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Neues wagen

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Mehr als 99 Rolls Royce …

Jobst Knigge realisierte als Regisseur und Autor in den vergangenen Jahren viele Dokumentationen und Reportagen. Zurzeit macht er einen Dokumentarfilm über die deutschen Sannyasins, der wahrscheinlich im Herbst 2020 im Fernsehen laufen wird, produziert vom WDR und RBB. Jobst kannte die Sannyasszene bereits aus seiner Jugendzeit, da er gern und häufig zum Tanzen in die damalige Bhagwan-Disco ging. Nachdem er die Netflixserie "Wild Wild Country" gesehen" hatte, interessierte ihn vor allem, dass hinter der Bewegung mehr stecken muss als die dort gezeigte Darstellung. Und dem wollte er nachgehen. Wir stellten ihm Fragen zu seinem aktuellen Filmprojekt.

Das Interview mit Jobst führte Frank Hildebrandt
 

Frank: Erzähle uns bitte von deinem aktuellen Filmprojekt über Osho und die Sannyas-Szene. Wie bist du dazu gekommen?

Jobst: Es gab beim WDR eine Filmreihe, die sich "Unser Land" nennt. Dafür habe ich einen Beitrag über die 80er-Jahre gemacht. Bei der Recherche stieß ich auf einen tollen Film über die Kölner Osho Kommune Anfang der 80er-Jahre. Das hat mich sehr fasziniert. Ich selbst bin in Hannover aufgewachsen. Dort gab es und gibt es bis heute eine Osho-Disco. In meiner Jugend bin ich da ständig gewesen, das heißt, das war auch ein Stück weit meine Jugendgeschichte.
Und dann habe ich "Wild Wild Country" gesehen, diese Netflix-Doku über Oregon, die wahnsinnig spannend ist. Allerdings hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass irgendetwas fehlte. Ich glaube gar nicht, dass etwas Falsches erzählt wurde. Aber es wurde nie klar, warum all diese Leute auf der Ranch wirklich da waren. Es wäre zu einfach zu sagen, das sei eine Gruppe durchgeknallter Leute gewesen, die zu irgendeiner Sekte gegangen waren. Da muss mehr dahintergesteckt haben, dachte ich mir.

Warum waren deiner Meinung nach so viele Menschen auf der Ranch?

Da muss man wirklich zurückgehen. Die 70er-Jahre waren eine politisch aufgeladene Zeit. Es gab unglaublich viele politische Menschen, linke wie rechte Gruppen. Alle meinten, sie könnten die Welt verändern. Es gab aber auch einen großen Teil, die sagten: "Nee, das stimmt so nicht. Es muss noch irgendwas anderes geben!" Dieser Teil versuchte einen spirituellen Weg zu gehen. Bhagwan, wie er damals hieß, hat es sehr gut geschafft, die indische Spiritualität mit westlicher Philosophie zusammenzuführen. Er hat die Leute damals wirklich abgeholt. Und er muss ein unglaubliches Charisma gehabt haben. Davon berichten alle in den Interviews. Deshalb sind die Leute dahin gegangen. Deshalb haben sie die Ashrams mitaufgebaut und deshalb aber auch nicht gesehen, als es schiefging.

Wie hast du die Kritik an Osho und der Bewegung wahrgenommen?

Vor allem in den Achtzigern gab es viel Kritik von außen. Meine Eltern waren entsetzt, als wir anfingen in die Bhagwan-Discos zu gehen. Die sagten dann: "Das ist eine Sekte und die nehmen euch sofort mit. Da werden kleine Kinder verführt" und so weiter. Das war natürlich alles Quatsch. Die Elternvertreter sagten: "In euren Discos missioniert ihr die Kinder." Ich bin als Schüler wirklich viel in den Discos gewesen. Nicht ein einziges Mal wurde ich angesprochen, ob ich mal vorbeikommen möchte. Doch durch diese heftige Kritik von außen begannen sich bald auch die Reihen innerhalb der Bewegung zu schließen. Wenn man von außen so heftig angegriffen wird, sieht man selbst nicht mehr, was schiefläuft, weil man so sehr damit beschäftigt ist, die Kritik von außen abzuwehren.
Ich habe mit einem Kritiker gesprochen, der in Pune 1 war. Er hatte bei diesen Encounter-Gruppen mitgemacht, die wohl echt brutal waren, und sich danach zu einem totalen Kritiker entwickelt. Der erzählte dann, dass er irgendwann in Pune in einem Hotel saß und plötzlich eine Jesus-Erscheinung hatte. Daraufhin ist er Christ geworden. Da fragt man sich: Warum ist das jetzt besser oder schlechter als irgendein anderer Meister?

Glaubst du, dass die Sannyasins ihre eigene Wahrheit leben?

Ja, total. Ich habe sehr lange Interviews mit Sannyasins geführt, an die 16 oder 17 Stück. Die Leute sind sehr unterschiedlich. Es gibt einige, die mit Osho abgeschlossen haben. Die waren wirklich böse auf ihn, wegen dem, was damals passiert ist. Es gab jedoch keinen Einzigen, der die Zeit bereut hat bzw. der das, was er spirituell erfahren hat, nicht als eine Kraft erlebt hat.
Wenn man alte Bilder aus den 70er- und 80er-Jahren sieht, zum Beispiel Aufnahmen von der Dynamischen oder den Encountergruppen, dann denkt man, das ist eine Truppe durchgeknallter Vollspinner. In den Interviews merkte ich sofort: Sie wirken alle bei sich. Und das kann ja nur sein, wenn man wirklich bei sich ist. Und eine Kleinigkeit ist mir noch aufgefallen: Sie wirken viel jünger als sie sind. Das zeigt mir, dass sie etwas richtig gemacht haben.
Eine Sache hat sich jedoch geändert. Das ist der Absolutheitsanspruch. Früher dachten viele, wenn man meditiert und diese Therapien macht, dann wird alles gut. Das hat sich dann ja gezeigt, dass dem nicht so ist. Diese Erkenntnis und dieses Verständnis hat dem Ganzen im Grunde genommen eine Dimension mehr hinzugefügt. Früher war das ganze Pop und Spaß. Das hat sich im Laufe der Zeit runtergedimmt. Aber sie wirken alle so, als wären sie damit okay.

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www.knigge-werke.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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