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Loslassen bringt Gelassenheit

Wir müssen aufhören unsere Welt in religiösen Begriffen von "Gut" und "Böse" zu denken

Text: Doro

Facebook ist voll von solchen Kalendersprüchen. Gepostet von Menschen und geteilt von anderen Menschen, die sich davon offenbar angesprochen fühlen bzw. die Wahrheit dahinter für sich erkannt haben. Unter den Posts jede Menge Likes. Jedes Like ein: "Ja, so ist es!" Außerdem zahlreiche Aufforderungen, sich an Petitionen gegen Massentierhaltung zu beteiligen, Glyphosat zu verbieten etc. Offenbar wissen all die User genau, was gut und böse ist. Eigentlich müsste die Welt in Frieden und Harmonie versinken.
So ist es aber nicht. Unsere Welt ist weit entfernt von einem friedlichen Zusammenleben. Natürlich können wir als Schuldige die Industriekonzerne bemühen, deren erklärtes Ziel der Umsatz ist oder die Pharmaindustrie oder die Politiker. Die Frage ist nur, ob das die Sache wirklich erklärt oder gar besser macht. Ich glaube nicht.
Wir müssen tiefer gehen und weiter denken. Es gibt so etwas wie einen "Dualismus der Ethik". Der russische Ethnologe Michail Kulischer hatte das schon 1885 festgestellt. Zusammengefasst erläuterte er, dass bei allen menschlichen Gruppierungen eine Unterscheidung im Verhalten gegenüber den Mitgliedern der eigenen Gruppe (Ingroup) und den anderen (Outgroup) gemacht wurde. Das Sittensystem für Mitglieder der Gruppe schreibt Milde, Güte, Solidarität, Liebe und Frieden vor. Das System für die Fremden dagegen: Mord, Raub, Hass, Feindschaft.
Diese von Kulischer beobachtete Doppelmoral finden wir auch in den heiligen Schriften der Hochreligionen. Man soll zwar laut der Zehn Gebote nicht töten, aber "wer einer Gottheit außer Jahwe Schlachtopfer bringt, an dem soll die Vernichtungsweihe vollzogen werden." (Exodus 22, 17-19)

Gut und Böse

Um es noch deutlicher zu machen, hier ein Beispiel, das aktueller ist: "Ein Mann unseres Zeitalters spendete ein Vermögen an Witwen und Waisen, sorgte für humanitäre Versorgung in Kriegsgebieten, gründete schon während seines Studiums eine Wohlfahrtsorganisation. Sein außergewöhnliches altruistisches Engagement begründete er mit seinen tiefen religiösen Überzeugungen. Seine Religion sei, so schreibt der Mann, "die Religion der Ehrlichkeit, der Barmherzigkeit, der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit zwischen den Menschen. Die Religion, die jedem Menschen sein Recht zuspricht und die Unterdrückten und Verfolgten verteidigt. Die Religion, die das Gute belohnt und das Böse verbietet."
Der Mann hieß Osama bin Laden, der 2002 mit diesen Worten für seine Weltanschauung warb.
Wir müssen endlich aufwachen und aufhören, unsere Welt in religiöse Begriffe wie "Gut und Böse" zu denken. Die Götter der Frühzeit waren weder absolut gut noch absolut böse, sondern ziemlich ambivalent. Erst mit den monotheistischen Göttern kam das absolut Gute (Gott) und das absolut Böse (Teufel) auf.
Aber was soll das sein, dieses Böse? Eine fremde Macht, die außerhalb von uns, eigenständig existiert und Besitz von uns ergreifen kann? Interessanterweise benutzen Wissenschaftler diese Formulierungen nicht, im Gegensatz zu Journalisten und Politikern. Georg W. Bush sagte 2002 den Satz: "Wir befinden uns in einem Konflikt zwischen Gut und Böse, und die Vereinigten Staaten werden das Böse beim Namen nennen." Und Donald Trump führt diesen Unsinn heute fort.

Abschied von Schuld-Sühne-Strafe

Das Böse ist eine Wahnvorstellung. Es gibt keine guten und genauso wenig böse Menschen, wie es gute und böse Hunde, Eichhörnchen oder Marienkäfer gibt. Vielleicht haben wir uns von Begriffen wie Gott und Teufel verabschiedet, aber an der Unterscheidung von Gut und Böse halten viele dennoch fest. Unsere Gehirne wurden über Jahrhunderte hinweg auf der Basis von Schuld und Sühne, Gut und Böse programmiert. Friedrich Nietzsche sah in dem Abschied von "Schuld-Sühne-Strafe" sogar den "Fortschritt aller Fortschritte". Wir müssen diese Begriffe aus unserer Sprache verbannen, um ein neues Denken und eine neue Welt zu erschaffen.

web | www.academyofstagearts.eu

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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