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Im Salto Mortale zur Essenz der Liebe

Ramateertha führt uns durch explosive Kriegsfelder in seiner Kindheit, über ein brennendes Verliebtsein in der Jugend, hin zur Essenz der Liebe. Eine Reise zum Kern der Frage: "Was ist Liebe?"

Ein Interview mit Ramateertha von Frank
 

Frank: Du hast dich schon früh in deinem Leben mit der Frage beschäftigt: "Was ist Liebe?" Wie ist es dazu gekommen?

Ramateertha: Die Frage: "Was ist Liebe?" ist auch ein Zen-Koan. Das Charakteristikum eines Zen-Koans ist, dass es darauf keine Antwort in dem Sinne gibt. Erst in dem Moment, wo du eine bestimmte Erfahrung machst, wird klar, was Liebe ist. Für mich fing diese Frage schon in frühester Kindheit an. Ich bin in einem katholischen Umfeld groß geworden, wo viel von Liebe geredet wurde, aber die Erfahrung von Liebe einfach nicht stattfand. In der Kirche wurde von Liebe geredet, aber es kam nichts bei mir an. Ich war erstaunt, dass viele Menschen gar nicht an der Frage an sich interessiert waren. Die wollten einfach nur eine Antwort haben, damit die Frage verschwindet. Sie gaben sich dann mit Antworten zufrieden, die für mich gar nicht infrage kamen.
Dann habe ich in den Familien meiner Freunde und in meiner Umgebung geguckt: Wo finde ich Anzeichen von dem, was irgendwie mit Liebe zu tun hat. Allmählich wurde mir bewusst, dass die Familie, in der ich groß geworden bin, wie ein explosives Kriegsfeld war, aber nicht wie eine Familie, in der Geborgenheit oder ein Gehaltensein existierte. Das bringt das Kind innerlich zur Verzweiflung, wenn du diesen Halt nicht hast. Ich habe stattdessen lange Zeit diesen Glauben "Gott liebt dich" gehabt. Das war eine Projektion, mit der ich mir vorstellte, dass auf jeden Fall etwas da ist, wo ich mich geliebt fühle. Das machen Kinder, wenn sie mit der Realität nicht klarkommen bzw. diese so unerträglich ist, dass sie sich im Grunde genommen eine Fantasiewelt bauen müssen.

Wie ging deine Suche weiter?

Mit 20 verliebte ich mich sehr intensiv in eine Japanerin. Das ging dann in die Brüche. Das Scheitern der Beziehung machte die Frage "Was ist Liebe?" noch viel, viel brennender. Im Laufe der Zeit kam ich mit den Methoden der humanistischen Psychologie in Kontakt und fragte mich: Was bedeutet es, "einen Menschen zu lieben?" Dann habe ich begriffen, dass ich im Grunde genommen auf jeden Menschen, den ich sehe, all meine vergangenen Erfahrungen projeziere. Ich sehe den Menschen nicht als das, was er/sie ist. Eine Frau ist irgendwo immer verbunden mit dem Bild der Mutter. Ich sehe sie nicht als Frau mit ihrer Eigenart, in ihrer Einzigartigkeit. Stattdessen sind es sind lauter alte Bilder, die ich in ihr sehe. Das hat mich sehr erschrocken, weil damit keine Möglichkeit gegeben ist, wirkliche Nähe oder Begegnung stattfinden zu lassen. Man ist ständig damit beschäftigt, mit Windmühlen zu kämpfen, die gar nicht da draußen sind.
In dem Kontext kam Osho mit ins Spiel. Da wurde mir klar: Wir sehen die Welt so, wie wir sie bisher erfahren haben. Wir sehen aber nie, wie sie wirklich ist, weil wir mit den Scheuklappen der Vergangenheit alles, was nicht in unser bisheriges Bild der Welt reinpasst, filtern. Da wurde dann Meditation relevant. Meditation ist ein Weg, auf dem ich unter Umständen die ganzen Bilder und Vorhänge, die vor der Realität hängen, loswerden kann, um damit auf den Kern, auf das Wesen der Dinge vorzudringen. Das hat für mich viel mit Liebe zu tun.

