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Von Zufällen und Schutzengeln

Alle Sannyasins haben schon mal einen Film von Niskriya Bernd Müting (77) gesehen. Als Kameramann von Osho hat er über 1000 Diskurse aufgenommen. Dabei saß er in der heiß begehrten ersten Reihe. Wir haben mit Niskriya über sein Verhältnis zu Osho und Dankbarkeit im Leben gesprochen.

Das Interview führte Ole
 

Ole: Wie bist du zu Osho gekommen?

Niskriya: In der Zeit habe ich damals einen Artikel über Osho gelesen, der mich ganz neugierig gemacht hat. Vor allem dieser freie Sex klang sehr verlockend. 1978 muss das gewesen sein und seitdem wollte ich eigentlich nach Pune. Doch dann hat es noch bis 1982 gedauert, bis es bei mir konkret wurde. Der Auslöser war das Buch von Satyananda "Ganz entspannt im Hier und Jetzt". Vor allem die Textstellen von Osho darin hatten es mir angetan. Als ich damit fertig war, habe ich sofort die Bhagwans im ­Vihan, dem Berliner Center angerufen – ich weiß noch, es war ein Sonntag und es ging tatsächlich jemand dran –, ich fragte, ob ich ein Buch kaufen könnte. Es gab nur "Komm und folge mir" – ein Buch über Jesus. Sie hatten 13 Exemplare. Ich habe sie alle gekauft.

Alle 13 Exemplare?

Ja! Ich war mir absolut sicher, genau das Richtige für meine Mutter und einige Freunde gefunden zu haben, die auch an Jesus interessiert waren. Da hatte ich mich aber heftig getäuscht. Ich konnte überhaupt nicht verstehen, dass das Buch sie kalt ließ. Nie zuvor hatte ich über Jesus so Tolles gelesen. Und poetisch war es auch noch – selbst auf deutsch. Dieser Mangel an Verständnis in der Gesellschaft blieb mir immer ein Rätsel. Selbst die Journalisten wollten nicht verstehen. Später wollte ich unbedingt einen Film machen über Osho. Sannyasins standen ja öffentlich ziemlich blöd da. Von ihren Eltern kamen hauptsächlich Beschimpfungen oder Unverständnis in der Richtung: "Wie kannst du so einem Scharlatan hinterherjagen!" oder: "Warum bist du nur in diese Sekte eingetreten?", bis hin zu Enterbungen, die vorgekommen sind. Da wollte ich einen Film produzieren, den die Kinder ihren Eltern schenken können, quasi als Erklärung.

Und hast du diesen Film gemacht?

Ja, doch es kam alles ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. In diesem Prozess durfte ich zur Überzeugung kommen, dass alles richtig ist, wie es ist – auch wenn ich es für falsch oder ungerecht halte. Ich glaube an eine alles überspannende, existenzielle Intelligenz. Dieser zu vertrauen fühle ich mich ständig herausgefordert. Dabei helfen mir die vielen Zufälle, die ich erlebe.

Gib mal ein Beispiel!

