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Was ist wahr?

Von Erkenntnis, Bildung und Einbildung

Text: Sugata

Das Wahre, Gute und Schöne – bei Sokrates und Platon waren das die drei höchsten Werte. Wie es um das Gute und Schöne steht, darüber vielleicht ein andermal. Um die Wahrheit jedenfalls steht es zurzeit schlecht, wenn man sich so umhört. In Zeiten von Fake-News, professionellen Werbelügen und immer raffinierterer politischer Manipulation ist unser Vertrauen, dass eine Aussage wahr sein könnte, schwer erschüttert. Ist das gut? Wenn es dazu führt, dass wir genauer als bisher prüfen, woher wir etwas wissen und ob wir einer Quelle vertrauen können, dann ist es gut. Wenn wir nun aber neuen Glaubenssystemen und Weltbildern zum Opfer fallen, die uns noch geschickter als bisher einreden, dass sie unbezweifelbar wahr seien und wir mit unserer Zustimmung zu ihnen uns selbst gefunden hätten ("Gratuliere! Sie haben hiermit Ihr wahres Selbst gefunden!") – dann nicht.
Alles ist Illusion, Maya, das wussten schon die alten Inder, sagt der spirituelle Pfadfinder gerne. Dieser Fluchtweg aus dem Labyrinth der Wahrheitsfindung bietet sich dem Anfänger auf dem Weg der Erkenntnis an, aber er ist ebenso trügerisch wie beliebt. Sobald der Adept dieser Maya-Lehre einmal krass angelogen wird, gibt es für ihn auf einmal eine Wahrheit, die ein bisschen weniger illusionär ist als die Lüge eines Betrügers, sonst könnte er diesen ja nicht beschuldigen. Nun ist er gezwungen, innerhalb der illusionären, von Menschen erschaffenen Weltbilder und konstruierten Wahrheiten Unterscheidungen zu treffen.

Wahrheiten sind langweilig

Kann uns die Wissenschaft hier weiterhelfen? Auf Twitter verbreiten sich Falschnachrichten um 70 Prozent häufiger und sechs Mal schneller als wahre Nachrichten, das hat eine gut recherchierte Untersuchung von 4,5 Millionen Tweets ergeben, die kürzlich in der Zeitschrift Science veröffentlich wurde. Durch die große Anzahl der untersuchten Fälle zeigt sich hier mit massiver Wucht eine menschliche Präferenz bei der Weitergabe von Behauptungen: Die falschen bevorzugen wir dabei und geben sie viel schneller weiter als die wahren. Das ist nicht erst so, seit es Twitter und Facebook gibt.
Mindestens seit es menschliche Gemeinschaften gibt, die sich per Sprache verständigen, treiben Fake-News, die wir nicht geprüft haben, uns in nullkommanichts auf Empörungsstufe 9 (nach der Richterskala). Aufgrund von Gerüchten haben wir Menschen Hexen verbrannt und bei Lynchmorden mitgemacht, und es ist auch nicht immer so, dass die ordnunghaltende Justiz der Obrigkeit besser ist in der Wahrheitsfindung und gerechter in der Verabreichung einer Strafe.
Offenbar ist es nicht nur ein Phänomen unserer "postfaktischen" Zeiten des Rechtspopulismus und Politikverdrusses, dass wir Schreckensnachrichten mehr Aufmerksamkeit geben als langweiligen Wahrheiten. Die damaligen Celebrities mögen Zeus, Kleopatra oder Krishna geheißen haben, ihre Eifersuchtsdramen, sexuellen Fehltritte und Schaukämpfe haben uns mehr interessiert als die langweilige Tatsache, dass immer mal wieder Eltern ihre Kinder lieben, manche Menschen auch im Alter noch gesund sind und es zuweilen vorkommt, dass Verliebte auch nach ihren Flitterwochen noch miteinander glücklich sind.

Zu lügen ist nicht gut

Alle ethischen Systeme, die ich kenne, diskreditieren das Lügen. Damit meinen sie nicht Irrtümer, sondern bewusste Falschaussagen, die zum Schaden eines anderen führen (Witze sind damit also nicht gemeint). Um bewusst etwas Unwahres zu sagen, muss man jedoch wissen, was wahr ist, das heißt im Besitz einer Überzeugung sein, die man für richtig und wahr hält. Wenn ich glaube, dass die Erde eine Scheibe ist, und jemand anders weismache, sie sei eine Kugel, um daraus für mich einen Vorteil zu ziehen, ist das dann eine Lüge? Die betrügerische Absicht macht das zu einer Lüge, und doch ist es wahr. Offenbar brauchen wir für solche Beurteilungen einen gewissen Konsens über das, was Wahrheit ist. Den gibt es nicht immer. Wir können uns irren und tun das sehr oft, aber die Irrtümer, die per Twitter so massenhaft gegenüber den Wahrheiten bevorzugt wurden, sind noch keine Lügen.

web | www.connection.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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