann. Auf diese Erfahrungen möchten sie nicht verzichten. Gleichzeitig leugnet niemand, dass es gewisse Missstände gegeben hat.

Wie hast du deine Arbeit strukturiert?

Das Schwierige war vor allen Dingen, eine theoretische Grundlage zu finden. Eine reine deskriptive Beschreibung der Bewegung bringt es nicht. Daher gehe ich von einem praxeologischen Ansatz aus, der das Handeln der einzelnen Akteure – und nicht die Strukturen – in den Mittelpunkt stellt. Auf diese Art kann ich die oft vergessene Vielfalt der Bewegung und die individuellen Ausprägungen besser in den Griff bekommen.
Diese ewige Geschichte: Erst gab es ein paar Hippies und Psychointeressierte, dann kam diese Ranch-Time und dann brach das alles zusammen; das alles von Osho und der Führungscrew verursacht – dieses Narrativ, welches man immer hört, wird der Komplexität der Bewegung nicht gerecht. Sie ist wesentlich vielfältiger gewesen. Außerdem ist es keineswegs so, dass Entwicklungsprozesse nur von oben nach unten verlaufen sind. Es gibt durchaus Bewegungen, die auch innerhalb der Bewegung im Lande stattgefunden haben.
Im Wesentlichen baue ich das Werk chronologisch auf. Der Fokus liegt dabei auf dem Alltagsleben in all seinen Dimensionen, den Organisationsformen und der Ästhetik, wo auch ganz zentral die Musik dazugehört. Die Sprache nimmt dabei eine Sonderrolle ein. Mit Hilfe von Studierenden in Bochum habe ich eine computergestützte Analyse der Rajneesh Times von 1982 bis 1992 durchgeführt. Wir wollten den Wortschatz der Szene analysieren und gucken, um welche zentralen Begriffe sie kreist. Ich habe dabei herausgefunden, dass die Sprache eine der wichtigsten Stabilitätsmerkmale der Bewegung ist. Da ich zwei rein wissenschaftliche Bücher bereits gemacht habe, ist für mich wichtig, dass es ein Buch werden soll, das wissenschaftlich fundiert ist, aber auch eine breite Leserschaft anspricht. Es soll eine Dokumentation sein, die viele Menschen erreicht. Mit ihr möchte ich den Sannyasins etwas zurückgeben, was sie mir gegeben haben. Aus diesem Grunde habe ich auch in Folge meiner wissenschaftlichen Arbeit mehrere Fernseh- und Rundfunkbeiträge initiiert oder an ihnen mitgewirkt, so für den Bayerischen Rundfunk, den NDR und den WDR/Arte.

…

history@martinpapenheim.com

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



Keine Kommentare mehr möglich.