Du sagst: Liebe bedeutet, dass man den Menschen jenseits der Projektionen sehen kann. Das würde doch bedeuten, dass man – wenn man nur tief genug schaut – alles und jeden lieben würde.

Ja, das ist richtig. Das ist absolut richtig. Das Gegenteil ist eine Liebe, die oft in der Polarität von Liebe und Hass hängenbleibt. Solange die Projektionen passen, nennen wir das Liebe. Das sind dann die Flitterwochen. Wenn die Projektionen nicht mehr aufeinander passen, dann sind die Flitterwochen plötzlich vorbei. Aber es gibt eine Liebe, die hat eine ganz andere Dimension, die einfach mit dem Sein und der Essenz der Menschen zu tun hat. Liebe bedeutet, dass ich den anderen nicht zu einem Objekt meiner Wünsche, Begierden und Vorstellungen mache.

Was ist dann romantische Liebe?

Romantische Liebe hat nur mit Projektionen zu tun. Deshalb gibt es danach meist schreckliche Rosenkriege, sobald die romantische Liebe zu Ende ist. Aber: Man kriegt in dieser Projektion mal eine Ahnung davon, was tatsächlich Liebe ist, weil wir für einen Moment in einen Zustand gehen, wo das Ego bzw. der Kopf nicht das Sagen hat. Deshalb machen Leute in einem Verliebtheitszustand Dinge, die sie normalerweise nie tun würden. Das erklärt auch, warum Leute, die sich gerade frisch verliebt haben, öfters in Psychosen abrutschen, in den Ich-Verlust.

Wie kriegt man dann das Thema Liebe in einer Beziehung überhaupt auf die Kette?

Ich glaube, das kriegst du überhaupt nicht auf die Kette. Diese Vorstellung an sich ist bereits lieblos. Dann fangen wir an, Forderungen und Vorstellungen zu entwickeln, die nichts mit der Realität des Menschseins zu tun haben. Meine Beobachtung über die Jahre ist, dass sich besonders Liebende an ihren verwundbarsten Punkten berühren. Das passt einfach immer wie der Schlüssel ins Schloss. Solange die Liebe stark genug ist, dass das alles darunter Platz hat, funktioniert die Beziehung.
Ein Beispiel: Jemand hatte eine stark ablehnende Mutter. Diese Mutter wird ganz schnell in die Beziehung projeziert, wenn was schiefgeht. Und dann fängt man an, furchtbar miteinander zu kämpfen usw. Da erkennt man sofort, wie schnell unsere Vergangenheit und unsere Muster des sich Beziehens uns prägen. Wenn wir es schaffen, von dieser Projektion "Ich werde eh nicht geliebt" loszulassen und immer wieder aus diesen Geschichten auszusteigen, dann entsteht eine andere Art der Verbundenheit – zunächst mit dir selber. Dann versuchst du nicht mehr alles, was du dir erhoffst, über die Beziehung zu kriegen. Allmählich kommst du mit dir in Einklang und bist nicht mehr nur abhängig davon, was von draußen kommt. Da fängt Liebe viel eher an, anstatt einander das Leben zur Hölle zu machen.

Was wäre ein liebevoller Umgang mit Projektionen?

Ehrlichkeit. Darüber sprechen zu können, sich austauschen zu können, zuhören zu können, ohne dass man gleich in den ganzen Kampf oder in die Frage eintaucht: Wer hat Recht, wer hat Unrecht? Einfach zuhören und Dinge dasein zu lassen ohne gleich zu reagieren. Unser Reagieren ist immer blind. Es ist immer ein Kampf darum, wer vielleicht Recht hat oder wer der Bessere ist. Und das löst nie irgendwas.

…

ramateertha@netcologne.de
www.oshouta.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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