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Gemeinsam unterwegs

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Wann ist die Stille endlich still?

Erfahrungsbericht über 21 Tage Dynamische Meditation

Text: Ole Skambraks

Die "Dynamische" ist mein erster Kontakt mit einer Osho-Meditation. 2014 habe ich sie durch Gitama (Martina Kaltenbach) und Satyananda (Jörg Andrees Elten) in Stellshagen kennengelernt. Bis heute ist es für mich der direkteste Weg zu mir selbst und ins Fühlen. Daher fiel es mir nicht schwer, Ja zu sagen zum Selbstexperiment "21 Tage Dynamische" im UTA und darüber zu schreiben.
Aber der Reihe nach. Meine Tagebuchaufzeichnungen vom Oktober 2014 in der Hand, stelle ich fest, dass ich mich von Anfang an ziemlich gut auf die Meditation einlassen konnte. Schon in meiner allerersten Dynamischen hatte ich Kontakt zu meinem verletzten inneren Kind – dem vierjährigen Ole – und konnte in der Katharsisphase einen langen, ohrenbetäubenden Schrei herauslassen und danach weinen.
In meinen Erinnerungen an diese erste Woche Dynamische war ich stocksteif und versteinert. Solche Tagebucheinträge finde ich auch – von Tagen, an denen Isolation und Einsamkeit mein Meditationsthema waren. Doch es gab auch das genaue Gegenteil: kindliche Freude, Verspieltheit und Leichtigkeit.

Das Abenteuer beginnt

Der Tag fängt an mit mehreren Aha-Erlebnissen während der Dynamischen. Die erste Phase des chaotischen Ausatmens ist mir viel leichter gefallen als vorher. Ich hatte heute deutlich mehr Körpergefühl oder einen Instinkt, den Körper zum Ausatmen richtig mitzuwippen. In der zweiten Katharsisphase fiel es mir leicht zu brüllen. Ich schnappte mir ein Kissen und versohlte meinem Vater den Arsch – wie in meinem Traum, nur deutlich heftiger. Danach begab ich mich auf alle Viere – doch nicht wie gestern als hilfloses Baby, sondern wie eine Raubkatze, die ihr Revier verteidigt. Es machte mir sichtlich Spaß, ich musste mehrmals auch lachen. Ich fühlte mich wie ein Wolf, heulte und jaulte vor mich hin. Danach hatte ich nur noch Spaß, Laute zu produzieren und legte eine Kauderwelschquasselphase ein.
Während der vierten, stillen Stopp-Phase mit Händen nach oben hatte ich auch eine wertvolle Erkenntnis. Schon von der ersten Minute an schmerzten mir beide Arme. Es schien mir unmöglich, zehn Minuten auch nur ansatzweise durchzuhalten. Irgendwann konzentrierte ich mich auf die Stellen der Schmerzen. Ich versuchte, wie Gitama es mir gesagt hatte, dort hinein zu atmen – und es gelang! Die Schmerzen nahmen ab oder verlagerten sich. Dann nahm ich mir eine andere Stelle vor. Es war wie ein Spiel: "Den nächsten Atemzug schenke ich der linken Hand, sie tut besonders weh. Okay, den übernächsten auch noch. Dann ist die Schulter dran …" Das funktionierte so erstaunlich gut, dass ich fast geschockt war, als die Musik der fünften Phase ertönte und die Zeit schon um war.

Schleudergang der Gefühle

Das Schöne ist an dieser Meditation: Sie verläuft niemals gleich, nach einem bestimmten Schema. Klar gibt es die Struktur der fünf Phasen, begleitet durch die Musik, doch nie gleicht ein Tag dem anderen. Im Alltag bin ich oft sprachlos, wenn mich meine wundervolle Frau fragt, wie es mir geht oder was ich gerade fühle. Dann merke ich, wie sehr ich von mir selbst gerade abgetrennt bin. Bei der Dynamischen habe ich keinen Fluchtweg. Sie legt mir manchmal sanft und oft im Schleudergang den Weg zu meinen Gefühlen frei. Und die sind niemals gleich und können auch ganz schnell wechseln. Da geht es von dicken Krokodilstränen zum Freudentaumel innerhalb von wenigen Sekunden – eine Gabe, die ich ansonsten nur von meinem zweijährigen Sohn Momo kenne.

Weggefährten

Rebekka, die ebenfalls die 21 Tage macht, erzählt an Tag 10 von dem wabernden Gefühlsbrei, der in ihr kocht und der durch die Dynamische täglich hochkommt: "Da zeigen sich all die Muster und Prinzipien, die in mir wirken. Das ist nicht angenehm, damit konfrontiert zu werden. Doch ich sehe sie immer klarer und deutlicher, wie auf einem Tablett werden sie mir gereicht."
Werner ist grade frisch verliebt in eine Norwegerin, die er vor kurzem besucht hat. Klar und entschlossen hat er ihr seine Liebe gezeigt und im Kopf schon Pläne fürs Zusammenziehen geschmiedet. Doch von ihrer Seite kam eine Abfuhr. Diesen Schmerz schaut er sich nun in der Dynamischen von vielen Seiten an und entdeckt Muster der Zurückweisung und Verletztheit, die in seine Kindheit zurückreichen.
"Schon vier Tage Dynamische fühlen sich an wie zweieinhalb Wochen intensive Auseinandersetzung mit mir selbst", erzählt Melanie, die jeden Morgen nach der Meditation das Erlebte in ein Tagebuch schreibt. Bei ihr überwiegt im Moment eine sanfte Freude, mit der sie gar nicht gerechnet hat. Sie ist spontan und holprig in die 21 Tage gestartet – mit heftigen Gefühlen aus einer Depression. Sie dachte, Ärger, Wut und Trauer wären ihre täglichen Begleiter bei der Dynamischen. "Aber ich wurde überrascht von einem Gefühl, mit mir im Reinen zu sein und meine eigene Stimme zu hören." Die Meditation bewegt Melanie so sehr, dass sie anderen schon begeistert davon erzählt und das chaotische Atmen vorgeführt hat.
Raji, die die Dynamische schon lange kennt, fragt sich, wann ihr Geist mal Ruhe gibt in der Stillephase. "Ich kann zwar im Stillen meditieren, aber ich bin ein totaler Kopfmensch. Bei mir ist da gar nichts still. Es gibt zwar Tage, an denen die Gedanken etwas leiser sind, doch für mich ist es wie eine ruhige Wasseroberfläche, unter der ein Vulkan brodelt. Ich frage mich, wie das bei Menschen ist, die jahrelang Dynamische gemacht haben. Ist die Stille dann wirklich still?"

…

ole.skambraks@web.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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