Einträge: Beiträge | Kommentare

Newsletter

Klartext

Kommentare deaktiviert für Klartext
Klartext

Wenn der Topf heißer ist als das Feuer

14 Prozent aller Deutschen fühlen sich einer diffusen Angst ausgeliefert und lassen bei der Wahl Dampf ab. Kann Meritokratie helfen?

Text: Avinasho

Es ist der Tag danach – und ich habe nicht mal einen Kater. Die Bundestagswahl 2017 ergibt ein Bäumchen-wechsle-Dich derjenigen Parteien, die sich vier lange Jahre durch Fantasielosigkeit, Freiheit von jedweder Vision, trotziges Aussitzen, panisches Vogel-Strauß-Versteckspiel bis hin zu ängstlichem Klammern an Altbekanntes auszeichnen. Jeder spürt, dass wir vor großen Umwälzungen stehen. Umso mehr, meinten die Politiker, müssten sie einen Beruhigungskurs fahren, der schon fast als komatös zu bezeichnen ist.
Sie alle wurden abgestraft. Niemand will auf einem sinkenden Schiff sitzen und nur Valium verabreicht kriegen. Jedenfalls nicht, solange das Schiff noch gerettet werden kann. Denn da wären eher Kreativität und Ärmelhochkrempeln angesagt.

Erst kommen Worte, dann Taten

Aber wie geht Ärmelhochkrempeln? Und wie verträgt sich das mit dem berühmten inneren Beobachter, den jeder Meditierer anstrebt? Ist Politik nicht etwas für die ganz Fantasielosen, Gierigen, für die Vereinsmeier? Für diejenigen, die der Illusion aufsitzen, durch gesellschaftliches Engagement auf einen grünen Zweig zu kommen? Wo doch der grüne Zweig nur mit Meditation, Beobachten und Raushalten zu erreichen sei?
Erich Kästner sagt: "An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern." Machen wir uns schuldig, wenn wir "Unfug" nicht verhindern? Und wie könnten wir das überhaupt anstellen, den "Unfug" verhindern?
Als ich die schleichende Verrohung der Sprache beobachtete, die am Wahlabend in einer Hasstirade à la "Wir werden sie jagen!" gipfelte und am nächsten Tag mit "Ab morgen kriegen sie auf die Fresse!" weiterging, schwor ich mir, in Zukunft genauer auf meine Sprache zu achten. Denn erst kommen Worte, dann kommen Taten. Ich will mich nicht anstecken lassen von Hass-Sprech und Dumpfbacken-Bla-Bla, mich weder beteiligen noch einschüchtern lassen von der Verrohung, die gerade wieder gesellschaftsfähig wird. Da halte ich es mit Michelle Obama, die sagte: "When they go low – we go high."
Dass Ellenbogen wieder schick werden, weiß jeder, der die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt. Und "Man wird das wohl noch sagen dürfen!" ist die Floskel derjenigen, die – aus gutem historischem Grund bestehende – Tabus brechen wollen.
Sind diejenigen, die die Geschichte zurückdrehen wollen (und man muss befürchten, nicht bis in die Zeit vor 2015, also vor der Flüchtlingswelle, sondern am liebsten gleich zurück nach 1933), die schreien, als würden sie abgestochen, sobald ein Politiker ihren Marktplatz betritt, tatsächlich nur dumm?

Kollektive Regression?

Der SPIEGEL ("Alles wird Wut") hat recherchiert, was sie antreibt. Erstaunlicherweise sind diese Leute (also die Wähler dieser unsäglichen Partei, die die Wutbürger einsammelt) nicht anders als alle anderen: "Personen mit geringem Bildungsgrad, Arbeiter, Bezieher kleiner Einkommen sowie Personen, die sich von der gesellschaftlichen Entwicklung benachteiligt fühlen", wählen diese Leute nicht häufiger als andere.
Was ist es dann? "Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenslage ist der wesentliche Treiber", heißt es in einer Studie der Böckler-Stiftung. Dabei gehe es immer weniger um die objektive wirtschaftliche Situation als um das Gefühl "persönlicher Zurücksetzung". Scheinbar auch um einen Mangel an Eigenwirksamkeit (also das Gefühl: "Wenn ich handle, passiert auch was."). Und der Psychologe Stephan Grunewald sagt: "Sie haben das Gefühl, dass nicht auf sie eingegangen wird. Ich habe solches Toben und Wüten, so viel Hass unter den Probanden noch nie gesehen."
Vor einiger Zeit schon habe ich gelernt: Wenn der Topf auf dem Ofen heißer ist als das Feuer drunter, wenn also die Wut, die Emotion deutlich größer ist als der objektive Anlass, dann handelt sich es um Themen aus der Kindheit, die nur von der Gegenwart getriggert werden. Man nennt das Neurosen. Wenn ich also Schnappatmung und Schaum vorm Mund kriege, weil der Politiker XY in meiner Stadt redet, dann müsste ich, um den Müll der frühen Jahre endlich auszuagieren, eher mit einem Therapeuten sprechen als mich in einer Wut-Partei zu verschanzen. Es sieht aus, als hätte das Land eine Welle kollektiver Regression erfasst. Nur, warum?
Am "Tag danach" im Netz: "Du weißt doch, zwei Dinge im Universum sind unendlich: die Liebe und die Dummheit. Wenn’s mit dem einen nicht klappt, entscheiden sich viele für das andere. Immer öfter auch gerne Disciples jenes von uns geliebten Gurus, der sagte: Easy is right, und viele halten totale Verblödung für das Easieste." Nur gut, dass der "von uns geliebte Guru" ein hohes Lied auf die Intelligenz sang, und ja, auch Vorstellungen für ein Gesellschaftsmodell entwickelt hat.

web | www.susanne-maria-elten.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



Keine Kommentare mehr möglich.