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Osho Diskurs

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Heimeligkeit führt nirgendwo hin

Osho fragt einen Sannyasin, wie er sich während eines neunmonatigen Intensiv-Marathons gefühlt habe, worauf dieser antwortete: "Na ja, die meiste Zeit kam ich mir vor wie ein Fremder."

Osho: "Und war das ein angenehmes oder unangenehmes Gefühl?"
Er darauf: "Irgendwie hat’s mir gefallen."
Osho: "Dir hat’s gefallen? Hm, hm … so sollte es sein; schließlich sind wir Fremde. Und wer sich in dieser Welt daheim fühlt, träumt letztlich nur. Dieses Daheimsein ist praktisch immer illusorisch. Das Gefühl, ein Fremder zu sein, trifft es eher.
Wir sind Fremde – wir sind Außenseiter. Wir sind hier nicht zu Hause – daher die Suche. Wären wir hier zu Hause, bräuchten wir nicht zu suchen. Das ist der Unterschied zwischen dem weltlichen und dem religiösen Menschen; der weltliche Mensch fühlt sich in dieser Welt daheim. Der religiöse Mensch vermag sich in dieser Welt nicht daheim zu fühlen – weil er es nicht ist. Er fühlt sich fremd. Er hat das Gefühl, woanders herzukommen und woanders hinzugehen – so als gehöre er woanders hin, auf eine andere Daseinsebene, auf eine höhere Bewusstseinshöhe, zu einem veränderten Bewusstseinszustand.
Das ist das religiöse Verlangen. Das steigt auf, wenn du dich wie ein Fremder fühlst. Dann forschst du nach etwas, das dein Zuhause sein mag. Man muss weite Wege zurücklegen, um nach Hause zu kommen. Nicht etwa, weil es so weit weg liegt – es ist ganz nahe, aber um sich ihm zu nähern, muss man in weite Fernen reisen. Dein Zuhause liegt nicht etwa da draußen – es liegt drinnen, in einem selbst, aber bevor man sich nach innen wenden kann, muss man zunächst draußen suchen.
Um sein eigenes Heim zu finden, muss man an viele Haustüren klopfen – anders geht es nicht.
Wann immer du also spürst, dass sich jener Fremde in dir einstellt, versuche ihn nicht wegzuschicken, ignoriere dieses Gefühl nicht. Versuche dich nicht zu trösten, versuche nicht, dich daheim zu fühlen – denn dieses Gefühl wird dich weiterführen. Heimeligkeit kann nirgendwo hinführen.
Das mag etwas wehtun; es ist nicht sehr angenehm. Es hat etwas Unangenehmes, weil man daheim und entspannt sein möchte. Es sticht wie ein Dorn, dass dies nicht dein Zuhause ist, dass dies nur eine Herberge ist, zwar gut für eine Übernachtung, aber am Morgen geht es weiter. Dies darf man keinen Augenblick vergessen. Wer dies aus den Augen verliert, hat verspielt.
Und irgendwann kommt man dann wirklich heim. Das ist dann nicht nur ein Gefühl von Heimeligkeit. Dann bist du daheim. Nicht, dass du nunmehr mit der Welt im Reinen bist – nein! Man ist gar nicht mehr da. Die Welt und du, ihr seid nicht mehr getrennt. Erst dann bist du heimgekehrt. Das Universum wird zu deinem Uterus, und du gehörst dazu.
Die Psychologen haben nicht ganz Unrecht, wenn sie sagen, dass religiöse Menschen auf der Suche nach demselben angenehmen Zustand seien, den jedes Kind im Mutterschoß genoss. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es stimmt – jedenfalls steckt ein Körnchen Wahrheit darin.
Ein Embryo ist eins mit der Mutter. Die Mutter atmet für es, die Mutter isst für es. Es wird von jeder Stimmung der Mutter, von jeder ihrer Launen berührt. Es ist ein Teil von ihr … es schwingt mit ihr mit. Wenn die Mutter traurig ist, wird es traurig. Wenn sich die Mutter freut, ist es froh. Es gehört zu ihr, organisch zu ihr. Es ist vollkommen eins mit ihr – an sie gebunden. Dann kommt die Geburt – und die Trennung und die Scheidung.
Die Scheidung von der Mutter ist die Scheidung vom All. Danach ist man allein. Der Mensch versucht alles, um es sich bequem zu machen, doch gelingt es ihm nie. Und es ist gut, dass es euch nie gelingt, denn sonst wärt ihr verloren. Wieder und wieder scheitert man. Und wieder und wieder richtet man sich heimisch ein, bloß um festzustellen, dass es wieder nur ein Haus ist – aber eben kein Heim. Man muss weiterziehen und immer weiterziehen.
Nur auf diese Weise also wird man irgendwann fähig, dieselbe Beziehung einzugehen wie einst als Embryo im Schoß der Mutter. Das war eine unbewusste Beziehung – von nun an ist die Beziehung bewusst: Du gehst bewusst in den Mutterschoß des Alls ein. Bewusst vereinst du dich mit dem All.
Burke nennt es "kosmisches Bewusstsein" – zu Recht. Nennt es göttliches Bewusstsein, Buddha-Bewusstsein oder was immer ihr wollt – aber genauso, wie du einst körperlich im Schoß deiner Mutter lagst, ergeht es nun deiner Seele – und dies ist deine zweite Geburt.
Ich mache hier nichts anderes als euch zu helfen, eure zweite Geburt zu erlangen. Bleibt also nirgendwo unterwegs stecken. Es ist zwar gut, manchmal irgendwo zu bleiben und sich auszuruhen, aber vergesst niemals, dass es noch sehr weit bis nach Hause ist; man muss los, die Nacht ist dunkel und die Reise beschwerlich.
Diese Herausforderung dürft ihr nie aus den Augen verlieren, so wenig wie jene Abenteuerlust, die auf dem Gefühl beruht, ein Fremder zu sein – dass du hier nicht hingehörst. Niemand gehört hierhin."

Aus: Blessed are the Ignorant

Der vollständige Text kann in der Printausgabe gelesen werden.

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