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"Und was ist mit dem Herz?"

Ein Aufruf

Text: Shreyas

Als ich mit ein paar Freunden vor zwölf Jahren begann, eine Vision für eine Gemeinschaft zu entwickeln, gab es einen Menschen, mit dem ich mich in einer persönlichen Auseinandersetzung über sechs Stunden lang bis aufs Messer bekämpfte.
Im Wesentlichen ging es darum, ob wir eine Gemeinschaft sein wollten, die die Welt retten sollte – so meinte er. Ich hingegen vertrat den Standpunkt, wir könnten doch schon froh sein, wenn wir uns nicht selbst die Köpfe einschlügen – nicht zu sprechen von der Rettung der Welt. Es war sowohl ein inhaltlicher Kampf als auch einer darüber, wer denn der Obergockel sein würde. Komplett erschöpft vertagten wir die Entscheidung und wollten uns ein paar Tage später wieder treffen, um den Endkampf zu bestreiten.

Eine dicke Kröte

Doch in diesen Tagen ist etwas in uns passiert. Wir wollten einfach nicht mehr kämpfen, es kam uns völlig sinnlos vor. Heute stelle ich es mir so vor, dass wir in der Zwischenzeit realisierten, dass wir uns lieben, schätzen und respektieren und zu erspüren versuchten, um was es dem anderen ging. Und wie ihr ja auch Oshos Ansichten zu diesem Thema kennt, war dies eine dicke Kröte zum Schlucken. Heute weiß ich, dass dieser Moment, als wir den anderen spürten, Mitgefühl war. Ich sagte mir in etwa so: "Ach, weißt du, du rettest die Welt und ich rette mich selbst. Was sollte schlecht daran sein?!"
Von dem Moment an liebten wir uns. In den folgenden vier Jahren gründeten und bauten wir eine Gemeinschaft mit anderen Menschen auf und sind uns kein einziges Mal in die Haare gekommen.

Kann man die Welt retten?

Ich hatte das letzte Jahr in Bezug auf die Menschheit und unseren Planeten und was aus uns denn werden würde, eine ganz schlechte Zeit. Mein Leben lang war ich ein ziemlicher Optimist gewesen, was die Existenz der Menschheit anging. Es fällt mir auch schwer und ich bremse mich immer wieder, in den allgemeinen Kanon der Weltuntergangsszenarien einzustimmen. Aber was da gerade auf diesem Planeten passiert, verheißt nichts Gutes.
Als dann noch ein gnadenloser Erbschaftsstreit zweier Cousins und ein heftiger Nachbarschaftsstreit von Freunden hinzukam, fiel ich in ein tiefes Loch und war so traurig über die ganze Menschheit und diese Ausweglosigkeit, dass ich fast den Mut verlor und schon begann, meinen Abgang nach Samoa zu planen.
Vor zwei Monaten rief mich mein Freund wieder an. Inzwischen leben wir beide nicht mehr in der Gemeinschaft, sind aber trotzdem Freunde geblieben und am Ende des Gesprächs fragte er mich: "Sag mal, Shreyas, hast du eine Idee, wie man die Welt retten kann?" Hatte ich vor zwölf Jahren darauf eine allergische Reaktion, so brachte es diesmal etwas in mir zum Klingen. Ich würde darüber nachdenken und mich melden, entgegnete ich.

Standpunkte und Sicherheiten

Seitdem lässt mich diese Frage nicht mehr los. Unter anderem fragte ich mich, was mich denn so hilflos, traurig und hoffnungslos macht, wenn ich an das Thema denke. Die Welt teilt sich in Tag und Nacht. Sogenannte Gutmenschen und Rassisten, Brexit und Brexit-Gegner, Fleischesser und Veganer, Darwinisten und Kreationisten, Palästinenser und Juden, Islam und der Westen, Bikini und Burkini sowie meine Freunde und Cousins, die sich gegenseitig nichts schenken. Egal wo ich hinschaue, jeder beharrt auf seinem Standpunkt, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Es fühlt sich an, dass alles, was stattfindet, direkt von den Ohren ins Gehirn und zum Mund wieder rausgeht.
Da möchte ich schreien: "Und was ist mit dem Herz? Wo habt ihr euer Herz gelassen?"
In einem Interview wurde Claudia Schiffer einmal gefragt, wie viel Geld sie denn hätte, und sie beantwortete die Frage mit "Drei Millionen". Ob dies denn genug sei und sie sich sicher fühle, wurde sie gefragt, und wenn nicht, ab wann? Nein, sie fühle sich nicht sicher, aber bei fünf Millionen würde sie das tun, sagte sie.
Wenn du jetzt Hartz-IV-Empfänger bist oder nur eine mickrige Rente hast, setz dich hin und versuche das zu verstehen. Ich habe über dieses Interview sehr lange nachgedacht und versucht, es zu verstehen. Als ich es verstanden hatte, ging es mir ähnlich wie mit meinem Freund.

karl@abacusonline.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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