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Religionsunterricht an den Schulen

Ein Aufbruch in Bodhidharmas "offene Weite" wäre besser als die bisherige Nachwuchskonditionierung

Text: Sugata

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov über die Bedeutung von Religion an britischen Schulen hatte ergeben, dass nur 12 Prozent das Fach Religionsunterricht für "sehr bedeutsam" hielten. 85 Prozent der Befragten hingegen hielten "Sex und Beziehung" für sehr bedeutsam. Dies schrieb die Zeitschrift Economist im vergangenen Februar. Nicht nur Schüler halten den Religionsunterricht für entbehrlich oder sogar schädlich, auch Lehrer und Eltern denken so, schrieb der Economist und es mangelt an Lehrer-Nachwuchs für das Fach. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz würde das Ergebnis vermutlich so ähnlich ausfallen.

Tantra statt Katechismus

Sollten wir für den Religionsunterricht vielleicht lieber Tantralehrer an die Schulen schicken als Theologen und so einen Unterricht in Liebe, Meditation und Beziehungsfähigkeit begründen? Gemäß dieser Umfrage müsste das von Schülern wie Lehrern bejubelt werden. Auch wenn die heutigen Tantralehrer auf so was überwiegend wohl noch nicht vorbereitet, teils dafür vielleicht auch nicht geeignet sind. Nach entsprechender Vorbereitung und einer guten Auswahl der Geeignetsten wäre das jedoch eine schöne Herausforderung für sie, nun auf Staatskosten diejenigen zu unterrichten, die unsere Zukunft prägen werden. Für ganz Europa wäre das eine kulturelle Revolution.

Die Krisen der Jugend

Meine erste religiöse Krise hatte ich im Alter von etwa zehn Jahren. Ich zweifelte an allem und jedem und schloss mich zum Entsetzen meiner Eltern für drei Tage schluchzend in meinem Zimmer ein. Seitdem habe ich nie wieder einem Religionslehrer geglaubt, und auch meinen Eltern glaubte ich nicht mehr, dass sie mir die Welt würden erklären können.
Jugendliche sind sehr wohl daran interessiert, ob es Gott gibt, was nach dem Tod geschieht, woher das Leben auf der Erde kommt, ob Tiere fühlen können und warum es Bewusstsein gibt, Liebe, Hass und Mitgefühl. Sie verlieben sich, entdecken, dass sie sich selbst und gegenseitig sexuell stimulieren können und wundern sich, dass die Religionen dieses schöne Gefühl verurteilen. Sie zweifeln an sich, denken an trüben Tagen an Selbstmord, an besseren daran, heldenhaft die Welt zu retten, und rätseln, wozu sie denn erwachsen werden sollen, wenn "die da oben" dann doch nur solche idiotischen Entscheidungen treffen, wie man es allerorts in den Medien sieht.
Ein Religions- oder Ethikunterricht von Lehrern wie Robin Williams als John Keating in dem Film "Club der Toten Dichter" würde diese Kinder zu sich selbst bringen, in ihre Eigenverantwortung, anstatt aus ihnen folgsame Schäfchen für irgendwen oder irgendwas zu machen.

Aus Abrahams Schoß quillt es noch

Der heutige Religionsunterricht ist überwiegend parteiisch. Mehrheitlich von christlichen Theologen ausgeführt ist er eine Art Nachwuchskonditionierung, die den jeweiligen religiösen Parteien ihren prozentualen Anteil an der Bevölkerung wenigstens zu halten beabsichtigt. Was komplett den Grundgedanken echter Religiosität widerspricht, die alle Religionen trotz ihrer Politisierung noch immer irgendwo in sich tragen. Nun sollen der Gerechtigkeit halber die Moslem-Kinder auch noch von den Imams ihrer eigenen Glaubensrichtung geschult werden. Das ist ungefähr so, als würden SPD-Wähler ihre Kinder nur bei Genossen in den Sozialkunde-Unterricht schicken, die Grünen-Kinder nur zu Ökos und so weiter. Aus Angst vor Infragestellung der eigenen religiösen Wurzeln der Christen und Juden wird nun auch islamische Indoktrination an den Schulen zugelassen. Judentum, Christentum und Islam, alle drei kommen aus "Abrahams Schoß" und aus diesem Schoß quillt noch immer Schreckliches. Trotz Voltaires écrasez l’infame und vieler anderer hat die Aufklärung des 18. Jahrhundert es nicht geschafft, die Ignoranz und Bigotterie der Abrahamiten zu überwinden, und nun schauen wir in die Fratze des Hardcore-Islam und vergessen, dass uns da das hässliche Bild der eigenen Vergangenheit angrinst.

Selbsterkenntnis statt Identitätenpolitik

Offenbar brauchen auch unsere Journalisten noch Nachhilfe in Sachen Religion. Die religiöse Identität wird von ihnen nach wie vor als etwas ganz Kostbares gefeiert. Wenn etwa Jesiden sich der Konversion zum Islam verweigern, um ihrer Herkunftsreligion treu zu bleiben, und IS-Moslems sie dann abschlachten, werden sie als Märtyrer beweint und als Helden gefeiert, ebenso wie all die anderen Märtyrer der anderen Konfessionen. Für den eigenen Glauben sterben? Was für ein Wahnsinn!
Wir sollten lernen, unseren eigenen Körper zu achten und zu schützen, ebenso wie den unserer Mitmenschen. Glaube ist relativ. Mal glauben wir dies, mal das. Wir sollten uns glücklich schätzen, dass wir unseren Standpunkt ändern können und damit auch, woran wir glauben. Und das betrifft auch unsere Identität. Sie in Frage zu stellen sollte der Kern aller Weisheit und Religiosität sein, darin sind sich Sokrates, Buddha, Ramana und all die anderen Weisen einig. Religion verstanden als Identitätenpolitik ist ein Geschacher um Macht über Herzen und Seelen und hat nichts mit echter Religiosität zu tun. Sogar ein katholischer Theologe, Karl Rahner, hat einst gesagt: "Der Christ des 21. Jahrhunderts wird Mystiker sein – oder er wird nicht sein."

web | www.connection.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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