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Das absichtslose Spiel

Was ist eigentlich Spielen? Für den Hirnforscher Gerald Hüther ist das Spielen unsere natürliche Art des Lernens. Wir lernen, indem wir etwas ohne Druck und ohne Zweck ausprobieren. In unserem Interview erklärt er, warum diese Art des Spielens so wertvoll ist.

Ein Interview mit Gerald Hüther von Ishu

Osho Times: Ihr Buch heißt "Rettet das Spiel!" Ist das Spielen tatsächlich in Gefahr? Zumindest der Spiele-Industrie in Deutschland geht es blendend: Allein mit Computerspielen wurde 2017 ein Umsatz von 3,3 Milliarden Euro gemacht – mit anderen Spielwaren 3,1 Milliarden Euro. Wo so viel umgesetzt wird, muss es auch viele Spieler geben.

Gerald Hüther: Das hat mit Spielen nichts zu tun. Das ist ein Geschäft. Unser Buch heißt nicht: "Rettet das Geschäft!" Wir wollen ja gerade klarstellen, was Spielen eigentlich bedeutet. Und ein wesentliches Merkmal des Spiels ist, dass es zweckfrei ist. Sobald das Spiel dazu dient, einen wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen, hat das mit Spiel nichts mehr zu tun. Dann wird das Spiel zur Ware. Und genau das ist der Fall bei Computerspielen, Glücks- oder Automatenspielen. Je mehr das Spiel zu einer Ware wird, desto notwendiger wird es, das Spiel zu retten. Nehmen wir zum Beispiel den Fußball: Das ist ein schönes Spiel, aber mittlerweile ist es ein reines Geschäft. Die Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche ist der große Spielverderber. Denn so werden die Menschen zum Objekt wirtschaftlicher Interessen. Das hat schon Marx gesagt und Osho auch.

Was zeichnet das Spielen aus?

Spielen heißt, dass wir ohne Druck und ohne Zweck etwas ausprobieren. Ohne dass es ernst ist oder gar, dass es ums Leben geht. Wir probieren aus und finden heraus, wie etwas funktioniert. Die Kinder machen das zunächst mit ihrem eigenen Körper. Sie probieren aus, wie Beine, Arme und andere Körperteile funktionieren. Später machen die Kinder das mit der Mama und gucken, was man alles mit ihr machen kann. Oder mit dem Küchengeschirr. Durch dieses spielerische Erkunden lernen die Kinder die Welt kennen. Und das Spielerische ist deshalb so wichtig, weil es nicht schlimm ist, wenn etwas nicht klappt. Im Spiel lernt man auch, wie es nicht geht. Zum Beispiel können Kinder bei dem spielerischen Versuch, die Mama zu ärgern, auch lernen, wo Grenzen sind. Bis wohin ich den anderen für meine Zwecke benutzen kann. Alles Spiel! Das Einzige, was kein Spiel ist, wenn aus dem Spiel ein Geschäft wird. Wenn das Spiel zum Geldverdienen funktionalisiert wird.

Gibt es für Kinder pädagogisch wertvolle Spiele?

Zumindest gibt es kein "pädagogisch wertvolles Spielzeug". Da sagt ja schon der Name, dass es dabei nicht ums Spielen geht. Denn so ein Spiel dient einem bestimmten Zweck, der auch benannt wird: "Mithilfe dieses Spiels lernen Kinder Mathematik." Das ist dann kein Spielzeug, sondern ein Trainingsgerät. Wenn es ein Spiel wäre, dürfte es keinen Zweck verfolgen. Die Zweckfreiheit ist das wesentliche Merkmal des Spiels. Überall dort, wo Druck herrscht, wo es um Leistung geht oder um Gewinn oder darum, dass man besser ist als andere, da ist zumindest fragwürdig, ob es noch ums Spielen geht. Und wenn es darum geht, ob man in höhere Ligen aufsteigt oder viel oder wenig Geld verdient, dann ist es bitterer Ernst und hat mit Spielen nichts mehr zu tun.

Was passiert im Gehirn, wenn wir zweckfrei und ohne Druck spielen?

