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Weihnachten steht vor der Tür

Vom Schenken, Freuen und Dankesagen

Text: Dorothea

Weihnachten steht vor der Tür…" – "Was? Vor der Rechten oder vor der Linken?", heißt es bei Robert Gernhardt.
Vor welcher Tür auch immer, Weihnachten kommt jedes Jahr zu früh. Der Sommer liegt noch warm auf seinem Sterbebett und schon hat man ihn vergessen. Spekulatius und Adventskalender türmen sich bereits im Oktober in den Supermärkten und sogar ein Weihnachtsbaum stand – mitten im Oktober! – in einem Kaufhaus.

Ist ja noch ’ne Weile hin…

All diese Weihnachtsmahnwachen verfehlen ihr Ziel nicht. "Kauft Leute, bald ist Heiligabend und dann ist es zu spät!" Zuerst versuchen wir es noch zu ignorieren: "…ist ja noch eine Weile hin!" – aber der Druck steigt! Was soll ich denn bloß meiner Mutter schenken? Als ich ihr zum Geburtstag neue Auflagen für ihre Gartenstühle mitgebracht hatte, weil die alten 30 Jahre alt waren, musste ich mir anhören, dass die doch noch gut waren und wir die Wegwerfgeneration seien.
Und was schenke ich meinem Partner? Eigentlich sparen wir ja gemeinsam für ein Ferienhaus am Meer – aber so ganz ohne Geschenke unterm Baum? Hm, das geht ja auch nicht.
Und dann noch die ganzen Weihnachtskarten für die Kunden, Weihnachtsgrüße an die Freunde, die Weihnachtsfeier im Unternehmen, das Weihnachts-Benefizkonzert, das wir seit 15 Jahren in der psychiatrischen Klinik geben, und und und …Der Stress scheint unabwendbar.

Das Schenken und die Freude

Überhaupt ist es irgendwie anstrengend, sich auf Befehl ein Geschenk einfallen zu lassen. Außerdem verändert sich ein Mensch ständig, und was ihn heute freut, kann ihn morgen schon nicht mehr interessieren. Das bedeutet, man muss eine ständige Kommunikation mit diesem Menschen pflegen, um zu wissen, worüber er sich freut. Je mehr Beziehungen wir eingehen, ohne uns wirklich intensiv mit jedem Einzelnen zu beschäftigen, desto schwieriger wird auch das Schenken.
Und wie ist das eigentlich mit der Freude des Schenkenden und des Beschenkten? Laut einer Umfrage, die ich selbst durchgeführt habe, sagten 98 von 100 Befragten, sie würden lieber schenken als beschenkt zu werden, weil sie beim Beschenktwerden unter den Druck geraten, sich freuen zu müssen. Heißt also, man fühlt sich dem Schenkenden ausgeliefert und muss seine Erwartungen erfüllen.
Aber auch dem Schenkenden geht es nicht besser. Er kann sich nicht immer sicher sein, dass sein Geschenk auch gefällt. Und tut es das nicht, wird der Beschenkte höchstwahrscheinlich versuchen seine Enttäuschung zu verbergen, um den Schenkenden nicht zu verletzen (Ausnahmen wie meine Mutter zähle ich jetzt nicht dazu). Das Ganze ist also eine psychologisch höchst komplizierte Angelegenheit.
Aber was genau steckt eigentlich hinter der ganzen Angelegenheit? Wir schenken, um zu zeigen, dass wir an denjenigen denken, ihn schätzen, lieben und achten. Aber wir schenken auch, um soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, die uns nützen, und wir schenken manchmal, um Vorteile zu haben oder andere gesellschaftlich übertrumpfen zu können. Warum auch immer wir etwas verschenken, es ist ein Akt der Kommunikation. Die Tradition des Schenkens ist uralt. Es gab Indianerstämme, die ihren Gästen so viel Essen, Kleidung, Nahrung und Nutztiere geschenkt haben, dass sie sich damit selbst ruinierten.
"Schenken, dieses komplizierte soziale Gebilde aus Geben, Nehmen und Erwidern, es kann gerade in Wirtschaft und Politik eine gute, aber eben auch heikle Angelegenheit sein. Hier gibt es zudem beachtliche kulturelle Unterschiede, die oft die Differenz zwischen Geschenk und Bestechung ausmachen. Japan zum Beispiel ist das Land des Schenkens: 26-mal im Jahr kauft die durchschnittliche japanische Familie Präsente. Die japanische Sprache kennt ungefähr 35 verschiedene Ausdrücke dafür, die spezielle Anlässe widerspiegeln: auch zum Beispiel, wenn jemand auf Reisen geht, zur Genesung, zu Neujahr oder als Beileidsbekundung. Und es gibt die traditionellen Sommer- und Winterschenkfeste, bei denen vor allem Geschäftspartner und Vorgesetzte bedacht werden. Geschenke sind aus dem gesellschaftlichen und auch Geschäftsleben der meisten Länder nicht wegzudenken. Sie drücken Respekt, Ehrerbietung und Wertschätzung aus." Als Kulturwissenschaftler weiß Professor Jürgen Marten das.

web | www.academyofstagearts.eu

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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