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Gut, schlecht, wertfrei?

Das zeittypische Werte-Bashing ist nicht hilfreich und auch nicht spirituell

Text: Sugata

Jenseits von Gut und Böse gibt es einen Ort, dort treffen wir uns", dieser Spruch von Jalaluddin Rumi gehört zu den meistzitierten dieses zurzeit vielleicht beliebtesten Dichters weltweit (2014 nannte die BBC ihn den in den USA meistverkauften Dichter).
Ich liebe Rumi, seine transreligiöse Spiritualität und Leidenschaft und finde dieses Zitat genial getroffen, prima, volle Zustimmung. Aber was ist mit dem Diesseits? Offenbar glauben die meisten Menschen zurzeit, dass wir uns diesseits der Wertescheide nicht treffen können, oder nur unter großen Mühen. Was sollen denn die Werte und Ziele des Handelns von uns Weltbürgern sein? Ein Großteil der Meditierer und spirituellen Wanderer hält eine Einigung hierüber für prinzipiell unmöglich. Sie sind davon überzeugt, dass wir uns nur jenseits von Gut und Böse treffen können, diesseits nicht.
Diese Verweigerung einer Wertediskussion halte ich für fatal. In der mediterranen Antike hielt man eine Einigung über das Gute, Wahre und Schöne noch für möglich. Heute haben wir eine Einigung über das, was schön ist, aufgegeben, es gilt als subjektiv. Als Opfer des Trends zum Postfaktischen liegt nun auch die Wahrheit, noch zuckend, im Koma unseres Hangs zur extremen Subjektivierung. Und das Gute? Die meisten von uns halten das Gute sogar für noch weniger objektiv bestimmbar als das Wahre.

Werte, es gibt sie doch

Andererseits wird in therapeutisch-spirituell bewegten Kreisen nicht nur, wie überall auf der Welt, die Liebe, sondern sogar auch die Verletzlichkeit hochgehalten. Schotte dich nicht ab, zeige deine Verletzlichkeit, sagen uns die Therapeuten und spirituellen Lehrer. Wenn du dich nicht öffnest, wirst du nie Liebe und Glück erfahren und hinter dem Charakterpanzer deiner Persönlichkeit verkümmern. Wenn du mir wehtust, dann ist es nicht Liebe, sage ich und werde mich schleunigst aus der Co-Abhängigkeit der Beziehung mit dir befreien.
Aha! Also gibt es da doch Werte. Einander wehtun ist nicht gut; sich verschließen auch nicht, von der Verweigerung des Missbrauchs mal abgesehen. Frieden ist besser als Krieg, Freiheit besser als Gefangenschaft. Also haben wir doch Werte! Welche genau sind das? Wenn wir uns darauf einigen könnten, dann könnten wir uns vielleicht auch diesseits von Gut und Böse treffen, hienieden, wo sich doch der größte Teil unseres Daseins abspielt, für viele der einzige.
Ken Wilber, der mit seiner "Theorie von allem" als der größte lebende Gelehrte gilt, nennt den nihilistischen, werteverweigernden Zug unserer Zeit das brennendste unserer aktuellen zivilisatorischen Probleme. Er sieht darin übrigens auch den Grund für den Rechtspopulismus, die Regression zu Trump & Co. und das Aufkommen der Autokratien in Russland, der Türkei, Ungarn, den Philippinen und anderswo; ein Rückschritt gegenüber dem Welttrend zur Demokratie und der Beachtung der Menschenrechte in den Jahrzehnten davor.

Wertfrei erkennen, wertvoll handeln

Es ist ja nicht so, dass diejenigen, die da sagen, "das müssen wir jetzt mal ganz wertfrei angehen" keine Werte hätten. Es ist nur meist so, dass sie ihre Bewertungen verdrängen, weil ihnen das Werten und Urteilen als etwas Hinderliches erscheint, als ein Zug des Ego und des unreiferen Teils ihrer Persönlichkeit, die nun "schon so weit ist", alles ohne Vorurteile wertfrei betrachten und wertfrei handeln zu können. Wir können aber nicht wertfrei handeln und wir tun es nie. Das Beste, was wir in der Hinsicht tun können, ist, etwas mit möglichst wenig Vorurteilen zu betrachten. Unser Handeln aber möge dann bitte Werte haben. Gute Werte, durchdachte Werte, kommunizierte Werte. Mögen wir ethisch gereift sein, sonst wird das nichts mit dem Frieden auf Erden, der Liebe und dem Glück.
Das populäre Schimpfwort des "Gutmenschen" hat seinen Ursprung darin, dass Menschen, die nur Gutes wollen ohne ihre Schattenseiten zu kennen, dann oft Schlimmeres bewirken als die moralisch Anspruchsloseren, die nicht einmal gut sein wollen. Ihre negativen, als schlecht bewerteten Seiten projizieren diese Menschen auf ihre Gegner und Feinde, ihre Nachbarn und Mitbewohner, Partner und Verwandten, auf soziale Minderheiten und Randgruppen – mit dem Resultat der explosiven Gemengelage, die wir heute auf der Welt haben.

web | www.connection.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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