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Papiermenschen

Das echte Leben ist den Bürokraten ein Gräuel

Text: Sugata

Manchmal denke ich, dass es zwei Arten von Menschen gibt: Papiermenschen und echte Menschen. Für die Behörden sind wir alle Papiermenschen, mit Ausweisnummern, Aktenzeichen, einem Geburtsdatum und einer Wohn-Haft. Wer diesen Einordnungen nicht willig folgt, wird durch noch mehr Bürokratie bestraft. Wer hingegen das nicht als lästig empfindet, wird belohnt durch Anerkennung, Sicherheit und finanziellen Erfolg.
Wir haben beides in uns: die Lebendigkeit und das Papiermenschentum. In uns allen tobt auf die eine oder andere Art der Kampf zwischen den kafkaesken Mächten der Bürokratie, die uns zu Papiermenschen machen und dafür mit Sicherheit, Geld und Anerkennung belohnen, und der anderen Seite, dem Lebendigen, das chaotisch ist, abenteuerlich und Liebe, Lust und Lachen ermöglicht.

Revolte gegen die grauen Herren

Klar, auf welche Seite ich mich geschlagen habe; für einen Osho-Schüler und -bewunderer dürfte das klar sein. Ich will doch nicht einer von Momos grauen Herren aus dem Roman von Michael Ende sein, oder einer von den gruseligen Verwaltern in Kafkas Romanen! Andererseits packen mich manchmal Zweifel, ob meine Entscheidung für das Leben und gegen die Bürokratie in ihrer heldenhaften Einseitigkeit so ganz richtig war. Ich will versuchen, an ein paar typischen Einzelfällen klarzumachen, was ich damit meine.
Kürzlich habe ich vor Gericht verloren, weil eine ehemalige Mitarbeiterin eine einvernehmliche Kündigung von mir zwar mündlich, per E-Mail und unter Zeugen akzeptiert hatte, ich aber versäumt hatte, mir ihre Zustimmung zusätzlich auf Papier zu holen. Kostenpunkt: 2.000 Euro. Mein Anwalt sagte mir dazu, die Kündigung eines Arbeitsverhältnisses sei der einzige Fall, wo für deutsche Gerichte ein mündlich geschlossener Vertrag nicht gilt, auch wenn es keinen Zweifel an den Fakten gibt.
Und wo wir schon beim Thema "Lügen vor Gericht" sind: Jeder Arbeitnehmer hat ein vor Gericht durchsetzbares Anrecht darauf, in seinem Arbeitszeugnis in überschwänglich positiver Weise belogen zu werden.
Ich bin grundsätzlich für Rechtsstaatlichkeit, aber es ärgert mich zu erfahren, wie leicht es ist, durch strategisch gut platzierte Lügen vor Gericht zu gewinnen. Recht haben und Recht bekommen ist zweierlei, sagt der Volksmund dazu. Vor Gericht ist es immer eine Auseinandersetzung zwischen zwei papiernen Parteien, die Wirklichkeit spielt dabei kaum eine Rolle.

Die Flüchtlinge und die Bürokratie

Als bei uns im Haus vor gut einem Jahr acht Afghanen einzogen, waren die meisten von ihnen am 1. Januar geboren. Ach, wirklich? Die Wahrheit ist, dass man in ihrem Land traditionell das Geburtsdatum nicht kennt oder keinen Sinn darin sieht, es sich zu merken. Selbst ihren Geburtsjahrgang wissen viele nicht. Wozu auch? In Deutschland hingegen gehört das Geburtsdatum zur Identität, fast so sehr wie ein Fingerabdruck.
Und wie gehen die Behörden sonst so mit den Flüchtlingen um? Bürokratisch. Nachdem ich nun mehr als ein Jahr lang für ein Haus mit 10 bis 15 Flüchtlingen verantwortlich bin, weiß ich, wie das läuft – bürokratisch. Mehr als die Hälfte der Zeit, die die ehrenamtlichen Helfer mit den Flüchtlingen verbringen – für mich waren es im Schnitt drei Stunden pro Tag –, vergeht bei der Hilfe im Umgang mit der Bürokratie. Über die Hälfte der von den Helfern geschenkten Zeit und Energie verendet dort und hinterlässt sie oft ohnmächtig, frustriert und manchmal sehr wütend.
Warum stellen die Gerichte und anderen Behörden nicht auf Kommunikation per E-Mail oder SMS um? Das ist schneller, kostet weniger und schützt bei richtiger Kodifizierung die Privatsphäre besser als ein Brief auf Papier. Es hat doch inzwischen fast jeder ein Smartphone. Jedenfalls jeder von den Ausländern. Stattdessen gibt es da gelbe Briefe, die per Einschreiben zugestellt werden an Menschen, die dort oft nicht mehr wohnen. Per Handy sind sie immer erreichbar. Am schlimmsten ist, dass diese Briefe in Juristendeutsch formuliert sind, was auch Deutsche mit Uni-Abschluss ohne juristische Hilfe nicht verstehen. Zudem sind die meisten dieser Briefe zwar legal korrekt, aber überflüssig.

www.connection.de

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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