Ein sehr bemerkenswerter Zufall geschah am 25. Dezember 1991, dem Tag der TV-Abschiedsrede des sowjetischen Präsidenten. An genau diesem Tag wurde der dritte Teil meines Filmes ­"Freedom is your Nature" ausgestrahlt. Hierin sagt Osho: "Genosse Gorbatschow, es ist ein Fehler, den Kapitalismus in deinem Land einzuführen. Du solltest lieber Meditation einführen!" Diese noch weitergehende persönliche Ansprache an Gorbatschow lief zufällig genau am Tag seiner Abdankung über den Bildschirm!
Als Autor und Produzent hatte ich den Viereinhalb-Stunden-Dreiteiler dem sowjetischen Fernsehen angeboten. Er wurde zur besten Abendzeit vom 23. bis 25. Dezember 1991 gesendet. Das waren die letzten drei Tage der Sowjetunion.
Dazu kam es dank eines ganz großen Zufalls: Für eine Entscheidung über den Ankauf der Senderechte nahm der Programmdirektor eine VHS-Kassette mit nach Hause. Wegen der Ehefrau stoppte er die Kassette nicht während seiner Toilettenpause. Viel später, nach einer Wiederholung der Ausstrahlung 1992, erzählte er mir, dass im Moment seiner Abwesenheit Osho sehr laut geworden war, darum würde er den Film heute nicht mehr ankaufen. Ein Erleuchteter hebe niemals die Stimme – also sei Osho nicht erleuchtet gewesen. Zwar ist er nicht bei dieser Ansicht geblieben, doch ohne den glücklichen Zufall einer Pinkelpause im rechten Moment wäre der Film dem russischen Publikum entgangen und es gäbe heute deutlich weniger russische Sannyasins.
Leider habe ich kein Zufallstagebuch geführt. Das wäre so interessant gewesen! Das Ding ist nur: Viele Zufälle sind so mysteriös, dass man sie kaum glauben kann. Doch die schönste und folgenschwerste Serie von Zufällen hatte mich zu Osho geführt und von heute auf morgen zu seinem Kameramann gemacht.
Wahrscheinlich gibt es auch Zufälle, die man in dem Moment gar nicht als solche registriert.
Sollte man aber! Denn ich glaube, der Zufall ist verspielt – er will bemerkt und als solcher gewürdigt werden. Eine göttliche Existenzkraft, die mir immer wieder sagt: "Schau mal, wie wenig du wirklich verstehst." Für mich ist ja die ganze Spiritualität – oder die Suche nach Gott oder wie du es nennen möchtest –, für mich ist das nicht kennbar. Wenn ich das Wort Gott verwende, meine ich damit "das Unkennbare". Nicht das Unbekannte, sondern das Unkennbare! Das ist nicht spannend, aber ungeheuer entspannend. Denn um etwas Unkennbares muss ich mich nicht bemühen, es zu verstehen.

Spürst du in den Sannyaskreisen Anerkennung, dass du damals so viele von Oshos Diskursen aufgenommen hast?

Ja, durchaus. Solche Dialoge gehen oft so: "Niskriya, wir sind dir viel Dank schuldig, dass du das damals gemacht hast." – "Hätte ich es nicht gemacht, hätte es jemand anderes gemacht." – "Ja, aber nicht so schön."
Und da mag schon etwas dran sein. Das Qualitätsbewusstsein war bei den Sannyasins nicht immer ausgeprägt. Durch so eine Geschichte bin ich überhaupt Oshos Kameramann geworden: Ich hatte mir damals eigenhändig eine 3D-Kamera gebastelt und war nach den ersten Aufnahmen im Berliner Grunewald sehr begeistert. Dann habe ich überlegt, was mit der Technik am liebsten zu filmen sei, und kam schnell auf Osho. Also habe ich mich mit meiner damaligen Freundin Lokita auf den Weg nach Kathmandu gemacht. Hinter einer Tür in der dritten Etage des Oberoi Hotels vermuteten wir das Team und klopften an. Vom Türrahmen aus sah ich in grimmige Minen von Oshos engstem Kreis. Wir störten und wurden abgewiesen, sollten doch morgen wiederkommen. Ich dann hastig mit gezückter Kamera: "Wollte nur fragen …" Plötzlich erhellten sich die Gesichter und im Chor ertönte: "Kommt rein!". Grund für die schlechte Laune war ein Problem mit dem Kameramann. Die Bilder waren unscharf und der Ton schlecht. Osho war darüber not amused und hatte gesagt, wenn das nicht funktioniere, höre er auf zu reden. Am nächsten Morgen saß ich dann einen Meter vor ihm zu seinen Füßen und filmte in 3D. Ich war total happy, bin geblieben und habe von da an bis zum Ende fast alle Diskurse aufgenommen.

…

nis@stonehead.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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