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Atemlos durch die Nacht?

Heimat anders denken: Wir brauchen Wurzeln, aber nicht "Heimat" als Kampfbegriff

Text: Avinasho

Was ist das: "Das Gesetz der zunehmenden Penetranz der negativen Reste"? Forscher haben herausgefunden, wenn die Dinge sich verbessern, verändern wir Menschen automatisch unsere Maßstäbe und klagen erst recht. So entsteht der Eindruck, dass Probleme sich überhaupt nie lösen lassen. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Es ist, als hätte unser Gehirn einen konstanten Klage-Bedarf, und wenn es uns historisch unvergleichlich gutgeht, erst dann entdecken wir die Laktose-Intoleranz oder die Chemtrails. (Süddeutsche Zeitung 02.07.2018)

Wegschauen und Weghören ist gefährlich

Nein, ich verkneif es mir! Ich widerstehe der Versuchung, den politischen Wahnsinn zu beklagen, auch wenn mir das zurzeit besonders schwerfällt. Der Aufmarsch der Münchner Testosteron-Kraftmeier in ihrem infantilen Kampf gegen eine Frau als ihre Chefin? Oder geht es doch um Flüchtlinge? Ich lass es bleiben, denn die Frage meines Kollegen Shreyas: "Was hat Politik in der Osho Times zu suchen?" ist ja berechtigt. Ich würde mal so sagen: Gut, wenn wir the bigger picture auf dem Schirm behalten. Lassen wir uns nicht verrückt machen von jeder Sau, die gerade durchs politische Dorf getrieben wird.
Eins muss allerdings immer gelten: Auch als Meditierer ist es unvermeidlich, sich immer gegen Rechtspopulismus abzugrenzen, und ja, auch den Mund aufzumachen. Sonst hat es sich nämlich bald ausmeditiert. Die gesellschaftlichen Kräfte am rechten Rand, die gerade auf die scheinheilig normale Tour ("Man wird doch wohl noch sagen dürfen!") versuchen, Terrain im Bundestag und in unseren Köpfen zu gewinnen, hassen nämlich jede Art von Außenseiter und Freidenker.
Osho hatte bekanntlich nur beißenden Spott für Politiker übrig. 1988, als der Schriftsteller Salmon Rushdy mit der Fatwa belegt wurde – und damit die weltweite Jagd auf ihn eröffnet war –, hat er jeden Morgen wieder im Diskurs gegen die Dummheit der Mullahs und Saudi Arabien gewettert. Die Straßenschlachten, Hindus gegen Moslems, downtown Pune, konnte man schon bis in den Koregaon Park hören. Wir hatten Angst. Und am nächsten Morgen wieder ein Diskurs gegen muslimischen Wahnsinn. Für mich heißt das: Raushalten ist gut, hat aber seine Grenzen genau da, wo Wegschauen und ­
-hören längerfristig zur Gefahr wird.

Kopf in den Sand

Zurzeit droht es Mode zu werden, scheinheilig den vermeindlich gesunden Menschenverstand zu besingen, aber Empathie und Mitmenschlichkeit zu verhöhnen (zum Beispiel, die Seenotretter im Mittelmeer seien "der lange Arm der Schlepper") oder den deutschen Faschismus zu verharmlosen ("Vogelschiss der Geschichte"). Wie wir aus den Geschichtsbüchern und von unseren Großmüttern wissen, ist das gefährlich, weil es den kulturellen Boden vorbereitet für Grausamkeiten aller Art. Diese Gefahr lässt sich nicht wegmeditieren.
Als Mitte März der Innenminister sein Ministerium um das Resort "Heimat" aufgebläht hat, fühlte sich das an, als würde ein staatlicher Gesamtbabysitter die Menschen im Land beruhigen wollen, ungefähr so: "Die Welt verändert sich zwar drastisch, aber wir bremsen das aus, damit ihr ruhig schlafen und euer Weißbier trinken könnt. Egal was es kostet, unser Himmel bleibt weiß-blau und die Flüchtlinge draußen. Für die anderen dringenden Probleme, zum Beispiel Digitalisierung und Klima, wird uns schon noch was einfallen. Notfalls sitzen wir das aus, oder stecken den Kopf in den Sand." Wobei man den Begriff "Kopf in den Sand" updaten könnte mit "Hirn in die mediale Dauer-Bespaßung".

Leben am richtigen Ort

Wir alle brauchen Wurzeln, die meistens in einer Kultur, einer Landschaft, einer Sprache und in einem familiären System begründet sind. Biologisch sind wir Kleingruppen-Tiere. Außerdem brauchen wir Bindung – ob wir das jetzt spießig finden oder nicht. Unser neuronales System rastet sonst aus.
Heimat hat also mit Sicherheit zu tun – und genau das nutzen Politiker in völligem Verkennen unseres IQ gnadenlos aus. Sie wissen genau, die auf uns zurollenden Veränderungen sind groß und fühlen sich erst mal bedrohlich an. Und die Insel Europa wird zu einer Festung aufgerüstet (mit Insel-Ideen wie "Wir gegen die anderen" haben wir unsere Erfahrungen ja schon in Oregon gemacht).

web | www.susanne-maria-elten.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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