Spielen ist die intensivste Form des Lernens – sie erfolgt immer intrinsisch. Das heißt, aus eigenem Antrieb und aus Begeisterung für die Sache. Die Person, die spielt, erlebt sich als Gestalter und Entdecker der Möglichkeiten, die sich bieten. Das führt dazu, dass im Gehirn unglaublich viele Netzwerke aktiviert werden können. Wenn man dagegen auf ein bestimmtes Ziel fokussiert, werden nur wenige Netzwerke im Hirn aktiv. Man bleibt sozusagen in einer Schublade. Den Zustand der Kreativität kann man nur erleben, wenn unterschiedliche Netzwerke gleichermaßen aktiviert werden. Genau das erfolgt im Spiel. Insofern bietet sich hier ein Trainingsfeld, in dem unsere Kreativität erlebbar wird. Das Spiel ist also der Prozess, in dem man sich intrinsisch – durch spielerisches Ausprobieren – aneignet, was man fürs Leben braucht. Alle Lebensformen lernen – auch Pflanzen und Einzeller. Wir können daher sagen: Leben und Lernen sind identisch. Und weil man am besten lernen kann, indem man spielt, heißt das auch, dass man am besten leben kann, indem man spielt.

Sehen Sie eine Parallele zwischen Spiel und Meditation – insofern als es bei beiden um eine Distanz zum urteilenden Verstand geht?

Das ist nicht ganz so leicht. Eher sehe ich die Parallele, wenn es um das geht, was wir "Gedankenspiele" nennen. Man hat ein bestimmtes Problem, das man lösen möchte, und kann jetzt alles Mögliche denken, ohne dass es gleich umgesetzt werden muss oder man einen Riesenfehler macht. Es ist ein Kreisen um das zu lösende Problem, deswegen heißt es "Gedankenspiel".
Bei der Meditation wird es etwas schwieriger. Es ist ja der Versuch des Loslassens. Viele bezeichnen das auch als Versuch, den eigenen Geist und die Vorstellungswelten zu leeren. Und wenn man sich so von seinen Vorstellungen, Zielen und Absichten befreit hat, wird man offen für das, was man dann empfangen kann. Mir fällt es schwer, das als spielerisches Ausprobieren dessen, was geht, zu bezeichnen. Wer meditiert, weiß doch schon ziemlich genau, was er macht. Trotzdem muss er spielerisch ausprobieren, wie es geht …

Eine andere Parallele wäre, dass man in der Meditation genauso wie im Spiel in den Moment kommen kann.

Das nennt man immer Absichtslosigkeit. Je absichtsloser man etwas ausprobiert, desto kreativer wird das, was man als Lösung findet. Solange ich versuche an einem Baum herauszufinden, wie das Klettern geht, kann ich alles Mögliche ausprobieren. Wenn ich aber ganz oben in die Spitze will, dann muss ich das machen, was mich an die Spitze bringt. Das ist der Unterschied zwischen dem absichtslosen Klettern und dem zielgerichteten ganz nach oben zu wollen. Das gilt genauso für andere Bereiche wie Berufswahl oder Karriere.

Was würden Sie einem Erwachsenen, der das Spielen verlernt hat, empfehlen, um sein spielerisches Potenzial neu zu erfahren?

Ihm etwas zu empfehlen, wäre das Falscheste, was ich überhaupt machen kann. Denn dann mache ich ihn ja zum Objekt meiner Ratschläge oder Belehrungen. Und genau das ist die Ursache, dass ein Mensch seine Freude am Spielen und am eigenen Entdecken verlernt: Er wurde in einer hierarchisch organisierten Gesellschaft zum Objekt gemacht. Er ist in diese Struktur der Gesellschaft hineingewachsen und hat sich dort "ver-wickelt". In diesem verwickelten Zustand kann er sich nicht mehr entfalten. Er kann nicht spielen, er ist verklemmt. Und jetzt käme es darauf an, dass er eine Gelegenheit bekommt, sich wieder zu entwickeln. Er wird sich nur aus seiner Verwicklung befreien, wenn er das will. Deswegen kann man ihm nichts empfehlen. Es nutzt auch nichts, wenn man ihm eine Belohnung anbietet oder mit Strafen droht. Entweder er will das oder es geht nicht.
Ich glaube, es gibt nur eines, was einen Menschen dazu bringen kann, das zu wollen: Es muss für ihn plötzlich hoch attraktiv werden, sich aus seinen Verwicklungen zu befreien. Dann müsste in ihm etwas in Erscheinung treten, was er vorher kaum bemerkt hat. Der Prozess, in dem so etwas passiert, heißt "Berührung". Man müsste ihm helfen, dass er wieder mit sich selbst oder den verwickelten Anteilen in sich in Berührung kommt. Das ist etwas, was in unserer gegenwärtigen Gesellschaft nur selten vorkommt. Denn die meisten Menschen fürchten nichts mehr, als dass sie nochmals mit sich selbst in Berührung kommen.

…

www.gerald-huether.de
www.akademiefuerpotentialentfaltung.org

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.



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